Krankengeld und Behandlungsfehler Wie unabhängig ist die Patientenberatung?

Die Krankenkassen geben in Kürze bekannt, wer ab 2016 für sieben Jahre die Patientenberatung UPD betreibt. Viele sorgen sich nun um das entscheidende Kriterium: die Unabhängigkeit.

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Beratung am Telefon (Archivbild): "Man beißt nicht die Hand, die einen füttert"
Corbis

Beratung am Telefon (Archivbild): "Man beißt nicht die Hand, die einen füttert"


Was kann ich tun bei einem Behandlungsfehler? Meine Krankenkasse hat den Kurantrag abgelehnt - was nun? Ab wann bekomme ich Krankengeld?

Drei Fragen, die Ratsuchende häufig bei der UPD stellen, der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland. Die Mitarbeiter der UPD informieren Patienten über ihre Rechte oder über Kassen- und Selbstzahlerleistungen. Das Angebot ist kostenlos und soll unabhängig sein von den Interessengruppen im Gesundheitssystem. Gerade aber wird diskutiert, ob dies ab Januar 2016 noch der Fall sein wird.

Denn die Vertragslaufzeit mit dem bisherigen Anbieter, hinter dem auch die Verbraucherzentralen stehen, endet am 31. Dezember 2015. Drei Dienstleister waren in der neuen Ausschreibung zuletzt noch im Rennen. Es geht um immerhin neun Millionen Euro pro Jahr, der Vertrag wird sieben Jahre laufen. Laut dem Kassenverband GKV ist die Entscheidung bereits gefallen, wird aber noch nicht publik gemacht. Klar ist nur: Der bisherige UPD-Betreiber bekommt den Zuschlag nicht.

Favorit, so wurde lanciert, sei die Duisburger Firma Sanvartis. Der Dienstleister im Gesundheitswesen betreibt Callcenter für Krankenkassen und Pharmafirmen. Das, kritisiert Ingrid Mühlhauser, Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin (DNEbM), sei ein klassischer Interessenkonflikt: "Aus unserer Sicht kann solch eine Firma niemals eine unabhängige Patientenberatung bieten."

Interessenskonflikte werden befürchtet

Auch die Grünen melden Zweifel an, sollte Sanvartis den Zuschlag bekommen. Gesundheitspolitikerin Maria Klein-Schmeink führte an, eine Firma könne nur schwer über Missstände beim Krankengeldmanagement berichten, wenn sie in einem anderen Zweig gerade dieses Krankengeldmanagement als Callcenter durchführe. "Man beißt nicht die Hand, die einen füttert", sagt Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und Mitglied des bisherigen UPD-Beirates.

Tatsächlich ist gesetzlich geregelt, dass die Patientenberatung qualitätsgesichert, kostenfrei, neutral und unabhängig sein muss. Die Krankenkassen, die das Angebot bezahlen und gemeinsam mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung den Anbieter auswählen, dürfen laut Gesetz keinen Einfluss nehmen auf den Inhalt oder den Umfang der Beratungstätigkeit.

Und die bisherige UPD hat sich nicht gescheut, auch Probleme bei Krankenkassen offen anzusprechen. So prangerte sie etwa eine Lücke beim Anspruch auf Krankengeld an, was zu einer Gesetzesänderung führte. Damit dürfte sich die UPD kaum Freunde bei den Kassen gemacht haben.

Gute Beratung, aber schlecht erreichbar

Doch wie gut hat die Patientenberatung bisher gearbeitet? Das Berliner IGES-Institut hat die Tätigkeit der UPD seit 2011 wissenschaftlich analysiert und ihr immer wieder eine hohe Beratungsqualität bescheinigt. Aus einer Präsentation des UPD-Beirates aus dem Monat Januar, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, geht hervor, dass rund 95 Prozent der Nutzer die Beratung mindestens mit gut bewerteten und 99 Prozent der Befragten die UPD in Zukunft wieder in Anspruch nehmen oder weiterempfehlen würden.

