Benzodiazepine: Gefährliche Beruhigungsmittel
Schlafstörungen, Depressionen, Panikattacken oder Krämpfe: Benzodiazepine versprechen Linderung bei etlichen Beschwerden. Ärzte verschreiben sie besonders gerne älteren Patienten. Doch die Nebenwirkungen sind fatal - die Beruhigungsmittel machen schnell süchtig.
Benzodiazepine sind Beruhigungsmittel, die unter anderem eine angstlösende und schlaffördernde Wirkung entfalten. Schätzungen zufolge erhalten mehr als 1,5 Millionen Deutsche über Monate oder gar Jahre Benzodiazepine.
Rund zwei Drittel aller Menschen, die Benzodiazepine verordnet bekommen, sind über 65 Jahre alt. Doch gerade für ältere Menschen sind sie hochproblematisch: Bei Senioren rufen die Mittel oft paradoxe Reaktionen hervor. Was als Beruhigungsmittel verabreicht wird, kann bei ihnen Erregung, Unruhe, Verwirrung, Angst und Depressionen auslösen. Allesamt Symptome, die Angehörige und Ärzte (wenn sie die wahren Ursachen nicht kennen) daran zweifeln lassen können, ob das Gehirn des Betroffenen noch intakt ist - oder bereits unheilbar defekt. Der Schritt zur Fehldiagnose ist dann nicht weit.
Verwirrung, Kopfschmerzen und Koordinationsstörungen
Bei über 60-Jährigen treten Nebenwirkungen durch Benzodiazepine im Schnitt viermal so oft auf wie bei jungen Menschen. Zu den unerwünschten Arzneimitteleffekten zählen zum Beispiel Verwirrung, starke Bewusstseinsdämpfung, unkoordinierte Bewegungen, Kopfschmerzen oder Artikulationsstörungen.
Experten raten daher, die Dosis von Benzodiazepinen bei über 65-Jährigen auf ein Drittel oder Viertel der üblichen Dosis herabzusetzen. Einer der Gründe für die vermehrten Nebenwirkungen ist, dass viele Medikamente im Körper älterer Menschen deutlich langsamer abgebaut werden als bei jungen Menschen.
Zudem haben Benzodiazepine ein hohes Suchpotential. Schon nach der Einnahme über einige Wochen können beim Absetzen dieser Medikamente genau jene Symptome verstärkt auftreten, gegen die sie eigentlich wirken sollen: Angstzustände mit Panikattacken, Schweißausbrüche, Schlafstörungen. Ob es sich um Nebenwirkungen oder Entzugserscheinungen handelt, ist häufig schwer zu unterscheiden.
Entzug verursacht weitere Nebenwirkungen
Einige Mittel - darunter etwa das Präparat Lorazepam (Markennamen zum Beispiel Tavor und Tolid) stehen im Verdacht, besonders heftige Entzugserscheinungen hervorzurufen, darunter Entfremdungserlebnisse, Suizidgedanken und Wahrnehmungsstörungen in verschiedenen Sinnesbereichen bis hin zu einem klassischen Entzugsdelir oder einer Entzugspsychose mit Krampfanfällen. Mittlerweile gibt es auch Hinweise darauf, dass der Konsum von Benzodiazepinen das Risiko einer Demenz erhöht.
Viele der Patienten, so der Pharmezeut Gerd Glaeske von der Universität Bremen, bekämen die Mittel gar nicht mehr wegen akuter Probleme verschrieben. Den meisten Langzeitkonsumenten, würden diese Medikamente nur noch verordnet, um die Entzugserscheinungen und Suchtverlangen zu kaschieren, die durch eine andauernde Einnahme entstanden sind. Glaeske schätzt, dass etwa 1,2 Millionen Menschen süchtig nach Benzodiazepinen sind.
Häufig übersehen oder unterschätzt wird zudem die Wechselwirkung von Benzodiazepinen mit anderen Medikamenten. So führt der Konsum beispielsweise dazu, dass die Leber andere Arzneistoffe, insbesondere Schmerzmittel, rasant abbaut. Die täglich nötige Opiatdosis zum Beispiel bei Krebspatienten ist bei Benzodiazepin-Abhängigen beträchtlich höher als bei anderen Patienten.
Ein Benzodiazepin-Entzug gilt zwar als hart. Dennoch ist er Experten zufolge möglich - und sinnvoll, selbst bei älteren Patienten, die jahrelang abhängig waren.
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