Ein rätselhafter Patient Bewusstlos in der Bar

Eine 18-Jährige bricht plötzlich bewusstlos zusammen. Als sie nach 15 Minuten erwacht, scheint alles wieder in Ordnung. Aber in ihrem Blut entdecken die Ärzte einen alarmierenden Wert.

Wasserpfeife rauchen: Die meisten Konsumenten halten Shishas für ungefährlich
DPA

Wasserpfeife rauchen: Die meisten Konsumenten halten Shishas für ungefährlich

Von


Als die Rettungssanitäter zu der jungen Frau kommen, ist sie tief bewusstlos. Zwar schlägt das Herz der 18-Jährigen regelmäßig und sie atmet normal. Aber sie reagiert weder auf Ansprache noch auf Schmerzreize. Ihre Freunde berichten aufgeregt, dass das Mädchen schon beim Verlassen der Bar, in der sich die Gruppe zum Wasserpfeife-Rauchen getroffen hatte, über Kopfschmerzen, Kribbeln am ganzen Körper und verschwommenes Sehen geklagt habe. Dann sei sie plötzlich bewusstlos zu Boden gestürzt.

15 Minuten nach ihrem Sturz wacht die Frau im Rettungswagen wieder auf. Die Sanitäter bringen sie in die Notfallaufnahme des Kantonsspitals im schweizerischen St. Gallen. Als die Mediziner dort mit ihr sprechen, ist alles wieder in Ordnung: Weder bei der neurologischen noch bei der allgemeinen körperlichen Untersuchung fällt den Ärzten etwas auf.

Plötzliche Bewusstlosigkeit kann höchst unterschiedliche Ursachen haben: Eine nicht erkannte Unterzuckerung kann ebenso dahinter stecken wie ein zu niedriger Blutdruck, epileptische Anfälle, Herzrhythmusstörungen oder ein Schlaganfall. Deswegen suchen die Ärzte in allen Richtungen nach pathologischen Veränderungen. Aber das EKG, mit dem die Herztätigkeit beurteilt werden kann, ist normal. Ebenso das EEG, das auf epileptische Anfälle hinweisen könnte. Auch die Computertomografie vom Kopf ist unauffällig, und es gibt keinen Hinweis auf eine Hirnblutung. Drogen habe sie nicht genommen, erklärt die Patientin.

Anzeige
"EIN RÄTSELHAFTER PATIENT"
  • Manchmal müssen Ärzte Detektivarbeit leisten, um mysteriösen Krankheiten auf die Spur zu kommen. In diesem Buch erzählen Dr. Dennis Ballwieser und Dr. Heike Le Ker anhand von wahren Fallgeschichten, warum der Weg zur richtigen Therapie oft kompliziert, aber manchmal erstaunlich simpel ist.

    KiWi-Taschenbuch; 272 Seiten; 9,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.
  • Kindle Edition: 9,99 Euro

Ein Blutwert verrät die Ursache

Auch der Zuckerspiegel und die Elektrolyte im Blut sind im Normbereich. Alarmiert sind die Ärzte allerdings, als sie einen Wert sehen: Die Konzentration von Kohlenmonoxid (CO), das im arteriellen Blut der Patientin an Hämoglobin gebunden ist, liegt bei 25,7 Prozent. Normalerweise darf diese nicht höher als fünf Prozent sein, bei starken Rauchern maximal zehn Prozent.

Der Wert erklärt die vorübergehende, tiefe Bewusstlosigkeit der Frau, und die Ärzte sind sich sicher: Die Patientin hat sich beim Shisha-Rauchen mit Kohlenmonoxid vergiftet. Beim Rauchen einer Wasserpfeife wird ein Stück Holzkohle verbrannt und der entstehende Rauch zunächst durch eine Rauchsäule und dann durch einen Wasserbehälter gesogen. Über einen Schlauch gelangt der Dampf in den Mund, die Bronchien und die Lungen des Rauchers.

Das Problem dabei: Der Konsument nimmt beim Shisha-Rauchen etwa zehnmal so viel Kohlenmonoxid auf wie beim Zigarettenrauchen, schreiben Joscha von Rappard und seine Kollegen vom Kantonsspital in St. Gallen im "Deutschen Ärzteblatt". Sie stellen insgesamt vier Fälle mit Kohlenmonoxid-Intoxikationen vor, die alle nach längerem Wasserpfeifen-Konsum aufgetreten und ähnlich verlaufen sind. Schwere Folgeschäden hat keiner der vier Patienten davongetragen. Einer US-Umfrage unter 101 jugendlichen Shisha-Rauchern zufolge glaubt ein Großteil der Konsumenten, dass Wasserpfeifen weniger gesundheitsschädlich sind und weniger abhängig machen als Zigaretten.

Sauerstoff über die Atemmaske

Das farb-, geruch- und geschmacklose Kohlenmonoxid ist ein gefährliches Atemgift: Es bindet viel stärker als Sauerstoff an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Dadurch entsteht ein massiver Sauerstoffmangel im Körper, der zu so unterschiedlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Herzrasen, Übelkeit, Halluzinationen, Apathie, Krampfanfällen, Atemnot und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann.

"CO-Intoxikationen stellen in Deutschland mit circa 3700 Klinikeinweisungen und circa 370 Todesfällen pro Jahr die Hauptursache von akzidentellen Vergiftungen dar", schreiben die Autoren im "Ärzteblatt". Dabei ist die häufigste Ursache die Aufnahme von Rauchgas, wie es bei Bränden entsteht. Aber auch Heizkamine, Heißwasserboiler und kohlebetriebene Tischgrills können die Ursache sein.

