PSMA-Therapie gegen Prostatakrebs Das Geschäft mit der Hoffnung

In Frankfurt therapierten Ärzte an Prostatakrebs erkrankte Männer mit zweifelhaften Methoden. Eine SPIEGEL-Recherche zeigt nun, wie die Mediziner die tiefe Verzweiflung ihrer Patienten zu Geld machten.

Eingang der Uniklinik Frankfurt
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Eingang der Uniklinik Frankfurt

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Der Anruf wirkt wie ein Wunder. "Als käme ein Engel vom Himmel", sagt Peter Fiedler* über den Sommertag 2016, an dem sich Hoffnung in seine Angst mischt. Als Fiedlers Handy klingelt, steht der 51-Jährige seit Tagen unter Schock: Sein Prostatakrebs, ein Jahr zuvor entdeckt, hat sich in die Knochen gefressen, Metastasen im gesamten Stammskelett. Der Tumor ist aggressiv.

Wie lange wird er für seine Kinder noch da sein können, fragt er sich. Die Tochter ist gerade 22, der Sohn 18 Jahre alt. Wird er noch Enkel bekommen? Wer kümmert sich um seine Frau? Fiedler denkt oft an den Tod, er ist plötzlich so nah.

Und dann der Anruf. Fiedler hört die Aussagen gerne, die ihm Doktor Wolfgang Bergter am Telefon macht. Von einer neuen Therapie habe der leitende Oberarzt der Uniklinik Frankfurt geschwärmt, Lutetium-PSMA heiße sie. Sie sei experimentell, noch nicht zugelassen. Klinische Studien zu ihrer Wirkung fehlten. Aber mit ihr könne man ihn heilen, so versteht Fiedler den Nuklearmediziner. Und das quasi ohne Nebenwirkungen.

Ist das seine Chance? Wird er am Leben bleiben können?

Auf Bergters Empfehlung hin setzt Fiedler die Medikamente ab, die die Produktion von Testosteron hemmen, das den Krebs in ihm wachsen lässt. Eigentlich ist diese Antihormontherapie Standard, eine Chemo wäre der nächste Schritt. Doch Bergter schwört auf die PSMA-Therapie und Fiedler macht mit - bis sich seine Werte im März 2017 drastisch verschlechtern.

"Vielleicht war ich ein Versuchskaninchen", sagt Fiedler heute. Hat das Experiment ihm Lebenszeit gestohlen? Er weiß es nicht, niemand kann es ihm sagen.

Hunderte Prostatakrebspatienten nicht gemäß Leitlinien behandelt

So wie Fiedler geht es Hunderten Patienten des Klinikums der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt. An dem ehrwürdigen Haus haben Ärzte nach SPIEGEL-Informationen jahrelang Schwerstkranke ohne gesicherte Erkenntnisse behandelt, mit einer neuartigen, nicht zugelassenen Therapie, deren genaue Wirkung erst ergründet werden muss. Sie enthielten ihnen dabei Medikamente vor, von denen man weiß, dass sie wirken.

Warum taten sie das?

War es der Wunsch, zu helfen? War es Gier nach Ruhm, nach Geld?

Der SPIEGEL hat Bergter getroffen, mit zahlreichen Patienten gesprochen, deren Daten und Arztbriefe, interne E-Mails und Gutachten ausgewertet. Das Ergebnis zeigt: Die Uniklinik hat versagt. Sie hat zugelassen, dass Oberarzt Bergter und Kollegen seit 2015 ungestört wissenschaftliche Standards ignorierten und nach Bauchgefühl behandelten. Und noch schlimmer: Bergter suggerierte demnach den todkranken Patienten, die jedes Versprechen glauben wollten, Heilung sei möglich. So gewann er sie offenbar für seine Arzneimittel-Lotterie.

Dabei gibt es durchaus Warnungen, so wie am 20. Januar 2017: Nach Durchsicht von Patientenakten schreibt ein entsetzter Klinikarzt an den Direktor der Klinik für Nuklearmedizin, Frank Grünwald: "Wir mussten feststellen, dass grundlegende wissenschaftliche, ärztliche und ethische Standards nicht eingehalten werden." Es fehlten Laborwerte und Arztberichte, Empfehlungen zur PSMA-Therapie würden "nicht durchgehend eingehalten", heißt es in der E-Mail.

