Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Narkose: Tod nach Zahn-OP

Von

Ein Strafverfahren in Augsburg wirft ein Licht auf erschreckende Zustände bei ambulanten Narkosen in Praxen. Eine Patientin fiel ins Koma und starb. Experten beklagen mangelnde Kontrollen.

Vollnarkose: Sparen kann tödlichen Folgen haben Zur Großansicht
DPA

Vollnarkose: Sparen kann tödlichen Folgen haben

Eine Frau soll mehrere Zahnimplantate bekommen, sie wird dafür in Vollnarkose versetzt. Die Operation im Oktober 2010 endet im Desaster: Die Patientin erleidet zuerst einen Atemstillstand, dann schlägt ihr Herz nicht mehr. Ihr Gehirn wird schwer geschädigt, sie fällt ins Koma. Zweieinhalb Jahre später stirbt sie. Der Zahnarzt und der Anästhesist müssen sich deshalb ab dem 27. November vor dem Amtsgericht Augsburg wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Medizinern schwere Fehler vor. Trotz der Vollnarkose und des umfangreiches Eingriffs hätten sie die Patientin nicht künstlich beatmet. Zudem sollen die Mediziner viel zu spät den Notarzt gerufen haben.

Der Fall wirft ein Licht auf ein grundsätzliches Problem: Insbesondere in kleine Praxen wird bei der Narkose manchmal zu sehr aufs Geld geschaut - zu Lasten der Patientensicherheit. Eine "Geiz ist geil"-Mentalität kritisiert Petra Tietze-Schnur vom Vorstand des Bundesverbandes für Ambulantes Operieren (BAO): "Manche Operateure setzen Anästhesisten unter Druck und wählen den billigsten Anbieter." Ob es sich bei den Todesfällen, über die meist erst anlässlich eines Gerichtsverfahrens in den Medien berichtet wird, wirklich nur um tragische Einzelfälle handle, bezweifle sie mittlerweile.

Sicherheitsstandards werden verletzt

Grundsätzlich sind Narkosen in Deutschland zwar sicher. Nach einer aktuellen Auswertung des Fach- und des Berufsverbands der Anästhesisten ereignen sich hierzulande pro einer Million Narkosen lediglich 7,3 schwere Zwischenfälle, wenn sich ansonsten gesunde Patienten einer planbaren Operation unterziehen. Doch das Risiko steigt, wenn Begleiterkrankungen die Behandlung erschweren. Oder wenn die Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden.

Beides war in Augsburg wohl der Fall: Die 46 Jahre alte Patientin litt am Downsyndrom. Qualifiziertes Assistenzpersonal für die Narkose war nicht vor Ort, auch kein regelgerechter Aufwachraum. Von "Hinterhof-Narkosen" spricht Hendrik Liedtke, Gutachter und Anästhesie-Chefarzt in Halle an der Saale: "Die Zahl der schwarzen Schafe ist klein. Aber wir haben zu viele Fälle, bei denen Patienten bei vermeintlichen Bagatell-Narkosen ums Leben kommen, vor allem auch immer wieder Kinder."

Gerade chirurgische Eingriffe in kleinen Zahnarzt- oder Hals-Nasen-Ohrenarztpraxen unter Narkose sind nach Ansicht von Experten wegen der Gefährdung der Atemwege problematisch. Bei gynäkologischen oder ästhetischen Eingriffen kam es ebenfalls zu Todesfällen, die bei Beachtung der Sicherheitsstandards vermutlich vermeidbar gewesen wären.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat reagiert: Ende 2012 beschloss sie zusammen mit dem Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) eine Neubeschreibung der "Mindestanforderungen an den anästhesiologischen Arbeitsplatz".

Keine Meldepflicht für Narkosezwischenfälle

"Das sind Minimalanforderungen", sagt Hugo Van Aken, Generalsekretär der DGAI. Je nach Eingriff und Patient gelten zusätzliche Anforderungen - bei einer Patientin mit Downsyndrom auf jeden Fall.

