Toxoplasmose: Parasiten könnten das Suizidrisiko erhöhen

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Schwangerschaft: Toxoplasmose verhindern durch die richtige Hygiene Fotos
CDC/ James Gathany

Schwangere können ihr Kind verlieren, wenn sie sich mit Toxoplasmen anstecken. Eine neue Studie lässt noch etwas anderes befürchten: Mit dem Parasiten infizierte Frauen unternehmen demnach eher Suizidversuche.

In der Küche ist die Gefahr am größten. Ungewaschener Salat oder Messer, mit denen erst das rohe Fleisch und dann das Gemüse geschnitten werden, überhaupt das Fleisch. Nicht richtig durchgebratenes Fleisch ist eine der wichtigsten Ursachen für die bei Schwangeren gefürchtete Infektion mit dem Parasiten Toxoplasma gondii. Überträgt die Schwangere den Erreger auf das ungeborene Kind, drohen Fehlbildungen oder gar der Verlust des Kindes.

Eine dänische Studie verdächtigt die Toxoplasmen nun, auch noch für etwas ganz anderes verantwortlich zu sein: für die Suizidversuche von einmal mit den Parasiten infizierten Frauen. Für ihre Untersuchung hatten Marianne Pedersen und ihre Kollegen die Daten von mehr als 45.000 Däninnen ausgewertet. Das Ergebnis war eindeutig: Hatten die Frauen sich irgendwann mit Toxoplasmen angesteckt, begingen sie mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch als nichtinfizierte Frauen, berichten die Forscher in den Archives of General Psychiatry.

Die Toxoplasmose-Studie
Ziel der Studie
Die Forscher haben untersucht, ob mit dem Parasiten Toxoplasma gondii infizierte Mütter ein erhöhtes Risiko haben, sich selbst zu verletzen und Suizidversuche zu unternehmen.
Studienteilnehmerinnen
Untersucht wurden 45.788 dänische Frauen, die zwischen 1992 und 1995 in Dänemark ein Kind zur Welt gebracht haben. Von den neugeborenen Kindern wurden Blutproben untersucht. Fanden die Forscher im Blut der Kinder Antikörper gegen Toxoplasmen, mussten die Mütter irgendwann im Leben einmal mit dem Parasiten infiziert gewesen sein.
Ergebnisse der Studie
Mit Toxoplasmen infizierte Mütter hatten ein um 50 Prozent höheres Risiko gegenüber nichtinfizierten Müttern, einen Suizidversuch zu unternehmen. Das Risiko scheint umso größer zu werden, je mehr Antikörper gegen den Parasiten im Blut nachweisbar sind.

Das Risiko für einen gewalttätigen Selbsttötungsversuch stieg gar um 80 Prozent, die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Suizids war gegenüber nichtinfizierten Frauen verdoppelt.
Stärken der Studie
Die Studie ist die größte prospektive Studie, die einen Einfluss von Toxoplasmen auf die Häufigkeit von Suizidversuchen untersucht. Das heißt, die Forscher haben nicht im Nachhinein bereits vorhandene Daten daraufhin untersucht, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen Suiziden und der Infektion gibt. Stattdessen planten sie vor Studienbeginn genau, was sie untersuchen wollten, und untersuchten 14 Jahre später, wie viel der Frauen versucht hatten, sich selbst zu töten.

In Dänemark konnten die Forscher anhand verschiedener Register genau nachvollziehen, welche der Studienteilnehmerinnen in den Jahren nach der Geburt wegen Suizidversuchen in psychiatrischen Kliniken behandelt wurden.
Schwächen der Studie
Die Studie kann nur einen statistischen Zusammenhang zwischen der Infektion mit Toxoplasmen und den Suizidversuchen der Frauen belegen. Das heißt nicht, dass die Frauen versucht haben, sich selbst zu töten, weil sie mit Toxoplasma gondii infiziert waren. Es könnte auch andere Ursachen für den statistischen Zusammenhang geben, etwa weil Frauen, die irgendwann im Leben einen Suizidversuch unternehmen, sich aus bislang unbekannten Gründen auch häufiger mit Toxoplasmen anstecken.

Einen solchen kausalen Zusammenhang könnte nur eine andere Studie liefern: Zum Beispiel, indem man eine Gruppe von mit Toxoplasmen infizierten Frauen mit Antibiotika behandelt, eine andere Gruppe dagegen nicht. Gibt es in der behandelten Gruppe weniger Suizidversuche als in der unbehandelten Gruppe, wäre ein kausaler Zusammenhang wahrscheinlicher.
Zwar können die Forscher nicht sicher sagen, ob die Infektion mit dem Parasiten tatsächlich für die Suizidversuche verantwortlich ist. Es könnte zum Beispiel auch sein, dass Frauen, die aus anderen Gründen irgendwann im Leben einen Suizidversuch begehen, sich häufiger infizieren. Doch der deutsche Toxoplasmose-Experte Uwe Groß von der Universität Göttingen hält die Ergebnisse der dänischen Wissenschaftler nicht für völlig abwegig: "Toxoplasmen bleiben lebenslang im Gehirn. Dass der Parasit dort überhaupt nichts macht, kann man sich kaum vorstellen. Nur was er dort anstellt, das ist nicht klar."

