Gefährliche Liebe: Vettern-Ehen verdoppeln Fehlbildungsrisiko

Bekommen Cousin und Cousine ersten Grades ein Kind, verdoppelt sich das Risiko für Fehlbildungen. Ehen zwischen so engen Blutsverwandten sind in vielen Kulturen alltäglich, auch in Deutschland sind sie möglich.

Embryo (Illustration): Schutz für das Kind bieten gebildete Mütter Zur Großansicht
Corbis

Embryo (Illustration): Schutz für das Kind bieten gebildete Mütter

Hamburg - In Deutschland dürfen Cousin und Cousine ersten Grades heiraten, das Bürgerliche Gesetzbuch verbietet es nicht. Sie haben dieselben Großeltern, unter ihren Eltern ist ein Geschwisterpaar. Doch was rechtlich erlaubt ist, hat einen Haken: Bei einer solchen Verwandtenehe steigt das Krankheitsrisiko des Kindes, sollten die beiden Vettern gemeinsamen Nachwuchs bekommen.

Jetzt hat eine große britische Studie gezeigt, dass sich das Risiko einer Fehlbildung zum Beispiel des Herzens oder von Gehirn und Nervensystem verdoppelt, wenn Cousin und Cousine ersten Grades ein Kind bekommen. Zwar bleibt das absolute Risiko niedrig - es steigt von drei Prozent auf sechs Prozent. Dennoch scheinen die Zahlen der katholischen Kirche recht zu geben, die seit mehr als tausend Jahren untersagt, was deutsche Standesämter gestatten.

Eamonn Sheridan und seine Kollegen von der St. James University im englischen Leeds analysierten für ihre Studie die Daten von mehr als 11.000 Kindern, die zwischen 2007 und 2011 in der "Born in Bradford Study" registriert wurden. 386 der Neugeborenen (drei Prozent) kamen mit Fehlbildungen zur Welt. Die Forscher gingen diesen Fällen nach und glichen die Angaben der Mütter mit Untersuchungsergebnissen ab, berichten sie im Fachmagazin "The Lancet".

Möglich machte die Analyse der hohe Anteil pakistanischer Einwanderer in der Studie - in deren Kultur Verwandtenehen häufig sind. Die Fehlbildungsrate war bei den Kindern der Einwanderer nahezu doppelt so hoch wie bei anderen Briten, was sich mit den Verwandtschaftsverhältnissen der Eltern erklären lässt.

Gestiegenes Risiko auch bei Müttern ab 34 Jahren

2013 der erfassten Babys (18 Prozent) stammten aus Partnerschaften zwischen Cousins ersten Grades, darunter befanden sich 1922 pakistanischstämmige Kinder. Während bei den pakistanischen Einwanderern 37 Prozent der Ehen in der Studie zwischen Vettern ersten Grades geschlossen wurden, war es bei den restlichen britischen Partnerschaften nur ein Prozent.

Die Verwandtschaft der Eltern ist für knapp ein Drittel aller Geburtsfehler bei Kindern pakistanischer Abstammung verantwortlich. Diese Größenordnung deckt sich mit den Ergebnissen früherer Studien. Bei nicht verwandten Paaren dagegen ist das Fehlbildungsrisiko unabhängig von der Herkunft der Eltern nicht erhöht.

Insgesamt war die Fehlbildungsrate in der Studie knapp doppelt so hoch wie in ganz Großbritannien. Einen ähnlichen Anstieg des Risikos wie bei den Verwandtenehen dokumentierten die Forscher bei Müttern über 34 Jahren: Die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlbildung des Kindes stieg von zwei auf vier Prozent. Schützend wirkt sich dagegen ein hoher Bildungsgrad der Mutter aus, der das Risiko halbiert. Hier gibt es einen Zusammenhang: Während ein Drittel der Frauen in Ehen zwischen nicht blutsverwandten pakistanischen Einwanderern einen höheren Schulabschluss hat, trifft das nur auf ein Fünftel der Frauen in Verwandtenehen zu.

