Darmkrebs: Virtuelle Vorsorge bevorzugt

Von Gerlinde Gukelberger-Felix

3D-Rekonstruktion einer CT-Aufnahme aus dem Darminneren: Die virtuelle Spiegelung erspart den Patienten das Endoskop Zur Großansicht
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3D-Rekonstruktion einer CT-Aufnahme aus dem Darminneren: Die virtuelle Spiegelung erspart den Patienten das Endoskop

Jährlich sterben Tausende Bundesbürger an Darmkrebs, dennoch meiden viele die Vorsorgeuntersuchung. Ein virtueller Check mit dem Computertomografen kann Patienten die Spiegelung ersparen. Ärzte streiten darüber, wie gut die junge Methode wirklich ist - und welche Risiken sie birgt.

Sie ist harmlos, so gut wie schmerzfrei und schnell passiert. Dennoch bereitet der Gedanke an eine Darmspiegelung vielen Menschen Unbehagen. Dabei ist die Koloskopie wichtig, denn sie senkt das Risiko für Darmkrebs und kann so Leben retten. Mediziner setzen deshalb zunehmend auf eine junge Methode, die den Patienten einige Unannehmlichkeiten erspart: Bei der virtuellen Darmspiegelung muss der Arzt seinem Patienten weder eine Dämmerschlafnarkose verpassen, noch ihm ein Endoskop in den Darm einführen.

Anstatt über einen dünnen Schlauch mit Hilfe einer Mini-Kamera und kleinen Instrumenten den Darm abzusuchen, kommen bei der rechnergestützten Variante Röntgenstrahlen zum Einsatz. Mit Hilfe eines Computertomografen (CT) erstellen Radiologen feine Schichtbilder aus dem Körperinneren, einmal von vorne und einmal von hinten. Diese zahlreichen Bilder werden anschließend vom Computer zu einem dreidimensionalen Film zusammengefasst, der das Darminnere "lebensecht" wiedergibt.

Ziel der sogenannten CT-Kolonografie ist es wie bei der herkömmlichen Spiegelung auch, etwaige Polypen im Darm aufzuspüren. Dabei handelt es sich um kleine Wucherungen aus der Darmschleimhaut, die wie kleine Pilze in das Darmvolumen hineinwachsen. Solange diese sogenannten Adenome klein sind, sind sie gutartig. Mit zunehmender Größe können sie jedoch zu gefährlichen Tumoren heranwachsen. Entdeckt der Arzt einen Polypen, entfernt er ihn sofort. Dadurch verringert sich das relative Darmkrebsrisiko drastisch - Studien zufolge um etwa 50 Prozent.

Darmspiegelung - Hintergründe und Fakten
Was wird bei der Darmspiegelung gesucht?
Die Verwandlung vom gutartigen Darmpolypen zum bösartigen Tumor, man spricht auch von Entartung, ist ein längerer Prozess. Es gibt Polypen, die einen Stiel haben und solche, die flach und rasenartig auf der Darmwand wachsen.

• Bei pilzartig ins Darmvolumen hineinwachsenden Polypen dauert der Prozess in der Regel zehn Jahre oder sogar länger.
• Rasenartig auf der Darmschleimhaut wachsende Veränderungen brauchen allerdings nur etwa fünf bis sechs Jahre.
Was wird als Früherkennungsmaßnahme von der Kasse erstattet?
Die endoskopische Darmspiegelung wird normalerweise ab 55 Jahren alle zehn Jahre von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Liegen Verdachtsmomente vor, kann die Spieglung auf Kassenkosten bereits früher erfolgen. Das gilt auch, wenn jemand familiär genetisch vorbelastet ist. Dann erfolgt die Darmspiegelung in Abständen von drei bis fünf Jahren. Die Altersgrenze von 55 Jahren wurde aus Kostengründen festgelegt. Experten empfehlen die Spiegelung eigentlich bereits ab 50 Jahren.

