Drogen-Slum in Vancouver Downtown an der Nadel

Menschen kauern auf der Straße, streunen umher auf der Suche nach Drogen, setzen sich Spritzen an den Hals: Mitten in Vancouver befindet sich ein Slum, die HIV-Rate ist dort so hoch wie in manchen Ländern Afrikas. Das Leid ermöglicht es Forschern, Strategien im Kampf gegen Aids zu erproben.

AP

Aus Vancouver berichtet


Es ist ein schöner Tag im kanadischen Vancouver, einer der seltenen im Frühjahr, an dem die Sonne hinter den Wolken hervorlugt. Wasserflugzeuge kreisen über der Stadt und landen wummernd auf der Pazifikbucht. Eine Robbe dümpelt im Wasser, am Horizont ragen die Ausläufer der schneebedeckten Rockys in die Höhe. Als die Sonne hinter den Wolkenkratzern des Geschäftsviertels verschwindet, färbt sie den Himmel rosa, die Farbe reflektiert sich im Wasser und an den verspiegelten Fassaden der Skyline. Vancouver zeigt sich von seiner schönsten Seite.

Doch schon zwei Straßen weiter, das Wasser ist noch zu sehen, ändert sich das Bild. Gerade noch schlenderten Touristen durch die Gassen. Ein Laden versuchte mit Sonderangeboten - 100 Dollar für eine Jeans - Kunden anzulocken. Dann beginnt eine andere Welt. Ein junger Mann, um die 30, schlurft die Straße herunter, er läuft gebeugt, sein Gehstock klackt auf den Asphalt. Es ist ein kühles, angsteinflößendes Geräusch, das doch nicht auf das vorbereiten kann, was kommt.

Rund 10.000 Drogenabhängige leben hier auf engstem Raum, rund die Hälfte davon hängt an der Nadel. Spritzen und der Handel mit Pillen und Pulvern gehören zum Alltag, genauso wie Abhängige, die durch die Straßen streunen und den Boden nach Drogen absuchen. Fast nirgends liegen arm und reich so nah beieinander wie in Vancouvers Downtown. Wer nur eine falsche Abbiegung nimmt, gerät aus den Geschäftstraßen mit ihren Shoppingmalls, Restaurants und Nachtclubs in eines der ärmsten Viertel Kanadas, den Slum, Downtown Eastside.

HIV-Raten so hoch wie in Botswana

Laut Schätzungen ist fast jeder Dritte hier HIV-positiv, heißt es in einem Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen. Die HIV-Rate ist damit so hoch wie in Botswana oder anderen Ländern Afrikas. Der Ursprung der HIV-Epidemie liegt mehr als 25 Jahre zurück: Die Krankheitswelle in der homosexuellen Gemeinschaft war gerade abgeebbt, da erlebte Vancouver 1997 eine Explosion der HIV-Erkrankung unter den Drogenkonsumenten.

Das ansässige British Columbia Centre for Excellence in HIV/Aids (BC-CfE) dokumentierte, wie innerhalb kurzer Zeit 25 Prozent der 15.000 spritzenden Drogenabhängigen der Stadt erkrankten. Bis heute haben Forscher in einer Industrienation kaum eine schneller wachsende HIV-Epidemie beobachtet. Die rasante Verbreitung forderte ein grundlegendes Umdenken: Die gesundheitlichen Folgen der Drogennutzung stellten das kriminelle Problem in den Schatten.

Neben Politikern und Sozialverbänden, begannen vor allem Forscher des BC-CfE, für die Menschen in Downtown Eastside zu kämpfen. Sie starteten HIV-Screenings, verlangten kostenlose Medikamente, unterstützten die Eröffnung der einzigen legalen Fixerstube Nordamerikas und untermauerten ihre Forderungen mit wissenschaftlichen Studien. "In dem Stadtteil entstand ein perfekter Versuchsraum, um Lösungen für die HIV-Epidemie zu entwickeln", sagt Evan Wood, der sich als Direktor der Urban Health Research Initiative auf die HIV-Epidemie unter Drogennutzern spezialisiert hat.

