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Übergewicht: Hilfe mit dem Skalpell ist das letzte Mittel

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Chirurgen: "Es ist ein lebensverändernder Eingriff, der viel Disziplin erfordert von den Patienten"

Operationen bei Übergewicht sind umstritten. Doch für Betroffene können sie ein Ausweg aus jahrelangem Frust bieten. Während Krankenkassen die Kosten beklagen, sehen Ärzte vor allem die Chancen: Das Risiko für Folgekrankheiten sinkt.

Berlin - Immer mehr Menschen mit Fettleibigkeit legen sich für eine Gewichtsreduktion unter das Messer. Nach Angaben der Krankenkasse DAK haben sich die Ausgaben für Magenoperationen bei stark übergewichtigen Patienten seit 2008 mehr als verdoppelt. Nicht nur die steigende Zahl, sondern auch die größere Anzahl immer komplexerer Eingriffe schlägt dabei zu Buche. Die Rede ist von Kostenexplosion und einer zu schnellen Entscheidung für lebensverändernde Operationen.

"Die Adipositas ist eine tödliche Erkrankung, die im Schlepptau schwerwiegende Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt mit sich führt", sagt Jürgen Ordemann, Leiter des Zentrums für Adipositas und Metabolische Chirurgie an der Charité in Berlin. "Es gibt kaum eine Möglichkeit, sich mit herkömmlichen Therapien von dieser Erkrankung zu befreien", stellt er klar. Die Zahl der Adipositas-Operationen steige nicht nur, weil es immer mehr stark Übergewichtige gibt und andere Therapien bei extrem fettleibigen Menschen versagen. Sie steige auch, weil diese Operationen sehr erfolgreich seien.

Magenband, Schlauchmagen oder Bypass

In Deutschland spielen dem Experten zufolge drei Verfahren eine Rolle: die Magenband-, die Schlauchmagen- und die Magenbypass-Operation. Das Magenband kann nachträglich wieder entfernt werden, wird jedoch in Deutschland wegen der schlechteren Wirksamkeit immer seltener angewendet. Bei der Schlauchmagen- und der Magenbypass-Operation wird der Magen verkleinert. Beim Magenbypass wird zusätzlich ein Bereich des Darms umgangen, so dass der Körper weniger Nahrung aufnimmt.

Diese beiden Verfahren beeinflussen auch die Stoffwechselsituation nachhaltig positiv. "Bestimmte Hormone, die Hunger und Sättigung steuern, werden im Magen selbst gebildet und verringern sich durch die teilweise Entfernung", erläutert Ordemann. "Somit verändern sich Hunger- und Sättigungsmechanismen, was dazu führt, dass adipöse Menschen weniger essen." Schlauchmagen und vor allem Magenbypass ermöglichen die größte Gewichtsabnahme, machen aber auch eine lebenslange Nachsorge und Nahrungsergänzung mit Vitaminen und Mineralstoffen erforderlich.

"Keine pauschale Empfehlung für ein Verfahren"

"Es gibt keine pauschale Empfehlung für ein bestimmtes Verfahren", betont der Chirurg. Jeder Patient müsse genauestens untersucht werden. Lebensstil, Ausmaß des Übergewichts, Begleiterkrankungen und der persönliche Wunsch des Patienten spielten eine Rolle. Die Entscheidung müssten Arzt und Patient gemeinsam treffen.

Die Krankenkasse kann die Kosten grundsätzlich ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 40 übernehmen, beziehungsweise bereits ab einem Wert von 35, wenn zusätzlich Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes bestehen. Voraussetzung ist zudem ein erfolgloser, ärztlich begleiteter Abnehmversuch mit Bewegung, Diät und Verhaltenstraining.

Hohe Hürden vor der OP

Ebenso muss mit Stellungnahmen des Hausarztes, des Chirurgen, gegebenenfalls eines Hormonspezialisten sowie eines Psychotherapeuten nachgewiesen werden, dass die Operation erfolgversprechend ist. Darauf weist Stephan Herpertz von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum hin. Patienten mit Operationswunsch sollten sich immer an ein qualifiziertes Adipositaszentrum wenden. "Hier wird am besten sichergestellt, dass Patienten die umfassende Vor- und Nachbehandlung erhalten, die im Rahmen einer solchen Operation erforderlich ist", erklärt Herpertz.

Längst nicht alle Anträge werden positiv beschieden. Von privater Finanzierung rät der Mediziner jedoch ab. Wenn Folgekosten entstehen, müsse der Patient auch diese tragen. "Eine Notfallbehandlung bei Komplikationen kann dann schnell finanziell ruinieren."

Keine Lifestyle-Operation

Viele behandelnde Zentren fordern einen leichteren Zugang für Adipositas-Patienten zu einer Operation. "Die meisten Patienten, die kommen, haben schon unzählige Diäten hinter sich", betont Christine Stier vom Exzellenzzentrum für Adipositas- und metabolische Chirurgie am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt am Main. Sie kämen, weil sie gesundheitliche Probleme haben.

"Adipositas-Operationen sind keine Lifestyle-Operationen, sondern eine glasklare Therapie, deren Wirksamkeit durch Studien gut belegt ist", unterstreicht die Expertin. Gefährliche Folgeerkrankungen der Adipositas wie Diabetes, Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall und das Risiko für einen dadurch bedingten früheren Tod ließen sich durch die operative Gewichtsreduktion erheblich senken.

"Mit Sicherheit ist das keine hundertprozentige Lösung, und es ist auch kein Knopfdruck, mit dem man die Patienten schlank macht", betont sie. "Es ist ein lebensverändernder Eingriff, der viel Disziplin erfordert von den Patienten."

Von Claudia Urban, dpa

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