Trügerische Statistik Todesursache Schwerelosigkeit

Wie gefährlich ist der Aufenthalt in der Schwerelosigkeit? 26 Deutsche sind laut Todesursachenstatistik seit 1980 an den Folgen gestorben. Eine Spurensuche.

Schwereloser Astronaut (Zeichnung)
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Schwereloser Astronaut (Zeichnung)

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"Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff völlig schwere-lo-ho-hos". Mit seinem Hit "Major Tom" setzte Neue-Deutsche-Welle-Star Peter Schilling der allgemeinen Raumfahrtbegeisterung 1983 ein musikalisches Denkmal. Gut dreißig Jahre später scheint die Euphorie weitgehend verflogen, auch wenn hier und da halbherzig über bemannte Mars-Missionen nachgedacht wird.

Auch die Schwerelosigkeit an sich hat scheinbar ihre Unschuld verloren: Laut den offiziellen Daten des Statistischen Bundesamts sind im Zeitraum von 1980 bis 2014 immerhin 26 Menschen in Deutschland an den Folgen eines "längeren Aufenthalts im schwerelosen Zustand" gestorben. Auf diesen erstaunlichen Fakt sind wir bei unserer Recherche über seltene Todesursachen in Deutschland gestoßen - den Text und die Diagramme dazu finden Sie hier.

26 Tote, das sind mehr als im selben Zeitraum an Unfällen mit Feuerwerk umgekommen sind. 26 Tote, das sind mehr als durch Unfälle mit nichtgiftigen und giftigen Schlangen zusammen.

Wer waren die 26 Toten?

Da müsste man doch etwas mitbekommen haben. Wer waren die Toten? Woran sind sie gestorben? Gab es überhaupt so viele Astronauten?

Ein Blick ins SPIEGEL-Archiv zeigt: nichts. Zumindest fast nichts. Es findet sichein Bericht über einen stark geschwächten russischen Kosmonauten, allerdings wohnt der erstens nicht in Deutschland und ist zweitens noch am Leben.

Auch das Statistische Bundesamt weiß nicht weiter: "Leider können wir nicht sagen, ob es sich bei den genannten Fällen um Teilnehmer an Raumfahrtprogrammen oder Ähnlichem handelt, da dies nicht erfasst wird." Erfasst werden die Toten "inkl.: Schwerelosigkeit im Raumfahrzeug (Simulator)".

Ärzte kennen keine Fälle

Vielleicht kennen Ärzte die Hintergründe - immerhin füllen sie die Leichenschauscheine aus, auf denen die Todesursachenstatistik beruht. Aber die Anfrage verhallt. Man könne trotz längerer Recherche keinen geeigneten Gesprächspartner vermitteln, teilt eine Sprecherin Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) mit. Fälle seien nicht bekannt, vielleicht könne ein Flugmediziner weiterhelfen.

Auch Claudia Stern, die ärztliche Direktorin des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR), ist überfragt: "Ich bin schon sehr lange im Geschäft, aber ich kenne keinen einzigen Fall. Von elf deutschen Raumfahrern sind noch zehn am Leben". Reinhard Alfred Furrer sei bei einem Flugzeugabsturz gestorben.

Gefährlich? Ja. Lebensgefährlich? Nein!

Stern will die Gefahren der Raumfahrt nicht verharmlosen. Die Astronauten verlieren in der Schwerelosigkeit Muskelmasse und Muskelkraft. Deshalb hätten die Raumfahrer drei Fitnessgeräte dabei - ein Laufband, ein Fahrrad und ein sogenanntes Advanced Resistive Exercise Device. "Das ist wie eine Mucki-Bude, mit der man 20 verschiedene Übungen machen kann", erklärt die DLR-Medizinerin. Die Astronauten müssten jeden Tag zwei Stunden Sport machen.

Zudem verlieren sie Knochengewebe und es sammelt sich Flüssigkeit in der oberen Körperhälfte an. Lebensgefährlich sei das aber normalerweise nicht, sagt Stern. Selbstverständlich könne man bei der Raumfahrt sterben, aber dann wohl kaum an Schwerelosigkeit.

"Vielleicht ein Zahlendreher"

Sie hat eine Theorie für die Zahlen in der Statistik: "Es muss sich um eine Falschkodierung handeln, so etwas passiert relativ häufig. Vielleicht ein Zahlendreher." Bei mehr als 30 Millionen Totenscheinen von 1980 bis 2014 scheint es durchaus möglich, dass in einigen wenigen Fällen Werte falsch eingetragen oder übernommen wurden.

Im internationalen Klassifizierungssystem ICD-10 ist das Kürzel für Tod durch Schwerelosigkeit "X52". 1998 stellte das statistische Bundesamt das System um, seitdem gab es nur noch einen Fall.

Ein Faible für Raumfahrt

Also sind die Kodierungsfehler in der Zeit zu suchen, in der Vorgänger-Version ICD-9 gültig war. Damals hieß "längerer Aufenthalt in schwerelosem Zustand" noch "E928.0", ein Unterfall "nicht näher bezeichneter Unfallursachen".

"Warum das überhaupt in der ICD auftaucht, weiß ich auch nicht", meint Stern, "Schließlich sind da so viele Sachen nicht aufgeführt, die tatsächlich Leben beenden." Ihre Vermutung: "Vielleicht hatte da einer ein Faible für Raumfahrt und hat es mit reingenommen."

Wenn die letzten beiden Ziffern vertauscht sind, heißt das ICD-9-Kürzel übrigens "E982.0": Tod durch "Kraftfahrzeug-Abgase".



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