Deutschland Kampf gegen Tuberkulose stockt

Kann es eine Welt ohne Tuberkulose geben? Deutschland ist beim Kampf gegen die gefährliche Infektionskrankheit in den vergangenen Jahren kaum vorangekommen. Dennoch verfolgt die WHO ein klares Ziel: Ausrottung bis 2050.

Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Elektronenmikroskop: Auch in Europa längst nicht ausgerottet
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Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis unter dem Elektronenmikroskop: Auch in Europa längst nicht ausgerottet


Berlin - Wer glaubt, Tuberkulose sei in Deutschland kein Thema, der irrt: Allein in Berlin sorgte die Infektionskrankheit seit Jahresbeginn immer wieder für Gesprächsstoff: Nachdem im Februar ein Lehrer an Tuberkulose, kurz TB, erkrankt war, mussten 80 Schüler eines Gymnasiums im Stadtteil Zehlendorf auf eine mögliche Infektion hin getestet werden, der Lehrer im Krankenhaus behandelt werden. Auch Verdachtsfälle in einer Flüchtlingsunterkunft hatte es gegeben.

Aktuelle Daten zeigen: Deutschland ist beim Kampf gegen die Krankheit zuletzt nicht groß weitergekommen. Im Vorfeld des Welt-Tuberkulose-Tages am Dienstag meldet das Robert Koch-Institut (RKI) 4318 TB-Fälle für 2013 in Deutschland. Das sind rund hundert Fälle mehr als 2012 und fast ebenso viele wie 2011. Damit erkrankten in Deutschland in den vergangenen Jahren jeweils etwas mehr als fünf von 100.000 Einwohnern an TB - wenig im Vergleich zu anderen Ländern.

Doch die Rate sinkt seit 2009 kaum noch und ging zuletzt wieder leicht nach oben. Um Ziele der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu erreichen, braucht es neue Bemühungen. Von diesem Jahr an verfolgt die WHO die Strategie "End TB". Die Vision ist eine Welt ohne Tuberkulose.

Ein Rahmenplan für Länder mit niedriger TB-Rate sieht für 2050 die Ausrottung vor. Weltweit sollen Todesfälle reduziert und die Behandlungskosten gesenkt werden. Die WHO hofft etwa auf einen neuen Impfstoff, der ab 2025 zur Verfügung stehen könnte. Der 1930 in Deutschland eingeführte Impfstoff BCG wird hierzulande seit Langem nicht mehr empfohlen: Er gilt als wenig wirksam.

Tuberkulose
Erreger
Das Mycobacterium tuberculosis hat eine Stäbchenform. Es wächst relativ langsam, ist säurefest und zählt zu der Familie der Mykobakterien, die unter anderem Lepra und Rindertuberkulose auslösen. Das Mycobacterium tuberculosis dringt vor allem durch eine Tröpfcheninfektion über die Atemwege, die Schleimhäute und die Lungenbläschen in Blut und Organe des Menschen ein.
Krankheit
Tuberkulose ist eine chronische Infektionskrankheit mit weltweiter Verbreitung. Erkrankt der Infizierte direkt nach der Ansteckung, spricht man von Primärtuberkulose. Häufig kapseln sich die Erreger ab (geschlossene Tbc) oder brechen in das Bronchialsystem ein (offene Tbc). Fieber, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust und Husten sind typische Symptome.

Bei etwa jedem Zehnten bricht die Erkrankung erst zu einem späteren Zeitpunkt aus, dann führen oft blutiger Auswurf und Husten zur Diagnose. Der Betroffene ist dann hoch ansteckend. Die Bakterien können später auch Organe wie die Haut, Knochen, Darm oder Gehirn befallen. Für die Therapie der unkomplizierten Tuberkulose setzen Ärzte normalerweise zwei Monate lang vier Antibiotika ein (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid). Über weitere vier Monate folgt eine Zweierkombination aus Isoniazid und Rifampicin.
Tbc und HIV
Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders anfällig für das Mycobacterium tuberculosis. Eine Tuberkulose-Infektion ist daher die häufigste Todesursache bei HIV-Infizierten in Afrika. Sie haben ein 20- bis 30-fach größeres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken als HIV-Negative.

