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Bekenntnisse eines Hirnchirurgen: "Patienten sollen nicht merken, wie nervös ich bin"

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Chirurgen am OP-Tisch: "Vor allem muss ich wissen, wann ich aufhören muss" Zur Großansicht
Corbis

Chirurgen am OP-Tisch: "Vor allem muss ich wissen, wann ich aufhören muss"

Wer in Gehirne schneidet, Menschen rettet und Kranke sterben lassen muss, kann bewegende Geschichten erzählen. Der Hirnchirurg Henry Marsh tut das in seinem Buch "Um Leben und Tod" besonders ehrlich - mit einem Hauch von Demut.

Der Tag, an dem Henry Marsh der schwangeren Melanie das Augenlicht rettet, ist gleichzeitig der Geburtstag ihres Babys. Nachdem der Hirnchirurg, der zu den erfolgreichsten Großbritanniens zählt, ihr einen Tumor an der Sehnervenkreuzung entfernt hat, holen die Geburtshelfer per Kaiserschnitt einen gesunden Jungen zur Welt. Die Mutter erwacht aus der Narkose - und sieht ihren Sohn.

Der Tag, an dem die kleine Familie ihr Glück kaum fassen kann, ist auch der Tag, an dem im Zimmer nebenan eine Patientin Mitte Fünfzig beginnt, aus dem Leben zu gleiten. Marsh hat auch sie operiert, direkt nach Melanie. Der Tumor in ihrem Kopf ist aber nicht klein und gutartig wie der von Melanie, er ist groß und gefährlich und hat sich bereits ausgebreitet. Kurz nach dem Eingriff reißt ein Blutgefäß im Gehirn der Frau - sie stirbt. "Wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit zusammen", sagt ihr Mann weinend.

Nicht schaden, sagt der Hippokratische Eid

Leben und Sterben, Anfang und Ende, Erfolg und Niederlage liegen in Henry Marshs Leben so nah beieinander wie nur bei wenigen Menschen. Über seine Arbeit hat der heute 65-Jährige ein so bewegendes wie lesenswertes Buch geschrieben, über das er im SPIEGEL spricht (lesen Sie hier das ganze Gespräch in der neuen Ausgabe). Es geht darin "Um Leben und Tod", so der deutsche Titel, um diese beiden Pole, die in seinem Alltag auf der neurochirurgischen Station im St. George's Hospital in London, im grellen Licht des OP-Saals oder im dunklen Schimmer eines Sterbezimmers ständig präsent sind. Und es geht um die ärztliche Aufgabe "zu nützen, oder doch wenigstens nicht zu schaden", so der Hippokratische Eid. Der Originaltitel "Do No Harm" ist daher treffender.

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In 25 Kapiteln erzählt Marsh von verschiedenen Patienten, die er operiert hat: Von der 32-Jährigen etwa, der er bei einem risikoreichen Eingriff erfolgreich ein Aneurysma im Kopf entfernt. Von dem jungen Augenchirurgen mit drei kleinen Kindern, den die zweite Operation an seinem bösartigen Hirntumor nicht mehr heilen, ihm aber vielleicht ein paar Lebensjahre bescheren kann. Oder von der Frau, die Marsh unter den neugierigen Blicken zahlreicher Ärzte in der Ukraine von ihrem sogenannten Tic douloureux befreit, bei dem der fünfte Hirnnerv heftige Schmerzen auslöst.

Das besondere an Marshs Erzählungen ist nicht nur die Perspektive, sondern vor allem seine Offenheit. Obwohl er stets der Hirnchirurg ist, verliert er nie seine Menschlichkeit. Mit Humor und erfrischend distanziert schaut er auf seine Allüren, wenn medizinisches Personal ihn im eigenen Krankenhaus nicht erkennt. Ehrlich bekennt er, dass er am Morgen der Operation nur ungern mit Patienten spricht, weil er "nicht an ihre Menschlichkeit und ihre Angst erinnert" werden mag und außerdem nicht will, "dass sie merken, dass ich ebenfalls nervös bin".

Held nach dem Erfolg, Bösewicht nach dem Fehlschlag

Das Buch dreht sich zwar um Marsh, im Mittelpunkt aber stehen neben seinen Gedanken, Gefühlen und Fehlschlägen auch seine Patienten und ihre Geschichten. Immer wieder schaut der Leser Marsh über die Schulter, wenn er ins Gehirn hineinschneidet, in diese Substanz, in der sich unser Denken, unsere Vernunft, unsere Erinnerungen und Träume befinden.

Der Leser spürt, wie Marsh mit den eigenen Grenzen ringt: "Vor allem muss ich wissen, wann ich aufhören muss. Oft ist es ohnehin besser, der Krankheit ihren natürlichen Lauf zu lassen und überhaupt nicht zu operieren." Unweigerlich passiert bei solchen Zeilen das Erstaunliche: Während insbesondere Chirurgen von ihren Patienten häufig als kühl und distanziert wahrgenommen werden, fühlt der Leser mit Marsh mit. Weil er einen teilhaben lässt an seinen Hoffnungen und weil er den Blick auch vom eigenen Scheitern nicht abwendet.

