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20. Oktober 2017, 01:24 Uhr

Weltweite Analyse

Umweltverschmutzung verkürzt jedes sechste Leben

Jährlich neun Millionen Todesfälle weltweit hängen mit einer verschmutzten Umwelt zusammen, zeigt eine aktuelle Analyse. Auch in Deutschland fordert sie jährlich Tausende Leben. Schuld ist vor allem belastete Luft.

Feinstaub in der Luft, Parasiten im Wasser, Schadstoffe im Boden: Die Folgen von Umweltverschmutzung tragen weltweit zu jedem sechsten Todesfall bei, hat eine internationale Studie ergeben. Demnach verursachten Schadstoffe aus der Umwelt im Jahr 2015 etwa neun Millionen vorzeitige Todesfälle. Todesursachen sind vor allem Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Lungenleiden.

In Deutschland gehen die Forscher davon aus, dass eine belastete Umgebung zum Tod von mehr als 62.000 Menschen beitrug. Das entspricht etwa jedem 15. Todesfall, wie das Forscherteam in einem mehr als 50-seitigen Bericht im Fachblatt "The Lancet" schreibt. 44.000 dieser Todesfälle entfielen demnach auf Verschmutzung der Außenluft.

Luftverschmutzung am gefährlichsten

Die Arbeit soll der Politik helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, um die Situation abzumildern.

Da sehr viele Schadstoffe noch unbekannt oder nicht ausreichend untersucht sind, gehen die Forscher davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen.

Jeder vierte Todesfall in Indien oder Bangladesch

Insgesamt entfielen die weitaus meisten Todesfälle (92 Prozent) auf Entwicklungs- und Schwellenländer. So hängt etwa in Indien und Bangladesch jeder vierte, in China und Kenia jeder fünfte Todesfall mit Umweltverschmutzung zusammen.

"Verschmutzung und die damit verbundenen Krankheiten betreffen meist die Ärmsten und Ohnmächtigsten der Welt, und die Opfer sind oft die Verwundbaren und Stimmlosen", schreibt Co-Autor Karti Sandilya von der Umweltorganisation Pure Earth. Als ein Beispiel nennt der Bericht Roma-Flüchtlingslager im Kosovo auf einem Areal, wo giftige Abfälle eines Bleibergwerks gelagert wurden.

Trotzdem zeige der Bericht auch, dass kein Land unbetroffen sei, schreiben Pamela Das und Richard Horton von "The Lancet" in einem Kommentar. "Menschliche Aktivitäten wie Industrialisierung, Verstädterung und Globalisierung treiben die Verschmutzung an."


Wer hat's bezahlt?

Die Untersuchung wurde von der EU, der Uno, verschiedenen Ministerien und Behörden in Europa und den USA, der Icahn School of Medicine at Mount Sinai (New York) und der Umweltschutzorganisation Pure Earth finanziert.


Für Deutschland errechneten die Forscher eine jährliche Rate von 75 umweltbezogenen Todesfällen auf 100.000 Menschen. Gering ist dieser Wert im internationalen Vergleich unter anderem in Brunei mit neun pro 100.000, sehr hoch in der Zentralafrikanischen Republik mit 304, in Lesotho mit 227 und in Afghanistan mit 212.

Situation in Deutschland noch bedenklicher?

"Insgesamt passt der Bericht zu unseren Berechnungen", sagt Johannes Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Für Deutschland kam Lelieveld allerdings in einer Studie zu einer höheren Opfer-Zahl: Demnach ist verschmutzte Außenluft hierzulande nicht mit 44.000 vorzeitigen Todesfällen verbunden, sondern sogar mit 52.000.

Der Straßenverkehr trage in Deutschland 20 Prozent zur Luftbelastung bei, Energieerzeugung 15 Prozent und die Landwirtschaft 40 Prozent, so der Chemiker. Den Beitrag der Landwirtschaft erklärt er damit, dass Stickoxide aus dem Straßenverkehr sich mit Ammoniak aus der Landwirtschaft verbinden und Feinstaub bilden.

"Der Bericht zeigt, dass Umweltverschmutzung als Ursache von Problemen unterschätzt wird, sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich", sagt Lelieveld. "Ziel des Berichts ist es, dass die Politik die richtigen Lehren zieht und sich systematisch um eine Verbesserung der Situation kümmert."

irb/dpa

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