Narkose Tod nach Zahn-OP

Ein Strafverfahren in Augsburg wirft ein Licht auf erschreckende Zustände bei ambulanten Narkosen in Praxen. Eine Patientin fiel ins Koma und starb. Experten beklagen mangelnde Kontrollen.

Vollnarkose: Sparen kann tödlichen Folgen haben
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Vollnarkose: Sparen kann tödlichen Folgen haben


Eine Frau soll mehrere Zahnimplantate bekommen, sie wird dafür in Vollnarkose versetzt. Die Operation im Oktober 2010 endet im Desaster: Die Patientin erleidet zuerst einen Atemstillstand, dann schlägt ihr Herz nicht mehr. Ihr Gehirn wird schwer geschädigt, sie fällt ins Koma. Zweieinhalb Jahre später stirbt sie. Der Zahnarzt und der Anästhesist müssen sich deshalb ab dem 27. November vor dem Amtsgericht Augsburg wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Medizinern schwere Fehler vor. Trotz der Vollnarkose und des umfangreiches Eingriffs hätten sie die Patientin nicht künstlich beatmet. Zudem sollen die Mediziner viel zu spät den Notarzt gerufen haben.

Der Fall wirft ein Licht auf ein grundsätzliches Problem: Insbesondere in kleine Praxen wird bei der Narkose manchmal zu sehr aufs Geld geschaut - zu Lasten der Patientensicherheit. Eine "Geiz ist geil"-Mentalität kritisiert Petra Tietze-Schnur vom Vorstand des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren (BAO): "Manche Operateure setzen Anästhesisten unter Druck und wählen den billigsten Anbieter." Ob es sich bei den Todesfällen, über die meist erst anlässlich eines Gerichtsverfahrens in den Medien berichtet wird, wirklich nur um tragische Einzelfälle handle, bezweifle sie mittlerweile.

Sicherheitsstandards werden verletzt

Grundsätzlich sind Narkosen in Deutschland zwar sicher. Nach einer aktuellen Auswertung des Fach- und des Berufsverbands der Anästhesisten ereignen sich hierzulande pro einer Million Narkosen lediglich 7,3 schwere Zwischenfälle, wenn sich ansonsten gesunde Patienten einer planbaren Operation unterziehen. Doch das Risiko steigt, wenn Begleiterkrankungen die Behandlung erschweren. Oder wenn die Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden.

Beides war in Augsburg wohl der Fall: Die 46 Jahre alte Patientin litt am Downsyndrom. Qualifiziertes Assistenzpersonal für die Narkose war nicht vor Ort, auch kein regelgerechter Aufwachraum. Von "Hinterhof-Narkosen" spricht Hendrik Liedtke, Gutachter und Anästhesie-Chefarzt in Halle an der Saale: "Die Zahl der schwarzen Schafe ist klein. Aber wir haben zu viele Fälle, bei denen Patienten bei vermeintlichen Bagatell-Narkosen ums Leben kommen, vor allem auch immer wieder Kinder."

Gerade chirurgische Eingriffe in kleinen Zahnarzt- oder Hals-Nasen-Ohrenarztpraxen unter Narkose sind nach Ansicht von Experten wegen der Gefährdung der Atemwege problematisch. Bei gynäkologischen oder ästhetischen Eingriffen kam es ebenfalls zu Todesfällen, die bei Beachtung der Sicherheitsstandards vermutlich vermeidbar gewesen wären.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat reagiert: Ende 2012 beschloss sie zusammen mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) eine Neubeschreibung der "Mindestanforderungen an den anästhesiologischen Arbeitsplatz".

Keine Meldepflicht für Narkosezwischenfälle

"Das sind Minimalanforderungen", sagt Hugo Van Aken, Generalsekretär der DGAI. Je nach Eingriff und Patient gelten zusätzliche Anforderungen - bei einer Patientin mit Downsyndrom auf jeden Fall.

Die nötigen Standards sind seit 2011 in einer Vereinbarung zwischen Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern geregelt. Aber diese Anforderungen sind teilweise schwächer als die Mindestanforderungen der DGAI. Und Kontrollen sind selten.

Bei einer Zahn-OP müssen Patienten eine Narkose meist selbst bezahlen - aus falsch verstandener Kundenbindung entscheiden sich dann manche Zahnärzte für eine Billigstruktur. "In Berlin begehen wir Praxen nach dem Zufallsprinzip. Aber das wird nicht überall so gemacht", sagt Christel Stoeckel-Heilenz, Anästhesistin und Vizepräsidentin der Deutschen Praxisklinikgesellschaft. "Wenn wir Zahnarztpraxen kontrollieren wollten, hätten wir gar keinen Zutritt." Für alle müsse gelten: Nur wer die Qualitätsstandards erbringt, darf Narkosen abrechnen. Auch ein gesetzlich vorgeschriebenes Melderegister für Narkosezwischenfälle existiert in Deutschland nicht.

Im Prozess in Augsburg drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Vor einem Jahr stand ein Internist wegen ähnlicher Fehler in Augsburg vor Gericht. Ein Patient war bei einer Darmspiegelung gestorben. Der Arzt wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Nachtrag vom 16.01.2015: Gegen den Zahnarzt wurde das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft, des Angeklagten und dessen Verteidiger gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 4000 Euro nach § 153a Abs. 2 StPO vorläufig eingestellt.

Der Anästhesist wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten (ohne Bewährung) wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Verteidigung hatte Freispruch beantragt, die Staatsanwaltschaft hatte für eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung sowie die Anordnung eines Berufsverbots plädiert. Das Gericht ordnete aber kein Berufsverbot an.