Die wichtigste Therapie bei einer solchen Vergiftung ist die Gabe von hochdosiertem Sauerstoff. Auch die 18-Jährige bekommt von ihren Ärzten eine Atemmaske, über die sie vier Stunden lang Sauerstoff einatmet. Danach liegt die Kohlenmonoxid-Konzentration in ihrem Blut nur noch bei sieben Prozent. Der jungen Frau geht es wieder gut und sie kann gesund nach Hause gehen.

EIN RÄTSELHAFTER PATIENT - BILDERQUIZ


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
philzero 13.12.2014
1. Ursachen?
Mich würde nun interessieren, warum diese junge Frau so stark von CO beeinträchtigt wurde. Sehr viele Menschen rauchen täglich Shisha ohne diese Symptome zu entwickeln. War sie besonders anfällig für die Aufnahme von CO, hat sie besonders lang/viel/tief inhalierend geraucht, oder welche Umstände haben zu dieser CO Vergiftung geführt?
Tetraeder 13.12.2014
2. noch mehr rätselhafte Patienten
Interessanter Artikel. Mir und einigen Freunden ist es nämlich ganz genauso ergangen. Während eines Schüleraustausches in Kairo saßen wir in einer Shisha-Bar. Ein Kumpel von mir ist plötzlich kollabiert, war nicht ansprechbar und hatte sogar leichte Krampfanfälle. Eine andere Mitschülerin ist später zu Hause umgekippt. Ich war ebenfalls kurz vor einem Ohnmachtsanfall. Wir wussten damals nicht genau, welche Ursache es hatte, zumal wir an der frischen Luft saßen. Dass die Shisha dran schuld war, war uns schon bewusst, aber wir vermuteten eher das Nikotin oder irgendwelche anderen Inhaltsstoffe, da wir alle drei Nichtraucher waren. Aber der Artikel erklärt natürlich einiges...
UnitedEurope 13.12.2014
3.
Zitat von philzeroMich würde nun interessieren, warum diese junge Frau so stark von CO beeinträchtigt wurde. Sehr viele Menschen rauchen täglich Shisha ohne diese Symptome zu entwickeln. War sie besonders anfällig für die Aufnahme von CO, hat sie besonders lang/viel/tief inhalierend geraucht, oder welche Umstände haben zu dieser CO Vergiftung geführt?
Vermutlich war die junge Dame einfach das Rauchen nicht gewöhnt. Wenn man dann noch gleich mit Shisha anfängt ... Der Körper kann auf viele Werte eine gewisse Toleranz entwickeln (selbst einen Patienten gehabt, der erst bei einem Kalium Wert von 14 ins Kammerflimmern gerutscht ist, normal ist 2,5 bis 5). Wenn der Körper aber keine Zeit dafür bekommt, sondern gleich mit einer hohen Shisha-Dosis konfrontiert wird, kann das einfach zu viel sein, ähnlich wie beim Alkohol. Daneben spielen dann natürlich noch genetische Faktoren etc. eine Rolle.
Stega 13.12.2014
4. Gefährlicher Quatsch
Zitat von UnitedEuropeVermutlich war die junge Dame einfach das Rauchen nicht gewöhnt. Wenn man dann noch gleich mit Shisha anfängt ... Der Körper kann auf viele Werte eine gewisse Toleranz entwickeln (selbst einen Patienten gehabt, der erst bei einem Kalium Wert von 14 ins Kammerflimmern gerutscht ist, normal ist 2,5 bis 5). Wenn der Körper aber keine Zeit dafür bekommt, sondern gleich mit einer hohen Shisha-Dosis konfrontiert wird, kann das einfach zu viel sein, ähnlich wie beim Alkohol. Daneben spielen dann natürlich noch genetische Faktoren etc. eine Rolle.
So ein Quatsch. Und eine gefährliche Verharmlosung. Kohlanmonoxyd ist ein Gift. Daran gewöhnt man sich nicht, daran krepiert man. Das hat nichts mit der Frage nach der Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit des Suchtmittels zu tun.
Stefan_G 13.12.2014
5. zu #3
Zitat von UnitedEuropeVermutlich war die junge Dame einfach das Rauchen nicht gewöhnt. Wenn man dann noch gleich mit Shisha anfängt ... Der Körper kann auf viele Werte eine gewisse Toleranz entwickeln (selbst einen Patienten gehabt, der erst bei einem Kalium Wert von 14 ins Kammerflimmern gerutscht ist, normal ist 2,5 bis 5). Wenn der Körper aber keine Zeit dafür bekommt, sondern gleich mit einer hohen Shisha-Dosis konfrontiert wird, kann das einfach zu viel sein, ähnlich wie beim Alkohol. Daneben spielen dann natürlich noch genetische Faktoren etc. eine Rolle.
Völliger Unsinn. Die Toxizität von CO beruht auf der Anlagerung und Blockierung von Hämoglobin (Hb). Bewusstlosigkeit tritt etwa ein, wenn 50% des Hb blockiert sind. Daher kann sich der Körper nicht an CO "gewöhnen", allenfalls Menschen mit erhöhtem Hb (z.B. Ausdauersportler) hätten graduelle Vorteile. Wobei die wahrscheinlich eher nicht Shisha rauchen ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.