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21. Dezember 2012, 12:02 Uhr

Experteninterview

"Keine Therapie ist oft eine gute Alternative"

Wie man sich vor unnötigen ärztlichen Behandlungen schützt und wo man unabhängig Rat in medizinischen Fragen erhält, erklärt Gunnar Schwan im Interview. Er arbeitet bei der Stiftung Warentest als Projektleiter für Untersuchungen von Gesundheits-Dienstleistungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schützt man sich vor unnötigen ärztlichen Leistungen?

Schwan: Für den Laien ist es immer schwierig zu beurteilen, was medizinisch sinnvoll ist. Zuletzt wurde berichtet, dass es zu viele Operationen am Knie, an der Hüfte und am Rücken gebe. Ich kann nur sagen: Wenn man Zweifel hat, ob eine Therapie oder ein Eingriff sinnvoll ist, sollte man einen zweiten Arzt konsultieren - bei größeren Eingriffen sogar immer.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn auch das keine Klarheit bringt?

Schwan: Man sollte gemeinsam mit dem Arzt den Nutzen und das Risiko eines Eingriffs oder einer Therapie gegeneinander abwägen. Im Zweifelsfall kann man auch noch einen dritten Mediziner zu Rate ziehen - die Entscheidung muss man anhand der Informationen dann alleine treffen, das kann einem niemand abnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn ein Arzt zu kostenpflichtigen Zusatzleistungen rät?

Schwan: Die Musterberufsordnung für Ärzte sagt: Bei den individuellen Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, muss der Arzt besonders aufklären, da der Nutzen für den Patienten nicht eindeutig ist. In dem Fall sollte man auf einem schriftlichen Kostenvoranschlag bestehen - und nach den Alternativen fragen. Das kann auch sein: Einfach nichts zu tun. Das ist genauso wirksam wie viele IGeL, kostet nichts und man vermeidet das Risiko eines Behandlungsfehlers oder einer Untersuchung mit unerwünschten Konsequenzen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Tests können schädlich sein?

Schwan: Ja, ein Beispiel ist der PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs, eine der am häufigsten angebotenen IGeL. Einige Studien zeigen einen Nutzen, andere nicht. Eindeutig sind dagegen die negativen Auswirkungen: Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass der PSA-Test unnötige Behandlungen nach sich zieht. Diese haben erhebliche gesundheitliche Risiken. Von unabhängigen Stellen wie dem IGeL-Monitor wird der PSA-Test deshalb als "tendenziell negativ" bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Verhalten eines Arztes sollte man skeptisch werden?

Schwan: Grundsätzlich sollte eine Atmosphäre des Vertrauens herrschen. Wenn man das Gefühl hat, ein Arzt will einen zu Therapien oder Eingriffen drängen oder überreden, sollte man ihn wechseln. Genauso, wenn man das Gefühl hat, dass er nicht genügend über Risiken aufklärt.

SPIEGEL ONLINE: Was tun, wenn man einen Behandlungsfehler oder eine Falschbehandlung vermutet?

Schwan: Zentral für eine mögliche Auseinandersetzung vor Gericht ist die Dokumentation. Man sollte also zunächst alles aufschreiben, was wann wo und durch wen passiert ist. Jeder Patient hat außerdem das Recht, seine Akte beim behandelnden Arzt einzusehen und Kopien davon zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn der Arzt sich weigert oder nicht reagiert?

Schwan: Dann sollte man die Akte per Einschreiben einfordern. Wenn nichts passiert: Bei der Klinikverwaltung, dem Krankenhausträger oder - im Falle niedergelassener Ärzte - bei der Rechtsabteilung der Ärztekammer beschweren. In der Regel muss der Patient den Behandlungsfehler belegen. Ist die Patientenakte jedoch lückenhaft - zum Beispiel muss darin auch das Aufklärungsgespräch dokumentiert sein - liegt die Beweislast beim Arzt. Dann gilt im Zweifel: Was nicht dokumentiert ist, ist auch nicht geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es unabhängige Experten, an die man sich als Patient wenden kann?

Schwan: Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) berät und unterstützt unabhängig von Krankenkassen, Ärzten und Therapeuten. Unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 / 0 11 77 22 kann man sich als Patient oder Angehöriger, als Versicherter und Nichtversicherter beraten lassen.

Das Interview führte Frederik Jötten

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