Die nötigen Standards sind seit 2011 in einer Vereinbarung zwischen Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern geregelt. Aber diese Anforderungen sind teilweise schwächer als die Mindestanforderungen der DGAI. Und Kontrollen sind selten.

Bei einer Zahn-OP müssen Patienten eine Narkose meist selbst bezahlen - aus falsch verstandener Kundenbindung entscheiden sich dann manche Zahnärzte für eine Billigstruktur. "In Berlin begehen wir Praxen nach dem Zufallsprinzip. Aber das wird nicht überall so gemacht", sagt Christel Stoeckel-Heilenz, Anästhesistin und Vizepräsidentin der Deutschen Praxisklinikgesellschaft. "Wenn wir Zahnarztpraxen kontrollieren wollten, hätten wir gar keinen Zutritt." Für alle müsse gelten: Nur wer die Qualitätsstandards erbringt, darf Narkosen abrechnen. Auch ein gesetzlich vorgeschriebenes Melderegister für Narkosezwischenfälle existiert in Deutschland nicht.

Im Prozess in Augsburg drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Vor einem Jahr stand ein Internist wegen ähnlicher Fehler in Augsburg vor Gericht. Ein Patient war bei einer Darmspiegelung gestorben. Der Arzt wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Nachtrag vom 16.01.2015: Gegen den Zahnarzt wurde das Verfahren mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft, des Angeklagten und dessen Verteidiger gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 4000 Euro nach § 153a Abs. 2 StPO vorläufig eingestellt.

Der Anästhesist wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten (ohne Bewährung) wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Verteidigung hatte Freispruch beantragt, die Staatsanwaltschaft hatte für eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten ohne Bewährung sowie die Anordnung eines Berufsverbots plädiert. Das Gericht ordnete aber kein Berufsverbot an.

Worauf Patienten achten sollten
Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) empfiehlt Patienten oder Angehörigen, vor einer Narkose diese Fragen zu stellen:
  • Wer führt die Narkose durch?
  • Gibt es ein ausführliches Vorgespräch mit dem Anästhesisten, in dem Vorerkrankungen und Medikamente des Patienten besprochen werden?
  • Ist ein qualifiziertes Assistenzpersonal während der OP und im Aufwachraum kontinuierlich mit der Überwachung betraut?
  • Gibt es überhaupt einen Aufwachraum mit Apparaten, die etwa die Sauerstoffversorgung und den Blutdruck messen?
  • Das neue Patientenrechtegesetz betont die Verpflichtung des Arztes, den Patienten über "sämtliche für die Einwilligung wesentlichen Umstände aufzuklären". Größere Operationszentren mit modernen Anästhesie- und Überwachungsstandards, so die DGAI, seien gegenüber kleineren Praxen zu bevorzugen. Solche Zentren sind zum Beispiel in der Deutschen Praxisklinikgesellschaft organisiert. Deren Mitglieder führen jährlich mehr als 170.000 Operationen durch.
  • Informationen rund um das Thema Narkose gibt es auf den Seiten des Bundesverbands für Ambulantes Operieren (BAO). Dieser bietet demnächst eine Informations-Checkliste für Patienten an:
  • Homepage Bundesverband für Ambulantes Operiern
  • Hompage Portal des Spitzenverbands der Deutschen Praxiskliniken (PKG)
  • Narkose in sicheren Händern: Homepage Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA)

