Wundversorgung: "Fremdspeichel ist in jedem Fall zu vermeiden"

Barfuß auf einen spitzen Stein getreten oder mit dem Küchenmesser geratscht - schon blutet die Haut. Im Interview erklärt Facharzt Ernst Tabori, wie gefährlich kleine Wunden werden können und wie man sie am besten versorgen sollte.

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Corbis

Kleine Wunden: Vor allem Kinder schürfen ihre Haut oft auf

SPIEGEL ONLINE: Herr Tabori, kann man sich durch eine kleine Wunde eine Blutvergiftung einfangen? Schließlich sind die Haut und die Umgebung von vielen Mikroorganismen besiedelt...

Ernst Tabori: Umgangssprachlich wird mit "Blutvergiftung" eine Sepsis bezeichnet, das heißt, dass Erreger in die Blutbahn eindringen und sich vermehren. Es ist nicht völlig unmöglich, sich eine solche Infektion durch eine Verletzung zuzuziehen. Eine kleine Wunde am Finger, Fuß oder sonstwo kann bei einem abwehrstabilen Menschen aber kaum eine Sepsis verursachen. Insbesondere, wenn die Wunde stark blutet.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

ZUR PERSON

Ernst Tabori ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg. Neben dem Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin verfügt der Infektiologe über einen Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Tabori: Mit dem Blut werden auch Erreger nach außen befördert, ihre Zahl im Gewebe wird reduziert. Man sollte jedoch unbedingt darauf achten, einen Impfschutz gegen Tetanus zu haben. Selbst unter moderner intensivmedizinischer Behandlung ist der Wundstarrkrampf bei 20 Prozent der Erkrankten tödlich.

SPIEGEL ONLINE: Ist es gut, etwa auf den Finger zu drücken, damit mehr Blut herauskommt und die Wunde so besser gespült werden kann?

Tabori: Besser nicht. Bei einer tiefen Wunde, wenn man zum Beispiel in einen Nagel getreten ist oder sich mit einer Nadel gestochen hat, besteht die Gefahr, dass man dabei Schmutz und Keime ins Gewebe drückt. Eine oberflächliche Schnittwunde dagegen blutet ohnehin - warum sollte man da noch drücken? Ich bezweifle auch, dass man durch Druck den Blutfluss so erhöhen kann, dass eine Wunde gut gespült wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich zum Beispiel am Badesee eine blutende Wunde zuzieht - sollte man dann nicht mehr ins Wasser gehen, auch wenn die Blutung gestoppt ist?

Tabori: Solange eine Wunde offen ist, können Krankheitserreger eindringen. Da meist nicht bekannt ist, wie die mikrobiologische Belastung eines Badesees ist, sollte der Kontakt zwischen Wunde und Wasser vermieden werden. Hat man sich eine Verletzung am Fuß zugezogen, können auf dem Weg zum und ins Wasser bereits Schmutz, Sand, Schlamm und damit auch Keime unabhängig vom Wasser in die Wunde eindringen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die Wunde durch Schorf verschlossen ist?

Tabori: Durch den Blutschorf erfolgt nach kurzer Zeit ein provisorischer Wundverschluss. Eine nicht infizierte Wunde ist meist nach ein bis zwei Tagen ausreichend geschlossen, um das Eindringen von Erregern zu verhindern. Ein Pflaster kann verhindern, dass die Wunde wieder aufreißt und Schmutz eindringt.

SPIEGEL ONLINE: Kann man im Gegensatz zum See gefahrlos mit einem kleinen Schnitt im Finger ins Meer gehen? Man sagt ja, Salzwasser desinfiziert?

Tabori: Salz kann keimabtötende Wirkung auf Erreger haben - muss es aber nicht, da dies von der Salzkonzentration abhängt. Das Leben ist im Meer entstanden. Es ist voll von Mikroorganismen. Salz in der offenen Wunde brennt und kann die Wundheilung stören; nicht von ungefähr lautet ein Sprichwort: Salz in offene Wunden streuen. Ich würde Meerwasser nicht anders bewerten als Wasser in einem Badesee.

SPIEGEL ONLINE: Und Schwimmbadwasser?

Tabori: Das Wasser im Schwimmbad wird regelmäßig auf Keime kontrolliert und außerdem mit Chlor versetzt, um die Zahl gering zu halten. Dennoch können auch hier sowohl im als auch auf dem Weg zum Wasser Keime in eine offene Wunde eindringen. Auch aus Rücksicht auf andere Badegäste sollte selbstverständlich niemand mit einer offenen oder gar blutenden Wunde das Wasser betreten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man kleine Wunden versorgen? Es gibt ja viele Mittel: Alkohol, Mercuchrom, Jodsalbe….

Tabori: Die Wirkstoffe aller drei genannten Präparate wirken antiseptisch. Der heutige Wirkstoff im Mercurochrom ist Jod, ist also vom Wirkmechanismus identisch mit anderen Jodtinkturen. Alkohol ist zwar wirksam, wird jedoch eher prophylaktisch zur Hautdesinfektion eingesetzt, weil er bei einer frischen offenen Verletzung ein schmerzhaftes Brennen auslöst. Geeignet für die Wunddesinfektion sind auch Antiseptika mit den Wirkstoffen Octenidin oder Polihexanid.

