Zuckerkrankheit vom Typ 1: Gentest macht Hoffnung auf Diabetes-Vorhersage

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Blutzuckermessung: Bei Neugeborenen soll ein neuer Gentest das Risiko bestimmen können

Zuckerkrank werden auch sportliche, schlanke Kinder: Beim Typ-1-Diabetes spielen genetische Faktoren eine Rolle. Ein neuer Erbanlagentest soll das Risiko jetzt bereits im Säuglingsalter einschätzen können. Doch das größte Problem bleibt: Der Ausbruch der Krankheit kann nicht verhindert werden.

Ein von Münchner Forschern entwickelter Gentest kann bereits bei Neugeborenen feststellen, ob ihr Risiko für Typ-1-Diabetes im Kindesalter stark erhöht ist. Mit Hilfe eines Punktesystems zeigt der Test ein erhöhtes Risiko für die seltenere Form der Zuckerkrankheit an, haben Münchner Wissenschaftler in einer Untersuchung herausgefunden. Vorerst gibt es die Analyse nur in weiteren Studien, langfristig soll sie aber dazu beitragen, den Ausbruch eines Typ-1-Diabetes sicher vorherzusagen, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Genes and Immunity". Um die Krankheit auch verhindern zu können, müssten die bisher nur im Tiermodell wirksamen Impfungen gegen die seltenere Variante der Zuckerkrankheit auch beim Menschen erfolgreich sein.

Beim Typ-1-Diabetes attackiert das körpereigene Abwehrsystem die Betazellen der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren. Während bei dieser selteneren Diabetesform die Insulinproduktion und -ausschüttung nicht mehr funktionieren, entwickeln die zahlreichen Typ-2-Diabetiker eine Insulinresistenz. Das bedeutet, dass die Körperzellen immer schlechter auf Insulin ansprechen. Der Körper kann dies lange Zeit durch eine vermehrte Freisetzung von Insulin ausgleichen. Doch irgendwann sind die insulinproduzierenden Beta-Zellen nicht mehr in der Lage, genügend Insulin bereit zu stellen. Dann entwickelt sich ein Typ-2-Diabetes. Ein Typ-1-Diabetes bricht dagegen aus, wenn etwa 80 bis 90 Prozent der Betazellen zerstört sind. Dann zeigen sich die Beschwerden: Bereits im Kindesalter nehmen die Patienten deutlich ab, leiden unter Krämpfen, Bauchschmerzen und ständigem Durst.

Gelänge es, den zerstörerischen Angriff des Immunsystems auf die Betazellen zu verhindern oder möglichst lange hinauszuschieben, wäre viel gewonnen. Doch dafür müsste einerseits das Risiko eines Kindes bekannt sein, an Typ-1-Diabetes zu erkranken. Andererseits bräuchten Mediziner Mittel, die das Immunsystem von seinen zerstörerischen Attacken abhalten.

Der Risiko-Test ist ein Anfang - nicht mehr

Der neu entwickelte Gentest könnte ein erster Schritt in diese Richtung sein. Er macht sich den starken genetischen Einfluss auf das Typ-1-Diabetesrisiko zunutze. Drei bis acht Prozent der Verwandten ersten Grades von Patienten entwickeln im Laufe ihres Lebens selbst einen Typ-1-Diabetes. Gegenüber Menschen ohne familiäre Belastung ist das Risiko damit um mehr als das Zehnfache erhöht. Durch den Erbgutvergleich von Gesunden und Menschen mit Typ-1-Diabetes haben Wissenschaftler in den zurückliegenden Jahren bereits ein Dutzend wichtiger Risikogene entdeckt.

"Jede einzelne Genvariante steigert das Erkrankungsrisiko jedoch nur um wenige Prozentpunkte", erläutert Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München. Für die körpereigene Abwehr entscheidende HLA-Gene spielen eine besondere Rolle. "Werden die HLA-Gene gemeinsam in Kombination mit den anderen zwölf Risikogenen betrachtet, wie das beim neuen Test der Fall ist, lässt sich die Genauigkeit der Vorhersage zu einer möglichen Typ-1-Diabeteserkrankung erhöhen", sagt Zieglers Kollege Peter Achenbach.

