Zwillingsstudie zu Infarkten Wie schädlich ist Übergewicht?

Zu viele Pfunde gelten als einer der größten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt. Ist es also nur eine Frage des Lebensstils - oder sind doch die Gene beteiligt? Eine Zwillingsstudie liefert Antworten.

Eineiige Zwillinge haben das gleiche Erbgut
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Eineiige Zwillinge haben das gleiche Erbgut

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Dicke Menschen erkranken häufiger am Herzen als Normalgewichtige, das ist bekannt. Neben Rauchen, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Diabetes zählt Übergewicht zu den größten Risikofaktoren für einen Infarkt.

Aber liegt das direkt an den Pfunden und dem Lebensstil der Betroffenen? Oder sind möglicherweise Gene dafür verantwortlich, die sowohl eine Neigung zu Übergewicht als auch ein erhöhtes Krankheitsrisiko bedingen könnten? Die Vererbung entscheidet über gut 50 Prozent des Body-Mass-Index' (BMI), so der Stand der Wissenschaft.

Um dies zu beantworten, analysierten Peter Nordström von der Universität in Umea und seine Kollegen Daten von gut 4000 Paaren eineiiger Zwillinge, die unterschiedlich viel wogen. Weil sich das Erbgut eineiiger Zwillinge gleicht, lässt sich mit ihrer Hilfe aufzeigen, wie stark der Anteil von Lebensstil beziehungsweise Genen tatsächlich ist. Deutliche Gewichtsunterschiede zwischen Geschwistern sind eben nicht auf die Veranlagung zurückzuführen, sondern spiegeln direkt unterschiedliche Gewohnheiten sowie Umweltfaktoren wider.

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Die Teilnehmer waren zu Beginn der Studie im Schnitt 58 Jahre alt, die Forscher begleiteten sie durchschnittlich zwölfeinhalb Jahre, wie sie im Fachblatt "Jama Internal Medicine" berichten. Die Wissenschaftler teilten die 8092 Probanden in zwei Gruppen: In einer waren jene, die mehr wogen als ihr Zwilling - in der anderen die mit dem niedrigeren Gewicht. In der schwereren Gruppe lag der Body-Mass-Index im Schnitt bei 25,9, also leicht im Übergewicht. In der leichteren Gruppe bei 23,9, also im Normalbereich. (Hier finden Sie einen BMI-Rechner.)

Bei den dickeren Zwillingen gab es mehr Sportmuffel, bei den dünneren dagegen mehr Raucher.

  • Im Verlauf der Studie erlitten 203 der schwereren Zwillinge einen Infarkt, bei den leichteren Geschwistern waren es 209. Das Infarktrisiko unterschied sich also nicht in den beiden Gruppen.

Selbst unter den Zwillingspaaren, bei denen der schwerere einen mindestens sieben Punkte höheren BMI hatte oder fettleibig war (BMI größer 30), erlitten die schwereren Geschwister nicht häufiger einen Infarkt als ihr leichterer Zwilling. Der Gewichtsunterschied beeinflusste also das Infarktrisiko nicht, wenn die Forscher Geschwister direkt miteinander verglichen.

  • Allerdings hatten die schwereren Zwillinge ein erhöhtes Diabetesrisiko: 345 von ihnen wurden zuckerkrank, in der leichteren Gruppe dagegen waren es 224.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass beim Zusammenhang zwischen Übergewicht und Herzinfarkt tatsächlich die zugrunde liegende Genetik eine entscheidende Rolle spielt - und nicht der Lebensstil. Wer abspeckt, könne sich demzufolge vor Diabetes schützen, aber nicht unbedingt sein Infarktrisiko senken.

Weil die Forscher die Probanden im Schnitt nur zwölf Jahre begleiteten, gilt diese Aussage auch nur für diese Zeitspanne. Es ist denkbar, dass über einen längeren Zeitraum auch die Zahl der Infarkte in der Gruppe der schweren Zwillinge steigt, eben weil mehr von ihnen einen Diabetes entwickelt haben. Denn die Zuckerkrankheit gilt selbst als Risikofaktor fürs Herzkreislaufsystem.

  • Ein weiteres Detail der Studie fällt auf: Während von den schweren Zwillingen 550 starben, waren es bei den leichteren 633 - also deutlich mehr.

Das sei auf eine Untergruppe zurückzuführen, teilt Forscher Nordström auf Anfrage mit: Die, in der beide Zwillinge höchstens einen BMI von 25 hatten. Möglicherweise hätten in dieser Gruppe überdurchschnittlich viele der dünneren Geschwister an Krankheiten gelitten, die bei Studienbeginn noch nicht erkannt worden waren, mutmaßen die Forscher. Oder das geringe Gewicht sei ein Anzeichen von Gebrechlichkeit gewesen. Krankheiten können ja mit Gewichtsverlust einhergehen.

Und schließlich verdeutlicht die Studie den schädlichen Effekt von Zigaretten: Der direkte Vergleich von Zwillingspaaren mit einem Raucher und einem Nichtraucher offenbarte, dass deutlich mehr Raucher frühzeitig starben. "Das ist ganz klar belegt: Nicht zu rauchen ist gut für die Gesundheit", sagt Nordström.

Zusammengefasst: Kurz bis mittelfristig scheint Übergewicht das Risiko eines Herzinfarktes nicht zu erhöhen - allerdings steigert es die Gefahr, an Diabetes zu erkranken. Darauf deuten die Ergebnisse einer schwedischen Zwillingsstudie, die auch einen bewährten Ratschlag untermauert: Nicht zu rauchen fördert die Gesundheit!



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