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27. Februar 2013, 11:04 Uhr

Valium und Co.

Verdacht auf erhöhtes Demenzrisiko durch Beruhigungspillen

Von Cornelia Stolze

Mehr als zwei Millionen Deutsche nehmen regelmäßig Schlaf- und Beruhigungsmittel. Was viele der meist älteren Patienten nicht ahnen: Die scheinbar harmlosen Pillen machen nicht nur süchtig - wer sie längere Zeit schluckt, hat ein erhöhtes Risiko, dement zu werden.

Sie versprechen Hilfe bei allerlei Beschwerden. Ob Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen, Panikattacken, Krämpfe oder Muskelverspannungen: Benzodiazepine, darunter bestens bekannte Präparate wie Valium, Adumbran oder Tavor, sollen helfen.

Was kurzfristig hilft, kann jedoch schnell zum Problem werden. Denn Benzodiazepine machen innerhalb weniger Wochen süchtig. Wer die Medikamente wieder absetzen will, hat mitunter mit massiven Entzugserscheinungen zu kämpfen. Die reichen von Angstzuständen mit Schweißausbrüchen und Panikattacken über Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Suizidgedanken.

Die dringende Empfehlung von Experten lautet deshalb: Benzodiazepine sollten so niedrig dosiert und so kurz wie möglich verabreicht werden, maximal zwei Wochen lang. Verbraucherschützer wie die renommierte US-Organisation Public Citizen raten seit Jahren sogar generell von einer Benzodiazepin-Einnahme ab. Jetzt schlagen sie noch aus einem anderen Grund Alarm: Menschen über 65 Jahre, die Benzodiazepine schlucken, haben einer aktuellen Studie zufolge ein drastisch höheres Risiko, an Demenz zu erkranken als Senioren, die keines dieser Beruhigungsmittel einnehmen.

Bisher stärkster Beweis für einen Zusammenhang

Lange Zeit war umstritten, ob die Substanzen die Entwicklung einer Demenz tatsächlich fördern. Bisherige Untersuchungen zu dieser Frage galten als widersprüchlich, methodisch schwach oder wenig aussagekräftig. Eine kürzlich im "British Medical Journal" veröffentlichte Untersuchung liefere jedoch den bisher stärksten Beweis dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen und einem erhöhten Demenzrisiko gibt, so die Verbraucherschützer.

Die Studie des Teams um Antoine Pariente von der Université Bordeaux Segalen basiert auf der sogenannten "Paquid"-Kohorte, einer Gruppe von insgesamt 3777 Senioren über 65 Jahre, die 20 Jahre lang regelmäßig untersucht worden war. Daraus wählten die Forscher eine Untergruppe von 1063 Männern und Frauen im Durchschnittsalter von 78,2 Jahren, die in den ersten drei Jahren der Studie keine Benzodiazepine eingenommen hatten sowie in den ersten fünf Jahren frei von Demenzsymptomen waren. Fünf Jahre nach Beginn der Studie identifizierten die Forscher daraus eine weitere Subgruppe, die jetzt erstmals Benzodiazepine einnahm. Das gleiche taten sie zu weiteren festgelegten Zeitpunkten, nämlich nach acht, zehn, 13 und 15 Jahren.

Am Ende der Studie hatten 253 der insgesamt 1063 Teilnehmer eine Demenz entwickelt (24 Prozent). Unter jenen 95 Probanden, die im Verlauf der Studie mit der Benzodiazepin-Einnahme begonnen hatten, waren 30 an Demenz erkrankt (32 Prozent). Von den anderen 968 Probanden, die diese Medikamente nicht einnahmen, waren 223 (23 Prozent) dement geworden.

Höhere Wahrscheinlichkeit für Demenz

Bei ihrer statistischen Auswertung bereinigten die Forscher die Ergebnisse um etliche andere Risikofaktoren wie etwa Ausbildungsniveau, Alkoholkonsum, Diabetes oder Medikamenteneinnahme. Zudem berücksichtigten sie neben Geschlecht und Alter auch, wie früh die Probanden im Verlauf der Studie eine Demenz entwickelten. Das Ergebnis: Bei jenen Testpersonen, die bereits im vierten oder fünften Studienjahr begonnen hatten, Benzodiazepine zu schlucken, war die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, 60 Prozent höher als bei jenen, die im vierten und fünften Studienjahr keines dieser Mittel eingenommen hatten.

Der endgültige Nachweis, dass Benzodiazepine Demenz verursachen, räumt der Pharmazeut Gerd Glaeske von der Universität Bremen ein, sei zwar auch mit der neuen Studie nicht erbracht. Um das zu belegen, bräuchte es aber eine prospektive Studie, in der man Menschen gezielt Medikamente verabreichen würde, die sie gar nicht brauchten. "Das wäre ethisch gar nicht vertretbar", so Glaeske.

Die Last der Indizien durch die Ergebnisse der französischen Forscher sei jedoch auch so Grund genug zu sagen: "Lasst die Benzos endlich weg." Ein Einsatz dieser Mittel sei nur in seltenen Fällen, in geringster Dosierung und über sehr kurze Zeit gerechtfertigt. Auch Public Citizen ist der Auffassung, dass die Verabreichung von Benzodiazepinen nur in den seltensten Fällen vertretbar sei. "Das aber", sagt Glaeske, "wird leider bis heute immer wieder falschgemacht".

Tatsächlich erhalten allein in Deutschland Forschern zufolge mehr als 1,5 Millionen Menschen monate- oder gar jahrelang Benzodiazepine. Und das, obwohl die meisten dieser Mittel gar nicht für eine Dauertherapie zugelassen sind. Die Folgen sind drastisch: Etwa 1,2 Millionen Menschen, schätzt Glaeske, sind süchtig davon - dank Rezept und damit quasi mit dem Segen ihrer Ärzte.

Lesen Sie hier mehr über Benzodiazepine sowie die Gefahren und Nebenwirkungen bei Missbrauch.

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