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Versorgungsatlas Oberbayern hat die größten Masern-Impflücken

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DPA

Impfpass: Problemzone in Oberbayern

Die Ausrottung der Masern rückt in die Ferne: Wie eine aktuelle Deutschlandkarte offenbart, gibt es bei Kleinkindern in einigen Landkreisen massive Impflücken. Besonders dramatisch ist die Lage in Oberbayern.

Rosenheim, Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz-Wolfratshausen: Dort, wo die Landschaft schön, der Baugrund teuer und der Himmel weiß-blau ist, sind die Landräte Spitzenplätze in Rankings gewohnt. Oberbayern ist wirtschaftlich stark, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Kaufkraft hoch. Auf die vorderen Ränge, die den Oberbayern vom aktuellen Versorgungsatlas der Kassenärzte bescheinigt werden, könnten die Landräte allerdings verzichten: Nirgendwo in Deutschland ist die Masern-Impfquote so niedrig wie in diesen drei Landkreisen.

Erstmals hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) Daten ausgewertet, die auf Kreisebene offenlegen, wie viele Kleinkinder gegen Masern geimpft werden. Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) sollte die erste Masernimpfung, meist in Kombination mit Mumps und Röteln (MMR), vom 11. bis 14. Lebensmonat erfolgen, eine zweite Impfung zwischen dem 15. und dem 23. Lebensmonat - um jene Kinder zu erreichen, deren Immunsystem nach der ersten Impfung keinen ausreichenden Schutz aufgebaut hat.

Tatsächlich werden aber nur 37 Prozent aller Kleinkinder entsprechend dieser Empfehlungen geimpft. Die schlechtesten Ergebnisse gibt es in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Bremen. Doch die Unterschiede sind regional auch innerhalb der Bundesländer sehr unterschiedlich, wie die folgenden Deutschlandkarten verdeutlichen.

Erste Impfung
Immerhin 85,5 Prozent der untersuchten Kinder erhalten bis zu einem Alter von zwei Jahren mindestens eine Masernimpfung - allerdings nur knapp 70 Prozent in jenem Zeitraum, der von der Stiko empfohlen wird. Eine zweite Impfung dagegen bekommen bundesweit durchschnittlich nur noch 60 Prozent der Kinder bis zum Alter von zwei Jahren - und nur 37 Prozent im Stiko-Zeitfenster.

Das Timing ist wichtig, weil bei den Masern zwei Altersgruppen besonders gefährdet für Komplikationen sind: Erwachsene über 20 und Kinder bis fünf Jahre. Daher ist ein Impfschutz schon deutlich vor dem Schulbeginn mit rund sechs Jahren wünschenswert.

Mindestens ebenso wichtig ist aber auch die Impfquote: Um die Masern weltweit auszurotten, müsste sie 95 Prozent erreichen. Doch nur wenige Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland reichen knapp an dieses Ziel heran. Dazu zählen etwa das rheinland-pfälzische Zweibrücken, Müritz in Mecklenburg-Vorpommern und Remscheid in Nordrhein-Westfalen. Doch auch sie schaffen die hohe Quote nur bei der ersten Impfung.

Zweite Impfung
Offizielle Zahlen zur Impfquote gab es bisher nur aus den Schuleingangsuntersuchungen. Die Studienautorinnen Maike Schulz und Sandra Mangiapane vom ZI haben nun die bundesweiten Abrechnungsdaten von Kassenärzten ausgewertet. Alle 2008 geborenen Kinder, die an der für den dritten bis vierten Lebensmonat empfohlenen Früherkennungsuntersuchung U4 teilgenommen haben, wurden vom ZI erfasst. Insgesamt waren es 81 Prozent des Geburtenjahrgangs.

Die Daten legen nahe: Je höher die Quote hochqualifizierter Mütter, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind geimpft ist. "Diese Faktoren können die Unterschiede jedoch nur teilweise erklären", sagt Mangiapane. "Auch der Einfluss regional unterschiedlich stark vertretener impfkritischer Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen wirkt sich vermutlich aus."

Masern: Inzidenz und Fallzahlen
Die Impfmüdigkeit kann gravierende Folgen haben. Forscher der Universität Würzburg haben im Fachmagazin "PLoS One" jüngst alarmierende Ergebnisse vorgestellt: Demnach treten besonders schwerwiegende Spätfolgen einer Masern-Infektion häufiger auf als bisher angenommen. Die schleichend verlaufende subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), bei der Patienten nach Jahren im Wachkoma enden, tritt statt bei einem von 100.000 Kindern unter fünf Jahren bei einem von 3300 Patienten auf. "Über die Ursachen kann man nur spekulieren. SSPE war früher schwer zu untersuchen, viele Fälle wurden möglicherweise einfach nicht erkannt oder erfasst", sagt der Würzburger Virologe Benedikt Weißbrich. "Eine andere Möglichkeit ist, dass sich das Risiko für SSPE in den letzten Jahren verändert hat."

Den bayerischen Landratsämtern ist die Brisanz ihrer regionalen Impfquoten durchaus bewusst. Von SPIEGEL ONLINE mit den Versorgungsatlas-Ergebnissen konfrontiert, berichten die Behörden von ihren Bemühungen, mehr Eltern zur Impfung ihrer Kleinkinder zu motivieren.

"Leider haben wir in beiden Fällen das Schlusslicht in Bayern, obwohl wir uns in den letzten Jahren erheblich verbessert haben", heißt es aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen (Impfquote 65,6 Prozent, erste Impfung). Seit vielen Jahren werbe man mit erheblichem Aufwand und führe Impfberatungen in den sechsten Klassen aller Landkreisschulen durch. Dadurch habe sich die Quote bereits erheblich verbessert.

In Rosenheim (61,3 Prozent, erste Impfung) stellt das Landratsamt resigniert fest: "Wir müssen für unsere Region feststellen, dass ein durchaus großer Teil der Bevölkerung Vorbehalte gegen Impfungen hat." Eine Impfaktion des Gesundheitsamts im Oktober 2009, die sich an alle Kinder der fünften und sechsten Klassen richtete, habe zur Impfung eines einzigen Kindes geführt. Der Landkreis sei vielfältig aktiv, doch überzeugte Impfgegner würde man damit nicht erreichen.

Aus Garmisch-Partenkirchen (65,5 Prozent, erste Impfung), kommt die Nachricht, im Landkreis lebten bayernweit prozentual die meisten Impfgegner oder Impfskeptiker. Besonders betroffen sei der Raum Murnau.

Hinweis für Sachsen: Die sächsische Impfkommission (Siko) empfiehlt, Kinder ab dem vollendeten 12. Lebensmonat zu impfen. Eine zweite Impfung empfiehlt die Siko erst ab dem sechsten Lebensjahr.

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