Übergewicht Verstecktes Fett ist gefährlicher als ein dicker Po

Übergewicht gilt als ungesund. Doch etwa jeder vierte Dicke hat gar keine schlechten Blutfett- und Zuckerwerte. Was unterscheidet gesunde Übergewichtige von kranken? Ein Überblick.

Von Katrin Neubauer

Gesund trotz Übergewicht: Schädliche Fettpolster sind von außen schwer zu erkennen
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Gesund trotz Übergewicht: Schädliche Fettpolster sind von außen schwer zu erkennen


"Weniger essen, mehr Sport treiben", übergewichtige Menschen hören solche Ratschläge ständig. Sie gelten als sichere Kandidaten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und ein erhöhtes Sterberisiko.

In den vergangenen Jahren allerdings sind Zweifel an der gängigen These aufgekommen. Jüngere Studien zeigen, dass Dicksein per se nicht zum metabolischen Syndrom - also Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten, Insulinresistenz - und damit in den früheren Tod führt.

Eine Auswertung US-amerikanischer Gesundheitsbehörden ergab, dass das Sterblichkeitsrisiko für Übergewichtige mit einem Body-Maß-Index (BMI) von 25 bis 30 und sogar für Adipöse mit einem BMI zwischen 30 und 35 geringer ist als das von Normalgewichtigen (BMI 18,5 bis 25). In die Auswertung wurden 97 Langzeitbeobachtungsstudien mit 2,88 Millionen Männern und Frauen einbezogen. Sind überschüssige Pfunde also gar nicht so ungesund wie oft behauptet?

"Der BMI allein ist ein wenig taugliches Instrument für eine Gesundheitsprognose", sagt Norbert Stefan, Leiter der klinisch-experimentellen Diabetologie der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen. "Wer Muskeln aufbaut und Fett verliert wird nicht leichter, denn Muskeln sind schwerer als Fett. Aber er wird metabolisch wahrscheinlich gesünder."

Außer dem BMI müssten Parameter herangezogen werden, die Aufschluss über die Funktion des Stoffwechsels im Körper geben. Dazu zählen die Blutfett- und Blutzuckerwerte und die Fettverteilung im Körper. Außerdem differenziere die Studie nicht ausreichend zwischen stabil Normalgewichtigen und jenen, die wegen einer Erkrankung abgenommen hatten, chronisch krank oder Raucher waren.

Entscheidend ist das versteckte Fett

"In unseren Untersuchungen stellte sich heraus, dass rund 25 Prozent der Menschen mit einem BMI zwischen 30 und 40 metabolisch gesund sind, während etwa 20 Prozent der Normalgewichtigen als stoffwechselkrank gelten", sagt Stefan, der mehrere Studien zu den Ursachen von gesundem und ungesundem Übergewicht geleitet hat.

Entscheidend ist offenbar der Speicherort des Fettes. "Solange überschüssige Energie an den dafür vorgesehenen Stellen im Körper gespeichert wird, hat es keine Auswirkungen auf den Metabolismus", so der Diabetologe. Der richtige Fettspeicherplatz ist das Unterhautgewebe, insbesondere an Po und Oberschenkeln.

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Gesundheitliche Probleme stellten Forscher hingegen fest, wenn zu viel Fett im Bauch abgelagert war. Dieses sogenannte viszerale Fett umhüllt innere Organe und Eingeweide. Von außen ist es lediglich im Ultraschall zu erkennen.

Noch stärker unterscheiden sich gesunde und kranke Übergewichtige aber hinsichtlich Fettablagerungen in der Leber oder in anderen Organen, wie Herz und Bauchspeicheldrüse. Die Organe speichern das Fett nur für kurze Zeit und geben einen Teil wieder ins Blut ab. Dort kommt es zu Ablagerungen an den Gefäßen und damit zu Arteriosklerose, die auch als Arterienverkalkung bezeichnet wird.

Ein erhöhter Fettgehalt der Leber wirke sich - unabhängig vom viszeralen Fett - am stärksten auf die Insulinsensitivität und den Insulinstoffwechsel aus, erklärt Stefan. "Gesunde Übergewichtige hatten in Studien bis zu 54 Prozent weniger Fett in der Leber als Insulinresistente."

Insulinresistenz ist eine Ursache für Typ-2-Diabetes: Die Zellen, unter anderem in der Leber, reagieren dann nicht mehr richtig auf Insulin und nehmen weniger Zucker auf - der Blutzuckerspiegel steigt. Um dem entgegenzuwirken, produziert die Bauchspeicheldrüse immer mehr Insulin, bis sie durch die Überproduktion nicht mehr richtig arbeitet.

Hormone steuern Fettablagerung

Forscher gehen davon aus, dass Hormone entscheidend mitbestimmen, wo im Körper das Fett gespeichert wird. Tierversuche haben gezeigt, dass das im Fettgewebe gebildete Hormon Adiponectin ein Schutzfaktor ist. Dicke Mäuse mit einem hohen Adiponectin-Spiegel blieben gesund, während ihre hormonärmeren Artgenossen durch das Übergewicht erkrankten.

