Trendumkehr Zahl der Tuberkulose-Fälle in Deutschland steigt

Die Zahl der Tuberkulose-Fälle ist in Deutschland 2015 um 30 Prozent gestiegen. Ein Grund dafür sind gründliche Untersuchungen an Flüchtlingen. Eine Gefahr für die Bevölkerung sehen Experten nicht.

Röntgenbild zur Tuberkulose-Abklärung
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Röntgenbild zur Tuberkulose-Abklärung


Die Tuberkulose begleitet den Menschen seit Jahrtausenden, eindämmen konnte er sie bislang nicht. Jetzt ist die Zahl der Betroffenen auch in Deutschland wieder gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr diagnostizierten Ärzte 2015 rund 30 Prozent mehr Fälle. Trotzdem bleibt die Infektion hierzulande eine Ausnahmeerkrankung.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) stieg die Zahl der Betroffenen hierzulande auf 5865 Fälle. Ein Grund dafür: Bei Aufnahmeuntersuchungen für Asylbewerber verdreifachte sich innerhalb von einem Jahr die Zahl der Erkrankungen auf rund 1250 (Stichtag: 1. März 2016). Demnach erkrankten aber auch mehr als 4000 Menschen außerhalb des Asylbewerber-Umfeldes.

"Erstmals seit Mitte des 20. Jahrhunderts erleben wir in Deutschland eine Umkehr des bislang rückläufigen Tuberkulosetrends", ordnet RKI-Expertin Lena Fiebig die Zahlen ein.

Weitere Risikogruppen: Obdachlose, Ältere, HIV-Infizierte

Bei ihrer Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft ist ein Großteil der Flüchtlinge dazu verpflichtet, sich die Lunge röntgen zu lassen, um eine noch nicht diagnostizierte Tuberkulose zu erkennen. Ziel ist nicht nur, den Betroffenen eine Therapie anzubieten, sondern auch andere Flüchtlinge in den engen Massenunterkünften vor einer Ansteckung zu schützen.

Für den Rest der Bevölkerung sehen Experten daher durch Asylbewerber kein erhöhtes Ansteckungsrisiko. "Bei uns ist die Tuberkulose eine sehr seltene Krankheit. Sie wird in absehbarer Zeit auch durch den Zuzug von Migranten nicht zu einer häufigen Infektionskrankheit in Deutschland werden", sagt Christoph Lange vom Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein.

"Sie und ich erkranken zwar heute kaum mehr daran", sagte der Vizepräsident des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) in Berlin, Martin Priwitzer. "Aber es sind Risikogruppen übrig geblieben, darunter alte Menschen, Obdachlose, HIV-Infizierte, Suchtkranke und eben auch Zuwanderer aus Ländern mit viel mehr TBC."

1,1 Millionen Todesfälle jährlich

Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird und meist die Lunge befällt. Langfristig gesehen ging die Zahl der Erkrankungen von 1990 bis 2014 um 42 Prozent auf geschätzte 9,6 Millionen zurück. Die Zahl der Todesfälle hat sich seither fast halbiert, trotzdem sterben jährlich weltweit noch 1,1 Millionen Menschen an den Folgen der Infektion - fast so viele wie an Aids.

In Ländern mit einer niedrigen Tuberkulose-Rate wie Deutschland sieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor, die Erkrankung bis 2050 auszurotten. Dafür hofft die WHO unter anderem auf einen neuen Impfstoff, der ab 2025 zur Verfügung stehen könnte. Der 1930 in Deutschland eingeführte Impfstoff BCG wird hierzulande seit Langem nicht mehr empfohlen. Er gilt als wenig wirksam.

irb/dpa



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