Eine zentrale Rolle zur Eindämmung von TB spielt der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD). Doch der ist nicht nur in Berlin unterbesetzt: Das dortige Tuberkulose-Zentrum etwa, in dem routinemäßig alle Asylbewerber vor ihrem Einzug in eine Gemeinschaftsunterkunft auf die Erkrankung getestet werden, arbeitet seit Monaten am Limit. Flüchtlinge müssen lange auf die Untersuchung warten, die Einschulung von Kindern verzögert sich. Oft stammen sie aus Ländern mit ungenügender Gesundheitsversorgung. Mehr als die Hälfte der 2013 beim RKI gemeldeten TB-Patienten war im Ausland geboren.

Multiresistente TB-Erreger weit verbreitet

Wer erkrankt sei, müsse frühzeitig diagnostiziert werden, um weitere Ansteckungen zu verhindern, sagte der Mediziner Karl Schenkel vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK). Gerade in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind multiresistente Formen der Tuberkulose verbreitet: Diese entstehen insbesondere durch abgebrochene oder falsche Therapien.

Bereits die normale TB-Behandlung ist sehr aufwendig: Patienten müssen ein halbes Jahr lang vier Arten Antibiotika einnehmen. Je länger die Behandlung dauert und "je schwererer die Geschosse", desto eher nehmen Patienten ihre Medikamente nicht regelmäßig, sagt der Infektionsbiologe Stefan Kaufmann, Direktor der Abteilung Immunologie am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. "Dadurch entstehen weitere Resistenzen."

Für den korrekten Einsatz zweier Antibiotika, die 2014 auf den Markt kamen, werden Mediziner aus Lettland, Litauen, Rumänien, Bulgarien und anderen besonders betroffenen Ländern in Deutschland geschult. Die erste Zulassung neuer TB-Medikamente seit Jahren wertet Kaufmann durchaus als Erfolg. Grund aufzuatmen sieht er aber nicht: Die Mittel seien vor allem für Patienten ein Strohhalm, die an der multiresistenten TB-Form erkrankt sind - weltweit rund 480.000 Menschen jährlich, in Deutschland etwa hundert im Jahr 2013. Die Heilungschancen lägen bei 50 Prozent - bei einer zweijährigen Behandlungszeit.

Forschung an Impfstoffen

Kaufmann befürchtet eine Art Nachhaltigkeitsproblem: "Alle Wirkstoffe, die wir heute verwenden, werden unseren Kindern fehlen. Jedes neue Mittel ist zwar gut, aber voraussichtlich nur temporär." Er forscht auch an neuen Impfstoffen - ein gutes Dutzend wird seiner Einschätzung nach aktuell in klinischen Studien untersucht. Nur damit lasse sich die Krankheit in den am stärksten betroffenen Regionen langfristig ausrotten.

Für Regionen mit sehr hohen Infektionsraten gibt es aber womöglich bedeutendere Optionen, an denen ebenfalls gearbeitet wird: Methoden, die zeigen, bei wem die Krankheit tatsächlich ausbricht. Patienten könnten dann vorbeugend behandelt werden, denn in bis zu 95 Prozent der Fälle gelingt es dem Immunsystem, den Erreger beim ersten Kontakt zu kontrollieren. Es kommt zu einer latenten tuberkulösen Infektion ohne Symptome.

Hausärzten hierzulande begegnet das TB-Krankheitsbild nur äußerst selten, sagte Karl Schenkel vom DZK. Auch das spreche dafür, die Rolle des ÖGD zu stärken. Neben Flüchtlingen sind es nach Angaben Schenkels auch EU-Bürger ohne Versicherungsschutz, die in Hinblick auf TB besser versorgt werden müssten. Denn, so sieht es das RKI in einem neuen Bericht, durch Migration und Mobilität sind Regionen mit niedriger und hoher TB-Rate näher zusammengerückt.