Grünwald tangiert das offensichtlich nicht. Er lässt seinen Oberarzt nicht nur machen, er selbst behandelt Prostatakrebspatienten ähnlich fragwürdig, sogar noch in diesem Jahr.

Der Krebspatient Fiedler jedenfalls vertraut Bergter. Was soll an einer Uniklinik auch falsch laufen?

Die Tumorkonferenz der Klinik empfiehlt Fiedler eine Chemotherapie. Die Ärzte folgen in der Regel dem Votum des Expertengremiums - verpflichtet sind sie dazu aber nicht. Bergter habe "seine PSMA-Therapie" effizienter, besser gefunden, erzählt Fiedler. "Ich habe ihm geglaubt. Er hat das Vermögen, einem Hoffnung zu machen."

Hoffnung - Fiedler hungert danach.

Und Bergter gibt der Hoffnung einen Namen: Lutetium-PSMA.

Die Wundertherapie mit Lutetium-PSMA hat einen Boom ausgelöst

Das Medikament ist der neue Popstar unter den Krebstherapien, in der Nuklearmedizin hat die neue Therapie einen regelrechten Boom ausgelöst. Weltweit sterben jährlich 250.000 Männer an Prostatakrebs. Eine Volkskrankheit, deren Behandlung auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden ist.

Der Wirkmechanismus klingt überzeugend. Mit Lutetium-PSMA lassen sich Tumore zielgenau bestrahlen. Auf Prostatakrebszellen sammelt sich das sogenannte Prostataspezifische Membranantigen, kurz PSMA, in hoher Konzentration. Es besitzt einen Rezeptor, über den Nuklearmediziner das radioaktive Lutetium-177 wie ein trojanisches Pferd in die Zelle schleusen. Die Strahlung zerstört den Tumor direkt vor Ort. Die Nebenwirkungen sind daher möglicherweise sehr gering.

Genial. Jedenfalls in der Theorie.

Bei einem Drittel der Patienten wirkt es, das zeigen rückblickende Daten von Dutzenden weltweit mit PSMA-Therapie behandelten Männern. Doch bei einem Drittel ändert sich nichts und bei einem weiteren Drittel der Patienten wächst der Krebs sogar weiter. Trotz Lutetium-PSMA. Warum, ist unklar. Daher tasten sich die meisten der mehr als 50 Kliniken, die in Deutschland eine PSMA-Therapie schon anbieten, vorsichtig heran: Patienten erhalten sie erst, wenn alle herkömmlichen Methoden ausgereizt sind.

Nicht so bei den Ärzten um Wolfgang Bergter an der Uniklinik Frankfurt. Dabei hilft ihnen die fast grenzenlose Freiheit, die sie als Ärzte genießen: Niemand darf ihnen vorschreiben, wie und womit sie ihre Patienten behandeln, solange die Patienten einverstanden sind. Orientierung geben Leitlinien, in denen mehrere Fachgesellschaften festlegen, wie therapiert werden soll.

Für Prostatakrebs ist die Leitlinie mit dem höchsten Empfehlungsgrad S3 eindeutig: Lutetium-PSMA soll nur angeboten werden "nach Ausschöpfen der empfohlenen Therapieoptionen" - also nach Antihormontherapie und Chemo - sowie auf Empfehlung der Tumorkonferenz, in der Ärzte mehrerer Fachrichtungen über die beste Behandlung beraten.

Todkranke Prostatakrebspatienten wollen nicht zweifeln

Uwe Haberkorn, einer der Erfinder der Therapie am Deutschen Krebsforschungszentrum und Professor an der Uniklinik Heidelberg, setzt Lutetium-PSMA seit 2013 ein. Er sieht enormes Potenzial. Doch der Professor für Nuklearmedizin bleibt vorsichtig und hält sich im Gegensatz zu seinen Frankfurter Kollegen strikt an die Leitlinien: "Würden wir die PSMA-Behandlung vorziehen, verzögerten wir Therapien, deren Wirkung anerkannt ist", sagt Haberkorn. "Woher wollen wir heute wissen, ob in einem bestimmten Stadium die Antihormontherapie oder Chemotherapie nicht besser wirken als PSMA?"

Todkranke Krebspatienten hegen aber meist keine Zweifel, sie wollen an ihre Rettung glauben, an Heilung. Die vermeintliche Wundertherapie ohne Nebenwirkungen verbreitet sich in Internetforen. Viele Männer wollen sie - statt der Antihormontherapie, die impotent machen kann, statt der Chemo, die Übelkeit und Durchfall bringt.