Im Gegensatz zu früheren Studien fanden die Forscher keinen Zusammenhang zwischen rauchenden Müttern, Alkoholmissbrauch oder Übergewicht und Fehlbildungen der Kinder. Sie gestehen allerdings ein, dass die Studie zu klein gewesen sein könnte, um solche Effekte sichtbar zu machen. Auch erklärte der soziale Status der Eltern nicht das Risiko für Geburtsfehler. Zwei Drittel der Kinder in der "Born in Bradford Study" gehören dem am schlechtesten gestellten sozialen Fünftel der britischen Bevölkerung an.

"Dies ist die erste Studie, die in der Lage war, alle Gründe für Geburtsfehler zu untersuchen, weil in ausreichender Zahl blutsverwandte und nicht blutsverwandte Paare verfügbar waren", sagt Neil Small von der University of Bradford, der an der Studie beteiligt war. Nach Angaben der Wissenschaftler sind Ehen unter so engen Blutsverwandten weltweit verbreitet, etwa eine Milliarde Menschen lebe in Kulturkreisen, in denen sie alltäglich sind.

Dass Verwandtenehen unter anderem in Pakistan nichts Ungewöhnliches sind, könnte die Zahlen der Studie allerdings auch verzerren: Pakistanische Einwanderer in Großbritannien könnten aufgrund der jahrhundertealten Tradition noch enger verwandt sein als die Bevölkerung anderer Staaten, in denen Verwandtenehen vermieden werden. Verstärkt werden kann dieser Effekt noch dadurch, dass Hochzeiten nur in bestimmten Untergruppen der Bevölkerung gutgeheißen werden. Für die Bewohner Pakistans sind diese Zusammenhänge auch molekulargenetisch belegt, für die Einwanderer in Großbritannien dagegen nicht.

dba

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insgesamt 96 Beiträge
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1. Großeltern
Martin Franck 04.07.2013
Zitat von sysopCousin und Cousine ersten Grades haben dieselben Großeltern, unter ihren Eltern ist ein Geschwisterpaar.
Normalerweise hat man zwei Großeltern: Die Großeltern väterlicherseits und die Großeltern mütterlicherseits. Ein Großelternpaar stimmt überein, so daß unter den Eltern ein Geschwisterpaar ist. Der jeweilige andere Partner der Eltern hat aber nicht zwangsläufig die gleichen Großeltern.
2. ich bin überrascht
Lagenorhynchus 04.07.2013
dass solche Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Sie entsprechen zwar dem gesunden Menschenverstand, nicht aber der politischen Korrektheit. Die Auswirkungen sozialer Isolation auf vererbungsbedingte Erkrankungen sind auch bei Inselbevölkerungen bekannt, das ist also nichts wirklich neues. Ob eine Gruppe Menschen durch Ihre Kultur / religiöse Prägung oder durch die Geographie isoliert ist, macht genetisch keinen großen Unterschied.
3. Deutsches Recht
phboerker 04.07.2013
Deutsches Recht erlaubt sogar, dass ein Onkel seine Nichte oder eine Tante ihren Neffen heiratet. Nicht alles, was erlaubt ist, wird auch getan...
4. bevor Kinder gezeugt werden...
Spiegelleserin57 04.07.2013
kann man heute genetische Untersuchugen durchführen lassen, also kein Problem, wozu der Artikel ? Sollten Risiken nachgewiesen werden kann man Kinder adoptieren sofern man welche haben möchte. Es setzt verantwortungsbewußte Eltern voraus. Das sollte eigentlich in der heutigen Zeit normal sein.
5. Film
xgerry 04.07.2013
In einem Tatort "Konstanz" wurde behauptet, dass in "Inzuchtgebieten" das Krebsrisiko erhöht wäre. Bislang scheint es über das Thema "Gebiete mit hohem Verwandschaftsgrad in Deutschland" im Netz wohl nicht so viel zu geben."
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