Dass Marsh für die einen nach einer gelungenen Operation der Held und für die anderen nach einem gescheiterten Eingriff der Bösewicht ist, betrachtet der Chirurg nach jahrzehntelanger Arbeit abgeklärt - Hybris scheint ihm im höheren Alter fremd geworden zu sein: "Man kann Glück oder Pech haben, und mit zunehmender Erfahrung scheint mir das Glück immer wichtiger zu werden."

Hirnchirurgie - eine Liebe auf den ersten Blick

Marsh wächst in einer privilegierten Familie auf, besucht teure, englische Internate und studiert in Oxford zunächst Philosophie, Politologie und Ökonomie. Unglücklich verliebt flüchtet er als Mittzwanziger aus der traditionsreichen Stadt nach Nordengland und arbeitet dort ein halbes Jahr als Stationshilfe in einem Krankenhaus. Danach steht sein Entschluss fest: Er will Arzt werden. Oxford nimmt ihn zurück, und er sieht als Assistenzarzt - schon etwas gelangweilt vom klinischen Alltag - das erste Mal einen hirnchirurgischen Eingriff. "Es war Liebe auf den ersten Blick."

Seitdem hat Marsh rund 8000 Gehirnoperationen durchgeführt. Er reist regelmäßig zu Hilfseinsätzen in die Ukraine und operiert dort Kranke, die ohne seine Hilfe nicht die richtige Therapie bekämen. Routine ist die Arbeit dennoch nicht geworden - im Gegenteil, sie ist offenbar auch eine Bürde. Jeder Fehlschlag sei auch für ihn ein weiterer Grabstein auf dem Friedhof, den alle Chirurgen mit sich herumtragen, zitiert Marsh den französischen Operateur René Leriche.

Henry Marsh geht am 1. Mai in den Ruhestand. Er will dann Möbel fertigen - und ein zweites Buch schreiben. Ein Grund zur Vorfreude.

Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Treffend
museux 26.04.2015
So ist die Realität. Held oder Depp. Ein Guter in diesem Fach wird sich immer hinterfragen. Zweifeln. Auch wenn er nach außen cool wirkt. An all die, die Ärzte zunächst mal negativ sehen: die Entscheidung "so, jetzt wirst Du sterben. Ich kann nichts mehr tun." ist eine die prägt. Und einen leiden lässt.
2. Merwürdige Helden
bill ferros 26.04.2015
Wenn man als Patient eine solche, immer dramatische, Operation, noch dazu unbeschadet, überstanden hat und zurückdenkt (weil das dann wieder geht ;-) ), realisiert man, dass andere Chirurgen "an einem" arbeiten, diese hier aber "in einem". In einem viel wesentlicheren und totaleren Sinn, als die meisten das nachvollziehen können. Und hoffentlich nie müssen. Man bekommt noch mehr Respekt und beinahe eine Form von Mitleid vor dem Verantwortungsdruck, dem die Leute ausgeliefert sind. Und das obendrein in einer Service-Kultur, die keinen Begriff mehr davon hat, was das Wort "Schicksal" bedeutet. Drei Daumen hoch für die Hirnis. Ich bin Fan geworden.
3.
The.Dreadful.Bard. 26.04.2015
Im Artikel steht leider nichts darüber, dass jedwede Operationen am Hirn ohne die modernsten Entwicklungen der Imaging-Verfahren und das Einbinden derselben zur räumlichen Orientierung bei den Operationen keine exakte Operation zuliesse. Der Chirurg "sieht" ja nicht wirklich, wo er zu schneiden hat (und schneidet), sondern er (und das Operationsbesteck) orientieren sich exakt nach den Ergebnissen der X-Ray-Schichtaufnahme und der MRT. Der Chirurg schneidet also in ein Bild des Gehirns. Der Schnitt kann nur so genau sein, wie das Bild es vorgibt. Der Kopf des Patienten muss dabei mit Metallspitzen (die in den Schädelknochen pieksen) +-100%-ig in derselben Lage fixiert bleiben.
4. Respekt
mantrid 26.04.2015
Vermeintliche Arroganz ist oft nur der Versuch, individuelles Leid nicht zu nah an sich heranzulassen, um nicht daran zu zerbrechen. Den Spagat zwischen professioneller Distanz und menschlichen Mitgefühl ist sicher nicht einfach. Patienten oder Angehörigen zu sagen, dass jemand nicht mehr lange lebt, stelle ich mir fürchterlich vor.
5. Technik
tlatz 26.04.2015
Zitat von The.Dreadful.Bard.Im Artikel steht leider nichts darüber, dass jedwede Operationen am Hirn ohne die modernsten Entwicklungen der Imaging-Verfahren und das Einbinden derselben zur räumlichen Orientierung bei den Operationen keine exakte Operation zuliesse. Der Chirurg "sieht" ja nicht wirklich, wo er zu schneiden hat (und schneidet), sondern er (und das Operationsbesteck) orientieren sich exakt nach den Ergebnissen der X-Ray-Schichtaufnahme und der MRT. Der Chirurg schneidet also in ein Bild des Gehirns. Der Schnitt kann nur so genau sein, wie das Bild es vorgibt. Der Kopf des Patienten muss dabei mit Metallspitzen (die in den Schädelknochen pieksen) +-100%-ig in derselben Lage fixiert bleiben.
Wieso leider? Es geht ja in dem Artikel nicht um Operationstechniken sondern um einen Menschen und dessen Umgang mit Verantwortung.
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