Ein rätselhafter Patient: Hirn hinkt mit

Von Dennis Ballwieser

Ein 18-Jähriger wird vom Auto erfasst und kommt ins Krankenhaus: Sein Bein ist gebrochen, sein Kopf ist verletzt. Nach wenigen Tagen kann er wieder nach Hause. Doch das Bein heilt monatelang nicht - bis die Mutter des Patienten eine Idee hat.

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Corbis

Bein in Gips: Der Bruch heilt nicht, auch nach Monaten nicht

Der junge Mann kommt schwer verletzt in die Notaufnahme der Stockholmer Karolinska Universitätsklinik. Ein Auto hat ihn erfasst, die Ärzte legen ihn in Narkose und beatmen ihn. Sie untersuchen ihn, stellen fest, dass sein rechtes Schienbein gebrochen ist und legen ihm eine Schiene an, um den Bruch zu stabilisieren.

Die größere Sorge der Ärzte gilt allerdings dem Kopf des Patienten, im Computertomografen (CT) untersuchen sie die Verletzungen. Ihnen fallen kleine Blutergüsse und eine Blutung im Kopf auf. Vorsichtshalber beobachten sie den jungen Mann auf der Intensivstation, berichten Oskar Ek und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet".

Sechs Stunden später kontrollieren die Mediziner den Kopf des Unfallopfers erneut. Sie können keine Unterschiede zur letzten CT erkennen, auch der Kreislauf des Patienten ist stabil. Keine 24 Stunden nach der Aufnahme ins Krankenhaus wird der 18-Jährige operiert, die Unfallchirurgen treiben einen stabilisierenden Nagel in das Schienbein. Die anschließend angefertigte Röntgenaufnahme zeigt, dass der Nagel so sitzt, wie gewünscht. Entlang dieser inneren Schiene kann der Knochen heilen. Bereits nach drei Tagen können die Ärzte ihren Patienten entlassen.

Monatelang bleibt der Knochen gebrochen

Ein halbes Jahr später kann der junge Mann schon mehr als eineinhalb Kilometer gehen, ohne zu humpeln. Allerdings gibt es ein Problem: Der Knochen sieht auf zur Kontrolle angefertigten Röntgenbildern noch immer aus wie kurz nach dem Unfall - es gibt keine Hinweise auf eine Heilung.

Nicht nur die behandelnden Ärzte des Patienten fragen sich, wie das sein kann. Bei einem gesunden 18-Jährigen sollte ein Knochenbruch innerhalb von Wochen heilen, sechs Monate nach dem Unfall müsste der junge Mann auch ohne stabilisierenden Nagel wieder auf dem Bein stehen können. Über dieses Rätsel grübelt auch die Mutter des Teenagers - sie ist Endokrinologin, Spezialistin für die Wirkung der körpereigenen Botenstoffe, der Hormone. Sie schickt ihren Sohn erneut in die Karolinska Universitätsklinik, diesmal in die endokrinologische Abteilung, denn sie hat einen konkreten Verdacht.

In der Hirnanhangsdrüse, der Hypophyse, tief im Schädelinneren, wird das Wachstumshormon Somatotropin gebildet. Gesteuert vom Hypothalamus im Zwischenhirn sorgt die Hypophyse mit dessen Hilfe unter anderem dafür, dass eine für die Knochenheilung entscheidende Aminosäurenkette im Körper freigesetzt wird, der insulinähnliche Wachstumsfaktor 1. Der Blutspiegel dieses Wachstumsfaktors, nach seiner englischen Bezeichnung IGF-1 abgekürzt, ist bei dem schwedischen Patienten leicht erniedrigt.

Fügt das Hormon den Knochen zusammen?

Nachdem das Schienbein auch zehn Monate nach dem Unfall immer noch deutlich zu langsam zusammenwächst, können die Stockholmer Ärzte über Laboruntersuchungen nachweisen, dass es ihrem Patienten am Wachstumshormon fehlt. Sie beginnen, den jungen Mann mit dem Hormon zu behandeln. Nur sechs Wochen später können sie auf neuen Röntgenbildern sehen, dass der Knochen geheilt ist. Bei einer erneuten Kontrolle ein halbes Jahr später kann der Patient sein Bein normal benutzen.