"Adiponectin regt die Fettverbrennung an, wirkt antientzündlich und vermehrt die Fettspeicherzellen im Unterhautgewebe", erläutert Stefan. Ein gesundes Unterhautfettgewebe wirke protektiv, weil es verhindert, dass überschüssige Energie in Zwischenspeicher geht.

Ein Freibrief zur ungezügelten Völlerei ist das aber nicht. Ein Drittel der gesunden Adipösen haben gegenüber ungesunden lediglich einen Zeitvorsprung, wie eine australische Langzeitstudie mit über 3.743 Teilnehmern zeigt: Von den 291 als gesund eingestuften Adipösen zählten nach acht Jahren 33 Prozent ebenfalls zur Gruppe der stoffwechselkranken. Der Anteil der kranken Normalgewichtigen nahm hingegen nur um 16 Prozent zu.

Weniger essen, mehr Sport treiben - für den Moment hat das bei gesunden Übergewichtigen keinen erkennbaren Nutzen für die Gesundheit. Aber um gesund zu bleiben, sollten auch sie zumindest nicht weiter zunehmen.

Zur Autorin
  • Katrin Neubauer
    Katrin Neubauer hat in Deutschland und den USA Lateinamerikanistik und Journalismus studiert. Sie arbeitet als freie Redakteurin in Berlin.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
mongolord 07.09.2015
1.
Sehr überraschend. Das der BMI nicht wirklich als genaues Kriterium taugt ist nix Neues, weil Größe,Gewicht, Alter und Geschlecht als einzelne Kriterien einfach zu ungenau sind. Das nicht jeder Übergewichtige automatisch gesundheitliche Probleme hat, ist auch nicht verwunderlich, kommt halt doch immer auf Vorerkrankungen und die persönliche genetische Ausstattung an. Trotzdem hat ungesunde Ernährung weiterhin eine starke Korrelation mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes TypII und bei langjährigem Übergewicht auch entsprechenden Gelenkverschleiß. Eine weitestgehend gesunde Ernährung plus Bewegung sind auch weiterhin die beste Möglichkeit sich kurz-und langfristig gut zu fühlen.
pr@ 07.09.2015
2. Weniger essen, mehr Sport treiben - mal realistisch bleiben!
Die Redewendung "Weniger essen, mehr Sport treiben" ist ja schon in sich falsch. Um es mal realistisch zu sehen. Was sagt denn die Mehrheit der Mitbürger in Dtld. auf die Frage des Arztes wieviel Sport man denn treibe? Die meisten werden sagen: "zuwenig". Ehrlich wäre: gar nicht. Weniger essen ist es im übrigen ja auch nicht. Insofern könnte man es wohl ohne langes Überlegen umdichten in bspw.: Bewusster essen, (überhaupt mal) Sport treiben. Bewusst essen? Als Typ1 Diabetiker hätte ich eine tolle Idee, wie man eine passende Konfrontationstherapie ein paar Tage bis Wochen durchziehen könnte: der geneigneten Person einen Diabetes Typ1 verpasst (was ehrlichweise nicht wirklich geht) - nur damit die Leute mal merken, wie gut sie es eigentlich haben, wenn alles noch gut funktioniert bzw. funktionieren würde, würden sie auch nur mehr "Sport" machen als zum Auto zu gehen. Aber nungut. Stattdessen wird ja gern Diäten gefröhnt, wo man sogar noch wertvolle Muskelmasse verliert und den Grundumsatz extra runterfährt. Sehr clever, aber von Mann und vor allem Frau dank diverser Zeitschriften ja immer gern gemacht.
zursachet 07.09.2015
3. Ja wat denn nu?
Also dann bitte Alle normal weitermachen oder doch zu gesund und Sport wechseln? Bitte schlank oder auch nicht, bitte dick aber nicht zu sehr? Geht so neuerdings Wissenschaft und wissenschaftlicher Journalismus?
ichbinnnz 07.09.2015
4. Verstehe ich richtig?
"In unseren Untersuchungen stellte sich heraus, dass rund 25 Prozent der Menschen mit einem BMI zwischen 30 und 40 metabolisch gesund sind, während etwa 20 Prozent der Normalgewichtigen als stoffwechselkrank gelten" Heißt also, 75% mit einem BMI von 30 bis 40 sind metabolisch ungesund und 80% mit einem BMI von 20 bis 30 sind Stoffwechseltechnisch gesund? In wiefern können diese Zahlen die bisherige Sichtweise widerlegen? Klärt mich bitte auf, falls ich etwas falsch verstanden habe.
birdseedmusic 07.09.2015
5. Jeden Monat wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben
Ein bischen Speck hat noch niemandem geschadet. Das sind von der Natur vorgesehene Polster für schlechte Zeiten. Für diese Bauernweisheit braucht es sicher nicht teuren Studien. Und dass der Mensch sich früher von Natur aus viel bewegen musste und in der modernen Industriegesellschaft eben den Bewegungsmangel durch Freizeitaktivitäten kompensieren sollte, leuchtet auch ein. Und auch dass eine gesunde Ernährung möglichst Obst und Gemüse enthält, sollte auch den meisten Leuten intuitiv einleuchten. Man sollte hier solchen Studien nicht allzu viel Beachtung schenken.
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