Epidemie in Europa: Tickende Bombe Tuberkulose

Tuberkulose? Heute kein Problem mehr, denken viele. Die Realität sieht anders aus: Immer mehr Menschen infizieren sich auch in der EU mit antibiotikaresistenten Erregern. Wissenschaftler warnen vor Milliardenkosten und fordern mehr Forschungsgeld.

Tuberkulose-Bakterien unter Mikroskop: Viele Resistenzen gegen Antibiotika Zur Großansicht
CDC/Janice Carr

Tuberkulose-Bakterien unter Mikroskop: Viele Resistenzen gegen Antibiotika

In den Köpfen vieler Menschen gilt Tuberkulose als eine Krankheit der Armen, als eine längst besiegte Krankheit. Tatsächlich aber trotzen die bakteriellen Erreger immer häufiger Impfungen und Medikamenten. Die Krankheit beginnt, sich erneut unaufhaltsam über die Welt zu verbreiten.

Noch gilt Tuberkulose vor allem als Problem Afrikas, ein Großteil der weltweit infizierten Menschen erkrankt auf dem Kontinent. Darauf ausruhen sollte sich die europäische Gesundheitspolitik jedoch nicht: Europa steuert laut einer aktuellen Studie der Universität Kiel auf eine Tuberkulose-Epidemie zu, die das Gesundheitssystem viele Milliarden Euro kosten wird. Schon heute verursache die Versorgung von Infizierten in der EU jährliche Kosten von mehr als 500 Millionen Euro, warnen die Gesundheitsökonomen. Es sei dringend an der Zeit, dass Regierung und Pharmaindustrie handelten.

"Wir wissen, dass es sehr teuer ist, neue Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln", sagt Studienleiter Roland Diel. "Wenn man diese Kosten jedoch in Bezug zu den drohenden Ausgaben stellt, sind sie gerechtfertigt." Die wirtschaftliche Belastung durch die Krankheit würde die Kosten für die Forschung, um effektive Medikamente und Impfungen zu entwickeln, mehr als aufwiegen, prognostizieren die Wissenschaftler in ihrem Artikel im European Respiratory Journal. Um einen neuen, effektiven Impfstoff zu entwickeln, seien in der EU etwa 560 Millionen Euro notwendig.

107.700 Euro für die Behandlung eines Patienten

Für ihre Studie hatten die Forscher Literatur und Webseiten von Gesundheitsinstituten der 27 EU-Mitgliedsländer systematisch nach Informationen zur finanziellen Belastung durch Tuberkulose-Infektionen durchsucht. Dabei beschränkten sich die Wissenschaftler auf Daten aus dem Jahr 2011. Um die Kosten zu kalkulieren, spalteten die Forscher die Länder in zwei Gruppen.

Für die 15 langjährigen EU-Mitglieder plus Zypern, Malta und Slowenien kalkulierten sie durchschnittliche Kosten von 10.282 Euro pro herkömmlichen Tuberkulose-Infizierten, 57.213 Euro für die Behandlung und Versorgung einer Infektion mit multiresistenten Bakterien und 107.744 Euro für die Behandlung und Versorgung einer extrem resistenten Tuberkulose. In den anderen EU-Staaten setzten die Forscher die Behandlungskosten mit durchschnittlich 3427 Euro für die Standardbehandlung und 24.166 Euro für die multiresistenten Erreger vergleichsweise niedrig an.

Insgesamt summierten sich die Kosten der 2011 Infizierten innerhalb 2012 auf mehr als 536 Millionen Euro, schreiben die Forscher. Allerdings machten multiresistente Erreger nur einen extrem kleinen Anteil der insgesamt mehr als 70.000 Krankheitsfälle aus (1488 Menschen infizierten sich mit multiresistenten, 136 mit extrem resistenten Keimen). Das wird sich in Zukunft wahrscheinlich wandeln: "Was die Medikamentenresistenzen angeht, ist Tuberkulose eine Zeitbombe", sagte Diel. "Noch machen Infektionen mit resistenten Erregern nur einen relativ geringen Anteil aus, doch sie werden zunehmen - und mit ihnen die Kosten."

5,3 Milliarden Euro indirekte Kosten

Darüber hinaus kalkulierten die Forscher auch die Kosten, die durch die verlorenen Lebensjahre infolge der Krankheit entstehen - unter anderem durch Arbeitsausfälle. Die Summe, zusätzliche 5,3 Milliarden Euro in der EU, habe ihn am meisten schockiert, sagte Diel. "Die Menschen in vielen Teilen Europas glauben, dass Tuberkulose im Vergleich zu anderen Krankheiten nur eine kleine Rolle spielt. Tatsächlich aber sind die Kosten, die durch die Krankheit entstehen, äußerst hoch."

