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Testosteronmangel, Unverträglichkeiten und Co.: Die Krankheitserfinder

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Testosteronmangel? Unverträglichkeiten? Experten warnen vor Modekrankheiten, die häufiger diagnostiziert werden als nötig - und Gesunde zu Kranken machen.

Ärzte, die sich "Anti-Aging-Medizin" auf die Fahnen schreiben, sind Thomas Vögeli ein Graus. Der Leiter der Klinik für Urologie im Medizinischen Zentrum der Städteregion Aachen hat besonders die künstliche Zufuhr von Testosteron im Blick. "Es kommen Patienten zu uns, die halbwegs normale Testosteronwerte haben - und trotzdem von Urologen oder Hausärzten Hormone verabreicht bekommen", sagt Vögeli. "Das ist unverantwortlich."

Eine Hormontherapie kann negative Folgen haben, vor allem wenn der Testosteronwert im normalen Bereich liegt. Diagnosen wie das Testosteronmangel-Syndrom sind nach Ansicht von kritischen Ärzten ein herausragendes Beispiel für aktuelle Modekrankheiten.

Zudem gibt es auch erfundene Krankheiten, wie etwa die Wechseljahre des Mannes. Für Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sind sie eine typische Krankheitserfindung. Es gebe keine Wechseljahre beim Mann, erklärt auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Ein altersbedingter Testosteronmangel betreffe nur wenige.

"Auch wenn echte Krankheiten nicht bagatellisiert werden dürfen, sollten Ärzte sich davor hüten, normale Entwicklungen zu therapieren", so Gisela Schott, die auch Mitglied der Initiative Mezis ("Mein Essen zahl' ich selbst") ist. Die negative Erfahrung mit der Hormonersatztherapie bei Frauen in den Wechseljahren müsse als Warnung dienen.

"Den Markt vergrößern"

Als Modekrankheit gelten Krankheiten, die häufiger als wirklich nötig diagnostiziert werden. Außer dem Testosteronmangel-Syndrom zählen dazu vor allem Burnout, posttraumatische Belastungsstörungen und diverse Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

Häufig werden dabei Gesunde zu Kranken gemacht, oder leicht Kranke zu Schwerkranken. Betrieben werde dieses Disease Mongering von pharmazeutischen Unternehmen, Ärzten und anderen Akteuren im Gesundheitswesen mit wirtschaftlichen Interessen, "um den Markt zu vergrößern", sagt Schott. Auch Empfehlungen für Ärzte könnten davon durchdrungen sein.

DISEASE MONGERING
Der Begriff "Disease Mongering" wurde geprägt von der Journalistin Lynn Payer, die 1992 ein Buch mit diesem Titel veröffentlichte. Untertitel: "How Doctors, Drug Companies, and Insurers are Making You Feel Sick" - was übersetzt in etwa bedeutet: "Was Ärzte, pharmazeutische Unternehmen und Versicherungen machen, damit du dich krank fühlst".
Modekrankheiten aber funktionieren nur, wenn das Thema bei den Kunden auf fruchtbaren Boden fällt. Testosteronmangel und Jugendlichkeitswahn scheint da eine ideale Verbindung: Ein amerikanischer Hersteller eines Testosteron-Gels etwa entwarf einen Zehn-Fragen-Test für Männer mit dem Rat, den Testosteronwert bestimmen zu lassen. Mit Broschüren, Internetseiten oder Plakaten wenden sich Firmen direkt an potenzielle Patienten - "Awareness-Kampagne" nennt man das. Das Ziel: Aufmerksamkeit.

"Kopf frei fürs Leben" hieß es etwa auf Plakaten in Berlin, mit denen auf chronische Migräne aufmerksam gemacht wurde. Ebenfalls dabei: Ein Selbsttest. Gisela Schott machte ihn: "Selbst wenn man alles mit ,Nein' beantwortete, wurde zu einem Arztbesuch geraten." Initiator ist ein Pharmaunternehmen mit einer Lizenz für Botox-Injektionen, das auch für die Behandlung von chronischer Migräne zugelassen ist - allerdings wegen häufiger Nebenwirkungen nur mit Einschränkungen.