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
henkeltopf 25.11.2014
Eine Zahn-Implantation im Mund-, Kiefer-, Gesichtsbereich ist mit nichten ein "großer Eingriff". So etwas wird in 95% der Fälle ambulant unter lokaler Betäubung am Zahnarztstuhl gemacht. Deshalb ist eine künstliche Beatmung m.M. nach auch nicht indiziert. Wer sich für den Luxus einer Behandlung unter Vollnarkose entscheidet, muss die üblichen Risiken tragen, so tragisch dies dann leider auch in dem Fall geendet ist. Ein Todesfall in vier Jahren reicht dann aber wieder für ein Ärzte-Bashing Artikel aus. Und "Billig-Billig" will in erster Linie doch der Patient, nicht der Zahnarzt, wie hier behauptet.
2.
deegeecee 25.11.2014
Zitat von henkeltopfEine Zahn-Implantation im Mund-, Kiefer-, Gesichtsbereich ist mit nichten ein "großer Eingriff". So etwas wird in 95% der Fälle ambulant unter lokaler Betäubung am Zahnarztstuhl gemacht. Deshalb ist eine künstliche Beatmung m.M. nach auch nicht indiziert. Wer sich für den Luxus einer Behandlung unter Vollnarkose entscheidet, muss die üblichen Risiken tragen, so tragisch dies dann leider auch in dem Fall geendet ist. Ein Todesfall in vier Jahren reicht dann aber wieder für ein Ärzte-Bashing Artikel aus. Und "Billig-Billig" will in erster Linie doch der Patient, nicht der Zahnarzt, wie hier behauptet.
Das Setzen der Implantate ist eigentlich gar nichts... viel wahrscheinlicher ging es hier um das Ziehen. Das kann schon ein "Gewaltakt" sein... dem *will* man doch als Patient gar nicht ohne jegliche Kontrolle ausgeliefert sein.
3. Ambulante Narkosen
paps 25.11.2014
Ambulante Narkosen sind, entgegen der Meinung einiger Chefs, in der Hand von qualifizierten Fachärzten eine sehr sichere Angelegenheit. In diesem Falle liegt ein Down-Syndrom vor, hier übernehmen sogar die Kassen die Kosten. Also nix mit Billigheimer. Die Frage ist, war das ein niedergelassener Anaesthesist, oder ein Honorararzt von irgendwo? Im Falle einer Vollnarkose wird immer beatmet, alles andere ist grosser Quatsch, da beim Zahnarzt in der Regel auch relaxiert wird, dh. der Patient kann gar nicht selber atmen. Eine 46-jährige mit Trisomie 21 ist in jedem Fall eine Herausforderung, da es häufig auch Probleme an inneren Organen gibt. Im Übrigen müssen die Zahnarztnarkosen nach GOÄ abgerechnet werden, und da kostet die erste Stunde ca. 350 Euro mit Medikamenten. Anaesthesisten die deutlich weniger nehmen und trotzdem Geld verdienen sparen also. Wo, kann sich jeder selbst denken.
4. beim Implantate setzen
uwe4321 26.11.2014
kann eine Vollnarkose auch ungünstig sein. Im Unterkiefer kann eine "zu lange" Implantatschraube den Mandibularkanal stören, was man als Patient auch bei lokaler Anästhesie spürt. In dem Fall wird der Zahnarzt eine etwas kürzere Schraube auswählen. Bei Vollnarkose gibt es diese Rückmeldung naturgemäß nicht. ...ich würde mir aber auch nicht mehrere Implantate in einer Sitzung setzen lassen wollen - mit oder ohne Vollnarkose.
5.
zahnkaufmann 26.11.2014
Das Problem ist wohl, daß oft unnötige Vollnarkosen verabreicht werden. Weil die Zeit um mit den Patienten vorher über deren Ängste zu sprechen -damit die ohne Vollnarkose klarkommen- nicht bezahlt werden würde. Vollnarkose dürfte nur in Spezialpraxen durchgeführt werden(fester Anforderungskatalog) Außerdem müßte ein Notfallplan Vorschrift werden: Wer hat dann Was zu tun? Wer ruft den Notarzt und wer bleibt beim Patienten? www.zahnkaufmann.de
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:

Methoden der Vollnarkose
Gasnarkose
Die Gasnarkose ist die älteste Form der Narkose, angewandt wird sie bis heute. Die am häufigsten eingesetzten Gase sind Sevofluran, Desfluran oder Isofluran.