Bei Bergter in Frankfurt bekommen sie PSMA, das spricht sich herum.

Krebspatient Jürgen Wollbert* hat verzweifelt nach so einem Rettungsanker gesucht. Noch ist seine Krankheit wenig fortgeschritten, er hat Zeit. Und doch Angst, ständig, vor allem nachts. Im Internet sucht er nach Hilfe - und findet das neue Wundermittel. Am nächsten Tag ruft er bei Bergter an. "Ich war überrascht, als ich ihn sofort erreichte", sagt der 77-Jährige heute. Bergter habe ihm in Aussicht gestellt, mit nur einer Behandlung seine Krankheitszeichen loszuwerden und von "vielen sehr guten Erfahrungen" gesprochen.

Alles ist so überzeugend - die Therapie, der Arzt, die Bilder

Die Patienten, die dem SPIEGEL ihre Krankengeschichte offenbart haben, einte ihr Glaube daran, dass es einen Ausweg geben muss. Skepsis hat da keinen Platz. Das nutzt Bergter. Im persönlichen Gespräch, auch mit dem SPIEGEL, tritt der Mediziner überzeugend auf, vielleicht, weil er selbst jeden Zweifel ausgeschaltet hat.

Mit Vorher-Nachher-CT-Aufnahmen zeigt er beeindruckend, wie bei einigen PSMA-Patienten der Krebs verschwunden ist - für die Erkrankten, meist technikbegeisterte Männer, ein schneller Beweis für die Wirksamkeit der Behandlung. Dabei weiß niemand, auch Bergter nicht, ob die Metastasen wirklich weg sind - oder nur nicht mehr sichtbar.

Vorher (l.) sind auf dem PET-CT viele kleine Metastasen zu sehen. Nach drei PSMA-Therapien scheinen sie (r.) verschwunden zu sein.
Abteilung Nuklearmedizin Universitätsklinik Heidelberg

Vorher (l.) sind auf dem PET-CT viele kleine Metastasen zu sehen. Nach drei PSMA-Therapien scheinen sie (r.) verschwunden zu sein.

Zweites Beispiel: Vorher (l.) sind auf dem PET-CT mehrere Metastasen im Beckenbereich zu sehen. Nach drei PSMA-Therapien scheinen auch die (r.) verschwunden zu sein.
Abteilung Nuklearmedizin Universitätsklinik Heidelberg

Zweites Beispiel: Vorher (l.) sind auf dem PET-CT mehrere Metastasen im Beckenbereich zu sehen. Nach drei PSMA-Therapien scheinen auch die (r.) verschwunden zu sein.

Bergters Schlüssel zu den Patienten ist die unerschütterliche Hoffnung. In Arztbriefen verspricht er fast allen eine "komplette Remission" - das äußerst seltene Verschwinden aller Krankheitszeichen. Wer ihn trifft, wird von seiner Freundlichkeit und der geradezu jungenhaften Begeisterung für die PSMA-Therapie mitgerissen. Er wirkt, als habe er ein Wundermittel gefunden, mit dem er jeden heilen kann.

Heute, nach zwei erfolglosen PSMA-Behandlungen, ist Wollbert ernüchtert. "Ich hatte mir viel davon versprochen. Das war falsch", sagt er. "Ich dachte, wenn eine Uniklinik eine Therapie so vorstellt, hat das Hand und Fuß." Er hat die abgesetzte Antihormontherapie wieder aufgenommen. Sie wirkt. "Zum Glück", sagt Wollbert.

Der Oberarzt: ein Mann auf lebenslanger Suche

Bergter ist kein Arzt, der gern in die Tiefe dringt. Klinische Studien seien zwar wichtig, teilte er dem SPIEGEL mit, aber sie seien eine Verallgemeinerung. "Und das ist vielleicht das große Problem der Schulmedizin: Wir verallgemeinern, aber unsere Patienten wollen als Individuum wahrgenommen und behandelt werden." Die Therapien seien so neu, "dass man die verschiedenen Facetten und Ansichten von Ärzten wertneutral nebeneinander" stellen kann. Derzeit würden viele Erkenntnisse gesammelt, aber "am Ende entscheiden Nebenwirkungen und der Behandlungserfolg darüber, welche Form der Therapie die Patienten annehmen".

