Belgien Vatikan kritisiert Sterbehilfe für Minderjährige

In Belgien ist erstmals ein minderjähriger Patient mit Sterbehilfe gestorben. Der Vatikan verurteilte den Vorgang scharf.


Der erste Fall von Sterbehilfe für Minderjährige in Belgien hat heftigen Protest aus dem Vatikan hervorgerufen. Das belgische Sterbehilfe-Gesetz nehme Kindern das Recht auf Leben, kritisierte Kardinal Elio Sgreccia laut Radio Vatikan. Am Samstag war bekannt geworden, dass ein Minderjähriger oder eine Minderjährige in Belgien mit medizinischer Hilfe gestorben war.

Die Ärzte hätten erstmals die gesetzlich erlaubte Sterbehilfe für Minderjährige angewandt, bestätigte der Vorsitzende der staatlichen Sterbehilfe-Kommission, Professor Wim Distelmans. Er sei innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von dem Fall unterrichtet worden. Der Patient oder die Patientin war den Angaben zufolge todkrank. Details wurden nicht genannt.

"Diese Entscheidung wendet sich nicht nur gegen die Empfindungen aller Religionen, die sämtlich ihre Stimme in Belgien erhoben haben, sondern auch gegen den menschlichen Instinkt, denn vor allem verletzlichen Minderjährigen muss mit Medikamenten und mit moralischem, psychologischem und spirituellem Beistand geholfen werden", sagte Kardinal Sgreccia.

"Die Tötung auf Verlangen von Kindern hat nichts mit würdigem Sterben zu tun", kritisierte auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, das Vorgehen. "Damit verlässt der Beneluxstaat die menschenrechtlichen Standards der EU. Aber die europäischen Institutionen schweigen."

Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.

In Belgien ist seit 2002 ein Sterbehilfe-Gesetz in Kraft, das als besonders liberal gilt. Es erlaubt Ärzten die Tötung auf Verlangen von erwachsenen, unheilbar kranken Patienten, sofern Mediziner ihnen unerträgliche Leiden bescheinigen. Anfang 2014 dehnte das Parlament die Sterbehilfe auf Minderjährige aus, wenn die Eltern zustimmen.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

Aktive Sterbehilfe ist in den meisten Ländern verboten. In der Europäischen Union erlauben nur die Niederlande, Luxemburg und Belgien ausdrücklich die Tötung auf Verlangen. Die passive Sterbehilfe, der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen, ist in zahlreichen Ländern erlaubt beziehungsweise wird geduldet - auch in Deutschland.

Im vergangenen Jahr wurde jedoch in Deutschland durch ein neues Gesetz die geschäftsmäßige Sterbehilfe verboten. Kommerzielle Sterbehilfevereine, wie sie etwa der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch gegründet hatte, dürfen hierzulande nicht mehr praktizieren. Vereine wie Exit oder Dignitas, die etwa in der Schweiz sterbewilligen Menschen Hilfe beim Suizid anbieten, besorgen für den Patienten ein tödlich wirkendes Barbiturat, das in Wasser aufgelöst wird. Aus juristischen Gründen muss es der Patient aber selbst schlucken können oder es sich zumindest selbst zuführen können - etwa über eine Magensonde.

insgesamt 183 Beiträge
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Thunder79 18.09.2016
1.
Daher meide ich die Kirche wo ich nur kann. Immer mit moralischen Zeigefinger erhebend. Das Leben ist nunmal teils auch grausam, wer totkrank ist und heftig leidet, wünscht sich eben nur noch den Erlös dieses Leids herbei. Soll es doch die Kirche für gut heißen, ist das arme Individuum doch jetzt im Himmelsreich. Frag mich nur warum viele ein schönes Leben auf der Erde verbringen dürfen und einige eben nicht, um dann vor Gott zu stehen. Mittelalterliches denken eben. Aber Gottseidank (!) werden die Menschen eben reifer in der Hinsicht und es hat wohl seinen Grund dass immer mehr aus der Kirche austreten.
CobCom 18.09.2016
2.
Können diese Seelenfänger nicht einfach mal die Klappe halten und die Entscheidung, die ein anderer für sich getroffen hat, respektieren? Was ist so toll daran, wenn man gezwungen wird, sich gegen seinen Willen zu Tode zu quälen?
sickandinsane 18.09.2016
3. Verquerte Logik
Das Recht auf Leben wird einem also genommen? Aber das Recht auf einen würdevollen Tod also nicht? Wenn der Patient sich für den quallosen Tod entscheidet, dann gönnt ihm das doch, minderjährig hin oder her. Todkrank war er trotzdem, ob es noch 3 oder 4 qualboll
Mimi der graue Kater 18.09.2016
4. Sterbehilfe .....
ein sehr heikles Thema - wie kann man Missbrauch wirklich ausschließen? Doch jedes Mal wenn ich das Wort höre ehe ich das Gesicht der Mutter eines meiner Freunde vor mir. Sie starb voriges Jahr im Alter von 102 Jahren - davon aber die letzten 10 Jahre bettlägrig und selbst für die kleinsten Verrichtungen (auch Essen und Trinken) war sie auf fremde Hilfe angewiesen. Mindestens die letzten 5 Jahre flehte sie jeden den sie sah an: "Bitte lasst mich endlich sterben".
unschuld 18.09.2016
5. Nun in Deutschland schauen wir lieber zu
wie geliebte todkranke Menschen dahin vegetieren bis der Körper selber nicht mehr kann. (und teilweise noch darüber hinaus) Schließlich kann man mit Schwerkranken durchaus eine Menge Geld verdienen. Was menschlicher ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, für mich ist die belgische Variante jedenfalls die Menschlichste. Dass die Kirche nichts Menschliches an sich hat, ist aber nun auch kein Geheimnis.
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