"Deutlich verschlechtert" habe sich jedoch die Erreichbarkeit. 2014 kamen nur die Hälfte aller Anrufer beim ersten Versuch durch, 2012 gelang das noch 70 Prozent der Anrufer. Schon länger wurde deshalb gefordert, dass die UPD die Zahl ihrer Beratungsgespräche steigern muss. Der Zugang "sollte leichter und schneller sein, als dies bisher der Fall war", sagt Gernot Kiefer, Vorstandsmitglied des Spitzenverbandes der Krankenkassen.

Der bisherige Betreiber hatte sich mit einem 80 Seiten starken Konzept beworben und darin eine 2,5-fache Beratungskapazität angeboten - 210.000 statt bisher 80.000 Gespräche. Nun verlieren die Berater zum Jahresende ihren Job. "Dass die bestehende Unabhängige Patientenberatung Deutschland aufgelöst wird, ist nicht nachvollziehbar", sagte Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Mitträger des bisherigen Angebots.

Sanvartis-Geschäftsführer Linus Drop sagte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man äußere sich nicht zu einem laufenden Vergabeverfahren. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), hatte vor der Vergabe immerhin erklärt, er werde seine "Zustimmung nur geben", wenn die Unabhängigkeit "sowie ein hohes Maß an Qualität, Regionalität und Bürgernähe gewährleistet sind". Wer den Zuschlag bekommt, wird frühestens am 19. Juli bekanntgegeben.