Narkosegase machen wie auch Injektions-Narkosemittel immer nur einen Teil der Narkose aus. Weil die Schlafmittel Schmerzen nur schlecht oder gar nicht lindern, muss der Narkosearzt zusätzlich Schmerzmittel einsetzen, meist werden sogenannte Opioide verwendet.

Die Narkosegase atmet der Patient über die Lunge ein, ihre Wirkung entfaltet sich im Gehirn. Der Anästhesist orientiert sich für die Narkosetiefe an der Konzentration des Narkosegases in der Atemluft des Patienten.

Lange Zeit bewirkten Gasnarkosen beinahe regelmäßig Übelkeit und Erbrechen nach der Operation. Mittlerweile haben Narkoseärzte verschiedene Möglichkeiten, dieses Risiko zu senken.
Injektionsnarkose
Mittlerweile werden viele Narkosen mit Hilfe von über die Vene verabreichten Medikamenten durchgeführt. Der Patient schläft entweder nur durch diese Mittel oder bekommt zusätzlich noch Narkosegas. Das bekannteste intravenöse Schlafmittel ist Propofol. Injektions-Schlafmittel nehmen keine Schmerzen, weswegen auch sie mit Schmerzmitteln kombiniert werden müssen.

Bei Injektionsnarkosen ist das Risiko von Übelkeit und Erbrechen nach der Operation geringer als bei Gasnarkosen. Anders als bei Narkosegasen kann bei injizierten Medikamenten allerdings nicht genau gemessen werden, wie hoch die Konzentration des Schlafmittels im Blut gerade ist. Der Anästhesist orientiert sich an den klinischen Zeichen des Patienten: Blutdruck, Puls, Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen.
Überwachung
Bei allen Vollnarkosen überwacht ein Anästhesist schon vor dem Einschlafen des Patienten eine Vielzahl von Körperfunktionen. Während der gesamtem Operation passt er auf Atmung, Schlaftiefe und Kreislauf auf.

Dazu werden ständig Blutdruck und Puls gemessen, ein EKG geschrieben, bei verschiedenen Operationen auch ein vereinfachtes EEG (Hirnstrommessung). Klinische Zeichen wie Schwitzen, Tränenfluss oder Bewegungen geben dem Anästhesisten weitere Hinweise, wie tief die Narkose sein muss.

Im Aufwachraum kontrollieren Anästhesisten und Pflegekräfte auch nach dem Wachwerden noch, wie es dem Patienten geht.
Beatmung
Während Vollnarkosen muss der Patient immer vom Anästhesisten beatmet werden, denn in der tiefen Narkose atmet der Körper nicht mehr von selbst. Dazu bekommt der Patient normalerweise einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre eingelegt, wenn er bereits schläft. In vielen Fällen reicht heute auch eine Beatmungsmaske, die nur in den Mund-Rachen-Raum geschoben wird.