Die virtuelle Darmspiegelung ist als Früherkennungsmaßnahme in Deutschland nicht zugelassen. Sie wird nur in manchen Fällen von den Kassen erstattet (etwa bei starker Darmverengung). Ohne medizinische Notwendigkeit muss der Patient die Kosten selbst bezahlen.
Darmspiegelung mittels Magnetresonanztomografie (MRT)?
Es könnte bald noch eine dritte Methode zur Auswahl stehen, die strahlungsfreie Magnetresonanztomografie. Die MRT-Darmspiegelung könnte es, wie auch jene mit CT, irgendwann ermöglichen, die Reinigung des Darms laxer zu handhaben: Mit einem Kontrastmittel markierte Stuhlreste im Darm lassen sich nämlich per Computer herausrechnen. Allerdings befindet sich dieses Verfahren derzeit noch im experimentellen Status.

Außerdem hat die MRT derzeit das Problem, dass kleinste Bewegungen, wie sie sogar beim medikamentös ruhiggestellten Darm gegeben sind, die Aussagekraft der Bilder verschlechtern.
Welche weiteren Methoden zur Darmkrebsvorsorge gibt es?
Vorweg sei klar gesagt: Alle verfügbaren Tests auf Darmkrebs sind kein Ersatz für eine Darmspiegelung. Dennoch lohnt es sich, die zusätzlichen Vorsorgemöglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Hämokkulttest: Diesen Test sieht die gesetzliche Darmkrebsvorsorge ab einem Alter von 50 Jahren zweijährlich vor. Er weist im Stuhl verstecktes (okkultes) Blut nach. Ein positives Testergebnis muss aber noch nicht bedeuten, dass der Patient Darmkrebs hat, denn für Blut im Stuhl gibt es noch andere Quellen als einen Tumor: Es kann von einem Polypen, blutenden Hämorrhoiden oder von Darmentzündungen stammen. Auch eine Vitamin-C-Einnahme oder Fleischverzehr während der mehrtägigen Testzeit können zu einem falschen Ergebnis führen.

Der Test kann leider nur weniger als die Hälfte aller bereits vorhandenen Darmkrebserkrankungen und weniger als ein Viertel aller fortgeschrittenen Darmkrebsvorstufen erkennen. Obgleich seine Genauigkeit begrenzt ist, zeigen Studien, dass er regelmäßig durchgeführt trotzdem die Sterblichkeit senken kann. Ist der Hämokkultttest auffällig, bezahlen die Kassen auch vor dem 55. Lebensjahr für eine endoskopische Darmspiegelung.

Immunchemische Tests: Mittels Antikörper weisen sie nur menschliches Blut im Stuhl nach. Sie sind viel empfindlicher als der Hämokkulttest. Allerdings haben sie derzeit noch einen Haken: Einige der immunchemischen Tests sind derzeit teilweise noch nicht sauber eingestellt, so dass das Ergebnis zu oft falsch positiv ausfällt - also Hinweise auf einen Tumor gibt, obwohl alles in Ordnung ist.

Der Tumor M2-PK-Test: Er weist ein von entarteten Zellen gebildetes Enzym (Tumor M2-PK) nach und spürt so etwa 85 Prozent aller bösartigen Darmtumore auf (Kosten ca. 30 Euro, bei PKV wegen Kostenerstattung nachfragen).
"Polypen sind als Wandverdickungen beziehungsweise Erhebungen in der Darmwand erkennbar", erklärt der Radiologe Michael Uder vom Universitätsklinikum Erlangen. Findet ein Arzt bei der virtuellen Spiegelung solche Polypen, bleibt dem Patienten eine endoskopische Untersuchung jedoch nicht erspart. Nur so können die gefährlichen Wucherungen entfernt werden.

In etwa 95 Prozent aller Fälle entsteht Darmkrebs aus Polypen. Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts (RKI) wurde 2008 bei etwa 65.000 Menschen die Diagnose Darmkrebs gestellt. Sie ist damit die zweithäufigste Tumorerkrankung nach Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern. Knapp 27.000 Menschen sind 2008 an Darmkrebs gestorben.