cib/dpa



insgesamt 9 Beiträge
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Maulwürfin 23.03.2015
1.
Außerdem gibt es die Patienten mit alten Infektionen aus dem Krieg oder der Kriegsgefangenschaft die bei entsprechender Schwächung des Immunsystems wieder ausbrechen können. War bei meinem Großvater der Fall. KnochenTBC aus der Kriegsgefangenschaft brach nach ner HüftOP wieder aus und sie haben viel zu lang gebraucht um es zu erkennen mit drastischen Folgen. Ich dachte allerdings dass man TBC nicht ausrotten kann da die Erreger Jahrhunderte im Boden überdauern können. Zt macht dies bei archäologischen Untersuchungen mittelalterlicher Gräberfelder Ganzkörperschutz erforderlich.
analyse 23.03.2015
2. Ganz unabhängig vom Krieg war die Tuberkulose früher weit verbreitet!
Dank besserer Hygiene,guter Ernährung, Tilgung der Rinder-TBC (70 % der Kindertuberkulose waren verursacht durch Rindertuberklose)Rückgang der Geflügeltuberkulose durch die Käfighaltung(HIV-Kranke sind gefährdet),erfolgreicher Medikation ,ist die Tuberkulose selten geworden,aber nicht verschwunden. Besonders eingeschleppte multiresistente Erreger bleiben gefährlich !
JaIchBinEs 23.03.2015
3. Jeder 3. trägt den Erreger...
---Zitat von Wikipedia--- Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit Tuberkuloseerregern infiziert und jede Sekunde kommt ein weiterer Fall hinzu.. ---Zitatende---
butternut 23.03.2015
4. TB ausrotten?
Der Tbc-Erreger wird sich bis 2050 wohl kaum ausrotten lassen. Schätzungsweise jeder dritte Mensch trägt den Erreger in sich. Zum Glück meist eingekapselt und unter Kontrolle. Aber Länder mit niederiger Tbc-Rate sind Länder, die Migranten aus armen Regionen anziehen. Und von dort strömen regelmäßig Tbc-Kranke mit multiresistenten Erregern nach. Ein Tbc-Impfstoff wird definitiv von hunderttausenden grünen/esoterischen Müttern boykottiert werden. PS: Über 1 Million Menschen stirbt jährlich an diesem Erreger. Nimmt man die AIDS-Kranken dazu, die an Tbc sterben, dann sind das noch mal etwa eine halbe Million mehr.
gägge 23.03.2015
5. Wenn ich meinen Senf dazu geben darf ?
Verbreitet scheint eine Verwechslung des Bergiffes TB vorzuliegen. Tuberkulose ist Mycobacterium Tuberculosis, der Kochsche Bazillus, auch BK oder KB abgekürzt. Es gibt hunderte verschiedener Mycobacterien. Sie haben gemeinsam, dass sie keine feste Zellhaut haben, was ihre Bekämpfung sehr erschwierigt. Ich bin nicht Arzt, bin Patient. Vor zwei Jahren hustete ich viel Blut, und wurde als Tuberkulose-Verdächtiger isoliert. War aber keine. Dann wurde ich vorsichtshalber gegen Aspegillose behandelt. Ich hatte eine gehabt, aber hatte sie bereits selbst überwunden. Weil das Medikament keine Besserung brachte und ich anfing Blut zu brechen, hat man's abgesetzt. Nach einem Jahr kam heraus, dass es Mycobacterium Xenopi ist, ein seltenes Viech das hauptsälich AIDS-Kranke angreift. Ich bin jedoch AIDS-negativ :-) . Xenopi sei nicht zwischen Menschen übertragbar, sei jedoch zu etwa 70% tödlich, innerhalb 16 Monaten. Ich wurde in ein Forschungsprogramm der Uniklinik Amiens aufgenommen (Ich lebe in Frankreich), bekam drei Antibiotika gleichzeitig, volle Dosis, voraussichtlich für mindestens 18 Monate. Eines musste man absetzen weil es mir beide Augennerven am Eingang ins Hirn abfrass. Ein Anderes wurde abgesetzt weil es mich in einen wiklich unguten Zustand versetzte, Kaugummi, Kleingemüse, Verdächtnisverluste. Derzeit nehme ich nur noch zwei Antibiotika, volle Dosis, brings jedoch leider oft nicht fertig, weil ich jeden Tag von Frühmorgen bis Nachmittag huste und speie. Info : Ich muss bereits seit Jahren wegen anderen Wehwehs viele Medikamente nehmen. Schwerbehindert, mehrfache Rückgrats-Blemer, Arnold, C2-C7 kaputt, D1 gebrochen, L3 bis S kaputt, und andere Nervenschäden) Dies hatte wahrscheinlich mein Immunitätssystem derart geschwächt, dass der Xenopi Überwasser bekam. Wann, wo und wie ich dieses Scheissviech eingefangen hatte, ist nicht bekannt. Das kann schon jahrzehtelang her sein. Falls diese Mitteilung jemandem helfen kann ?
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