Hintergrundinformationen zur Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD)
Die UPD ist eine gemeinnützige GmbH. Gesellschafter sind der Verbraucherzentrale Bundesverband, der Sozialverband VdK und der Verbund unabhängige Patientenberatung. Knapp 80 Mitarbeiter beraten kostenlos telefonisch oder im persönlichen Gespräch, 80.000 mal pro Jahr. Was die Kasse wann zahlt, war laut Jahresbericht 2014 mit knapp 28.000 Beratungen die häufigste Patientenfrage, gefolgt vom Thema Patientenrechte wie Akteneinsicht, Zweitmeinung und Aufklärung (knapp 15.000 Beratungen). Etwa 7.000 Mal ging es um Behandlungsfehler.
  • 21 Beratungsstellen gibt es in Deutschland. Nach zehnjähriger Modellphase gehört die Unabhängige Patientenberatung seit 2011 als Regelversorgung zur gesetzlichen Leistung der Krankenkassen. Doch der Zuschlag galt nur für fünf Jahre. Für die nächsten sieben Jahre wurde der Auftrag europaweit neu ausgeschrieben. Ab 2016 stehen neun statt bisher fünf Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung.
Sichtbar würde ein Zuschlag für einen anderen Bieter als die bisherige UPD für Patienten nicht. Das Logo, der Name und die Webseite bleiben gleich. UPD-Beratungshotline: 0800 / 0117722 / www.patientenberatung.de
ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
bonngoldbaer 10.07.2015
1.
Das Konzept ist falsch. Eine neutrale und unabhängige Beratung kann es nur geben, wenn die Krankenkassen keinen Einfluss darauf haben, wer sie durchführt. Man sollte diese Entscheidung einem neutralen Gremium aus Patientenvertretern übertragen.
spon_3055608 10.07.2015
2. Es war einmal die Unabhängikeit!
Wahrscheinlich wird dann die Unabhängige Patientenberatung so "unabhängig" wie der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der faktisch eine Monopolstellung bei der Erstellung von Pflegegutachten hat,- und eigentlich auch nur einen Auftraggeber nämlich die Krankenkassen. Dank der "Unabhängigkeit" kommt es gar nicht selten zu geradezu grotesken Fällen von Gefälligkeitsgutachten zugunsten von wem wohl??? Das Spiel soll jetzt wohl auf dem Rücken der Patienten fortgesetzt werden.
zahndochro 10.07.2015
3. Es gibt keinen...
"Medizinischen Dienst der Krankenkassen"! Es handelt sich um den "Medizinischen Dienst der KrankenVERSICHERUNG" - allein durch den Namen wird offenbar, dass es sich um eine vom Gesetzgeber und nicht von den Krankenkassen geschaffene Institution zur Beratung der Krankenkassen handelt!
The dark side 10.07.2015
4. Fehlerkultur Fehlanzeige
Es gibt bei Behandlungsfehler ein Problem: Es gibt in dem Bereich keine Fehlerkultur. Die Tipps, die ich bei der UPD bekommen habe, waren wertlos. Meine PKV sagte, sie könne mir nicht helfen. Es war ein Kampf, den ich nicht geführt hätte, hätte ich vorher gewusst, wie diese Dinge laufen. Am Ende - nach 4,5 Jahren - bekam ich 6.000 € Schmerzensgeld zzgl. 1.000 € Zinsen, ein schönes Sümmchen, könnte man meinen. Und wofür? Für den Verlust von gesunden und naturgesunden Zähnen in einer Kieferhälfte im Rahmen einer spontan im Ersttermin vorgenommenen Behandlung, die laut Sachverständiger nicht indiziert und nicht der lex artis entsprechend und mehrfach fehlerhaft und mit nicht passendem Ergebnis durchgeführt wurde. Ich war geradezu überrumpelt worden, einen HKP vorab bräuchte ich nicht - Sie sind ja gut versichert. Die Rechnung enthielt >1.700 € für nachweislich nicht erbrachte Leistungen, dazu kam der Material betrug, denn ich hatte nicht die abgerechnete hochgoldhaltige Legierung aus dem Praxislabor erhalten mit 84,7 % Gold, sondern nur 14,6 % Gold laut Analyse einer Scheideanstalt. Auch die abgerechneten Menge war deutlich überhöht. Das OLG-Urteil schließt die Nervläsion von der Haftung aus, obwohl diese im Rahmen einer rechtswidrigen Behandlung eintrat. Das widerspricht der BGH-Rechtsprechung. Da das OLG die Revision nicht zugelassen hat, muss ich gleichwohl mit dem Urteil leben - vom irreversiblen Schaden mal abgesehen. Gestern erhielt ich zudem den Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft nach Par. 153 (= dagegen kann man nicht mehr vorgehen) in dem Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung und Abrechnungsbetrug. Die Sache sei nicht von öffentlichem Interesse. Das finde ich insofern bemerkenswert, als die Taten bei der Berufsausübung des Herrn S. geschahen. Und er wusste auch, dass er nicht erbrachte Leistungen abrechnet. Er wollte die Krankenkasse zu Unrecht mit nicht erbrachten Leistungen in vierstelliger Höhe belasten, was er, auch das hatte ich vorgetragen, nachweislich nicht nur bei mir gemacht hat. Tja, nix zu machen. Sehr fragwürdig finde ich das. Wie es mir als Geschädigter geht, die noch immer um eine Nachbehandlung ringt ... Ohne Worte.
genugistgenug 11.07.2015
5. wiededer mal eine 'Hauptsache darüber geredet' Organisation
plus Entlastung der Auftraggeber und Selbstversorgung der Führungskräfte - wie überall, oder? Haben die irgendwelche Weisungsbefugnis? Dürfen die zu Rechtsfragen beraten? Haften die für ihre Rat-Schläge? Wie werden die Rat-Schläge dokumentiert? (Wer die Hotlines kennt, kennt auch die widersprüchlichen Aussagen und Falschinformationen dort). Für uns reihen sich solche Organsiationen in die endlose Reihe der sonstigen 'Beauftragten' (Behinderte, Datenschutz, Anti-Diskriminierung, Bürger, ......) ein, die viel reden, aber nicht mal den Behörden Weisung geben dürfen, bis wann sie Informationen geben müssen. Oder Strafanzeige einreichen (unser eigenes Beispiel: nächtliche Sieg Heil Rufe - Staatsanwalt tat nichts, Bürgermeister/Gemeinderat schwieg und die Beauftragte gegen Rechts (BW) entpuppte sich als eine Halbtagsstelle die in einer Jugendberatung (man braucht halt einen ausführenden Kostenträger) untergebracht war und drüber reden wollte aber 'mehr kann ich nicht machen, denn ich habe keine Zeit, nur eine halbe Stelle, und ich kenne auch niemanden in ihrer Gegend der was machen könnte, usw.' Aber Hauptsache eine Beratungsstelle - auf dem Papier!)
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