Die schwedischen Ärzte gehen davon aus, dass die Kopfverletzung die Ursache für die Hormonstörung war, und dass wegen des Mangels an Wachstumshormon der Knochen so lange nicht heilte. Tatsächlich gibt es Berichte darüber, wie bei Patienten nach Gehirnverletzungen die Knochen nicht normal heilen. Und auch Störungen in der Hormonproduktion und -freisetzung im Gehirn nach Kopfverletzungen sind bereits beschrieben worden. Dass der Wachstumsfaktor IGF-1 nicht nur bei Knochenheilungen, sondern allgemein bei Wundheilungen eine Rolle spielt, wissen Mediziner ebenfalls bereits lange.

Allerdings gibt es bisher nur wenig Informationen dazu, ob sich Wachstumshormon oder IGF-1 wie beim schwedischen Patienten zur Behandlung einer verzögerten Knochenheilung eignet. Dass es in diesem Fall so aussieht, als habe das verabreichte Wachstumshormon den Knochen innerhalb kurzer Zeit wieder zusammenwachsen lassen, bedeutet nicht, dass diese Therapie bei anderen Patienten auch funktionieren muss. Und ein einzelner interessanter Fall kann niemals Grundlage der Behandlung vieler Patienten sein - dazu brauchen Mediziner große Studien, in denen sie an vielen Menschen untersuchen können, ob eine Methode funktioniert und mit welchen Risiken und Nebenwirkungen sie einhergeht.

Das ist auch das Fazit, das die schwedischen Ärzte in ihrem Fallbericht ziehen: Ärzte sollten an diese Ursache für eine langsame Knochenheilung denken - und es gelte, das Wachstumshormon darauf zu untersuchen, ob es auch bei anderen jungen Patienten eingesetzt werden könne, wenn Knochenbrüche einfach nicht verheilen wollen.

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insgesamt 14 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
Newspeak 09.03.2013
Und ein einzelner interessanter Fall kann niemals Grundlage der Behandlung vieler Patienten sein... Natürlich ist er das. Ohne den anfänglichen interessanten Einzelfall wird nie jemand ernsthaft in Erwägung ziehen, eine größere Studie zu unternehmen. Man fragt sich, ob all die großen Errungenschaften früherer Zeiten heute überhaupt noch möglich wären, in einer Kultur der ständigen Bevormundung und der ständigen Angst vor Neuem.
2. Titellos
UnitedEurope 09.03.2013
Zitat von NewspeakUnd ein einzelner interessanter Fall kann niemals Grundlage der Behandlung vieler Patienten sein... Natürlich ist er das. Ohne den anfänglichen interessanten Einzelfall wird nie jemand ernsthaft in Erwägung ziehen, eine größere Studie zu unternehmen. Man fragt sich, ob all die großen Errungenschaften früherer Zeiten heute überhaupt noch möglich wären, in einer Kultur der ständigen Bevormundung und der ständigen Angst vor Neuem.
Himmel Ar*** und Zwirn! Natürlich kann solch ein Einzelfall irgendwann mal zu einer Standardtherapie führen. Aber eben nicht direkt, solch ein Fall kann ein Anstoß zu einer Studie sein, mehr aber auch nicht (zumal es ja kein Notfallbild ist). Das war, was der Auto damit gemeint hat, und nicht das, was Sie ihm versuchen zu unterstellen.
3. ? :-)
Emil Peisker 09.03.2013
Zitat von UnitedEuropeHimmel Ar*** und Zwirn! Das war, was der Auto damit gemeint hat, und nicht das, was Sie ihm versuchen zu unterstellen.
Das Auto. Aber ich dachte das Auto hätte den Patienten angefahren, und nicht mit ihm gesprochen....
4.
marthamuse 09.03.2013
Zitat von Emil PeiskerDas Auto. Aber ich dachte das Auto hätte den Patienten angefahren, und nicht mit ihm gesprochen....
Jetzt bleiben Sie doch bitte sachlich. :-D
5.
7eggert 09.03.2013
Es ist nicht nur interessant, ob das Hormon bei jüngeren Patienten wirkt, sondern auch allgemein. Vielleicht gibt das den Anstoß dazu, daß auch ältere Patienten auf diesem Weg in den Genuß einer schnellen Knochenheilung kommen können.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.
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