"Horror on Hastings": Eine Frau spritzt ihrer Freundin in den Hals

Es ist halb fünf an einem Sonntagabend in der East Hastings Street, dem Ort des "Horror on Hastings", wie Einheimische das Geschehen nennen. Menschen drängen sich durch die gefüllten Straßen, Jogginghosen schlabbern um ihre ausgemergelten Beine, die Körper von Drogen vergiftet und vorzeitig gealtert. Viele begleitet der Geruch von längst getrocknetem Schweiß und talgigem Haar, aus den Hinterhöfen stinkt es nach Urin und Kot. Wer nicht hierher gehört, fällt auf, sofort, unweigerlich. Es dauert keine zwei Minuten, da ruft der erste: "Hey baby, where you goin'?"

Ein kleiner Platz öffnet sich an einer Kreuzung, ein Mann legt rote Lackstiefel vor sich auf die Straße, die Absätze sind schiefgelaufen. Er ist Teil eines Flohmarktes, überall bieten Menschen ihre Ware an, abgewetzte Schuhe, zerbeulte Handtaschen, CDs und DVDs. Vieles, worum die Leute hier feilschen, ist für andere wertlos. Der Rest ist Diebesgut. Es ist ein Flohmarkt von Junkies für Junkies, ein Ort, an dem Außenstehende ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie sich morgens darüber geärgert haben, dass das Wasser in der Dusche nicht schnell genug warm wurde.

Die Flohmarkteinnahmen sichern den nächsten Kick. 0,1 Gramm Heroin kosten im Viertel rund 20 kanadische Dollar, genug für einen Schuss. Für 10 kanadische Dollar erhalten Kunden 0,1 Gramm Koks, Crack oder Crystal. Die Preise sind seit zehn Jahren stabil, ein Großteil der Drogenabhängigen kann sich den Stoff in weniger als zehn Minuten organisieren. Auch das haben Forscher evaluiert. An einer Straßenecke streicht eine Frau eine braune Locke hinter das Ohr und legt den Kopf zur Seite. Eine Freundin schiebt ihr eine Spritze unter die Haut. Alltag am Rand der East Hasting Street.

Die erste legale Fixerstube Nordamerikas

Geteiltes Drogenbesteck, der Versuch, aus gefundenen Spritzen noch einen letzten Tropfen in die Vene zu quetschen, ungeschützter Sex, Prostitution - es gibt viele Wege, auf denen sich Drogenabhängige mit HIV infizieren können. Bereits 1988 startete Vancouver ein Spritzentausch-Programm, im Jahr 1996 verteilten Krankenschwestern und Sozialarbeiter mehr als zwei Millionen Spritzen pro Jahr - mehr als überall sonst in Nordamerika. Die Epidemie verhindern konnten sie nicht.

Seitdem suchen Forscher, Politiker und Interessenvertreter der Drogenabhängigen nach weiteren Wegen, die Verbreitung des HI-Virus zu bremsen. Ein Vorstoß war 2003 die Eröffnung der ersten legalen Fixerstube Nordamerikas Insite. Mitten im Viertel bekommen Abhängige die Chance, ihre Drogen abseits von Hauseingängen und stinkenden Hinterhöfen zu spritzen, mit sauberem Besteck, auf Wunsch mit einer Krankenschwester an der Seite. Hinzu kommt die Möglichkeit, HIV-Tests durchzuführen, Krankheitsfragen zu stellen und Suchttherapien zu starten. "Insite bringt Menschen von der Straße zum Gesundheitssystem", sagt Wood.

