Es lohnt sich nicht, bei einer akuten Nasennebenhöhlenentzündung Antibiotika zu schlucken. So lässt sich das Ergebnis einer im Fachmagazin "Jama" veröffentlichten Studie zusammenfassen. Die Forscher um Jane Garbutt von der Washington University in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) haben dies mit Hilfe von 166 erkrankten Patienten festgestellt.
Alle Betroffenen litten unter den typischen Symptomen der auch Rhinosinusitis genannten Nasennebenhöhlenentzündung. Sie bekamen von den Ärzten Nasensprays, Schmerzmittel und fiebersenkende Medikamente gegen die akuten Beschwerden. Zusätzlich erhielt die Hälfte von ihnen für zehn Tage das Antibiotikum Amoxicillin, die andere Hälfte ein wirkstofffreies Placebo. Aufgenommen wurden in die Studie nur Patienten mit einer akuten Rhinosinusitis - solche mit chronischen Symptomen, die über viele Wochen andauern können - nahmen nicht teil.
Drei, sieben und zehn Tage nach dem Behandlungsstart berichteten die Probanden, wie sehr sich ihr Zustand verbessert oder verschlechtert hatte. Ergebnis: Nach drei Tagen gab es keinerlei Unterschied zwischen beiden Gruppen, nach sieben Tagen ging es denen, die das Antibiotikum einnahmen, im Schnitt etwas besser - aber der Unterschied war sehr klein. Nach zehn Tagen war er wieder verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt sagten 78 Prozent der Antibiotika-Gruppe und 80 Prozent der Placebo-Probanden, dass es ihnen deutlich besser ginge und sie keine Krankheitssymptome mehr hätten.
Die Studie reiht sich damit in eine Serie von Untersuchungen, die zeigen, dass Antibiotika nur sehr begrenzt gegen Nasennebenhöhlenentzündungen helfen. Auch eine 2011 veröffentlichte Übersichtsarbeit kam zu diesem Schluss.
Der nicht an der Studie beteiligte Mediziner Anthony Chow von der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, weist auf ein grundlegendes Problem beim Verschreiben von Antibiotika gegen Nasennebenhöhlenentzündungen hin: "In den meisten Fällen sind Viren für die Symptome verantwortlich. Nur zwei Prozent werden von Bakterien verursacht." Und gegen Viren sind Antibiotika nutzlos. Nur für die wenigen Betroffenen, die tatsächlich unter einer bakteriellen Infektion leiden, können die Medikamente nützlich sein.
Wie akute Nasennebenhöhlenentzündungen optimal behandelt werden, ist eine wichtige Frage, denn sie sind extrem häufig. In Deutschland, so schätzen Experten, sind Erwachsene im Schnitt zwei- bis fünfmal pro Jahr betroffen, Schulkinder sogar sieben- bis zehnmal. 12,2 Millionen Patienten über 16 Jahren suchen pro Jahr deswegen einen Arzt auf, heißt es in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Europaweit würden in 70 bis 90 Prozent der Fälle Antibiotika verschrieben - "eine versorgungsmedizinisch und wirtschaftlich bedenkliche Rate", urteilen die Ärzte.
Die Experten empfehlen daher, Antibiotika nur zu verschreiben, wenn vorher klargestellt wurde, dass Bakterien die Entzündung verursachen. Und selbst dann würden sich die Mittel nur anbieten, wenn die Erkrankten sehr starke Beschwerden oder Fieber haben, unter chronischen Krankheiten leiden oder Komplikationen drohen.
Kinder bekommen zu oft Antibiotika verordnet
Dass insbesondere Kinder generell zu oft Antibiotika schlucken, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Bundesweit werde jedem zweiten Kind zwischen drei und sechs Jahren mindestens ein Antibiotikum pro Jahr verschrieben. Grundlage der repräsentativen Studie bildeten die Patientendaten einer großen Krankenversicherung.
Laut der Studie hängt auch vom Wohnort ab, wie oft die kleinen Patienten die Medikamente erhalten. Kinder im Nordosten erhielten doppelt so häufig Antibiotika wie Kinder in Süddeutschland. Genaue Ursachen für die regionalen Unterschiede konnten die Studienautoren nicht ausmachen.
Ihren fiel außerdem auf, dass es große Unterschiede zwischen den Facharztgruppen gibt. Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen nach den Leitlinien nur in Ausnahmefällen Antibiotika gegeben werden sollen, verordnete jeder dritte Hausarzt trotzdem ein Antibiotikum. Bei den Kinderärzten tat dies nur jeder Sechste, bei den HNO-Ärzten nicht mal jeder Zehnte.
wbr/Reuters/dpa/AFP
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