Fernziel: Risikotest und vorbeugende Therapie bei Neugeborenen

Für jede Genvariante gibt es beim neuen Risikotest einen Punkt. Da im menschlichen Erbgut jedes Gen doppelt vorliegt, ergibt das bei zwölf bekannten Risikogenen insgesamt 24 Punkte. Die Münchner Wissenschaftler haben in ihrer Studie den Risikotest darauf überprüft, wie gut er tatsächlich vorhersagt, ob ein Kind an Typ-1-Diabetes erkrankt: Demnach werden Kinder mit mehr als 15 Punkten und bestimmten genetischen Merkmalen mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent vor ihrem 13. Geburtstag an Typ-1-Diabetes erkranken. Kinder mit weniger als 12 Punkten dagegen erkrankten in der Studie nicht an Typ-1-Diabetes.

"Der große Vorteil ist, dass dieser Test bereits bei Neugeborenen erfolgen kann. Es ist also ein stark erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes zu einem Zeitpunkt feststellbar, zu dem noch keine Autoimmunprozesse begonnen haben", sagt Studienautorin Christiane Winkler. Doch so lange es noch keine Therapie gibt, um die Aktivitäten der körpereigenen Abwehr gegen die wichtigen Betazellen zu verhindern, wird der Risikotest nur in Studien eingesetzt. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Aussagekraft des Gentests noch verbessern lässt. "Bereits in der jetzigen Form kann dieser Test das Risiko eines Kindes, an Typ-1-Diabetes zu erkranken, besser vorhersehen, als es bislang allein durch die Betrachtung der HLA-Gene oder der Familiengeschichte möglich ist", sagt Peter Achenbach.

Impfergebnisse im Tierversuch sind vielversprechend

Falls irgendwann eine Impfung gegen Typ-1-Diabetes möglich sein sollte, könnte die Krankheit eventuell sogar ganz verhindert werden. Ziel einer Impfung wäre es, das Immunsystem an Insulin zu gewöhnen, so dass es sich nicht gegen die Betazellen wendet. Die Chancen stehen aus Sicht der Münchner Forscher nicht schlecht, denn im Tierversuch habe sich die Impfung bewährt. Seit Anfang 2010 testen Anette-Gabriele Ziegler und ihr Team in Zusammenarbeit mit Ezio Bonifacio vom DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) die Insulinimpfung bereits in einer Studie an Kindern. Ihre Hoffnung ist, Risikotest und Impfung in wenigen Jahren so weit zu bringen, dass die Zahl der derzeit 2400 neu an Typ-1-Diabetes erkrankenden Kinder in Deutschland sinkt.

Insulinimpfung
Für Mobilnutzer: Über diesen Link erfahren Sie mehr über die neuen Verfahren der Insulinimpfung und der Insulingabe.