Ein weiterer Weg, über den die Forscher das Virus zurückdrängen wollen, ist die weitläufige Behandlung der Betroffenen mit HIV-Medikamenten. Abhängigkeit, psychische Krankheiten, Obdachlosigkeit und wirtschaftliche Probleme machen die Tabletten häufig unerreichbar. Fast 40 Prozent der Menschen, die zwischen 1997 und 2005 in der Region an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben sind, hatten nie Zugang zu hochwirksamen Medikamenten. Obwohl HIV-Medikamente in der Region British Columbia seit 2003 für Bedürftige kostenfrei sind, erreichten sie noch immer nicht alle HIV-Positiven in Downtown Eastside. Dies schadet nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch den Menschen in ihrem Umfeld.

Eine regelmäßige Therapie mit modernen Medikamenten verringert die Virusmenge im Körper so, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung anderer gegen Null geht, ob über das Blut, über die Muttermilch oder über Sexualflüssigkeiten. Dafür müssen die Betroffenen ihre Medikamente jedoch zuverlässig schlucken, ohne Ausnahmen, jeden Tag. "Es ist für jede Gesellschaftsgruppe eine Herausforderung, jeden einzelnen Tag ihres Lebens ein Medikament einzunehmen", sagt Wood. "Für Drogenabhängige ist sie besonders groß."

"Was hier hilft, hilft auch woanders"

Um die Bedürftigen weiter zu unterstützen, startete im Februar 2010 das vierjährige Pilotprojekt "Stop HIV/Aids". Mit einem Budget von 48 Millionen Dollar sucht ein Team aus Betroffenen, Medizinern und Forschern nach Wegen, die Versorgung der HIV-positiven Drogenabhängigen in Vancouver Downtown Eastside und Prince George, dem zweiten Problemviertel in British Columbia, zu verbessern. Sie wollen die Menschen im Alltag abholen.

"Abhängige Menschen sind dazu bereit, HIV-Medikamente zu nehmen", sagt Julio Montaner, der Leiter des BC-CfE. "Dafür muss man allerdings ein Umfeld schaffen, das sie darin unterstützt." Mit Teststationen in Notunterkünften und an anderen markanten Stellen gelang es den Forschern bisher, die Zahl der HIV-Tests in den Vierteln zu verdoppeln. Ein wesentlicher Schritt: Die meisten Menschen infizieren andere mit dem Virus, wenn sie selbst noch nichts von der Erkrankung wissen.

Bewähren sich die Strategien, sollen sie auf andere Problemregionen der Welt übertragen werden. "Was hier hilft, hilft auch woanders", sagt Montaner. Außerhalb Afrikas sind mindestens ein Drittel der neuen HIV-Infektionen auf Drogengebrauch zurückzuführen. Die Betroffenen übertragen das Virus nicht nur über Spritzen. Drogen führen auch zu einem riskanteren Verhalten, ein fehlendes Kondom wird im Rausch schnell mal zur Nebensache.

Deutschland bildet bei der Problematik eine Ausnahme. Durch die frühe und flächendeckende Einführung von Fixerstuben und anderen Programmen ist das Virus unter deutschen Drogenkonsumenten relativ gering verbreitet. Von landesweit etwa 2700 Neuinfektionen im Jahr 2011 gehen laut einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts nur rund 150 auf Drogengebrauch zurück.

In Regionen wie Osteuropa oder Zentralasien hingegen, in denen sich die Krankheit heute rasant verbreitet, sind mehr als 80 Prozent der Erkrankten Drogenabhängige. In Russland schätzen Forscher, dass mehr als jeder Dritte der rund 1,9 Millionen spritzenden Drogenabhängigen HIV-positiv ist.

Für sie alle bedeuten die Fortschritte in Vancouver Hoffnung, sie alle können von dem kleinen, armen Völkchen profitieren, das mitten in der kanadischen Metropole, zwischen Wolkenkratzern und Sternerestaurants, vor sich hin darbt.