Lange hat Bergter nach seinem Weg gesucht, nie blieb er auf Dauer. Er arbeitete in der Kardiologie, auf einer Intensivstation, wurde Internist. Er gründete eine Venture Capital Gesellschaft, versuchte sich als Biotech-Start-up-Gründer, bis er zur Nuklearmedizin kam.

Dort wirkt er bis heute mit seiner Begeisterung und seiner Empathie, Patienten verehren ihn fast wie einen Guru. Noch heute schwärmt Werner Mittek* davon, wie "sensibel" Bergter sei. Mittek, 68 Jahre alt, wirkt jünger als er ist. Er hat Schatten unter den Augen, aber er klagt nicht. Nüchtern erzählt er von seinen Erfahrungen.

Mittek hat fast alles probiert: Die jahrelange Antihormontherapie beschert ihm Nebenwirkungen wie Übergewicht, wachsende Brüste und Stimmungsschwankungen. Und trotzdem steigen seine Krebswerte im Frühjahr 2016 wieder. Jetzt kommt für Mittek nur die Chemotherapie infrage - bis er Bergter trifft.

Beim ersten Treffen sagt ihm der Arzt: "Das können wir heilen", wie Mittek sich zu erinnern meint. Eine waghalsige Aussage - und im Falle Mitteks, an dem der Krebs schon 15 Jahre lang zehrt, nachweislich falsch. Vier PSMA-Behandlungen bekommt er, der Krebs bleibt hartnäckig. Aber auch jetzt, 18 Monate später, will Mittek ihn schützen.

Der Klinikdirektor schaut lange weg

Bergters Engagement zählt für viele mehr als Ergebnisse. Er sei eigentlich immer im Dienst gewesen, berichten Ärzte und Patienten. Der heute 75-jährige Krebspatient Hartmut Welsche* ist so begeistert, dass er im Januar 2017 dem ärztlichen Direktor der Uniklinik, Jürgen Graf, einen Dankesbrief schickt: "Es ist wirklich außergewöhnlich, mit welcher Intensität er sich rund um die Uhr um seine Patienten kümmert", schreibt er über Bergter. Er sei froh, auf einen Arzt getroffen zu sein, "der mich mit großer Wahrscheinlichkeit wieder gesundmachen wird!"

Auch Welsche hat sich von Bergters Begeisterung mitreißen lassen. Dabei liegen die Fakten ganz anders: 18 Monate und sechs PSMA-Behandlungen später ist sein Krebswert so schlecht wie nie.

Auf den Brief antwortet Graf erfreut, dankt für die Wertschätzung "für Herrn Dr. Bergter, und das Universitätsklinikum Frankfurt". Wenige Wochen später verlässt Bergter die Klinik.

Eingang zur Uniklinik Frankfurt
DPA

Eingang zur Uniklinik Frankfurt

Lange hat der Klinikdirektor weggeschaut. Dabei gibt es genügend Hinweise. Kritiker alarmieren Graf. In der Tumorkonferenz, so berichten Teilnehmer, sei es mehrfach laut zum Streit über die korrekte PSMA-Anwendung gekommen. Erst spät wird wohl auch dem ärztlichen Direktor mulmig. In einem vertraulichen Gespräch soll Graf die Sorge geäußert haben, dass "drei, vier Polizeiwagen" vorfahren könnten, wenn die Sache herauskäme.

Mit Bergters Weggang soll das erledigt sein. Doch: Bergters Chef Grünwald setzt die Behandlungen einfach fort - bis heute. Auch er behandelt Krebspatienten oft ohne vorherige Chemotherapie und gegen das Votum der Tumorkonferenz.

Vertrauliche Informationen

Ein dreiviertel Jahr nach Bergters Rauswurf erreicht Graf die interne E-Mail eines aufgebrachten Arztes. Die PSMA-Therapie sei einem Patienten empfohlen worden, der noch nicht einmal eine antihormonelle Behandlung erhalten habe. "Der Empfehlungsgrad" dafür, schreibt der Mediziner, "ist in den aktuellen Leitlinien null".

Das richtet sich direkt gegen Grünwald, aber der Direktor der Klinik für Nuklearmedizin ist ein wichtiger Mann für Klinikchef Graf - er sitzt die Kritik aus und therapiert weiter. An Patient Welsche schreibt er noch diesen Juni, weshalb sogar eine siebte PSMA-Behandlung sinnvoll wäre. Unter anderem wegen angeblich "fehlender Alternativen".