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1. Massives Unwissen..
registermejay 25.10.2012
wird hier verbreitet: "Während beim sehr häufigen Typ-2-Diabetes die Insulinproduktion langsam versiegt, gehen beim Typ-1-Diabetes die Betazellen allmählich zugrunde." Das ist grundlegend falsch. Beim Typ-2-Diabetes versiegt die Produktion nicht, der Körper wird vielmehr resistent gegen das eigene Insulin. siehe auch: http://www.diabetes-facts.de/diabetes-wissen/diabetes-typ-2-symptome-anzeichen-definition/ Es lässt mich an den Rechercheuren des Spiegles schon zweifeln, wenn immer wieder hinsichtlich Diabetes falsche Fakten aufgeworfen werden. So wie unlängst zum verunglückten TSG Hoffenheim Mitspieler, der laut der Spiegel Redaktion ein "Insulinmessgerät" mit sich führte. Wenn dann misst man seinen Blutzucker und nicht das Insulin, da es ja ohnehin dosiert von außen zugeführt werden muss.
2.
Freizeit 25.10.2012
Zitat von sysopZuckerkrank werden auch sportliche, schlanke Kinder - beim Typ-1-Diabetes spielen genetische Faktoren eine Rolle. Ein neuer Erbanlagen-Test soll das Risiko jetzt bereits im Säuglingsalter einschätzen können. Doch das größte Problem bleibt: Die Krankheit kann nicht verhindert werden. Typ-1-Diabetes: Gentest soll Risiko für Zuckerkrankheit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/typ-1-diabetes-gentest-soll-risiko-fuer-zuckerkrankheit-a-863347.html)
Ich gratuliere der Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen. Mein aufrichtiger Glückwunsch gilt jedoch den Krankenversicherungen. Dieser medizinische Fortschritt hilft, die "schlechten Risiken" auszusortieren, bevor man mit ihnen versehentlich einen Versicherungsvertrag schliesst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen vor dem Abschluss einer Krankenversicherung einem solchen Gentest zustimmen müssen, oder bis sie (als erster Schritt) mit der Aussicht auf Rabatte geködert werden, sich testen zu lassen. Das sind die ersten Schritte, die Solidargemeinschaft der Versicherungen auszuhebeln. Toi Toi Toi, wenn Sie gesund sind!
3.
Freizeit 25.10.2012
Zitat von sysopZuckerkrank werden auch sportliche, schlanke Kinder - beim Typ-1-Diabetes spielen genetische Faktoren eine Rolle. Ein neuer Erbanlagen-Test soll das Risiko jetzt bereits im Säuglingsalter einschätzen können. Doch das größte Problem bleibt: Die Krankheit kann nicht verhindert werden. Typ-1-Diabetes: Gentest soll Risiko für Zuckerkrankheit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/typ-1-diabetes-gentest-soll-risiko-fuer-zuckerkrankheit-a-863347.html)
Ich gratuliere der Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen. Mein aufrichtiger Glückwunsch gilt jedoch den Krankenversicherungen. Dieser medizinische Fortschritt hilft, die "schlechten Risiken" frühzeitig auszusortieren, bevor man mit ihnen versehentlich einen Versicherungsvertrag schliesst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen vor dem Abschluss einer Krankenversicherung einem solchen Gentest zustimmen müssen, oder bis sie (als erster Schritt) mit der Aussicht auf Rabatte geködert werden, sich testen zu lassen. Das sind die ersten Schritte, die Solidargemeinschaft der Versicherungen auszuhebeln. Toi Toi Toi, wenn Sie gesund sind!
4. Eine derartig ideologisch vernagelte..
zodiacmindwarp 25.10.2012
Zitat von FreizeitIch gratuliere der Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen. Mein aufrichtiger Glückwunsch gilt jedoch den Krankenversicherungen. Dieser medizinische Fortschritt hilft, die "schlechten Risiken" frühzeitig auszusortieren, bevor man mit ihnen versehentlich einen Versicherungsvertrag schliesst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen vor dem Abschluss einer Krankenversicherung einem solchen Gentest zustimmen müssen, oder bis sie (als erster Schritt) mit der Aussicht auf Rabatte geködert werden, sich testen zu lassen. Das sind die ersten Schritte, die Solidargemeinschaft der Versicherungen auszuhebeln. Toi Toi Toi, wenn Sie gesund sind!
Einstellung ist einzigartig.Die Hauptsache für sie ist wohl, wir sind alle solidarisch krank,wollen die Wahrheit nicht wissen und die Kasse zahlt alles! Mit solidarischen Grüßen Zodiacmindwarp
5. Gut
bluemetal 25.10.2012
Mein 3jähriger Sohn fiel damals innerhalb eines Abends ins Koma und gerade noch konnte gerettet werden. Ich wäre über einen solchen Test im Vorfeld sehr Dankbar gewesen, hätte man sich doch dann mit möglichen Symptomen besser auseinandersetzen können. Wer keine Ahnung von dem Thema hat soll hier also bitte mal die Fresse halten und sich seines Lebens freuen. Es macht keinen Spass kleinen Kindern mehrmals täglich Blut anzunehmen und sie in den Bauch zu spritzen ! Ich wünschte eine zukünftige Impfung würde wenigstens anderen Kindern das ersparen.
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