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Seite 1
juergw. 07.06.2012
1. Das Leid ??
Zitat von sysopAPMenschen kauern auf der Straße, streunen umher auf der Suche nach Drogen, setzen sich Spritzen an den Hals: Mitten in Vancouver befindet sich ein Slum, die HIV-Rate ist dort so hoch wie in Afrika. Das Leid ermöglicht es Forschern, Strategien im Kampf gegen Aids zu erproben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,817326,00.html
Die Junkies setzen sich freiwillig ihre Spritzen-trotzden erstaunlich ,was der menschliche Körper so alles aushält. Am besten einen hohen Zaun um den Bezirk ziehen,welche Strategien sollen da noch helfen?
brother eagle 07.06.2012
2. Alle Achtung
Zitat von sysopAPMenschen kauern auf der Straße, streunen umher auf der Suche nach Drogen, setzen sich Spritzen an den Hals: Mitten in Vancouver befindet sich ein Slum, die HIV-Rate ist dort so hoch wie in Afrika. Das Leid ermöglicht es Forschern, Strategien im Kampf gegen Aids zu erproben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,817326,00.html
wer von Vancouver aus die Rockies sehen kann muss schon sehr gute Augen haben. Die erwaehnten Berge gehoeren zu den Coast Mountains welche von British Columbia bis hoch nach Alaska reichen. Mal in einen Atlas gucken vor dem Schreiben kann ja nicht schaden! Gruss von Vancouver Island BC
Schelm 07.06.2012
3. Von Wegen Perle des Pazific's...
Zitat von sysopAPMenschen kauern auf der Straße, streunen umher auf der Suche nach Drogen, setzen sich Spritzen an den Hals: Mitten in Vancouver befindet sich ein Slum, die HIV-Rate ist dort so hoch wie in Afrika. Das Leid ermöglicht es Forschern, Strategien im Kampf gegen Aids zu erproben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,817326,00.html
...das war einmal. Ich war vor 30 Jahren dort und letztes Jahr wieder in Vancouver. Kein Vergleich, eine herbe Enttaeuschung. Bei einem Kanada Besuch wuerde ich diese Stadt vermeiden!!
SeanFold 07.06.2012
4.
Zitat: Es ist ein Flohmarkt von Junkies für Junkies, ein Ort, an dem Außenstehende ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie sich morgens darüber geärgert haben, dass das Wasser in der Dusche nicht schnell genug warm wurde. Wenn man mal in den ärmsten Regionen der Welt war, dann bekommt man eher eine ziemliche Wut. Denen geht es so verdammt gut und in anderen Teilen der Welt ist nichtmal genug Wasser vorhanden. Und erstmal an Drogenabhängigen Medikamente für Lau verbraten, während in anderen Ländern die HIV-Kranken ohne drogensüchtig zu sein, jeden dieser Suchtis um ihr Leben beneiden. Das ist wahrhaft schockierend!
el-gato-lopez 07.06.2012
5. Nix gelernt!
Erinnert stark an die Situation in Zürich am Bahnhof Letten / Platzspitz - in den frühen 90ern die grösste offene Drogenszene Europas. Damals dominierte auch die gleiche Mischung aus Ignorranz / Gleichgültigkeit und der Meinung "sowas" gehöre halt zur Grosstadtatmosphäre. Von linker Seite wurde das Ganze verharmlost und die armen "Gesellschaftsopfer" fleissig bemitleidet, konkret unternommen wurde dann natürlich nichts. Von rechter Seite hätte man die Leute am liebsten allesamt im See ersäuft. Einigermassen gelöst wurde das Problem in Zürich erst, als beide politischen Lager begriffen, dass sie über ihre ideologischen Schatten springen mussten. Die Linken mussten einsehen, dass zu einer effektiven Drogenpolitik nunmal massive Polizeirepression gegen die zugrundeliegenden kriminellen Strukturen gehört. Die Rechten mussten einsehen, dass man die Junkies nicht einfach irgendwohin wegsperren kann, sondern Reintegrations- und Therapiemöglichkeiten, inklusive kontrolliertem Konsum, Abgabe von Ersatzstoffen etc. schaffen muss. Man kann nur hoffen, dass dieser Lerneffekt auch mal in Kanada einsetzt!
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