Wasserspender-Projekt in Holland: Der gesunde Durst

Von Benjamin Dürr

Tausende öffentliche Trinkwasserhähne sollen in den nächsten Jahren auf Bahnhöfen und Plätzen in den Niederlanden entstehen. Das kostenlose Wasser soll gegen Übergewicht von Jugendlichen helfen, die Bevölkerung zum Trinken animieren - und so die Kosten im Gesundheitssystem senken.

SPIEGEL ONLINE

Am Nationalfeiertag bevölkerten Tausende Touristen den Platz. Und als Ajax Amsterdam Meister wurde, feierten die Fußballfans auf dem Leidseplein. Zentraler geht es nicht: Hier, mitten in Amsterdam, steht seit gut einem Jahr ein öffentlicher Wasserhahn. Touristen füllen dort ihre Flaschen auf, Jogger halten den Kopf darunter und Passanten waschen im Vorbeigehen die Hände.

Solche öffentlichen Wasserspender sollen bald überall in den Niederlanden stehen. Organisationen und Gemeinden wollen damit Müll einsparen und die Umwelt schützen. Außerdem soll das kostenlose Wasser gegen Übergewicht helfen, die Bevölkerung zum Trinken animieren - und so die Kosten im Gesundheitssystem senken.

Zurzeit werden fast jede Woche neue Wasserhähne in Holland aufgebaut: Gut 150 gibt es inzwischen im ganzen Land - in wenigen Jahren könnten es Hunderte oder Tausende sein, hofft Marco Zoon von der Vereinigung der Wasserbetriebe (Vewin). Sie könnten auf öffentlichen Plätze in der Stadt, aber auch entlang von Fahrradwegen oder am Beginn einer Wanderstrecke stehen. "Die Nachfrage steigt, die Leute wollen ihre Flaschen einfach wieder auffüllen können", sagt Zoon. Es entstehe ein Bewusstsein für Umwelt und Gesundheit.

Städte und Gemeinden reagieren: Wasserbetriebe sorgen für den Anschluss an die Trinkwasserleitung, der Wasserspender selbst wurde von der Non-Profit-Organisation Join the Pipe entwickelt. Sie wirbt seit vier Jahren für das Trinken von Leitungswasser und fördert gleichzeitig - mit jedem neuen Wasserspender in Europa - Projekte in Entwicklungsländern.

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"Wenn Kinder und Jugendliche mehr Leitungswasser trinken, sinkt die Gefahr, übergewichtig zu werden", sagt Esther Somers von Join the Pipe. Besonders an Schulen könnten die Wasserhähne deshalb nützlich sein: "Sie animieren die Kinder, Wasser statt zuckerhaltige Säfte oder Limonade zu trinken."

Außerdem enthalte Leitungswasser häufig mehr Mineralstoffe als stilles Mineralwasser, erklärt Somers. Das Trinkwasser in den Niederlanden ist laut EU-Kommission das beste in Europa. 57 Tests und Prüfungen bestätigen seine Qualität. Bei Mineralwasser sind es nur 15.

"Viel trinken leistet einen hohen Beitrag zur Gesundheit"

Auch Hans van Dijk, bis vor kurzem Professor für Trinkwasser an der Universität von Delft, sagt, Leitungswasser habe einen positiven Effekt auf die Gesundheit. Im Kampf gegen Übergewicht könnten die Wasserspender einen Beitrag leisten. "Im Gesundheitssystem steigen die Kosten, vor allem durch Krankheiten wie Obesitas - solche Projekte werden deshalb immer wichtiger." Wie viel sich damit konkret einsparen lässt, sei allerdings schwer abzuschätzen.

Als Vorreiter gelten die USA: Dort stehen Wasserspender in Büros und Schulen, manche Universitäten haben den "bottle-free campus", eine Plastikflaschen-freie Zone, eingeführt. Oft besitzen die Spender einen Wassertank, der regelmäßig ausgetauscht werden muss. Verschiedene Untersuchungen wiesen allerdings auf eine erhöhte Belastung durch Keime und Verunreinigung hin - auch, weil das Wasser über längere Zeit in dem Spender steht.

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Öffentliche Hähne: Einmal Gratiswasser, bitte
Solche Wasserspender, meint Gerhard Bojara, seien "eine Bakterienbrutstätte und hygienisch bedenklich". Besser seien Systeme, bei denen das Wasser wie in Holland direkt aus der Leitung fließt. Bojara leitet das Gesundheitsamt Osnabrück, in der Stadt läuft seit drei Jahren die Aktion "Trink! Wasser" - eines der wenigen derartigen Projekte in Deutschland. Gemeinsam mit Sponsoren stellt das Amt Wasserzapfhähne in Schulen auf. 40 gibt es bereits.

"Der Wasserverbrauch ist in vielen Schulen seither deutlich nach oben gegangen", sagt Bojara. Wie stark die positiven Effekte auf die Gesundheit der Kinder seien, lasse sich aber nicht messen. "Übergewicht hängt schließlich nicht nur vom Trinken ab, sondern von vielen Faktoren."

25.000 Liter Trinkwasser für rund 40 Euro

3000 Euro kostet die Wasserspendersäule von Join the Pipe in Holland. Die Kosten dafür - und auch für das Trinkwasser - übernimmt meistens die Gemeinde. Aus dem Wasserhahn auf dem quirligen Leidseplein in Amsterdam flossen im ersten Jahr rund 25.000 Liter - was etwa 40 Euro kostete. Weitere Wasserquellen stehen im Stadtpark, an der Hochschule und in anderen Grünanlagen.

Esther Somers sagt, Join the Pipe würde gerne flächendeckend Wasser-Pfähle aufstellen - auch in Deutschland. Gespräche gibt es unter anderem mit den Berliner Wasserbetrieben. Auf Facebook versucht die Organisation außerdem, bis Oktober 10.000 Likes zu bekommen für die Forderung "Wir wollen Trinkwasser auf Bahnhöfen". Im Oktober sollen die digitalen Unterschriften an die niederländische Bahn gereicht werden. Bisher allerdings laufen die Gespräche schleppend - schließlich ist Wasser auch ein Geschäft. Ein Gratis-Wasserhahn würde den Kiosken auf den Bahnhöfen Konkurrenz machen.

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1. Geschäft mit Wasser
seldon-x 07.09.2012
1. Das Wasser kommt in D-Land in hoher Qualität aus der Wand. Trotzdem stehen in vielen öffentlichen Gebäuden/Unternehmen Wasserspender. Der Preis von Leitungswasser beträgt nur den Bruchteil dessen, was die Spender bzw. die Flaschen kosten: Eine Gallone mit einem Inhalt von 18,9 Litern Wasser kostet ca. 10,-- €. Das bedeutet einen Preis von 52 Cent je Liter Gallonenwasser. Darüberhinaus kostet die Zapfanlage noch eine monatliche Miete und erfordert die Gallonenversorgung auch eine gewisse Logistik, da die Gallonen rechtzeitig nachbestellt werden müssen. Aus dem Hahn kostet ein m³ (1000l ) ca. 2,50 Euro, der Liter also 0,25 ct. 2. Gallonensysteme sind hygienisch bedenklich: http://www.stern.de/wissen/ernaehrung/wasserspender-verkeimtes-kuehles-nass-551649.html 3. Es ist ökologisch unsinnig, Wasser, das anderswo aus dem Netz gezapft wird, per LKW durch halb Deutschland zu karren!: (abgesehen von den Plastikflaschen usw…) http://www.bottled-life.com/ http://www.youtube.com/watch?v=Se12y9hSOM0 4. Meißt ist ein fragwürdiger Monopolist (Nestle) Nutznießer des Wasserhandels: http://www.geozeit.de/?id=449 Die Initiative in Holland ist nur zu begrüßen!!
2. öffentliche Süffelbrunnen
gg0815 07.09.2012
gab es bereits in den 70'er Jahren in Magdeburg. Wie ich letzten Winter feststellen konnte stehen da immer noch einige im Stadtzentrum. Das waren/sind kleine nicht hässliche Edelstahlbrunnen die via ca 10cm hoher Fontänen dem Durstigen das Wasser anbieten. Mich hat eh gewundert das das keine Nachahmer fand. Allerdings war auch das Trinkwasser in Magdeburg zumindest damals von einzigartiger Qualität.
3. tolles Land
mischamai 07.09.2012
die Holländer sind immer schon etwas aufgeweckter als wir.Eine gute Idee mit Pfiff,wenn wir schon nicht auf solche einfachen Ideen kommen sollten wir es einfach nachmachen.
4.
Stäffelesrutscher 07.09.2012
Zitat von gg0815gab es bereits in den 70'er Jahren in Magdeburg. Wie ich letzten Winter feststellen konnte stehen da immer noch einige im Stadtzentrum. Das waren/sind kleine nicht hässliche Edelstahlbrunnen die via ca 10cm hoher Fontänen dem Durstigen das Wasser anbieten. Mich hat eh gewundert das das keine Nachahmer fand. Allerdings war auch das Trinkwasser in Magdeburg zumindest damals von einzigartiger Qualität.
Mich wundert das nicht. In den 70er Jahren war Magdeburg DDR. Und eher riskiert die BRD den Öko- und Fettkollaps, als zuzugeben, dass nicht alles schlecht war ... Aber es geht natürlich ums Geld. Für einen Spottpreis (z. B. Pfand 15 Cent) bekommt man eine extrem praktische 0,5-Liter-Plastikflasche, die man dann immer wieder auffüllen könnte. Pech für die Konzerne, die mit Malaqa oder wie dieses von einem Fernsehfuzzi beworbene Produkt heißt, bisher einen Riesenprofit machen.
5.
TimmThaler 07.09.2012
Das würde sich doch in D nie flächendecken durchsetzen. Wenn eine Getränkeindustrie erfolgreich gegen Werbeverbote für Alkohol vorgeht und die Ampelkennzeichnung ihrer Zuckerwasserbomben verhindert, wird sie sowas doch nicht durchgehen lassen.
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Zum Autor
  • Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist freier Journalist. Er berichtet aus den Niederlanden und aus Südafrika unter anderem für SPIEGEL ONLINE. Zuvor arbeitete er als Reporter in Afrika und als Journalist in Süddeutschland.