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05. Oktober 2017, 20:35 Uhr

Kanada

Elfjähriger erblindet durch Mangelernährung

Er leidet unter trockenen Augen, Nachtblindheit, schließlich kann der Junge aus Kanada auch bei Tag kaum mehr sehen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest: Schuld ist eine strenge Diät.

Handbewegungen in einem Abstand von 30 Zentimetern - mehr konnte der Junge nicht mehr sehen, als er in ein Kinderkrankenhaus im kanadischen Toronto eingeliefert wurde. Über acht Monate hinweg hatte sich sein Sehvermögen kontinuierlich verschlechtert: Zunächst waren die Augen sehr trocken, mit der Zeit kamen Nachtblindheit und Lichtempfindlichkeit hinzu. Auch am Tag konnte er immer weniger erkennen.

Das Besondere an dem Fall: Es gab keine äußere Ursache für den plötzlichen Sehverlust, berichten Dustin Jacobson von der Universität Toronto und Kollegen im Fachmagazin "JAMA Pediatrics Clinical Challenge". Der Junge hatte keine Schmerzen, es gab keine Gewalteinwirkung. Auch gerötet waren die Augen nicht. Stattdessen entdeckten die Ärzte auf der Bindehaut des Elfjährigen ausgetrocknet erscheinende Flecken - ein typisches Zeichen für einen Vitamin-A-Mangel, wie er bei einer Unterernährung vorkommt.

In Entwicklungsländern zählt ein Vitamin-A-Mangel zu den häufigen Gründen, aus denen Kinder erblinden. In entwickelten Staaten hingegen kommt das Problem so gut wie gar nicht mehr vor. Deshalb können Menschen in Ländern wie Deutschland ihr Sehvermögen auch nicht durch erhöhten Karottenkonsum verbessern - ihre Ernährung verfügt ohnehin über genügend Vitamin A.

Bei dem Jungen aus Kanada allerdings stellte sich heraus, dass er tatsächlich mangelernährt war - aufgrund einer außergewöhnlich strengen Diät. Weil er an verschiedenen Lebensmittelallergien und Hautausschlag leidet, gaben ihm seine Eltern ausschließlich Kartoffeln, Schweinefleisch, Lamm, Äpfel, Gurken und Frühstückscerealien zu essen. Vitamin-A-reichere Lebensmittel wie beispielsweise grünes Gemüse fehlten auf dem Speiseplan komplett.

Die Nachtsicht leidet als Erstes

Mit der Zeit machte sich das beim Sehvermögen bemerkbar. Vor allem die Netzhaut im Auge braucht Vitamin A. In ihren Sinneszellen, den Stäbchen und Zapfen, wird das Licht in Nervenimpulse für das Gehirn umgewandelt. Fehlt das Vitamin, leidet zuerst die Fähigkeit, nachts zu sehen. Das liegt an der unterschiedlich schnellen Vitamin-A-Aufnahme der Sehpigmente, die sich nur mit dem Vitamin bilden können:

Kommt es zu einem Mangel, geht aus diesem Grund zuerst das Nachtsehen verloren. Später kann sich dann auch Iodopsin nicht mehr in ausreichenden Mengen bilden - auch das Sehvermögen bei Tag lässt nach.

Sehverlust zum Teil rückgängig gemacht

Um sein Augenlicht zu retten, behandelten die Ärzte den elfjährigen Jungen mit mehreren hohen Dosen Vitamin A. Die ersten beiden gaben sie ihrem Patienten am ersten und zweiten Tag nach der Diagnose, die dritte bekam er zwei Wochen später. Nach sechs Wochen hatte sich das Sehvermögen des Jungen verbessert. Richtig sehen können wird er wahrscheinlich jedoch nie mehr.

"Sehverlust durch Vitamin-A-Mangel kann man in manchen Fällen rückgängig machen", schreiben die Forscher. Wurden die Zellen - wie im aktuellen Fall - allerdings bereits zu stark beschädigt, werde wahrscheinlich eine Beeinträchtigung bleiben. Auch nach der Behandlung gilt der Junge weiterhin als blind.

Der Fall zeige, dass es wichtig sei, auch unter guten Bedingungen darauf zu achten, dass die Menschen genügen Vitamin A zu sich nehmen, so die Forscher. Gute Vitamin-A-Lieferanten seien etwa Leber, Niere, Eier, grünes Gemüse, Süßkartoffeln und Karotten.

jme

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