Einen direkten Beweis dafür zu erbringen, dass tatsächlich die Toxoplasmen die Selbstmordversuche der untersuchten Frauen ausgelöst haben, wäre äußerst schwer: "Man müsste eine Gruppe von Frauen behandeln und die andere unbehandelt lassen", sagt Groß. Wenn man dann sehe, dass die behandelte Gruppe weniger Selbstmordversuche unternehme, könnte das ein Beleg für die Schuld der Parasiten sein.

Schwangere können ihre Katze behalten

Der Mensch ist eigentlich gar nicht das Ziel der Toxoplasmen, der bevorzugte Wirt der Parasiten sind Katzen. Diese scheiden die Oozysten genannte infektiöse Form der Toxoplasmen mit ihrem Kot aus, auf diesem Weg kann sich auch der Mensch infizieren. Allerdings brauchen die Oozysten 24 Stunden, bis sie ansteckend sind. "Schwangere Frauen können mit einer Katze im Haushalt leben, wenn die Katzentoilette täglich von jemand anderem gereinigt wird", sagt Groß. Die Katze sei auch nicht die Hauptquelle für Infektionen beim Menschen, sondern das im Haushalt falsch verarbeitete Fleisch anderer Tiere, die sich mit den Toxoplasmen angesteckt haben.

Einmal mit Toxoplasmen infiziert, trägt der Mensch den Parasit sein Leben lang in sich. In der dänischen Studie fanden die Forscher bei knapp 27 Prozent der untersuchten Frauen Hinweise auf eine Toxoplasmen-Infektion. Der Erreger gelangt vom Darm in Muskeln und vor allem das Gehirn. Dort versteckt er sich im Nervensystem in winzigen Zysten eingekapselt, in denen ihn das Immunsystem des Körpers nicht aufspüren kann.

Bei Nagern setzen Toxoplasmen ureigene Instinkte außer Gefecht

"Diese Zysten brechen immer mal wieder ganz kurz auf, bei einem Menschen mit intaktem Abwehrsystem werden die Toxoplasmen wieder in die Zysten zurückgedrängt", sagt Mikrobiologe Groß. "Aber der Parasit produziert Proteine, die beim Aufbrechen der Zysten freigesetzt werden. Und diese Eiweiße könnten etwas im Gehirn bewirken."

Bei Nagern haben die Forscher Toxoplasmen in Gehirnregionen gefunden, die Emotionen und Verhaltensweisen kontrollieren. Der US-Forscher Robert Sapolsky und seine Kollegen von der kalifornischen Stanford University beobachteten bei mit Toxoplasmen infizierten Ratten eine Veränderung, die für die Nager tödlich, aus Sicht der Parasiten aber nützlich ist.

Die mit Toxoplasmen infizierten Ratten verloren ihre natürliche Aversion gegenüber Katzenurin, wurden vom Geruch der Auscheidungen ihres natürlichen Feindes sogar angelockt. Lässt eine mit Toxoplasmen infizierte Ratte sich vom Urin anlocken, statt die Nähe von Katzen zu meiden, steigt die Chance, dass die Toxoplasmen wieder zu ihrem bevorzugten Ziel gelangen, wenn die Katze die Ratte erbeutet.

Infektionen vor der Schwangerschaft sind ungefährlich

Während die Verhaltensänderungen bei den Nagern im Interesse des Parasiten sein können, trifft dies auf den Menschen nicht zu. "Wenn die Toxoplasmen den Menschen in den Selbstmord treiben würden, wäre das dumm", sagt Mikrobiologe Groß. "Dann haben sie keinen Wirt mehr."

Schon vor den aktuellen Ergebnissen gab es Hinweise aus weiteren Studien, dass eine Infektion mit Toxoplasmen das Risiko für Schizophrenien erhöhen könnte und die Patienten sich häufiger in Verkehrsunfälle verwickeln lassen. Allerdings, so Groß, hätten diese Studien deutlich weniger Patienten untersucht als die jetzt vorgestellte, und seien daher weniger aussagekräftig.

Schwangere Frauen schützen sich am effektivsten vor einer Infektion mit Toxoplasmen, indem sie nur richtig durchgebratenes Fleisch essen. Lebt eine Katze im Haushalt, sollte die Katzentoilette täglich von einer anderen Person gereinigt werden. Steckt sich eine Schwangere mit dem Erreger an, kann die Infektion mit Antibiotika behandelt werden. Zu Beginn der Schangerschaft kann der Arzt mit einem Bluttest herausfinden, ob die Frau in ihrem Leben schon einmal Kontakt mit Toxoplasmen hatte. Ist die Infektion nicht neu, gibt es keine Ansteckungsgefahr für das ungeborene Kind.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. jeden Tag....
dergepriesene 06.07.2012
täglich sollte das Katzenklo von einer anderen Person gereinigt werden....da krieg ich aber nach n paar Tagen n Problem. Ich hab nämlich nicht unbegrenzt gute Freunde, die bereit sind, mein Katzenklo zu reinigen.
2. Man nenne mich einen Pessimisten..
divStar 06.07.2012
.. aber wie oft ist die Gesellschaft und deren Entwicklung sowie sozialer Druck mehr Schuld als irgendwelche Parasiten? Natürlich muss Hygiene aber auch ein Bewusstsein gegen diese Erreger geschaffen werden - keine Frage. Aber viele Krankheiten werden ebenfalls durch zu "saubere" Umgebungen verursacht - nämlich indirekt.. wenn z.B. der Körper bestimmte Erreger gar nicht kennenlernt und sich daher dagegen nicht zur Wehr zu setzen weiß.
3. Entzündung im Gehirn führt zu Depression
spon-facebook-10000150727 06.07.2012
In 2011 erschien eine Publikation von Gárate et al. in der Folgendes gezeigt wurde. Anhaltender Stress führt dazu, dass der Darm für Endotoxin, einem Bestandteil von Bakterienhüllen, durchlässig wird. Das Endotoxin gelangt über die Blutbahn ins Gehirn. Im Gehirn verursacht Endotoxin chronische Entzündung. Folge der Entzündung ist eine Depression. Daher werden viele Fälle von Burnout nichts anderes als Stress-induzierte Entzündung sein. Es verwundert es nicht, wenn auch Toxoplasmose zu erhöhten Selbstmordzahlen führt. Auch hier ist sind chronische Entzündungsprozesse im Gehirn zu vermuten, an dem das Immunsystem beteiligt ist.
4.
sfb 06.07.2012
Zitat von sysopWährend die Verhaltensänderungen bei den Nagern im Interesse des Parasiten sein können, trifft dies auf den Menschen nicht zu. "Wenn die Toxoplasmen den Menschen in den Selbstmord treiben würden, wäre das dumm", sagt Mikrobiologe Groß. "Dann haben sie keinen Wirt mehr."
Das ist vielleicht etwas kurz gedacht. Es könnte einfach das "Geschäftsmodell" des Parasiten sein, sich zu verbreiten, indem es den Wirt veranlasst, zur Beute des in der Nahrungskette Höherstehenden zu werden. Und das war eben lange Zeit nicht der Mensch.
5.
Oberleerer 06.07.2012
Die Ergebnisse der Evolution sehen zwar nach einem ausgeklügelten Plan aus, sind aber zufällige Entwicklungen. Das was funktioniert, funktioniert eben weiterhin. Im Artikel vermisse ich leider die Forschungen von dem tschechischen Wissenschaftler, dass die Reaktionsfähigkeit der "Opfertiere" herabgesetzt wird und somit die betroffenen Menschen 3x häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt wurden und eine allgemeine Lethargie einzutreten scheint. Von daher ist es denkbar, dass die Lebenslust verloren geht. Eine gezielte Strategie des Parasiten steckt sicher nicht dahinter, da Suizid wohl eher eine Auswirkung des menschlichen Bewußtseins ist. Die Affinität der Opfer zu ihren Freßfeinden kann man allerdings schon fast als Suizid werten, genauso wie sich Ameisen an Grashalmen festbeißen um den Parasiten an die Schafe weiterzugeben und die Schnecken, die mit pulsierenden Fühlern die Deckung verlassen um von Vögeln gefressen zu werden.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Schutz vor Toxoplasmose
Wer muss sich schützen
Schwangere Frauen. Eine Infektion vor der Schwangerschaft ist für das ungeborene Kind ungefährlich. Fast alle Infektionen mit Toxoplasmen verlaufen ohne Beschwerden. Wenn die Infektion Symptome hervorruft, dann sind diese häufig so allgemein, dass man sie nicht mit einer Toxoplasmose in Verbindung bringt: geschwollene Lymphknoten oder Muskelschmerzen können auftreten.
Infektion in der Schwangerschaft
Steckt sich eine schwangere Frau mit Toxoplasmen an, kann sie die Infektion an das ungeborene Kind weitergeben. Es drohen Fehlbildungen oder der Verlust des Kindes.

Die Infektion kann mit Antibiotika behandelt werden. Festgestellt wird die Infektion mit Hilfe eines Bluttestes beim Arzt.
Essen
Schwangere sollten nur richtig durchgebratenes Fleisch essen, rohes Fleisch ist tabu. Nach dem Schneiden rohen Fleischs sollte das Messer anschließend nicht für andere Lebensmittel benutzt werden. Obst, Gemüse und Salat müssen richtig gewaschen werden.
Katzen
Lebt im Haushalt eine Katze, sollte die Schwangere sich nicht um die Katzentoilette kümmern. Übernimmt eine andere Person das täglich, kann die Katze im Haushalt bleiben.

Lebt eine Katze im Haushalt, müssen die Hygieneregeln für Lebensmittel umso genauer eingehalten werden. Insbesondere gilt: Die Arbeitsflächen in der Küche müssen rein sein.