SPIEGEL ONLINE: Wenn nichts dergleichen zur Hand ist?

Tabori: Ist eine Wunde verschmutzt und hat man gerade kein Desinfektionsmittel zur Hand, ist es gut, wenn man die Wunde mit sauberem Wasser spült. Ideal wäre steriles Wasser, das man allerdings beim Baden am See nicht dabei hat. Dann kann man auch Mineralwasser nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Geht auch Speichel?

Tabori: Ob die verbreitete Gewohnheit, den verletzten Finger in den Mund zu stecken beziehungsweise mit Speichel eine behelfsmäßige Reinigung und Wunddesinfektion durchzuführen, sinnvoll ist, wird kontrovers gesehen. Im Speichel sind körpereigene Stoffe und Enzyme enthalten, denen eine antimikrobielle Wirkung zugesprochen wird. Ebenso hat Speichel eine schmerzlindernde Wirkung durch das enthaltene Opiorphin. Allerdings sind natürlicherweise in der Mundflora und durch Speisen und Speisereste viele Mikroorganismen enthalten, so dass eine "Wundversorgung" mit Speichel wenn überhaupt nur mit dem eigenen Speichel erfolgen darf. Fremdspeichel ist in jedem Fall zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn man kein Pflaster hat?

Tabori: Das Pflaster schützt die Wunde vor Schmutz, Feuchtigkeit und vor allem mechanischer Verletzung. Und die Umgebung vor Kontamination und Flecken durch die Wunde. Hat man kein Pflaster zur Hand, kann zur Überbrückung ein sauberes Taschentuch als Ersatz dienen.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, man würde aus Versehen beim Blutzuckermessen die Nadel einer anderen Person benutzen - könnte man sich so mit Infektionskrankheiten anstecken?

Tabori: Prinzipiell ist das möglich, deshalb darf die Nadel in jedem Fall nur für einen Patienten verwendet werden. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar gering, aber das Risiko ist gegeben, wenn der Erstbenutzer selbst an einer blutübertragbaren Infektion leidet - Hepatitis B, Hepatitis C oder HIV zum Beispiel. Die Erreger sind unterschiedlich robust. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei einer mit dem Hepatitis B-Virus kontaminierten Kanüle bis zu 30 Prozent betragen kann, bei HIV ist es weniger als ein Prozent. An einer Lanzette, wie sie zum Blutzuckermessen verwendet wird, bleibt weniger Blut hängen als an einer Kanüle, das verringert im Vergleich die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung.

Das Interview führte Frederik Jötten

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1. Hammer-Interview
hindukuschistweitweg 05.07.2013
Der Text ist, sag' ich mal, des Henri-Nannen-, wenn nicht des Theodor-Wolff-Preises würdig. Sowas im sommerloch - hochachtung für Spiegel Online.
2. optional
wurmfortsatz 05.07.2013
Tatsache aus eigener Erfahrung ist aber, bei einem Schnitt (z.B. Messer zuhause) ist Finger ablutschen das beste Mittel um die Blutung zu stoppen. Mit Wasser läuft das immer weiter.
3. Urin?
Red Herring 05.07.2013
Hatte erst kürzlich irgendwo gelesen, dass Urin zur Wundreinigung verwendet werden kann. Meines Wissens ist Urin weitgehend keimfrei. Falls ich mich mit einem rostigen/dreckigen Nagel im Fuß irgendwo in der Pampa wiederfände würde ich es wohl riskieren.
4. Desinfektionsmittel???
knurpel 05.07.2013
Die hier beschriebenen Desinfektionsmittel werden im Klinikalltag nicht mehr verwendet - weder Jodtinkturen (hohes Allergierisiko und bei Schilddrüsenerkrankungen kontraindiziert) noch Octenisept. Das Letztere wird zwar als Schleimhaut- und Hautantiseptikum durchaus noch genutzt, aber nicht bei offenen Wunden, da es im Verdacht steht, das Gewebe anzugreifen. Bei oberflächlichen Schürfwunden ist Wasser ausreichend, wenn zu Hause vorhanden ggf. NaCl. Aber auch sonst ist der Artikel relativ nichtssagend, ist ja wohl logisch, dass ich mit einer offenen Wunde nicht baden gehe und diese irgendwie abdecke. Sommerloch lässt grüßen.
5. Kein Titel
Q16 05.07.2013
Zitat von sysopBarfuß auf einen spitzen Stein getreten oder mit dem Küchenmesser geratscht - schon blutet die Haut. Im Interview erklärt Facharzt Ernst Tabori, wie gefährlich kleine Wunden werden können und wie man sie am besten versorgen sollte. Versorgung frischer Wunden: Keinen fremden Speichel benutzen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/versorgung-frischer-wunden-keinen-fremdem-speichel-benutzen-a-909078.html)
Ich frage mich wirklich, wie ich so alt werden konnte wie ich bin.
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