Unicef-Bericht "Wenn wir das nicht ändern, werden wir HIV nicht unter Kontrolle bekommen"

Jedes Jahr infizieren sich noch immer Zehntausende Jugendliche mit dem Humane Immundefizienz-Virus. Knapp zwei Drittel der Betroffenen sind Mädchen. Das hat Gründe.

UNICEF

Von und (Grafik)


Geht es um HIV, denken viele Menschen in reichen Ländern vor allem an erwachsene Männer. Auch in Deutschland zählen sie zu der Gruppe, in der sich mit Abstand die meisten mit dem Virus infizieren. In anderen, viel ärmeren Teilen der Erde jedoch, in denen HIV noch grassiert und keine Ausnahmeerscheinung ist, trifft die Infektion eine andere Gruppe ganz besonders: weibliche Jugendliche.

Allein 2017 infizierten sich weltweit 430.000 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 19 Jahren mit dem Virus. Zu diesem Ergebnis kommt Unicef in einem Bericht, den das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen auf der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam vorgestellt hat.

Die meisten Kinder infizieren sich demnach mittlerweile nicht mehr, weil ihre Mutter das Virus während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen auf sie übertragen hat. Eine umfassende Betreuung Schwangerer konnte diese Zahl stark senken.

Bei Teenagern hingegen sind die Fortschritte deutlich langsamer. Eine Folge: Die Zahl der 14- bis 19-Jährigen, die sich mit dem Virus anstecken, hat die Zahl der Null- bis Vierjährigen mittlerweile überschritten.

Wie groß die Gefahr ist, sich mit dem Virus anzustecken, hängt bei Jugendlichen zum Großteil vom Geschlecht ab.

  • 2017 waren etwa zwei von drei 14- bis 19-Jährigen, die sich mit dem Virus infizierten, weiblich. Während sich weltweit 170.000 jugendliche Mädchen ansteckten, waren es bei den gleichaltrigen Jungen 86.000.
  • Im Schnitt infizieren sich Frauen in Ost- und Südafrika laut Unicef fünf bis sieben Jahre früher mit dem Virus als Männer. Besonders hoch ist das Risiko im Alter von 15 bis 24 Jahren.

Andere entscheiden über ihren Körper

Für den großen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen vor allem die Unterdrückung der Frauen in den betroffenen Gebieten verantwortlich.

In vielen Gesellschaften, in den HIV weit verbreitet ist, können junge Frauen nicht entscheiden, wen sie heiraten, wann sie heiraten oder ob sie in der Schule bleiben oder nicht. Zum Teil sei Gewalt und sexueller Missbrauch so weit verbreitet, dass es nahezu unmöglich ist, die Täter zu bestrafen, heißt es in dem Bericht. "Frauen, die sich beschweren oder versuchen, solche Vorkommnisse zu verfolgen, riskieren, Opfer weiterer, noch schlimmerer Gewalt zu werden."

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Betroffene erzählen: Weiblich, jung, HIV-positiv

Hinzu kommt, dass junge Mädchen oft Sex mit deutlich älteren Partnern haben - zum Teil von der Armut getrieben, mit Geschenken oder Geld als Gegenleistungen. Dadurch droht ein Kreislauf: Die älteren Männer hatten schon mehr Sexpartner und tragen so eher das HI-Virus in sich. Geben sie es an die jungen Mädchen weiter, infizieren diese irgendwann - ohne es zu wissen - auch gleichaltrige, männliche Sexpartner.

"Ich glaube, dass tief im Zentrum der HIV-Epidemie die Tatsache steht, dass jugendlichen Mädchen nicht dazu verholfen wird, auch nur irgendeine eigene Entscheidung über ihre Sexualität zu treffen", schreibt Daniela Ligiero, die sich für Unicef gegen sexuelle Gewalt gegen Mädchen einsetzt.

Immer mehr Jugendliche sterben an Aids

Gelingt es nicht, Jugendliche in Zukunft besser vor HIV zu schützen, könnte die Zahl der Infektionen in dieser Altersgruppe in den nächsten Jahren sogar steigen. Grund dafür ist die Bevölkerungsentwicklung in den Ländern südlich der Sahara: Forscher gehen laut Unicef davon aus, dass die Kinderpopulation in dem Gebiet bis 2030 auf 710 Millionen ansteigen wird - von aktuell 560 Millionen. "Wenn sich die aktuellen Trends nicht verändern, könnten zwischen 2018 und 2030 mehr als eine Million Kinder und Jugendliche an Aids-bedingten Ursachen sterben", warnt Unicef.

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Schon heute sterben deutlich mehr Jugendliche an Aids als noch im Jahr 2000. Die meisten von ihnen haben sich vor Jahren bei ihren Müttern infiziert. Dass sie im Jugendalter an Aids erkranken und sterben, zeigt auch, dass sie keinen Zugang zu Tests und effektiven Therapien hatten, die sie vor dem Ausbruch der Immunschwäche geschützt hätten.

Auch dafür zählt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen verschiedene Gründe auf. Lange Zeit gab es kaum zielgerichtete Angebote für Jugendliche. Bis heute werden bei HIV-Statistiken alle Betroffenen von 15 bis 49 in eine Gruppe zusammengefasst. Erst 2013 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Unicef zufolge spezielle Behandlungs-Leitlinien für Jugendliche herausgegeben.

"Wenn man diese schlechten Ergebnisse bei Jugendlichen nicht ändert, dann wird man auch die HIV-Epidemie nicht unter Kontrolle bekommen", schreibt Unicef.

Video: HIV positiv - Mein Leben mit dem Virus

dbate.de


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