Der Fund eines Polypen bedeutet jedoch nicht, dass der Betroffene später auch wirklich an Darmkrebs erkrankt, denn nicht jeder Polyp entwickelt sich zu einem Tumor. Dennoch empfehlen viele Ärzte die Darmspiegelung als Vorsorgeuntersuchung, in Deutschland wird zumindest die endoskopische Variante als Screeningmethode bei allen Kassenmitgliedern über 55 Jahre erstattet. Dennoch gibt es auch bei der endoskopischen Darmspiegelung gewisse Risiken zu bedenken, über die der Patient aufgeklärt werden sollte: In etwa jedem 10.000 Fall wird die Darmwand durchstochen.

Dem CT-Experten von der University of Toronto Patrik Rogalla zufolge, ist auch die Genauigkeit beider Methoden ähnlich gut: Die Trefferquote der virtuellen Technik, mit Stiel wachsende Polypen zu erkennen, liege bei 90 Prozent und sei ab einer Polypengröße von zehn Millimetern genauso gut wie bei der optischen Darmspiegelung.

Hochauflösender Computertomograf notwendig

"Ab einer Größe von zehn Millimetern ist das Risiko, dass sich in einem Polypen Tumorzellen gebildet haben, erhöht", sagt Thomas Rösch vom Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE). "Solche Zellen können grundsätzlich aber auch schon in kleineren Polypen vorliegen", gibt der Gastroenterologe zu bedenken. Seiner Meinung nach sind beide Verfahren im Bereich zwischen sechs und zehn Millimetern zwar fast gleichwertig. Voraussetzung dafür aber sei, dass die virtuelle Spiegelung mit einem sehr hochauflösenden Computertomografen durchgeführt wird. "Bei Polypen unter einer Größe von sechs Millimetern schneidet die endoskopische Darmspiegelung ganz klar besser ab als die virtuelle Konkurrenz", so Rösch.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Methode könne man mit der CT-Kolonografie aber Vorder- und Rückseite einer Darmfalte gleichermaßen gut erkennen. Das ist beim Endoskop nicht so. "Tatsächlich gibt es auf der Rückseite der Darmfalten blinde Flecken", sagt Rösch. Deren Zahl sei aber durch eine sorgfältige und geschickte Untersuchungstechnik, genug Zeit und einen sauberen Darm minimierbar. In jedem Fall seien Erfahrung und Engagement des Untersuchers bei beiden Methoden sehr wichtig.

Wegen der Röntgenstrahlung, der Patienten bei der virtuellen Darmspiegelung ausgesetzt werden, ist die Methode in Deutschland als Screeningmaßnahme nicht zugelassen. "Inzwischen sind die Software und die CTs aber so gut, dass bei modernen Geräten nur noch eine Strahlenbelastung auftritt, die weniger als die natürliche jährliche Strahlendosis beträgt", sagt der Erlanger Radiologe Uder.