Unklare oder schwache Effekte

Auch bei der Testosteron-Zufuhr gibt es Nebenwirkungen, wie etwa eine mögliche Prostatavergrößerung, ein Anstieg des PSA-Wertes, eine gesteigerte Bildung roter Blutkörperchen oder Brustwachstum. Die Vorteile dagegen sind ungewiss. Hoffen Männer darauf, damit Muskelkraft, Libido, Leistungsfähigkeit oder ihre Stimmung anzuheben, sind die Ergebnisse aussagekräftiger Placebo-kontrollierter Studien eher enttäuschend: Muskel- und Fettmasse verändern sich nur geringfügig, die Wirkung auf die sexuelle Aktivität fällt schwach aus. Möglicherweise steigt sogar das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Trotzdem ist die Hormonbehandlung ein gutes Geschäft: In den USA hat sich die Verordnung von Testosteron-Präparaten innerhalb von zehn Jahren in bestimmten Regionen verdreifacht. Dabei sei ein echter Testosteronmangel selten, sagt Thomas Vögeli. Je nach Alterseinteilung seien zwei bis fünf Prozent der Männer betroffen.

Inzwischen, so Gisela Schott, habe das Disease Mongering eine neue Qualität: "Es wird viel professioneller und effizienter betrieben." Verstärkt wird der Trend von Medien und von einer kommerzialisierten Medizin, die sich als Dienstleister sieht und Patienten mit konkreten Erwartungen ungern widerspricht. "Es ist ein Paradoxon", sagt Lothar Weißbach, Vorsitzender der "Stiftung Männergesundheit": "Mehr ärztliche Tätigkeit führt zu mehr Krankheit."

"Ein Gefühl ist keine Krankheit"

Gluten-Unverträglichkeit, Lactoseintoleranz, Zöliakie und Fructoseintoleranz: All das zählt für Christiane Fischer auch zu den Modekrankheiten. "Davon profitiert die Nahrungsmittelindustrie, denn die Spezialprodukte sind deutlich teurer", sagt die Geschäftsführerin von Mezis. "Echte Unverträglichkeiten sind selten." Nur das Gefühl, man vertrage etwas nicht so gut, sei keine Krankheit.

Gerade bei den psychischen Erkrankungen sei eine Ausweitung der Diagnosen und eine Konstruktion neuer Krankheitsbilder zu beobachten, kritisiert Boris Quednow, Psychologe an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Das schlecht definierte Burnout-Syndrom etwa könne dazu führen, dass Gesunde durch die Medikamenteneinnahme nachhaltig beeinträchtig werden. Ebenso drohe Gefahr, wenn eine schwere Depression nicht erkannt und wie ein Burnout behandelt werde.

Christiane Woopen, Vorsitzende des Ethikrates, fordert, man dürfe die Verantwortung für soziale Probleme nicht mithilfe einer Definition als Krankheit "von der Gesellschaft weg in die Medizin verschieben". Doch die Schwächen liegen im System. Von einer Therapie abzuraten, sei für einen Arzt eine enorme Leistung, die er nicht bezahlt bekomme, sagt Lothar Weißbach. Deshalb werde "die Kunst des Weglassens selten gepflegt".

ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
p.donhauser, 19.03.2015
mens sana in corpore sano.
2. ...
jujo 19.03.2015
Wer mit siebzig, wie ich, behauptet gesund zu sein der irrt, er ist nur noch richtig untersucht worden!
3.
Softship 19.03.2015
---Zitat--- Gluten-Unverträglichkeit, Lactoseintoleranz, Zöliakie und Fructoseintoleranz: All das zählt für Christiane Fischer auch zu den Modekrankheiten. ---Zitatende--- Dann hat Christiane Fischer schlicht keine Ahnung. Es mag sein, dass einigen Menschen fälschlicherweise Unverträglichkeiten/Intoleranzen zugeschrieben bekommen, aber zu behaupten, dass Zöliakie eine Modekrankheit sei ist schlicht Unsinn. Die Veränderungen im Darm können/werden mittels Biopsie nachgewiesen werden.
4. Wie recht hat Frau Schott,
pejoachim 19.03.2015
... wenn sie meint: ""Auch wenn echte Krankheiten nicht bagatellisiert werden dürfen, sollten Ärzte sich davor hüten, normale Entwicklungen zu therapieren"!!! Es ist ein Graus, dass Brillen verschrieben und Zahnimplantate eingesetzt werden :-) Vielleicht sollte unsere Medizin nicht ausschließlich ein Reparaturbetrieb sein, sondern sich auch den "normalen" aber unerwünschten Entwicklungen des menschlichen Körpers und Geistes in der Prophylaxe zuwenden.
5.
CancunMM 19.03.2015
Ich stimme ja mit vielem in dem Artikel überein, aber die Zöliakie als Modekrankheit zu bezeichnen finde ich nun doch etwas übertrieben. Diese Erkrankung führt zu Anämie und kann sogar ein Lymphom auslösen. Außerdem kommt es zum Umbau der Dünndarmschleimhaut.
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