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11. Januar 2013, 17:39 Uhr

Umstrittene Pillen

Merck nimmt Cholesterinsenker vom Markt

Rückschlag für den US-Pharmariesen Merck: Der Hersteller muss einen umstrittenen Cholesterinsenker weltweit vom Markt nehmen. Tredaptive war in einem Test auf Wirksamkeit und Sicherheit durchgefallen. Ärzte sind dazu aufgerufen, das Medikament ab sofort nicht mehr zu verschreiben.

Cholesterinsenker sind für die Pharmaindustrie seit Jahren ein Kassenschlager. Doch der häufig sorglose Umgang mit den Medikamenten und deren breiter Einsatz bereitet manchen Medizinern schon seit längerem Sorge. Während es als gesichert gilt, dass die Wirkstoffe bei der Behandlung von herzkranken Menschen einen Nutzen haben, streiten sich Mediziner noch darüber, wie groß der Nutzen bei jenen Menschen ist, die nur ein geringes Risiko für einen Herzinfarkt haben. Denn die Arzneimittel haben auch Nebenwirkungen - von Magen-Darm-Beschwerden über Schlafstörungen und plötzliches Erröten bis hin zu Kopfschmerzen oder Haarausfall.

Eine vernünftige Risiko-Nutzen-Bewertung ist bei Cholesterinsenkern also immer gefragt - doch diesen Test hat das Mittel Tredaptive des US-Pharmariesen Merck & Co. (Nicotinsäure/ Laropiprant) nicht bestanden. In einem groß angelegten Test auf Wirksamkeit und Sicherheit war das Medikament durchgefallen, woraufhin die europäische Medikamentenaufsicht den Konzern dazu aufgefordert hatte, den Cholesterinsenker weltweit vom Markt zu nehmen.

Der Pharmakonzern riet am Freitag in einer Mitteilung behandelnden Ärzten, das Medikament nicht mehr zu verschreiben. Zudem sollten sie die Behandlungspläne der Patienten überprüfen, die das Präparat erhielten. Vom möglichen Imageschaden einmal abgesehen, dürften die Umsatzeinbußen durch den Marktrückzug für Merck & Co. eher glimpflich ausfallen. Der Konzern hatte nach eigenen Angaben in den ersten drei Quartalen 2012 mit dem Medikament in den rund 40 Ländern, in denen es auf dem Markt ist, rund 13 Millionen Dollar erwirtschaftet.

Geringe Umsatzeinbußen

Analysten hatten den jährlichen Spitzenumsatz des Präparats bis 2016 bei einem Erfolg der Studie auf rund 300 Millionen Dollar taxiert. Für Merck sind das kleine Beträge: Der Konzern kommt derzeit auf einen Jahresumsatz von rund 47 Milliarden Dollar. Das 2008 in Europa, aber noch nicht in den USA zugelassene Medikament soll die Blutfettwerte von Patienten verbessern, indem es das sogenannte gute HDL-Cholesterin im Blut erhöht.

Im Dezember hatte Merck aber nach Ergebnissen einer großangelegten Studie mit rund 25.000 Patienten einräumen müssen, dass Tredaptive schwere Nebenwirkungen hat. Zudem sei das Präparat in der Studie nicht wirksamer gewesen als handelsübliche Statine, die den Cholesterinspiegel im Blut regulieren, indem sie das schädlichere LDL-Cholesterin senken. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hatte die Studie von Merck gefordert. Sie wollte vor einer Zulassung erst noch mehr Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit haben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde Tredaptive als Statin bezeichnet. Das ist nicht richtig, es handelt sich bei Tredaptive um eine Kombination aus Nicotinsäure und einem Prostaglandin-Antagonisten (Laropiprant). Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

cib/Reuters

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