Allerdings sind die Zahlen mit etwas Vorsicht zu interpretieren: Für die Berechnung dieser indirekten Kosten nutzten die Forscher das international anerkannte Daly-Konzept (disability-adjusted life years) - ihrer Kalkulation lagen 103.104 Dalys durch Tuberkulose-Erkrankungen zugrunde. Die Methode wird unter Gesundheitsexperten als zu stark vereinfacht kritisiert, dafür erlaubt sie aber einen internationalen Vergleich der Belastung durch Krankheiten.

Tuberkulose zählt durch die zunehmende Verbreitung resistenter Bakterienstränge zu den größten Gesundheitsproblemen weltweit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich 2011 weltweit 8,7 Millionen Menschen mit Tuberkulose infiziert, 1,4 Millionen starben an der Erkrankung - die meisten von ihnen in Afrika. Damit bleibt die Lungenkrankheit unter den Top drei der übertragbaren Erkrankungen mit tödlicher Folge.

Auch in Deutschland bezeichnet das Robert Koch-Institut (RKI) die Tuberkulose als ernstzunehmendes Problem - zuletzt ist dieZahl der Neuerkrankungen bei Kindern gestiegen. Mit durchschnittlich 5,3 gemeldeten Fällen pro 100.000 Einwohner steht Deutschland im internationalen Vergleich jedoch noch relativ gut da.

irb/Reuters

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1.
Robert_Rostock 16.08.2013
Dazu passend eine Meldung aus Berlin: "Feuerwehr beseitigt Erbrochenes von Tuberkulose-Patienten Kurz vor 22 Uhr am Montagabend rief eine kranke Person an der Tramhaltestelle nahe dem S-Bahnhof Prenzlauer Allee einen Rettungswagen. Während des Einsatzes erbrach der Patient Blut. Der Rettungsdienst alarmierte sofort Feuerwehr und Polizei - denn die Person hatte "offene" Tuberkulose und war somit hoch ansteckend." Feuerwehr beseitigt Erbrochenes von Tuberkulose-Patienten (http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/prenzlauer-berg-in-berlin-feuerwehr-beseitigt-erbrochenes-von-tuberkulose-patienten/8630942.html) Schöne Aussichten...
2.
schnuffschnuff 16.08.2013
Zitat von Robert_RostockDazu passend eine Meldung aus Berlin: "Feuerwehr beseitigt Erbrochenes von Tuberkulose-Patienten Kurz vor 22 Uhr am Montagabend rief eine kranke Person an der Tramhaltestelle nahe dem S-Bahnhof Prenzlauer Allee einen Rettungswagen. Während des Einsatzes erbrach der Patient Blut. Der Rettungsdienst alarmierte sofort Feuerwehr und Polizei - denn die Person hatte "offene" Tuberkulose und war somit hoch ansteckend." Feuerwehr beseitigt Erbrochenes von Tuberkulose-Patienten (http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/prenzlauer-berg-in-berlin-feuerwehr-beseitigt-erbrochenes-von-tuberkulose-patienten/8630942.html) Schöne Aussichten...
Wieso darf so ein Patient frei herumlaufen?
3. sorry Pharmaindustrie
k.airo 16.08.2013
aber ich kenne (leider) genug Fälle von TBC. Die guten Medikamente für eine einjährige Behandlung bei erstklassigen Ärzten kostet nicht mehr als 1500 US$ (in Ägypten)
4. Gesundsheitezeugnis
shakan01 16.08.2013
Als ich mein erstes Gesundheitszeugnis gemacht habe, gab es noch den Tuberkulosetest (1998). Der wurde aus Kostengründen ja mittlerweile wegrationalisiert (offizielle Begründung: Tuberkulose ist in D ausgestorben). Leider habe ich selber in meiner Servicezeit im Studium erlebt, dass die meisten Küchenhilfen nicht aus D kommen, sondern teilweise aus Bangladesh und Indien, wo die Krankeheit durchaus noch vorkommt.
5. Es gab
heinz4444 16.08.2013
früher Reihenröntgenuntersuchungen und die wurden 1983 abgeschafft,nachdem Deutschland quasi TBC-frei war. In den letzten Jahrzehnten kamm die TBC über die Zuwanderer wieder nach Deutschland,weil die Politik es versäumt hat,Migranten untersuchen zu lassen.
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