Ein rätselhafter Patient Tod nach Hundebiss

Beim Versuch, seinen Hund zu baden, wird ein 45-Jähriger in Hände und Unterarme gebissen. Drei Tage später muss er mit Übelkeit und starken Schmerzen ins Krankenhaus, seine Haut verfärbt sich. Gibt es einen Zusammenhang?

Röntgenaufnahme des Oberkörpers: Woher kommt die Flüssigkeit in der Lunge?
NEJM

Röntgenaufnahme des Oberkörpers: Woher kommt die Flüssigkeit in der Lunge?

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Einem 45-Jährigen ist übel, er hat Schmerzen und erbricht, außerdem fällt eine Hautverfärbung auf; er kommt in eine Klinik. Der Mann berichtet von Atembeschwerden wie bei Asthma und extrem starken Rückenschmerzen auf der rechten Seite. Tatsächlich ist sein Puls mit 125 Schlägen in der Minute erhöht und er atmet mit 35 Zügen in der Minute deutlich zu schnell. Den Ärzten fallen die trockenen Schleimhäute und die trockene Haut des Patienten auf, außerdem hat er punktförmige Wunden an seinen Armen und Händen. Sie behandeln seine Beschwerden mit Asthma-, Übelkeits- und Schmerzmitteln.

In einer Computertomografie (CT) finden die Mediziner keine Erklärung für das Erbrechen oder die Schmerzen. Sie stoßen auf eine kleine Milz, in der Knötchen sichtbar sind, und eine teilweise vergrößerte Leber. Doch schon kurz nach der CT fesselt ein anderes Symptom die Aufmerksamkeit der Ärzte: Die Haut wird fleckig und verfärbt sich bläulich.

Drei Tage zuvor war der Mann beim Versuch, seinen Hund zu baden, in Hände und Unterarme gebissen worden. Seine Frau hatte die Wunden mit Wasserstoffperoxid ausgewaschen, der Hund ist nach tierärztlichen Empfehlungen geimpft. Die Ärzte geben ihrem Patienten sicherheitshalber zwei Antibiotika und schicken ihn ins Massachusetts General Hospital in Boston, wo ihn Victor Chiappa und seine Kollegen behandeln.

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Schmerzen wie von brennenden Nadelstichen

Der 45-Jährige leidet bei der Ankunft in der Klinik unter Schüttelfrost, in Armen und Beinen hat er Schmerzen wie von brennenden Nadelstichen, überhaupt tut ihm der ganze Körper weh. Seine Krankengeschichte ist lang: Asthma, eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Angst und Depression, Rückenschmerzen. Er ist Alkoholiker, trinkt täglich bis zu 18 Bier, nimmt Antidepressiva und Asthma-Medikamente, außerdem raucht er seit 30 Jahren täglich eine Schachtel Zigaretten, berichten Chiappa und seine Kollegen im "New England Journal of Medicine".

Die Hautverfärbung zieht sich mittlerweile über Arme und Beine, die Haut ist am Bauch und in den Flanken fleckig, Finger und Ohren werden blau. An einer frischen Wunde am rechten Unterarm verfärbt sie sich violett. In den Stunden nach der Aufnahme nehmen die Schmerzen weiter zu, die Atmung wird immer schneller, beim Abhören pfeift es in der Lunge. Der Patient wird zunehmend verwirrt und muss schließlich in Narkose gelegt und beatmet werden. Mittlerweile bekommt er eine Vielzahl von Antibiotika. In einer CT des Kopfes schließen die Ärzte eine Blutung oder einen Hirninfarkt aus, eine Röntgenaufnahme zeigt Flüssigkeit in der Lunge.

Am nächsten Tag hat der Mann hohes Fieber, die Temperatur steigt auf 39,6 Grad Celsius, der Ausschlag bedeckt nahezu den ganzen Körper. Die Ärzte beginnen mit der Dialyse, weil die Nieren versagen. In einer Ultraschalluntersuchung des Herzens fällt auf, dass der Herzmuskel sich nicht normal bewegt. Der rechte Arm wird zunehmend steif und blau, der Patient erhält Bluttransfusionen.

Schwacher Körper, starke Bakterien

Systematisch versuchen die Ärzte, Ursachen für das zunehmende Organversagen und den Schock des Patienten auszuschließen: Von Zecken übertragene Krankheiten, Lebensmittelinfektionen und eine schwer verlaufende bakterielle Infektion durch Meningokokken streichen sie von der Liste. Auch die gefürchtete nekrotisierende Fasziitis ist unwahrscheinlich, weil typische Symptome fehlen. Stattdessen konzentrieren sich die Mediziner auf die Hundebisse und suchen nach einem Erreger.

