Tollwut in Indien "Die Gefahr durch die Tiere eindämmen"

Gegen Tollwut gibt es eine Impfung, aber in Indien kommt die bei den Menschen kaum an: zu aufwendig, zu teuer. Um die Verbreitung des Virus zu stoppen, werden daher Hunde geimpft. Ein chancenloses Vorhaben, meinen Experten.

Straßenhunde in Neu-Delhi: Die Tiere können Tollwut übertragen
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Straßenhunde in Neu-Delhi: Die Tiere können Tollwut übertragen


Die Krankenschwester Sunil Yadav hat in ihrer Klinik in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi schon viel Schmerz und Verzweiflung gesehen. Vor allem in den Augen der Eltern, die ihre Kinder zu spät ins Maharishi-Valmiki-Hospital bringen. Kinder, die von tollwütigen Hunden, Katzen, Affen oder Schakalen gebissen wurden. Die meisten Menschen in Indien wissen nicht, dass Tollwut in nahezu allen Fällen tödlich ist, sobald das Virus das Gehirn erreicht hat.

"Wir bringen jeden, der zu uns kommt, zuerst in den Waschraum", sagt Schwester Yadav. Mehrere Minuten wird dort die Wunde mit Seife gereinigt, gründlich gespült und mit Jod behandelt. So könne die Viruslast um bis zu 80 Prozent verringert werden. Danach spritzt sie im Raum gegenüber, wo zahlreiche Impfstofffläschchen bereitliegen, das Tollwut-Immunglobulin um die Wunde und in den Arm. Es verhindert, dass das Virus von der Wunde ins zentrale Nervensystem wandert und eine tödliche Entzündung des Gehirns auslöst.

"Jeder, der gebissen wird, sollte ein Serum erhalten", sagt der Arzt Mukesh Naran, der das Tollwutprojekt in dem Krankenhaus leitet. Doch das ist in Indien kaum möglich. Im Großraum Delhi leben laut Uno-Schätzungen 25 Millionen Menschen, und das Maharishi-Valmiki-Hospital ist das einzige staatliche Krankenhaus der Stadt, das die benötigten Antikörper vorrätig hat. "Das liegt am Preis: Eine Flasche mit Serum kostet 5000 Rupien (64 Euro)", sagt Naran.

Zum Schutz Hunde fangen, impfen, sterilisieren

Krankenwagen oder Shuttle aus anderen Hospitälern zum Maharishi-Valmiki-Hospital gibt es nicht. "Die Menschen kommen mit Bussen, Auto-Rikschas, Autos, Fahrrädern oder laufen zu uns", sagt der Arzt. Das kann dauern, denn das Krankenhaus liegt 35 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, weit draußen in den Feldern zwischen Wasserbüffeln und Handpumpen. Die meisten anderen Krankenhäuser werden privat geführt, dort müssen die Patienten selbst bezahlen.

Jedes Jahr sterben in Indien 18.000 bis 20.000 Menschen an Tollwut, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) - das ist mehr als ein Drittel der weltweiten Todesfälle. Dabei gibt es eine vorbeugende Impfung gegen Tollwut. Doch diese besteht aus mehreren Injektionen an verschiedenen Tagen, zudem muss sie alle zwei bis fünf Jahre aufgefrischt werden. Das sei für viele Menschen zu kompliziert und aufwendig, sagen die Ärzte.

"Also wird versucht, die Gefahr durch die Tiere einzudämmen", erklärt Ashwath Narayana, Geschäftsführer der Tollwutstiftung in Asien. Ein Gesetz aus dem Jahr 2001 verbietet das Töten. "Deswegen werden die Hunde - vor allem in den urbanen Zentren - eingefangen, geimpft, sterilisiert und wieder freigelassen."

Doch die Behörden haben angesichts der riesigen Hundepopulation kaum eine Chance mit ihren begrenzten Mitteln und dem wenigen trainierten Personal. Mindestens 25 Millionen Straßenhunde leben in Indien. Um in einer der Megastädte gegen Tollwut anzukommen, müsse man 80 Prozent der mehreren Hunderttausend Hunde einfangen und impfen, erklärt Gadey Sampath, Arzt am Institut für Präventionsmedizin in Hyderabad. Da der Impfschutz nur ein Jahr lang hält, müsste diese Prozedur jährlich wiederholt werden. Für ein solches Vorhaben wäre eine landesweite, koordinierte Aktion nötig. "Aber Tollwut wird nicht als Epidemie betrachtet", sagt Sampath.

wbr/dpa



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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
bernd.stromberg 22.09.2014
1. Umweltbelastung allgemein
Die Umweltbelastung ist in Indien allgemein hoch. Man beachte das extrem schmutzige Wasser des Ganges - in dem sich Giftstoffe und Exkremente [aus Abwässern etc.] befinden und die Leute gehen dort trotzdem hinein um zu baden. Man mag jetzt die mangelnde Bildung auf Aufklärung als einer der Gründe sehen, das stimmt auch. Aber man kann die Verschmutzung ja teilweise ganz klar sehen, beobachten und riechen. IMHO spielt da dann auch irgendwo Ignoranz und Gedankenlosigkeit eine Rolle.
bafibo 22.09.2014
2. Es ist schon merkwürdig
daß eine Tollwutimpfung beim Menschen mindestens zwei Jahre vorhalten soll, bei Hund und Katz aber nur eins. Das beruht aber auf den Vorschriften des Gesetzgebers für den Grenzübertritt von Haustieren. Medizinisch ist das wahrscheinlich nicht (mehr) zu rechtfertigen.
SanchosPanza 22.09.2014
3. Ab auf die Speisekarte!
Nachdem das bei solchen Strassenhunden sonst übliche Verfahren des Exports an deutsche Tierfreunde bei 25 Millionen Hunden kaum mehr praktikabel ist, bleibt als einzige kostengünstige und nachhaltige Massnahme die Enttabuisierung des Hundeverzehrs.
fatherted98 22.09.2014
4. Straßenhunde...
...sind in Südostasien und Indien eine Plage...und zwar eine gefährliche. Unzählige Menschen werden gebissen...durch die unzureichende Versorgung ist oft schwere Krankheit oder gar der Tod die Folge. Auch wenn die Tierfreunde wieder aufheulen...eine Bekämpfung der Tollwut ist nur durch die Tötung dieser Tiere in den Griff zu bekommen (Sterilisation/Kastration viel zu teuer für diese Länder). Russland wurde starkt für ein Durchgreifen gegen die Straßenhunde kritisiert...aber ...anders ist es nicht in den Griff zu kriegen.
lajosferenc 22.09.2014
5. und wie kam's?
mit Diclofenac gegen die Schmerzen der heiligen Kühe hat man in Indien nahezu alle Geier ausgerottet. Jetzt finden die Hunde viel Nahrung und vermehren sich entsprechend. Wieder ein Beispiel für einen misslungenen Eingriff in die "Natur".
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