Dabei hat Welsches Krankenkasse den Medizinischen Dienst der Krankenkassen eingeschaltet, um die Behandlung in Frankfurt zu überprüfen. Das ausführliche Gutachten enthält die klare Empfehlung, die Therapie nicht weiter zu bezahlen. Sie sei nicht wirksam, zudem sei keine Chemo versucht worden: "Therapiealternativen gibt es zweifellos".

Wie verbissen auch Grünwald an der PSMA-Therapie festhält, zeigt seine Antwort: "Die Qualität eines fachfremden bezahlten Auftrags-Gutachtens (...…) ist sehr in Zweifel zu ziehen", schreibt er. Zwei Monate später steigt Welsches Krebswert immens an. Da erst empfiehlt auch der Medizinprofessor eine Chemotherapie.

Auf konkrete Fragen des SPIEGEL an die Professoren Graf und Grünwald antwortet die Pressestelle der Klinik und teilt mit, es sei unzutreffend, "dass der Vorstand im Jahr 2016 Kenntnis von nicht-leitliniengerechter Therapie in diesem Bereich hatte". Es gelte die Therapiefreiheit, Patienten dürften sich in Absprache mit dem behandelnden Arzt gegen die Empfehlung der Tumorkonferenz entscheiden. Zudem habe die Klinik die PSMA-Therapie von unabhängigen Experten prüfen lassen: "Beide Gutachter stellen eine korrekte Anwendung und Verfahrensweise der Klinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt fest."

Die PSMA-Behandlungen bringen Prestige - und Geld

Beiden kommt die PSMA-Therapie gerade recht. Die moderne Behandlung anbieten zu können, bringt der Klinik nicht nur Prestige - sondern richtig Geld. Für einen Zyklus werden rund 7000 Euro abgerechnet. Die Einnahmen gehen außerhalb des regulären Budgets ein. Allein im Jahr 2016 soll die kleine nuklearmedizinische Abteilung einen Überschuss von 200.000 Euro erwirtschaftet haben statt Verluste wie zuvor. Geld spielt für die Frankfurter Uniklinik eine immense Rolle. Seit Jahren schreibt das Haus rote Zahlen.

Viele deutsche Unikliniken werben mit der Therapie, einige behandeln möglicherweise ähnlich fragwürdig wie Frankfurt. Das enorme wirtschaftliche Potenzial der Lutetium-PSMA-Therapie hat inzwischen sogar den Pharmakonzern Novartis angelockt. Jetzt läuft die erste klinische Phase-III-Studie zur Wirksamkeit an unter Regie der US-Pharmafirma Endocyte. Ihr Titel: "Vision". Der Schweizer Pharmakonzern übernahm Endocyte jüngst für mehr als zwei Milliarden Dollar - obwohl das Unternehmen außer der Studie nichts im Angebot hat. In etwa vier Jahren, wenn die Studienergebnisse vorliegen dürften, wird man mehr wissen über die neue Therapiehoffnung für Prostatakrebspatienten.

Beim Patienten Fiedler versagt die PSMA-Behandlung. Er setzt die Antihormontherapie wieder an, geht später noch zur Chemo. "Diese Therapien sind längst nicht so schlimm, wie ich immer dachte. Da ist nichts, vor dem man Angst haben müsste", sagt er heute. Seine Werte verbessern sich, doch der Krebs hat seinen Körper im Griff. Fiedler hat seit Kurzem extreme Knochenschmerzen. Jetzt hilft nur noch Schmerztherapie.

Bergter macht weiter

Und der Mann, der ihn heilen wollte? Er schmiedet längst neue, große Pläne: Bergter will seine PSMA-Therapien künftig in einer "Klinik am Palmengarten" in Bad Pyrmont verabreichen. Es sei schon eine Flucht gewesen von Frankfurt, sagt Bergter im Gespräch mit dem SPIEGEL, hier sei er als kleiner Junge gewesen, als die Großmutter zur Heilfastenkur anreiste.

Kurpark in Bad Pyrmont
Getty Images/iStockphoto

Kurpark in Bad Pyrmont

Und hier fühlt er sich offensichtlich auch heute wohl: Der alte Glanz, märchenhaft verwittert, ist noch zu erahnen. Wenn Bergter erzählend durch den Heilort führt, will man ihm glauben, dass seine Klinik fast schon steht. Alles, was er noch braucht, ist ein wenig Zeit - und Geld. Für gut 13 Millionen Euro will Bergter ein altes Sanatorium, direkt neben dem Kurpark und mit Blick auf das Schloss Bad Pyrmont, zur PSMA-Klinik umbauen.

