Von Gerlinde Gukelberger-Felix
Sie ist harmlos, so gut wie schmerzfrei und schnell passiert. Dennoch bereitet der Gedanke an eine Darmspiegelung vielen Menschen Unbehagen. Dabei ist die Koloskopie wichtig, denn sie senkt das Risiko für Darmkrebs und kann so Leben retten. Mediziner setzen deshalb zunehmend auf eine junge Methode, die den Patienten einige Unannehmlichkeiten erspart: Bei der virtuellen Darmspiegelung muss der Arzt seinem Patienten weder eine Dämmerschlafnarkose verpassen, noch ihm ein Endoskop in den Darm einführen.
Anstatt über einen dünnen Schlauch mit Hilfe einer Mini-Kamera und kleinen Instrumenten den Darm abzusuchen, kommen bei der rechnergestützten Variante Röntgenstrahlen zum Einsatz. Mit Hilfe eines Computertomografen (CT) erstellen Radiologen feine Schichtbilder aus dem Körperinneren, einmal von vorne und einmal von hinten. Diese zahlreichen Bilder werden anschließend vom Computer zu einem dreidimensionalen Film zusammengefasst, der das Darminnere "lebensecht" wiedergibt.
Ziel der sogenannten CT-Kolonografie ist es wie bei der herkömmlichen Spiegelung auch, etwaige Polypen im Darm aufzuspüren. Dabei handelt es sich um kleine Wucherungen aus der Darmschleimhaut, die wie kleine Pilze in das Darmvolumen hineinwachsen. Solange diese sogenannten Adenome klein sind, sind sie gutartig. Mit zunehmender Größe können sie jedoch zu gefährlichen Tumoren heranwachsen. Entdeckt der Arzt einen Polypen, entfernt er ihn sofort. Dadurch verringert sich das relative Darmkrebsrisiko drastisch - Studien zufolge um etwa 50 Prozent.
In etwa 95 Prozent aller Fälle entsteht Darmkrebs aus Polypen. Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts (RKI) wurde 2008 bei etwa 65.000 Menschen die Diagnose Darmkrebs gestellt. Sie ist damit die zweithäufigste Tumorerkrankung nach Brustkrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern. Knapp 27.000 Menschen sind 2008 an Darmkrebs gestorben.
Der Fund eines Polypen bedeutet jedoch nicht, dass der Betroffene später auch wirklich an Darmkrebs erkrankt, denn nicht jeder Polyp entwickelt sich zu einem Tumor. Dennoch empfehlen viele Ärzte die Darmspiegelung als Vorsorgeuntersuchung, in Deutschland wird zumindest die endoskopische Variante als Screeningmethode bei allen Kassenmitgliedern über 55 Jahre erstattet. Dennoch gibt es auch bei der endoskopischen Darmspiegelung gewisse Risiken zu bedenken, über die der Patient aufgeklärt werden sollte: In etwa jedem 10.000 Fall wird die Darmwand durchstochen.
Dem CT-Experten von der University of Toronto Patrik Rogalla zufolge, ist auch die Genauigkeit beider Methoden ähnlich gut: Die Trefferquote der virtuellen Technik, mit Stiel wachsende Polypen zu erkennen, liege bei 90 Prozent und sei ab einer Polypengröße von zehn Millimetern genauso gut wie bei der optischen Darmspiegelung.
Hochauflösender Computertomograf notwendig
"Ab einer Größe von zehn Millimetern ist das Risiko, dass sich in einem Polypen Tumorzellen gebildet haben, erhöht", sagt Thomas Rösch vom Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf (UKE). "Solche Zellen können grundsätzlich aber auch schon in kleineren Polypen vorliegen", gibt der Gastroenterologe zu bedenken. Seiner Meinung nach sind beide Verfahren im Bereich zwischen sechs und zehn Millimetern zwar fast gleichwertig. Voraussetzung dafür aber sei, dass die virtuelle Spiegelung mit einem sehr hochauflösenden Computertomografen durchgeführt wird. "Bei Polypen unter einer Größe von sechs Millimetern schneidet die endoskopische Darmspiegelung ganz klar besser ab als die virtuelle Konkurrenz", so Rösch.
Im Gegensatz zur herkömmlichen Methode könne man mit der CT-Kolonografie aber Vorder- und Rückseite einer Darmfalte gleichermaßen gut erkennen. Das ist beim Endoskop nicht so. "Tatsächlich gibt es auf der Rückseite der Darmfalten blinde Flecken", sagt Rösch. Deren Zahl sei aber durch eine sorgfältige und geschickte Untersuchungstechnik, genug Zeit und einen sauberen Darm minimierbar. In jedem Fall seien Erfahrung und Engagement des Untersuchers bei beiden Methoden sehr wichtig.
Wegen der Röntgenstrahlung, der Patienten bei der virtuellen Darmspiegelung ausgesetzt werden, ist die Methode in Deutschland als Screeningmaßnahme nicht zugelassen. "Inzwischen sind die Software und die CTs aber so gut, dass bei modernen Geräten nur noch eine Strahlenbelastung auftritt, die weniger als die natürliche jährliche Strahlendosis beträgt", sagt der Erlanger Radiologe Uder.
Patienten, die sich dennoch für das Verfahren entscheiden, sollten eine Klinik auswählen, in der beide Untersuchungsmethoden in einem Aufwasch möglich sind. In manchen Fällen, etwa bei starken Darmverengungen, ist eine virtuelle Spiegelung sogar angezeigt und wird meistens von den Kassen auch erstattet (immer vorher nachfragen). Erfolgt sie jedoch ohne medizinische Notwendigkeit, muss der Patient die Kosten von etwa 300 bis 500 Euro selbst tragen.
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