Patienten, die sich dennoch für das Verfahren entscheiden, sollten eine Klinik auswählen, in der beide Untersuchungsmethoden in einem Aufwasch möglich sind. In manchen Fällen, etwa bei starken Darmverengungen, ist eine virtuelle Spiegelung sogar angezeigt und wird meistens von den Kassen auch erstattet (immer vorher nachfragen). Erfolgt sie jedoch ohne medizinische Notwendigkeit, muss der Patient die Kosten von etwa 300 bis 500 Euro selbst tragen.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. rasenartig
Phospholite 06.10.2012
Ich denke das Problem ist die Darstellbarkeit der rasenartig wachsenden Polypen bei der obigen Methode.. außerdem ist beim Entfernen solche Polypen dann doch eine "konventionell" Koloskopie nötig. Die Vorbereitung ist dieselbe und die Kosten für die virtuelle Koloskopie sind mit 3-500 EUR auch noch um einiges teurer.
2. Das schlimmste daran
graphicdog 06.10.2012
Zitat von sysopJährlich sterben Tausende Bundesbürger an Darmkrebs, dennoch meiden viele die Vorsorgeuntersuchung. Ein virtueller Check mit dem Computertomografen kann Patienten die Spiegelung ersparen. Ärzte streiten darüber, wie gut die junge Methode wirklich ist - und welche Risiken sie birgt. Virtuelle Darmspiegelung: Welche Vorteile die Tumorsuche per CT hat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/virtuelle-darmspiegelung-welche-vorteile-die-tumorsuche-per-ct-hat-a-858398.html)
Das schlimmste, an einer Darmspiegelung ist das Abführmittel am Tag davor. Ich hatte schon ein paar, ich weiß, wovon ich spreche. Trotz Dämmerschlaf würde ich de Spiegelung selbst, als erträglich, aber nicht angenehm beschreiben. Da hierbei Polypen sofort entfernt werden, trotzdem, meiner Meinung nach, die bessere Variante. Werden beim CT Polypen entdeckt, kommt, nach den Röntgenstrahlen, noch die Spiegelung oben drauf. Und das Abführen bleibt einem beim CT doch wohl auch nicht erspart, oder? Aber, da allein in Berlin mehr Röntgenärzte praktizieren, als in ganz Fankreich (die Franzosen werden seltsamerweise trotzdem älter, und dass sogar, obwohl sie auch noch viel mehr rauchen), wird sch das virtuelle Verfahren bestimmt durchsetzen. Die ganzen CTs, MRTs usw, müssen ja ausgelastet werden. graphicdog
3. Und die Strahlung?
hollens 06.10.2012
Als ich Medizin studierte, hat man uns im Radiologie- und Strahlenschutzkurs erklärt, daß die Bauch-CT-Untersuchung zu den strahlenintensivsten Röntgenuntersuchungen gehört, die es überhaupt gibt. Ein Mehrfaches der JAHRES-Dosis an natürlicher Strahlung wird dadurch an den untersuchten Menschen abgegeben. Man sagte damals, daß dieses Risiko nur in Kauf genommen werden sollte, wenn wirklich triftige medizinische Gründe dafür vorliegen, es also gefährlicher wäre, die Untersuchung nicht zu machen. Und nun wird versucht, diese Untersuchung bei Gesunden als "Vorsorge" zu etablieren?! Nur weil die Koloskopie irgendwie unangenehm ist? Da man nicht einschätzen kann, wie viele Darmkrebserkrankungen man erst durch die CT-Untersuchung auslöst (das würde man erst nach Jahrzehnten quantifizieren können), ist große Vorsicht angesagt. Cui bono?
4. Folgen
plleus 06.10.2012
Zitat von graphicdogDas schlimmste, an einer Darmspiegelung ist das Abführmittel am Tag davor. Ich hatte schon ein paar, ich weiß, wovon ich spreche.
Auch da gibt es Unterschiede. Allerdings sollte sich niemand von einer Untersuchung abhalten lassen (ich persönlich finde diese unproblematisch), da eine Operation mit den möglichen Folgen deutlich mehr Belastung nach sich zieht. Auf geht's, nur keine Bange.
5. Aber ja!
graphicdog 06.10.2012
Zitat von plleusAuch da gibt es Unterschiede. Allerdings sollte sich niemand von einer Untersuchung abhalten lassen (ich persönlich finde diese unproblematisch), da eine Operation mit den möglichen Folgen deutlich mehr Belastung nach sich zieht. Auf geht's, nur keine Bange.
Mir müssen Sie das nicht sagen. Ich bin mit Ihnen völlig auf einer Linie. Überzeugen Sie ihr Umfeld. Ich hab das getan. Mit Ehrlichkeit, und dem Hinweis, dass sehr sehr viel von dem Arzt und seiner Erfahrung abhängt. Ich hatte einmal eine nicht so schöne Erfahrung, und nach Arztwechsel war alles Easy. graphicdog
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  • Gerlinde Gukelberger-Felix hatte bereits während ihres Physikstudiums in Karlsruhe und den USA mit Biologie und Medizin zu tun. Sie arbeitet als freie Wissenschafts- und Medizinjournalistin.

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