Schröpfen, Reiki, Hormon-Yoga Volkshochschulen lehren fragwürdige Alternativmedizin-Methoden

Volkshochschulen haben einen guten Ruf, doch der droht beschädigt zu werden: In vielen Kursen werden unwissenschaftliche Heilverfahren propagiert, zeigt eine Datenanalyse des SPIEGEL.

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Zur Verbreitung von fragwürdigen und unwissenschaftlichen Heilmethoden wie Homöopathie, Bach-Blüten und Schüßler-Salzen tragen auch die deutschen Volkshochschulen erheblich bei.

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Heft 34/2018
Heiler, Gurus, Scharlatane - Der Boom der Alternativmedizin

Das ergab eine umfangreiche Datenanalyse des SPIEGEL, bei der die zu einem bestimmten Stichtag online verfügbaren Gesundheitsprogramme von rund 350 der insgesamt etwa 900 Volkshochschulen (VHS) ausgewertet wurden. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Im Angebot fanden sich Kurse zu Ayurveda gegen Bluthochdruck und Akupressur bei Hunden, zur Edelsteinheilkunde, Kinesiologie, Klangschalenmassage, Aromatherapie, Lach- und Hormonyoga, Meridian-Dehnen, Chakren-Tanz, Lomi Lomi, Schröpfen und Spagyrik. Die 33 fragwürdigen Verfahren, die sich am häufigsten im VHS-Angebot fanden, hat Edzard Ernst, emeritierter Professor für Komplementärmedizin der Universität von Exeter, für den SPIEGEL detailliert bewertet.

  • In jedem fünften Volkshochschulkurs im wichtigen Programm-Teilbereich Erkrankungen/ Heilmethoden, so ergab die SPIEGEL-Analyse, wird ein fragwürdiges alternativmedizinisches Verfahren gelehrt.
  • Mehr als jeder achte Kurs betrifft sogar eine Therapieform, die vollkommen unwirksam oder wissenschaftlich gar nicht erst untersucht ist.

Die VHS Erfurt war am Erhebungsdatum von allen untersuchten Volkshochschulen diejenige mit den meisten fragwürdigen alternativmedizinischen Angeboten, die VHS Leipzig bietet die wenigsten solcher Kurse an: Dort zählt nur jedes 23. Kursangebot dazu.

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der VHS Erfurt, erklärt deren Leiter Torsten Haß, seien "offen für jedes Thema, welches fachlich-didaktisch unseren Qualitätsansprüchen und unserem kommunalen Bildungsauftrag entspricht und durch die Bürgerinnen und Bürger nachgefragt wird".

"Sonst könnte man auch Kurse in Autoknacken anbieten"

Es sei absurd, wenn die VHS-Angebote "zur Volksverdummung beitragen", beklagt Edzard Ernst. Es müsse klare Standards geben. "Sonst könnte man ja auch Kurse in Steuerhinterziehung oder Autoknacken anbieten, da wäre die Nachfrage sicherlich auch groß."

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist entsetzt von den Ergebnissen der SPIEGEL-Analyse. Er erwarte "eine funktionierende Qualitätskontrolle durch die Volkshochschulen, die auf wissenschaftlichen Studien fußt".

Die Bildung an Volkshochschulen wird zu rund 60 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert, die von den Kommunen, aber auch aus den Ländern, von Bund und EU kommen.

"Die Volkshochschulen müssen es schaffen, sich selbst angemessen zu kontrollieren", sagt Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das Medikamente und Heilverfahren wissenschaftlich bewertet. "Und wenn die Selbstkontrolle nicht funktioniert, sollte man darüber nachdenken, die öffentlichen Gelder für VHS-Kurse über fragwürdige Heilmethoden zu streichen."

Zwar haben die meisten Volkshochschulen Qualitätsmanagementsysteme eingeführt, und der Bundesarbeitskreis Gesundheit im Deutschen Volkshochschulverband hat ein 19-seitiges Papier mit Empfehlungen zur Programmstruktur verfasst. Doch diese Maßnahmen sind freiwillig.

Der Deutsche Volkshochschulverband ist der Meinung, wissenschaftliche Evidenz sei "nicht alleiniges Kriterium für die Berechtigung eines Lerninhaltes". Zudem wendeten auch Ärzte die als fragwürdig eingestuften Heilverfahren an, und Krankenkassen grenzten sich von diesen Methoden "nicht grundsätzlich ab".

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 233 Beiträge
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suchenwi 17.08.2018
1. Lachyoga
Wie das geht, kann ich nur ahnen (vielleicht über die komischen Körperhaltungen), aber der Volksmund sagt ja: "Lachen ist die beste Medizin". Oder: "Wenn man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, macht Lachen mehr Spaß".
agenteurobond 17.08.2018
2. Oh mein Gott ...
... wo gehn wir hin? Die Spiegel-Beiträge werden immer stupider. Nicht nur, daß andere Meinungen diffamiert und mit lustigen Begriffen lächerlich gemacht werden, jetzt ist es auch noch gefährlich, Heilmethoden, die zu Ungunsten der Pharma-Mafia aufgestellt sind. Lassen Sie doch bitte die Menschen selbst entscheiden, ob sie lieber Sklave des Systems oder lieber selbst denkend sein möchten.
nesmo 17.08.2018
3. Volkshochschulen brauchen keine "wissenschaftliche Evidenz"
sagt der Volkshochschulverband. Dann freuen wir uns bald auf Kurse in Astrologie, Handlesen, Wahrsagen, Wünschelruten gehen, Handauflegen, dem Erkennen von Hexen und "Voodoo für alle". Keiner kann bestreiten, dass es sich um Fortbildung handelt, das muss unbedingt mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden.
nijesh 17.08.2018
4. Komplementär: Gute Erfahrung!!
Ich war „unheilbar“ an Morbus Bechterev erkrankt und bin durch Ayurveda u.a. mehrere Aufenthalte in einer echten Ayurveda-Klinik in Indien wieder vollständig gesund und arbeitsfähig. Also: Bitte differenzieren und auf die Berufserfahrung und Ausbildung der Ärzte achten. Professionelle Entgiftung, Ernährung, Bewegung und Meditation waren die Schlüssel. Ein Freund von mir ist trotz Krebs durch Ayurveda genesen und er folgte eben den Empfehlungen von Ayurveda.
nikaja 17.08.2018
5. Recherche nachbessern
Schröpfen ist eine bewährte und anerkannte Methode aus der chinesischen Medizin und ist ja bekanntlich nicht gestern erfunden worden. Sie wird angewandt im Shiatsu (Drückmassage) und auch d'en Akupunkteuren ist sie bekannt und geschätzt. Hier hat die Lobby, der traditionellen Mediziner/Pharmareferenten wieder Angst, dass nicht genug Pillen verschrieben und geschluckt werden oder Heilmethoden gelehrt werden ausserhalb der eingeschriebenen Medizin-Liga und klemmt sich hinter seinen Abgeordneten im Parlament. Solche Artikel gehören in den Bereich Bestandssicherung und haben nichts mit dem Wohle des Patienten zu tun.
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