Ein rätselhafter Patient: Kleines Mädchen mit weißer Pupille

Weiße Pupille: Das zweijährige Mädchen kann mit dem linken Auge kaum noch sehen Zur Großansicht
The New England Journal of Medicine

Weiße Pupille: Das zweijährige Mädchen kann mit dem linken Auge kaum noch sehen

Ein seltsamer Lichtreflex im Auge führt ein kleines Mädchen in eine Universitätsklinik. Das Kind schielt leicht und kann auf dem einen Auge kaum noch etwas sehen. Der Augapfel ist verkalkt, die Netzhaut löst sich ab. Den Ärzten bleibt für die Therapie nur eine Möglichkeit.

Als das kleine Mädchen zu den Ärzten an der Universitätsklinik im malaysischen Kuala Lumpur kommt, sind die Veränderungen kaum noch zu übersehen: Die linke Pupille der Zweijährigen ist nicht schwarz, sondern hell, fast weiß, zarte rosa Gefäßstreifen überziehen den Fleck. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass das linke Augenlid leicht herabhängt. Das Mädchen hat einen Silberblick.

Die Ärzte untersuchen das Kind und testen sein Sehvermögen: Die Sehschärfe des Mädchens ist deutlich herabgesetzt. Nun spiegeln die Mediziner den Augenhintergrund und entdecken, dass sich die Netzhaut (Retina) am linken Auge ablöst. Das Mädchen droht zu erblinden.

Die Augenärzte hegen bereits einen Verdacht, sie schieben das Kind in den Kernspintomografen. Auf den Schichtaufnahmen des Kopfes zeigen sich deutliche Kalkablagerungen mitten im Augapfel. Für die Ärzte, die über den Fall im "New England Journal of Medicine" berichten, steht nun fest: Das Mädchen hat ein sogenanntes Retinoblastom, einen bösartigen Tumor der Netzhaut.

Die Krebserkrankung ist selten, sie trifft auch in Deutschland nur etwa eines von 18.000 Kindern. Das Tückische aber ist: Der Tumor wächst lange Zeit unbemerkt, er bereitet zunächst keine Schmerzen und löst kaum sichtbare Veränderungen aus. Wird der Tumor nicht behandelt, führt er fast immer zum Tod. Im Stillen kann er sich über den Augapfel und die Augenhöhle entlang des Sehnervs bis ins Gehirn fortpflanzen und über das Blut und die Lymphflüssigkeit auch andere Organe erreichen.

Nur kleine Kinder erkranken

Das malaysische Mädchen verliert sein krankes Auge. Die Ärzte haben keine andere Wahl, sie müssen das mit Krebszellen bewucherte Auge entfernen. Doch das Kind hat Glück im Unglück: Bei der Untersuchung des Gewebes stellen die Mediziner fest, dass sich der Tumor nicht auf den Sehnerv ausgebreitet hat, sondern nur begrenzt im Augapfel gewachsen ist. Damit hat das Kind eine gute Prognose.

Frühzeitig erkannt und therapiert überleben mehr als 95 Prozent der Patienten. Kinder erkranken fast ausschließlich in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren, denn die Tumorzellen gehen von unreifen Netzhautzellen aus. In mehr als zwei von drei Fällen ist nur ein Auge betroffen, mitunter wuchern aber auch in beiden Augen Krebszellen - dann liegt meist eine Häufung in der Familie vor. Im Durchschnitt sind die Kinder mit einseitigem Retinoblastom 23 Monate alt, wenn die Diagnose gestellt wird, beim beidseitigen Befall nur 12 Monate.

Die Kinder-Augen-Krebs-Stiftung listet sechs Warnzeichen auf, die auf ein Retinoblastom hinweisen können:

  • Eine weiße Pupille. Diese fällt häufig erst auf Fotos auf, wenn das eine Auge bei einem Blitzlicht-Bild rot, das andere wie bei einer Katze weiß leuchtet.
  • Eine fehlende rote Pupille auf Blitzlicht-Bildern
  • Schielen oder ein Silberblick, der vorher nicht da war
  • Verschlechtertes Sehvermögen
  • Veränderte Farbe der Iris (Regenbogenhaut)
  • Rotes, entzündetes, schmerzendes oder geschwollenes Auge, ohne dass eine Infektion vorliegt.

Für das malaysische Mädchen kommt die Hilfe noch rechtzeitig: Auch fünf Jahre nach der Operation ist es gesund. Der Tumor ist weder auf der betroffenen Seite im Sehnerv aufgetreten noch im anderen Auge. Damit gilt das Kind als geheilt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Rätselhaft?
fmhummel 04.08.2012
Zitat von sysopThe New England Journal of MedicineEin seltsamer Lichtreflex im Auge führt ein kleines Mädchen in eine Universitätsklinik. Das Kind schielt leicht und kann auf dem einen Auge kaum noch etwas sehen. Der Augapfel ist verkalkt, die Netzhaut löst sich ab. Den Ärzten bleibt für die Therapie nur eine Möglichkeit. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,847748,00.html
Dieser Tumor ist vielleicht nicht sehr häufig, aber keinesfalls irgendwie rätselhaft und wird Medizinstudenten bereits im ersten Semester als Beispiel rauf und runter vorgebetet. Alle anderen dürften ihn von Peter Falk her kennen.
2.
secondakira 04.08.2012
Interessanter Artikel, aber mir erschließt sich gerade nicht, inwiefern der Fall "rätselhaft" war... Klingt nämlich eher so, als hätten die Ärzte von Anfang an den richtigen Verdacht gehabt, diesen bestätigt, und dann entsprechend der üblichen Behandlungsmethode gehandelt
3. Klicks braucht das Land
elkayes 05.08.2012
Wenn man statt "rätselhaft" "normal" schreiben würde, würd ja keiner drauf klicken. Diese konstante klickhascherei auf spon ist schon stark nervig.
4. Diese Art von Tumor
evz 05.08.2012
ist die häufigste Form von Augentumor im Kindesalter. Ich selbst hatte einen im Alter von einem Jahr und seit dem ein Glasauge. An sich nichts ungewöhnliches.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.