Ambulante OPs: Komplikationen und Todesfälle
2012, Karlsruhe
Dem fünfjährigen Maximilian soll im September in einer Zahnarztpraxis unter Narkose ein Backenzahn überkront werden. Im Aufwachraum sind die Eltern allein mit ihrem Sohn, eine Pflegekraft schaut nur ab und zu herein. Der Mutter, selbst medizinische Fachangestellte, fällt auf, dass die Überwachungsgeräte nicht funktionsfähig sind. Als sich der Brustkorb des Jungen nicht mehr hebt und senkt, rüttelt sie ihren Sohn, der Vater sucht den Anästhesisten, der aber bereits mit dem nächsten Eingriff beschäftigt ist. Der Sohn wacht schließlich auf und übersteht die so genannte Atemdepression zum Glück ohne bleibende Schäden. Die Eltern erwägen eine Strafanzeige wegen der Abweichung vom Geräte- und Personalstandard.
2012, Goch
Im Mai wacht ein zweijähriger Junge nach einer Behandlung in einer Zahnarztpraxis im niederrheinischen Goch nicht aus der Narkose auf. Das Kind stirbt kurz darauf in der Uniklinik im niederländischen Nimwegen. Die genaue Todesursache und die Umstände sind noch unklar, die Staatsanwaltschaft ermittelt.
2011, Mainz
Eine 52-jährige Frau lässt in einer kleinen privaten Mainzer Klinik eine Gesichtsstraffung vornehmen. Nach acht Stunden wird sie wach, soll zur Beobachtung bleiben. Nachtwache hat eine Medizinstudentin, die ihr eine Infusion legt. Doch die unbeschriftete Flasche enthält das Narkosemittel Propofol. Die Frau erleidet einen Herzstillstand. Sie wird reanimiert, aber ihr Gehirn ist durch den Sauerstoffmangel so sehr geschädigt, dass sie seither im Koma liegt und voraussichtlich nie mehr daraus erwachen wird. Der Ehemann klagt auf Schadensersatz, mit einem Urteil in dem Zivilverfahren (AZ 2 O 266/11) ist nicht vor 2013 zu rechnen.
2009, Halle
Der zwei Jahre alte Hannes stirbt in Sachsen-Anhalt zwei Tage nach einer Zahnbehandlung. Hier treten die Probleme bereits während der OP auf. Der Anästhesist wird 2011 verurteilt, weil Überwachungspersonal fehlte und das Narkosegerät veraltet sowie falsch eingestellt war. Weil gegen den Betreiber der Zahnarztpraxis das Verfahren gegen eine Zahlung von 5000 Euro eingestellt wurde, beantragt der Anwalt ein Klage-Erzwingungsverfahren wegen des Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge. Den Eltern bleibt nun nur der Gang zum Oberlandesgericht.
2007, Hamburg
Der neun Jahre alte Faouzane wird in einer HNO-Praxis an den Polypen operiert. Im Aufwachraum kommt es zu Komplikationen, das Kind muss nach einem Atemstillstand reanimiert werden und stirbt später an den Folgen des Sauerstoffmangels (so das AG HH-Harburg). Laut Gutachten fehlten auch hier die nötigen Überwachungsgeräte sowie das qualifizierte Personal. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit eine Anklage gegen die Praxisbetreiber. Die Anästhesistin wurde 2009 zu 150 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt. Faouzane war (laut Gutachten) um 8.05 Uhr bereits der siebte Patient zur ambulanten Operation.
2007, Kamp-Lintfort
Jeannette ist drei Jahre alt, als unter Vollnarkose ihre kariösen Milchzähne behandelt und teilweise entfernt werden. Sie erleidet einen Herzstillstand, der Notarzt kann sie nicht mehr retten. Nach Ansicht des Gerichts arbeitete die Anästhesistin ohne erforderliche fachliche Assistenz, benutze einen zu großen Beatmungsfilter und ließ die Vitalfunktionen nicht genügend überwachen. So wurde zu spät bemerkt, dass das Kind während der Narkose zu wenig Sauerstoff erhielt. Das Gehirn wurde geschädigt, das Herz versagte. Schließlich starb das Kind im Krankenhaus. Das Verfahren gegen die Zahnärztin wurde eingestellt. Die Narkose-Ärztin, zuerst wegen fahrlässiger Tötung zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt (Urteil AG Rheinberg), wurde in zweiter Instanz freigesprochen.