Diabetes mellitus
Honigsüßer Durchfluss
Der Diabetes mellitus (wörtlich aus dem Griechischen: "honigsüßer Durchfluss"), umgangssprachlich Zuckerkrankheit genannt, ist eine chronische Stoffwechselstörung. Der Name bezieht sich auf den zuckerhaltigen Urin, an dessen Süße die Krankheit in der Antike erkannt wurde. Heute gilt Diabetes als Überbegriff für verschiedene Krankheitsbilder, die durch zu hohe Blutzuckerwerte, die Hyperglykämie, gekennzeichnet sind. Der Grund dafür ist, dass Traubenzucker (Glukose) wegen eines Insulinmangels nicht mehr in die Zellen aufgenommen werden kann und sich im Blut anreichert.
Typ-1-Diabetes
Beim Typ-1-Diabetes, von dem fünf bis zehn Prozent aller Zuckerkranken betroffen sind, zerstört das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Die Symptome des fortschreitenden Insulinmangels beginnen meist in der Kindheit oder der Jugend: Die Blutzuckerkonzentration steigt extrem an, es kommt zu starkem Wasser- und Nährstoffverlust, was ständigen Durst und häufiges Erbrechen zur Folge hat. Auch eine schnelle Gewichtsabnahme gehört zu den Symptomen. Als Therapie müssen die Diabetiker sich Insulin selbst spritzen. Als Ursache von Typ-1-Diabetes werden genetische Veränderungen vermutet.
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes wurde früher als Altersdiabetes bezeichnet. Im Zuge wachsender Zahlen übergewichtiger Menschen insbesondere in den Industrieländern erkranken aber immer öfter auch junge Menschen und inzwischen sogar Kinder am Typ-2-Diabetes. Falsche Ernährung gilt als die Hauptursache der Krankheit: Die großen Mengen von Zucker, die dem Körper zugeführt werden, kann die Bauchspeicheldrüse in jungen Jahren noch durch eine verstärkte Insulinproduktion wettmachen. Im Laufe der Zeit versiegt aber die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse und auch die Zellen werden unempfindlicher für das Insulin, sodass die Glukose immer schlechter abgebaut wird und sich im Blut anreichert.

Im Unterschied zum Typ 1 gibt es beim Typ-2-Diabetes lange keine eindeutigen Symptome wie etwa verstärktes Wasserlassen oder Durstgefühl, sondern eher unspezifische Anzeichen wie ein ständiges Hungergefühl, Gewichtszunahme, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit. Typ-2-Diabetes kann anfangs durch gesündere Ernährung, mehr Bewegung und Abnehmen bekämpft werden. Gelingt das nicht, sind später Medikamente zur Regulierung des Blutzuckers und auch eine Insulintherapie notwendig.
Verbreitung
Diabetes gehört schon heute zu den größten Volkskrankheiten und wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatisch ausbreiten. Schätzungen zufolge gibt es weltweit mehr als 150 Millionen Zuckerkranke, Tendenz stark steigend.

In Deutschland lebten laut Einschätzungen der DEGS Gesundheitsstudie des Robert Koch-Instituts 7,2 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren mit Diabetes, demnach sind 4,6 Millionen Personen betroffen. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist mehr als jeder Fünfte an Diabetes erkrankt (21,9 Prozent). Die Zahl der Erkrankungen ist zwischen 1997 und 2010 um 38 Prozent angestiegen, davon sind nur 14 Prozent durch die Alterung der Bevölkerung zu erklären.
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