Worauf Patienten achten sollten
Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfiehlt Patienten oder Angehörigen, vor einer Narkose diese Fragen zu stellen:
  • Wer führt die Narkose durch?
  • Gibt es ein ausführliches Vorgespräch mit dem Anästhesisten, in dem Vorerkrankungen und Medikamente des Patienten besprochen werden?
  • Ist ein qualifiziertes Assistenzpersonal während der OP und im Aufwachraum kontinuierlich mit der Überwachung betraut?
  • Gibt es überhaupt einen Aufwachraum mit Apparaten, die etwa die Sauerstoffversorgung und den Blutdruck messen?
  • Das neue Patientenrechtegesetz betont die Verpflichtung des Arztes, den Patienten über "sämtliche für die Einwilligung wesentlichen Umstände aufzuklären". Größere Operationszentren mit modernen Anästhesie- und Überwachungsstandards, so die DGAI, seien gegenüber kleineren Praxen zu bevorzugen. Solche Zentren sind zum Beispiel in der Deutschen Praxisklinikgesellschaft organisiert. Deren Mitglieder führen jährlich mehr als 170.000 Operationen durch.
  • Informationen rund um das Thema Narkose gibt es auf den Seiten des Bundesverbands für Ambulantes Operieren (BAO). Dieser bietet demnächst eine Informations-Checkliste für Patienten an:
  • Homepage Bundesverband für Ambulantes Operiern
  • Hompage Portal des Spitzenverbands der Deutschen Praxiskliniken (PKG)
  • Narkose in sicheren Händern: Homepage Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA)

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Seite 1
henkeltopf 25.11.2014
1.
Eine Zahn-Implantation im Mund-, Kiefer-, Gesichtsbereich ist mit nichten ein "großer Eingriff". So etwas wird in 95% der Fälle ambulant unter lokaler Betäubung am Zahnarztstuhl gemacht. Deshalb ist eine künstliche Beatmung m.M. nach auch nicht indiziert. Wer sich für den Luxus einer Behandlung unter Vollnarkose entscheidet, muss die üblichen Risiken tragen, so tragisch dies dann leider auch in dem Fall geendet ist. Ein Todesfall in vier Jahren reicht dann aber wieder für ein Ärzte-Bashing Artikel aus. Und "Billig-Billig" will in erster Linie doch der Patient, nicht der Zahnarzt, wie hier behauptet.
deegeecee 25.11.2014
2.
Zitat von henkeltopfEine Zahn-Implantation im Mund-, Kiefer-, Gesichtsbereich ist mit nichten ein "großer Eingriff". So etwas wird in 95% der Fälle ambulant unter lokaler Betäubung am Zahnarztstuhl gemacht. Deshalb ist eine künstliche Beatmung m.M. nach auch nicht indiziert. Wer sich für den Luxus einer Behandlung unter Vollnarkose entscheidet, muss die üblichen Risiken tragen, so tragisch dies dann leider auch in dem Fall geendet ist. Ein Todesfall in vier Jahren reicht dann aber wieder für ein Ärzte-Bashing Artikel aus. Und "Billig-Billig" will in erster Linie doch der Patient, nicht der Zahnarzt, wie hier behauptet.
Das Setzen der Implantate ist eigentlich gar nichts... viel wahrscheinlicher ging es hier um das Ziehen. Das kann schon ein "Gewaltakt" sein... dem *will* man doch als Patient gar nicht ohne jegliche Kontrolle ausgeliefert sein.
paps 25.11.2014
3. Ambulante Narkosen
Ambulante Narkosen sind, entgegen der Meinung einiger Chefs, in der Hand von qualifizierten Fachärzten eine sehr sichere Angelegenheit. In diesem Falle liegt ein Down-Syndrom vor, hier übernehmen sogar die Kassen die Kosten. Also nix mit Billigheimer. Die Frage ist, war das ein niedergelassener Anaesthesist, oder ein Honorararzt von irgendwo? Im Falle einer Vollnarkose wird immer beatmet, alles andere ist grosser Quatsch, da beim Zahnarzt in der Regel auch relaxiert wird, dh. der Patient kann gar nicht selber atmen. Eine 46-jährige mit Trisomie 21 ist in jedem Fall eine Herausforderung, da es häufig auch Probleme an inneren Organen gibt. Im Übrigen müssen die Zahnarztnarkosen nach GOÄ abgerechnet werden, und da kostet die erste Stunde ca. 350 Euro mit Medikamenten. Anaesthesisten die deutlich weniger nehmen und trotzdem Geld verdienen sparen also. Wo, kann sich jeder selbst denken.
uwe4321 26.11.2014
4. beim Implantate setzen
kann eine Vollnarkose auch ungünstig sein. Im Unterkiefer kann eine "zu lange" Implantatschraube den Mandibularkanal stören, was man als Patient auch bei lokaler Anästhesie spürt. In dem Fall wird der Zahnarzt eine etwas kürzere Schraube auswählen. Bei Vollnarkose gibt es diese Rückmeldung naturgemäß nicht. ...ich würde mir aber auch nicht mehrere Implantate in einer Sitzung setzen lassen wollen - mit oder ohne Vollnarkose.
zahnkaufmann 26.11.2014
5.
Das Problem ist wohl, daß oft unnötige Vollnarkosen verabreicht werden. Weil die Zeit um mit den Patienten vorher über deren Ängste zu sprechen -damit die ohne Vollnarkose klarkommen- nicht bezahlt werden würde. Vollnarkose dürfte nur in Spezialpraxen durchgeführt werden(fester Anforderungskatalog) Außerdem müßte ein Notfallplan Vorschrift werden: Wer hat dann Was zu tun? Wer ruft den Notarzt und wer bleibt beim Patienten? www.zahnkaufmann.de
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