Auf diesem Weg möchte ich zwei Dinge klarstellen. Erstens: Ich bin nicht arrogant, auch wenn das neulich im Park so aussah. Zweitens: Ich stalke nicht diese blonde Frau mit der blauen Funktionsjacke, selbst wenn ich ziemlich lange in ihre Richtung gestarrt habe. Es lag einzig am Vitamin D. Die Sonne schaffte es ein letztes Mal, sich durch den Nebel zu brennen, bevor sie sich für Wochen verabschieden sollte. Sie war der Grund, aus dem ich mich auf den Weg gemacht hatte.
Spazieren zu gehen, ist gesellschaftlich akzeptiert. Andere Arten, das Gesicht in die Sonne zu halten, sind es nicht. Und das, obwohl heute bekannt ist, dass Mitteleuropäer im Herbst und Winter oft zu wenig Vitamin D im Körper haben. Wir können selbst genügend davon produzieren - unsere Haut braucht dafür nur ausreichend Sonnenlicht und das gibt es an diesen trüben Tagen nur selten.
Um dem Mangel zuvorzukommen, habe ich schon versucht, mich an eine Straßenecke zu stellen und einfach die Sonne zu genießen. Aber ich stand im Weg, die Menschen hasteten an mir vorbei, mit Blicken, die sagten: Hat der denn nichts Besseres zu tun? Das machte mich unruhig, ich bekam das Gefühl, etwas tun zu müssen. Irgendwann werde ich eine Bewegung fürs Eckenstehen gründen, vorerst aber lasse ich mich von der Gesellschaft zum Spazierengehen zwingen - wie eben an jenem Nachmittag.
Achtung vor einem Vitamin-D-Blackout
Zuerst war es dunstig, die Sonne konnte sich nicht durchsetzen. Ich setzte meine Brille ab, um die Absorptionsfläche zu vergrößern. Mehr Haut, mehr Vitamin D! Zusätzlich blickte ich gen Himmel, damit der Schatten meiner Nase nicht auf mein Kinn fallen und dort einen Vitamin-D-Blackout verursachen konnte.
Ich hörte die Schritte der Menschen, die an mir vorbeigingen, aber ich sah weiter nur nach oben. Als ich die Stimme einer Bekannten hörte, die ich mit erhobener Nase und entrücktem Blick gerade passiert haben musste, war es schon zu spät. Ich kenne sie nicht so gut, ich konnte nicht umkehren und ihr dieses Setting erklären. Außerdem hätte ich dafür meinen Kopf runter nehmen müssen, raus aus meiner perfekten Lichtlage. Besser ab jetzt als hochnäsig gelten als Mangelerscheinungen in Kauf zu nehmen.
Ich ging weiter, auf einmal brach die Sonne durch den Nebel. Leider stand sie ausgerechnet jetzt in meinem Rücken, ich hatte nichts von ihr, zumindest kein Vitamin D. Es sei denn, ich hätte ein rückenfreies Top an oder eine dieser pofreien Hosen. Aber dafür wäre es jetzt eh zu kalt gewesen. Also drehte ich meinen Kopf um 90 Grad nach links, so dass wenigstens eine Gesichtshälfte Sonne abbekam. Ich weiß, dass das gefährlich ist, ich wäre so beinahe schon mal gegen ein parkendes Auto gelaufen, aber jetzt wurde es noch blöder.
Plötzlich machte die Frau auf dem Absatz kehrt
Auf der Wiese zehn Meter neben mir ging eine Frau, Mitte 30, blonde Haare zu einem Dutt getürmt, blaue Funktionsjacke. Ich musste sie anschauen: Weil sie in die gleiche Richtung ging (und es wegen des Sonnenstandes keine Alternative zu diesem Weg gab), hatte ich keine Wahl. Zuerst blickte sie freundlich zurück, dann in die entgegengesetzte Richtung, dann stur geradeaus. Ich versuchte, immer zu lächeln, wenn sie in meine Richtung sah. Irgendwann wirkte das möglicherweise nicht mehr echt, weil mein Nacken aufgrund des stetig gedrehten Kopfes langsam schmerzte.
Plötzlich machte die Frau auf dem Absatz kehrt und ging schnell in die entgegengesetzte Richtung. Es sah nach Flucht aus. Ich hätte ihr gerne erklärt, warum ich sie angeschaut hatte und dass es aus Gründen der Osteoporose-Vorsorge gerade für sie sehr sinnvoll gewesen wäre, in die gleiche Richtung zu gucken wie ich. Aber, so schnell wie sie verschwand, hätte ich irgendwas brüllen müssen. Und wie leicht versteht man auf die Entfernung statt "Osteoporose" ein gebrülltes "offene Hose" - und dann säße ich jetzt wahrscheinlich im Knast.
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