Ein rätselhafter Patient: Fiebrig und gelähmt
Ein junger Mann aus Pakistan fiebert und wird immer dünner und schwächer. Eine Therapie mit Antibiotika hilft ihm kaum. Erst als er sich nicht mehr kämmen und Knöpfe kaum noch schließen kann, sucht er Rat bei Ärzten. Die finden die ungewöhnliche Ursache im Rückenmark des Patienten.
Kernspin-Bild der Halswirbelsäule: Woher kommen die Flecken im Rückenmark (s. Pfeile)?
Der Mann ist schwach. Er ist erst 28 Jahre alt, doch seit Monaten baut er ab. Das dauernde Fieber macht den Mann aus Pakistan müde und schläfrig, er fühlt sich kraftlos. Seine Temperatur ist meist leicht erhöht, aber er misst nicht regelmäßig. Zwölf Wochen lang hält er das Fieber aus, in der Hoffnung, er werde von allein wieder gesund. Schließlich sucht er sich doch Hilfe bei einem Arzt. "Typhus" lautet die Diagnose des Mediziners. Gegen die Durchfallkrankheit, die durch bestimmte Salmonellen ausgelöst wird, schluckt der Patient seither Antibiotika. Das Fieber verschwindet, ansonsten geht es ihm aber kaum besser.
Sorgen bereitet dem jungen Mann, dass er seine Arme und Beine nicht mehr so bewegen kann wie früher. Das liegt nicht nur daran, dass er dünn und müde geworden ist. Wenn er versucht, die Knöpfe seiner Hose zu schließen oder sich die Haare zu kämmen, schafft er das kaum noch. Auch seine Beine werden immer schwächer. Er geht seltener zu Fuß, sich an- und auszuziehen fällt ihm schwer, seine Hände und Arme fühlen sich taub an. Unter Inkontinenz leidet der 28-Jährige nicht.
Als die Ärzte im pakistanischen Karachi ihren Patienten untersuchen, fällt ihnen ein deutlich messbarer Kraftverlust in den Unterarmen und Händen, den Unterschenkeln und Füßen auf, die schlaff und kraftlos wirken. Die Muskeln am Daumen und in der Handinnenfläche rechts sind bereits verkleinert.
Die Reflexe an Armen und Beinen geben Aufschluss: Streichen die Ärzte fest an der unteren Außenseite des Fußes entlang, hebt sich unwillkürlich die Großzehe. Diesen Reflex, der bei dem Mann auf beiden Seiten auftritt, bezeichnen Neurologen als positives Babinski-Zeichen. Es deutet darauf hin, dass Nervenbahnen im Zentralen Nervensystem - also im Gehirn und Rückenmark - gestört sind.
Entzündung im Rückenmark - aber woher?
Aufgrund der beidseitigen Muskelschwäche und Taubheit entscheiden sich die Mediziner zu einer Kernspintomografie der Halswirbelsäule. Im Rückenmark verlaufen auf dieser Höhe sowohl die motorischen als auch die sensiblen Nervenbahnen für Arme und Beine. Tatsächlich werden die Ärzte fündig: In den Kernspin-Aufnahmen entdecken sie weiße Flecken im Rückenmark, das auf den angefertigten Bildern eigentlich dunkelgrau aussehen müsste. Sie beschreiben die Veränderungen im "Journal of Medical Case Reports" als "knotige, unscharfe Signalverstärkung im Rückenmark und Rückenmarkskanal". Zudem erscheint das Rückenmark durch eine Wasseransammlung leicht angeschwollen.
Diese Veränderungen erklären, warum der Mann offenbar unter einer Störung des zentralen Nervensystems leidet. Was die Bildung des Herdes ausgelöst hat, wissen die Neurologen noch nicht.
Die Ärzte denken aufgrund der Bilder an einen entzündlichen Prozess: Es könnte sich um Multiple Sklerose oder einen Tuberkulose-Herd, aber auch um einen Tumor handeln. Sie entnehmen dem Patienten Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal. Darin schwimmt eine leicht erhöhte Zahl von Entzündungszellen, viel zu viel Eiweiß und zu wenig Glukose. Diese Konstellation ist typisch für eine Tuberkulose, weshalb die Ärzte im Labor nach dem Erreger suchen lassen. Der Nachweis gelingt: Im Liquor befindet sich das Mycobakterium tuberculosis - damit steht die Diagnose einer sogenannten Neurotuberkulose fest.
"Eine Neurotuberkulose ist fast immer Ausdruck einer systemischen Tuberkulose-Infektion", schreibt die Deutsche Gesellschaft für Liquordiagnostik und Klinische Neurochemie. Die Infektion gehe praktisch immer von einem Streuherd etwa in der Lunge aus. Insgesamt ist eine Neurotuberkulose eher selten, etwa vier von fünf Tuberkulose-Patienten haben einen Infektionsherd in der Lunge. Die Betroffenen leiden dann typischerweise unter Husten, Fieber, Müdigkeit und später Atemnot.
Der pakistanische Patient bekommt eine antibiotische Kombinationstherapie. Die hilft ihm erstaunlich schnell: Seine Symptome und der Herd im Rückenmark bilden sich komplett zurück, ohne dass er operiert werden muss. Dabei sei ein chirurgischer Eingriff mit nachfolgender Antibiotika-Therapie die häufigste Behandlung in solchen Fällen, schreiben die Autoren und stellen zur Diskussion, ob eine konservative Therapie möglicherweise zunächst ausprobiert werden sollte, bevor ein Kranker operiert werde.
Kernspin-Aufnahmen liefern faszinierende Einsichten unter die Haut - aber nicht immer sind sie leicht zu deuten. Haben Sie den Radiologenblick, verstehen Sie die Strahlenbilder? Testen Sie es im Bilderquiz.
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- Samstag, 08.12.2012 – 14:03 Uhr
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- Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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