Bis seine neue Klinik steht, gibt er gratis neue Ratschläge für den Kampf gegen Krebs: Heilfasten und Lakto-vegetarische Reduktionskost seien vielleicht wirksamer als andere Therapien. "Es scheint besser zu sein, eine Woche 'Kur' zu machen als 10 Wochen Chemotherapie mit allen Nebenwirkungen, die man ja kennt", schreibt Bergter im Internet. Diese "ernährungsmedizinischen Erfahrungen" will er künftig mit nuklearmedizinischen Therapien kombinieren.

Schriftlich auf die Behandlungen in Frankfurt befragt, weist der Nuklearmediziner "sämtliche Vorwürfe und Schuldzuweisungen entschieden zurück".


Zusammengefasst: Ärzte der Uniklinik Frankfurt am Main haben Hunderte Prostatakrebspatienten mit der sogenannten Lutetium-PSMA-Therapie behandelt - sie ist weder in klinischen Studien getestet, noch ist ihre Wirkung zweifelsfrei nachgewiesen. Vielen Patienten versagten die Ärzte wirksame Medikamente, sie handelten gegen Beschlüsse von Expertengremien und Leitlinien von Fachgesellschaften. Interne Warnungen wurden ignoriert.

*Name geändert



insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Fa_hh 20.12.2018
1. kritisch
Hm, gleich nach Gestern wieder ein dramatischer "investigativer" Artikel. vermutlich wird aber mein Kommentar eh nicht veröffentlicht. der Spiegel sitzt auf einem so hohen moralischen ross, dass er glaubt nach den Enthüllungen gestern wäre er weiterhin moralisch erhaben weil der spiegel das ja ach so offensiv nach aussen getragen hat. aber ansonsten ist es doch eh weiter so wie vorher. der spiegel hat der Presselandschaft gestern einen massiven schaden zugefügt und dann traut man sich heute mit so einem Artikel raus? habt ihr auch Führungskräfte die mitdenken???
alex300 20.12.2018
2. Scheint doch eine sehr interessante Methode zu sein
Würde ich auch vorziehen. Nur, wenn nach der ersten Behandlung keine Besserung eintritt - warum auch immer - sollte man auf erprobte Mittel wie Chemo setzen.
helmut.alt 20.12.2018
3. Krebskranke greifen nach jeden Strohhalm,
wenn sich abzeichnet, dass die Schulmedizin versagt. Jede Chemo ruiniert den Körper und das Immunsystem und am Ende ist es doch nur ein Sterben auf Raten. Jede neue Methode wird Zeit brauchen bis sie endgültig akzeptiert werden kann.
wuppty 20.12.2018
4. Universitätsmedizin
ist Spitzenmedizin und ein Grossteil der Kliniken leistet gute Arbeit. Das rechtfertigt in keiner Weise o.g. Handeln. Aber wer unkritisch bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung keine 2./3. Meinung einholt, ist diesem Treiben willkürlich ausgeliefert. Medizin ist ein Markt, und Ärzte sind keine Halbgötter in Weiss. Dem Patienten wurde die Therapie aber auch nicht mit der Pistole auf der Brust aufgedrängt. Grundsätzlich sollte man niemanden vertrauen, auch wenn er Wunder anbietet......
mimas101 20.12.2018
5. Hmm
wenn sich die Universitätsklinik Ffm schon dafür hergibt auf Weisung und inhaltliche Vorgaben falsche medizinische Gutachten zu erstellen weil Dienstherren Beamte loswerden wollen dann ist sowieso schon Vorsicht angebracht denn die eine oder andere Disziplin einer solchen Klinik könnte ebenfalls nicht nach anerkannten Standards handeln. Zwar ist eine Uniklinik auch eine Forschungs- und Lehreinrichtung aber gleichzeitig ein Haus der höchsten Versorgungsstufe - und da hat eine sichere Therapie vorzugehen. Vorliegend war das schlicht nicht der Fall und die Patienten vermeidbaren Risiken ausgesetzt (nur gut das Prostatakrebs nur langsam wächst und es dann meist Zeit ist die Therapie umzustellen). Krebspatienten sollten aber immer eine Zweitmeinung einholen, am besten an einem Tumorzentrum direkt.
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