In Frage kommen nicht nur Bakterien aus dem Hundemaul, sondern auch auf der Haut lebende Stämme, die durch den Biss in die Wunde gelangt sein könnten. Ein Bakterium aus dem Hundemaul, das besonders von den Schwächen des Patienten profitieren könnte, erscheint am wahrscheinlichsten: Capnocytophaga canimorsus. Die Infektion verläuft bei Menschen ohne Milz, Alkoholikern und Abwehrgeschwächten besonders häufig schwer. Der plötzliche Krankheitsbeginn, die Hautverfärbung, die Blutvergiftung und Herzmuskelentzündungen sind für Patienten mit diesem seltenen Erreger beschrieben.

Die Sauerstoffversorgung schwindet

Auf der Intensivstation versuchen die Ärzte mit Antibiotika, den ungewöhnlichen Erreger auszuschalten. Allerdings versagt die Versorgung der Organe mit Sauerstoff zunehmend, auch die Blutgerinnung bereitet Probleme. In aufwendigen mikrobiologischen Untersuchungen gelingt schließlich der Nachweis, dass der Mann tatsächlich mit Capnocytophaga canimorus infiziert ist. Doch die Diagnose kommt zu spät.

In Armen und Beinen des Patienten versagt die Sauerstoffversorgung, Chirurgen versuchen, sein Leben zu retten, indem sie untergegangenes Gewebe entfernen, schließlich amputieren sie beide Arme - deren anschließende Untersuchung ergibt schwere Gefäß- und Gerinnungsstörungen. Zwei Wochen nach Krankheitsbeginn gibt es keine Zeichen der Besserung.

Die Familie entscheidet schließlich, dass nicht mehr versucht werden soll, das Leben des Mannes zu retten, sondern seine Beschwerden so gut es geht gelindert werden sollen. Kurz nachdem die Ärzte die Dialyse und Beatmung ihres Patienten beenden, stirbt er im Kreis seiner Familie.

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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
waldemar 05.04.2014
1. Also mir fallen da ...
... dutzende von Gründen ein und alle haben im oder am Hund ihren Ursprung. Aber manche Dinge darf man ja nicht offen aussprechen ...
helika 05.04.2014
2. Also mir fallen da auch...
...dutzende Gründe ein, die alle auf oder im Menschen ihren Ursprung haben. Gerade Bisse von Menschen verursachen ja auch gerne mal Nekrosen. Aber wir sind natürlich soviel sauberer und hygienischer als ein Tier... darf man offen aussprechen.
widower+2 05.04.2014
3. Stimmt!
Zitat von helika...dutzende Gründe ein, die alle auf oder im Menschen ihren Ursprung haben. Gerade Bisse von Menschen verursachen ja auch gerne mal Nekrosen. Aber wir sind natürlich soviel sauberer und hygienischer als ein Tier... darf man offen aussprechen.
Bakteriologisch ist ein Menschenbiss in der Regel wesentlich gefährlicher als ein Hundebiss. Unsere Mäuler sind nämlich wesentlich "dreckiger". Wenn man vom eigenen Hund gebissen wird, hat man allerdings etliche Fehler gemacht.
luzikus 05.04.2014
4. @ waldemar: Also ich sehe da...
...vor allem Alkoholismus, Asthma, Depression, Zigaretten als Gründe und alle haben im oder am HERRCHEN ihren Ursprung. Aber manche Dinge darf man ja nicht offen aussprechen ... ;)
exilberlinerin2 05.04.2014
5. Nicht überraschend
Für mich ist eine Erkrankung nach einem Hundebiss nicht wirklich überraschend. Dass man Bissverletzungen, egal ob von Hund, Katze oder Mensch, nicht unterschätzen darf, sollte eigentlich jedem Mediziner klar sein. Vor allem die Krankenvorgeschichte bietet Krankheitserregern ja jede Freiheit, die ein Erreger im Körper so braucht. Nebenbei: Musste es wirklich so ein reißerisches Foto von einem Hund sein? Als Tierarzthelferin sträubt sich in mir alles bei solchen Bildern. Weil dadurch mal wieder Angst und Vorurteile geschürt werden.
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