2007, Limburg
Der zehnjährigen Celine werden im Oktober unter Vollnarkose in einer Zahnarztpraxis in Limburg zwei Milchzähne gezogen und zwei von Karies befallene Zähne behandelt. Die Mutter ist nach der OP mit ihrem noch bewusstlosen Kind im Aufwachraum allein – ein Atemstillstand wird zu spät bemerkt. Das Kind stirbt sieben Tage später. Das Amtsgericht verurteilte den Zahnarzt und den Anästhesisten und stellte fest, dass „keine der Zahnarzthelferinnen eine anästhesiologische Ausbildung“ hatte, dass „im Ruheraum keinerlei technisch-apparative Einrichtung vorhanden“ war und dass „die Patienten dort weder apparativ noch durch Fachpersonal überwacht“ wurden. In der Berufungsverhandlung konnte nicht eindeutig geklärt werden, welchen Anteil die Behinderung des Kindes am tödlichen Verlauf hatte, deshalb wurde das Verfahren 2012 gegen Geldauflagen eingestellt – aber verhängt gegen beide Beschuldigte. Hier ging es beim Zahnarzt nicht um einen medizinischen Fehler, sondern richtungsweisend um seine Verantwortung für die Organisation der Praxis.
2006, Berlin
Eine 49 Jahre alte Frau lässt sich in einer chirurgischen Tagesklinik die Bauchdecke straffen und Fett absaugen. Der plastische Chirurg verzichtet bei der mehrstündigen OP unter Vollnarkose ganz auf einen Anästhesisten. Die Patientin erleidet einen Herz-Kreislauf-Stillstand und stirbt einige Tage später. Weil der Arzt den lebensbedrohlichen Zustand der Frau stundenlang verheimlicht und erst abends dafür sorgt, dass sie ins Krankenhaus gebracht wird, ist der Fall rechtlich brisant und landete zweimal beim Bundesgerichtshof (BGH). Neben Körperverletzung mit Todesfolge stellte das Landgericht 2010 versuchten Totschlag und 2011 versuchten Mord fest, was der BGH 2012 verwarf. Nun muss das Landgericht Berlin zum dritten Mal entscheiden, und zwar über die Höhe der Strafe. Der Angeklagte ist laut BGH-Beschluss vom 16. August 2012 (5 StR 238/12) allein der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig, der Mindeststrafrahmen von drei Jahren Haft darf laut BGH aber nicht unterschritten werden. Auch ein zeitlich befristetes Berufsverbot ist wahrscheinlich. Bis 2011 konnte der Arzt weiter praktizieren, obwohl vor dem Tod der Frau bei der Ärztekammer Berlin bereits mehr als 100 Beschwerden über die „Berufsausübung des Angeklagten“ eingegangen waren. Laut Gericht wurden nur „teilweise berufsgerichtliche Verfahren“ eingeleitet.
2003, Augsburg
Eine 37-jährige unterzieht sich einer ambulanten Abtreibung bei einem Frauenarzt. Danach wird sie in einen Ruheraum verlegt. Nach gut 20 Minuten sieht die elfjährige Tochter nach ihrer Mutter und stellt fest, dass deren Körper kalt ist. Der herbeigerufene Notarzt kann der Frau nicht mehr helfen. Mehrfach soll der Gynäkologe die Eingriffe ohne Narkosearzt vorgenommen haben. 2005 wird er wegen fahrlässiger Tötung, Abrechnungsbetrugs und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und zu einer Geldstrafe von 15.000 Euro verurteilt. Laut Landgericht hätte der Tod der Frau bei vorschriftsgemäßer Überwachung vermieden werden können.
2002, Bad Mergentheim
Im Oktober werden der drei Jahre alte Sina-Mareen aus Baden-Württemberg unter Vollnarkose zwei kariöse Schneidezähne gezogen, der Anästhesist verwendet vorschriftswidrig eine bereits angebrochene und deshalb mit Bakterien verunreinigte Narkoselösung. Das Mädchen wird im bewusstlosen Zustand nach Hause entlassen, bekommt hohes Fieber und stirbt später im Krankenhaus. Ein zweiter, am gleichen Tag durch die gleiche Lösung geschädigter Patient überlebt. Der Anästhesist wird zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und zur Zahlung von 15.000 Euro verurteilt. Erst nach mehr als fünf Jahren ist der Rechtsstreit beendet.

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: