Organvergabe in Deutschland: Tödliches System

Von Peter Hummel

Eine junge Mutter bekommt kein lebensrettendes Organ, während ein Alkoholiker kurz nach der Transplantation stirbt. Ist das gerecht? Die Bundesärztekammer verschleppt die Reform des Vergabesystems. In den Kliniken wächst die Wut.

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Chirurg bei der OP: Keine Chance auf ein Organ

Das Licht auf der chirurgischen Intensivstation ist schummrig. Hinter großen Scheiben besprechen sich Schwestern, Pfleger und Ärzte - Alltag in einem Krankenhaus irgendwo in Deutschland, wo Leben gerettet und verlängert wird, wo es um Menschen geht, aber auch um Analysen, Zahlen, Prognosen.

Schwester Beate*, 36, arbeitet hier als Intensivpflegerin, lange Zeit hielt sie ihren Beruf für den schönsten der Welt. Das hat sich geändert. "Seit ein paar Jahren werden an unserem Haus Lebern transplantiert", erzählt sie, "und seither ist der Job nur noch frustrierend." Sie deutet auf Bett Nummer drei, in dem ein älterer Mann im Sterben liegt. Vor sechs Wochen hat er eine neue Leber bekommen, sagt Beate, obwohl die Überlebenschancen des Alkoholikers trotz einer zwölfmonatigen Abstinenz nur im Promillebereich lagen.

Einen Gang weiter liegt eine Frau Mitte 20, Mutter von zwei Kindern. "Diese Frau bräuchte auch eine Leber", erklärt Beate, "aber sie hat in unserem System keine Chance, ein Organ zugeteilt zu bekommen." Sie wird innerhalb der nächsten Tage sterben.

Über Verteilungsgerechtigkeit bei der Organvergabe wird in Deutschland wenig gesprochen. Warum dieses Tabu? Weil es unbehaglich ist, dass des einen Rettung des anderen Tod bedeutet? Weil wir unsicher sind, was im Angesicht des Organmangels gerecht ist? Weil es möglicherweise auch um Eitelkeiten und Renommee, um Konkurrenzdenken und Statistiken geht?

Das Gesetz - ein Widerspruch in sich

Alle acht Stunden stirbt in Deutschland ein Mensch, weil er vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet hat. Wer das rettende Organ bekommt, entscheidet Eurotransplant anhand von Richtlinien, die die Ständige Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer (BÄK) bestimmt. Das deutsche Transplantationsgesetz besagt, dass sich die Auswahl der Empfänger sowohl nach der Dringlichkeit als auch nach den Erfolgschancen richten muss. Je dringender eine Transplantation jedoch ist, desto kranker ist der Patient und umso schlechter sind die Erfolgsaussichten. Das Gesetz - ein Widerspruch in sich.

Nach den Manipulationen haben Prüf- und Überwachungskommissionen nun alle Zentren für Lebertransplantationen in Deutschland kontrolliert. Der Bericht sollte der Öffentlichkeit eigentlich am 4. Juni vorgestellt werden, doch laut BÄK ist das Werk noch immer nicht vollbracht. Es stehen weitere Nachprüfungen an. Die Presse wird, wenn überhaupt, nur schleppend informiert.

Paul Franke*, 53, hat in seiner Laufbahn viele Lebern verpflanzt, er hat sogar ein Transplantationszentrum mitaufgebaut. Aber irgendwann war Schluss, da wollte er nicht mehr Teil eines Systems sein, das er für ungerecht hält. Heute ist er Leitender Chirurg einer Klinik irgendwo in Deutschland. Er kennt Kollegen, bei denen Polizeibeamte mit Durchsuchungsbefehlen vor der Tür standen, weil sie angeblich Werte eigener Patienten so manipuliert hätten, dass diese eher eine Leber bekamen. Die Staatsanwaltschaft klärt in den bekannt gewordenen Manipulationsfällen, ob Geld eine Rolle gespielt haben könnte. Franke meint jedoch: "Wenn es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, dann nur deshalb, weil das Vergabeverfahren für Organe falsch ist. Hätten die Ärzte nicht manipuliert, wäre ihr Patient verstorben und ein anderer auch, der die Leber zwar ordnungsgemäß bekommen hätte, aber schon viel zu krank war."

Der Soldat musste sterben, weil er die falsche Krankheit hatte

Die Diskussion dreht sich um den sogenannten Meld-Score. Das ist ein Bewertungsmaßstab, der über die Vergabe von Lebern entscheidet und sich aus zwei Leberwerten und einem Nierenwert zusammensetzt. Je höher die Summe, desto weiter oben steht der Betroffene auf der Warteliste, der Maximalwert liegt bei 40 Punkten. In den USA wird heute mit Meld-Werten von 15 bis 18 transplantiert, in Deutschland teilt Eurotransplant erst bei 35 ein Organ zu. "Wer 35 Punkte und mehr hat", so Franke, "kommt in einem so kranken Zustand in den OP, dass die Überlebenschancen extrem gering sind."

Doch was passiert mit jenen Patienten, die gar nicht diese 35 Punkte erreichen? Die Mutter von zwei Kindern auf der Intensivabteilung bei Schwester Beate etwa hat einen Meld-Wert von 22. Dass ihre Nieren zu gut funktionieren, ist jetzt ihr Unglück. Diese gute Nierenfunktion sorgt dafür, dass sie nie auf einen Wert von 35 kommen kann, sondern vorher sterben wird.

"Von diesen Fällen gibt es jede Menge", weiß Franke, "und sie haben keine Anwälte, keine Fürsprecher." 2009 starb in einem deutschen Universitätsklinikum ein Soldat, der in Afghanistan verwundet worden war. Trotz seiner schweren Verbrennungen hatte er zunächst überlebt. In der Folge entwickelte er allerdings eine Erkrankung der Gallengänge, die zu Leberversagen führte. Eine Leber bekam er nicht, weil Patienten wie er nur wenige Punkte im Meld-Score bekommen. Der junge deutsche Soldat verstarb, weil er die falsche Krankheit hatte.

Was bedeutet Gerechtigkeit in Deutschland?

Das Problem ist der Bundesärztekammer bekannt. Hans Lilie ist Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer (Stäko) und sagt, dass man im Herbst auf einer Klausur nach besseren Lösungen suchen wolle. Warum das bisher nicht passiert sei? "Wir arbeiten alle ehrenamtlich, stehen beim Thema Lebern seit über einem Jahr unter Hochdruck", so Lilie. "Allein die Kontrollbesuche der Zentren haben enorm viel Zeit beansprucht."

Ginge es nach dem Chirurgen Franke, müsste die Stäko das derzeitige Meld-System dringend reformieren und mit den Medizinern vor Ort an einer Lösung arbeiten. Ein erster Schritt wäre, die Anzahl der transplantierenden Kliniken so zu verringern, dass es nicht länger zu Rivalitäten kommt. Bayern machte hier kürzlich den Anfang und schloss zwei Lebertransplantationszentren in München und Erlangen.

"Leider sitzen in Deutschland an den entscheidenden Stellen bei der Bundesärztekammer zwei oder drei Sturköpfe, die sich bislang strikt weigerten, ihr eigenes System zu hinterfragen", sagt Franke. "Jeder wusste das, aber niemand machte den Mund auf." Er streift sich seinen weißen Kittel über und verschwindet in der Klinik. Beate, die Pflegerin, kontrolliert bei dem älteren Mann auf der Intensivstation die Vitalfunktionen. Auch bei der jungen Mutter ein paar Betten weiter. Dabei fragt sie sich immer wieder, was Gerechtigkeit bedeutet in Deutschland.

*Namen von der Redaktion geändert

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insgesamt 297 Beiträge
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1. .........
janne2109 10.06.2013
Organvergabe ( welch schreckliches Wort) wird nie als gerecht empfunden werden. Jeder Mensch, auch die Mitarbeiter an der Transplantation, haben einen eigenen Maßstab für die Vergabe. Spon- verzichtet auf so negative Berichte, versucht sie mit mehr Objektivität zu verfassen, denn der Bericht gibt nur eigene Gefühle wider,
2.
Steuerzahler0815 10.06.2013
Solange es viele Menschen gibt die lieber 100 junge Mütter sterben lassen anstatt einen Alkoholiker oder ganz böse Reichen zu retten wird sich nichts ändern. Da ich aber selbst keinen Organspendeausweis habe bin ich auch nur ein Pharisäer. Trotzdem denke ich dass die Organe zuerst zugeteilt werden sollten die schon seit mindestens 7 Jahren selbst einen Organspendeausweis besitzen. Das hat was mit Gerechtigkeit zu tun, auch wenn es Leben kosten kann
3. Ärztekammer
GerhardFeder 10.06.2013
Zitat von sysopEine junge Mutter bekommt kein lebensrettendes Organ, während ein Alkoholiker kurz nach der Transplantation stirbt. Ist das gerecht? Die Bundesärztekammer verschleppt die Reform des Vergabesystems. In den Kliniken wächst die Wut. Transplantationen: Arzt prangert Organspendesystem an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/transplantationen-arzt-prangert-organspendesystem-an-a-903918.html)
Die Ärztekammer denkt lieber über ein für die Ärzte noch lukrativeres System der Krankenversicherung nach - da bleibt für Patienten keine Zeit übrig.
4.
Steuerzahler0815 10.06.2013
Ach ja Ist der Alkoholiker jetzt ein schlechterer Mensch ? Wenn ja warum? weil er ein mann ist? weil er keine kinder hat? weil er ein deutsches kulturgut konsumiert? Alkohol ist kein Verbrechen auch wenn es grüne Weltverbesserer so denken!
5. Trotzdem weiterhin spenden!
jakam 10.06.2013
Man hört oft von Menschen, die keinen Organspendeausweis auf Grund dieser Mißstände führen wollen. Das ist falsch - denn ihre Organspende wird ja deshalb nicht weggeworfen, sondern trotzdem irgendeinem Menschen eingepflanzt, der Hoffnung hat, daß diese Spende sein Leben retten wird. Bitte tragen sie nach wie vor einen Ausweis und hören sie nicht auf, zu spenden - keiner der auf Organe hoffenden Menschen kann etwas für die Probleme bei den Vergabesystemen, die aber dringend zu Gunsten der aussichtsreichsten Empfänger geändert werden müssen.
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Zum Autor
  • Peter Hummel ist freier Journalist in Augsburg. Der gelernte Rettungssanitäter wurde auf die Probleme der Transplantationsmedizin aufmerksam, als ihm ein Chirurg im Zug zwischen Hannover und Berlin davon erzählte.

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Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd