Industrienahe Forschung Abgas, Affen und der vorzeitige Todesfall

Tausende vorzeitige Todesfälle durch Autoabgase? Ein Wissenschaftler argumentiert vor Journalisten, solche Angaben seien unseriös. Und verdeutlicht damit das eigentliche Problem bei Volkswagens dubiosen Abgastests.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Allein in Deutschland sterben jährlich rund 66.000 Menschen vorzeitig durch Feinstaub."

"Rund 38.000 Menschen sind einer Hochrechnung zufolge wegen nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte bei Dieselfahrzeugen allein im Jahr 2015 vorzeitig gestorben."

Wenn Medien, also auch SPIEGEL ONLINE, über die gesundheitlichen Folgen schlechter Luft berichten, nutzen sie dabei gern eine in wissenschaftlichen Studien verwendete Rechengröße: den "vorzeitigen Todesfall".

Darüber lässt sich streiten.

Im Dezember 2017 erklärte der Epidemiologe und Mathematiker Peter Morfeld von der Ruhr-Universität Bochum auf der "Wissenswerte", der Konferenz deutscher Wissenschaftsjournalisten, warum diese "vorzeitigen Todesfälle" eine fragwürdige Einheit seien - "weder methodisch gerechtfertigt noch sinnvoll".

Auch bei der "Zeit" legt Morfeld seine Sicht der Dinge dar: Der VW-Abgasskandal habe in Deutschland 500 Menschenleben gekostet? Das sei unmöglich direkt zu belegen. Sinnvoller sei die Einheit "verlorene Lebenszeit" - in diesem Fall wären das 5600 Lebensjahre in ganz Deutschland beziehungsweise, auf alle Bürger verteilt, je 37 Minuten.

Klingt gleich weniger dramatisch. Was auch VW freuen dürfte.

Morfeld "ist und war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien, zum Beispiel der MAK-Kommission", heißt es auf der Seite der "Wissenswerte". Was leider weder dort noch in der "Zeit" erwähnt wurde: Er saß von 2008 bis 2016 im Forschungsbeirat der Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportwesen, kurz EUGT. Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch hatten diese Lobbyorganisation 2007 gegründet, sie bestand bis 2017.

Exemplarisch für das eigentliche Problem

Dieser Fall steht deswegen exemplarisch für das eigentliche Problem bei wissenschaftlichen Arbeiten wie denen, die am Anfang der Woche für Schlagzeilen sorgten: den Versuchen mit Affen und Tests mit Menschen, die unter anderem im Auftrag von Volkswagen durchgeführt beziehungsweise von der Autoindustrie bezahlt wurden.

Entgegen dem schnellen Aufschrei von Politik und Medien waren zumindest die Tests an Menschen, die in Aachen stattfanden, ethisch nicht zu beanstanden. Aus wissenschaftlicher Sicht finden sich zwar Kritikpunkte, aber das ist immer so, es gibt keine perfekten Studien.

Die Krux bei diesen Versuchen liegt in einer Tatsache, die in der Berichterstattung wenig Beachtung fand: Der Nähe von Wissenschaft und Industrie - verbunden mit dem teilweise wenig ausgeprägten Willen, diese transparent zu machen. An sich ist industrie-finanzierte Forschung keineswegs verwerflich, sie muss aber als solche klar zu erkennen sein. Und Experten mit einem Interessenkonflikt sollten diesen benennen, um glaubwürdig zu sein.

Diesel krebserregend?

Was tat die EUGT? In einer Broschüre zu den Jahren 2012 bis 2015 lässt sich nachlesen, welche Ziele die Organisation verfolgte.

Als etwa die Internationale Krebsforschungsagentur IARC 2012 Dieselabgase als krebserregend beim Menschen einstufte, förderte die EUGT Arbeiten, die dieses Ergebnis in Zweifel zogen, auch Morfeld publizierte dazu. Die zugrundeliegenden Studien seien mit starken Unsicherheiten belastet und ohnehin gelte die Einstufung ja nur für alte Dieselmotoren.

Über das Maß an Unsicherheit lässt sich in der Wissenschaft an vielen Stellen streiten, das gilt für die Epidemiologie, in der es um Krankheiten und Krankheitsrisiken auf Bevölkerungsebene gilt, ebenso wie für die Klimawissenschaft oder auch für Ausmaß und Ursachenforschung des Insektensterbens. Dass die Industrie Unsicherheiten hervorhebt, um die eigene Verantwortung herunterzuspielen, ist dabei ein wiederkehrendes Muster. Wobei auch Bewertungen der IARC nicht über jeden Zweifel erhaben sind.

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Die möglicherweise unterschiedlichen Auswirkungen von neuen und alten Dieselmotor-Abgasen auf die Gesundheit ließ das EUGT an Affen testen, das steht ganz offen in der Broschüre, obwohl heute bei den Autokonzernen niemand mehr davon wissen will.

Stickstoffdioxid - die Studie in Aachen

Auch dem möglichen Schaden durch Stickstoffdioxid (NO2) nahm sich das EUGT an. Bislang ließen sich keine abgesicherten Aussagen über das Gefahrenpotenzial von NO2 für Menschen bei niedrigen Umweltkonzentrationen treffen, heißt es in der Broschüre. Der Beitrag des EUGT war die Förderung der nun in den Medien heiß diskutierten Studie aus Aachen, bei der 25 gesunde Probanden geringen Stickstoffdioxid-Konzentrationen (NO2) ausgesetzt wurden. Das Ergebnis laut EUGT: Keine Reaktionen auf das eingeatmete NO2, keine entzündlichen Wirkungen an den Atemwegen. Wie beruhigend! Störende Details wie jenes, dass die Aachener Forscher abschließend schreiben, dass bei Menschen mit Herzkreislauferkrankungen wohl eher schädliche Effekte zu erwarten seien, tauchen an der Stelle nicht auf.

Peter Morfeld betont, dass seine wissenschaftliche Arbeit nie eingeschränkt wurde, auch wenn die Autoindustrie "natürlich ein Eigeninteresse hatte". Die Studien, die er für die EUGT durchgeführt hat, wurden in renommierten Fachmagazinen mit Peer Review veröffentlicht. Wissenschaftlich sei das alles einwandfrei gewesen.

Er verweist auch auf einen Artikel zum Thema Feinstaub, der 2014 in der "Apotheken Umschau" erschien und in dem er darauf hinwies, dass die Diskussion um Stickoxide erst am Anfang stand. "Stickoxide entstünden nämlich gerade vermehrt durch moderne Fahrzeuge mit verringerter Staubemission", wird Morfeld dort zitiert. Den Satz, sagt der Forscher, habe man bei der EUGT natürlich nicht gern gehört.

"Ach, in welchen Gremien man überall sitzt"

Seine Kritik an den "vorzeitigen Todesfällen" sei bei der EUGT kein Thema gewesen, sagt Morfeld. Ob er bei seinem Vortrag vor Journalisten nicht trotzdem hätte erwähnen wollen, dass er bei der EUGT war? "Ach, in welchen Gremien man überall sitzt. Ich hatte die EUGT ja schon hinter mir", antwortet er. Morfeld verließ die Vereinigung Anfang 2016, "weil sie sich nicht klar vom VW-Skandal distanzierte und auch nicht klarstelle, dass die vorher abgelaufenen Studien nicht betroffen seien".

Seine erste Publikation dazu hat er indes eingereicht, als er noch im EUGT-Beirat saß, eine zeitliche Überschneidung existiert also.

Rein wissenschaftlich betrachtet hat Morfeld mit seiner Kritik an den "vorzeitigen Todesfällen" und darauf basierenden Medienberichten einen Punkt. Er hat den Streit erfolgreich in Fachpublikationen ausgefochten. Eine Forschergruppe, deren Arbeit er kritisierte, schwenkte ein. Morfeld betonte in seinem Vortrag sogar, dass die Zahl der vorzeitig Verstorbenen durchaus größer, viel größer sein könne als in den jeweiligen Studien errechnet wurde.

Die Maßeinheit hat definitiv Schwächen, und das beginnt schon mit der enthaltenen Unschärfe, die auch ohne tiefere Statistikkenntnisse ersichtlich ist: Wie viel Zeit steckt denn in einem "vorzeitigen Todesfall"? Ist jemand ein Jahrzehnt, einen Monat oder vielleicht auch nur zehn Minuten früher gestorben?

Es gibt Alternativen, welche diese Zeit genauer zu beziffern versuchen: verlorene Lebensjahre sowie in Krankheit (statt Gesundheit) erlebte Lebensjahre.

Die "vorzeitigen Todesfälle" zielten vor allem auf Öffentlichkeit und Politik, mit Wissenschaft hätten sie nicht viel zu tun, sagt Morfeld in der "Zeit".

Das klingt wie die berechtigte Sorge eines Wissenschaftlers, der dagegen angeht, dass sein Feld, die Epidemiologie, bei ihren Ergebnissen übertreibt. Die Anmerkung eines Mannes, dem es allein um die wissenschaftliche Methodik geht.

Doch es ist gleichzeitig ein Einwand eines Forschers, der jahrelang im Gremium einer Autolobbygruppe saß und das nicht für erwähnenswert hält, wenn er Journalisten erklärt, dass ihre Berichterstattung über den Abgasskandal und über Luftverschmutzung zu sensationsheischend ist.

Unglückliche Verquickung von Interessen

Eine derart unglückliche Verquickung von Interessen, die nicht offen benannt wird, stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Forschung. Das ist umso ärgerlicher, wenn der vorgebrachte Einwand wissenschaftlich valide ist.

Morfeld selbst sorgt sich zurzeit auch um einen Vertrauensverlust: den der Industrie in die Forschung. Er fürchtet, dass andere Branchen nach dem medialen Fiasko mit der EUGT nicht mehr in solche Partnerschaften investieren würden. Entsprechende Studien müssten dann von der öffentlichen Hand finanziert werden.

"Im Rückblick wäre es sinnvoll und wünschenswert gewesen, wenn Herr Morfeld seine Tätigkeit für die EUGT und mögliche Interessenkonflikte transparent gemacht hätte", schreibt Holger Hettwer von der TU Dortmund, Projektleiter der "Wissenswerte" in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Künftig werde man Referenten systematisch nach Interessenkonflikten fragen.

Zusammengefasst: Ein Wissenschaftler kritisiert die Einheit "vorzeitige Todesfälle", die insbesondere bei Studien zu Abgasen und Luftverschmutzung auftaucht, vor Journalisten. Er erwähnt jedoch nicht, dass er viele Jahre für die Autolobby-Organisation EUGT tätig war. Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, transparent mit Interessenkonflikten und Industrienähe umzugehen.



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
matthias089 01.02.2018
1. unglückliche Verquickung?
Wirklich? Eine unglückliche Verquickung soll das sein? BLÖDSINN. Wissenschaftler stehen auf der Gehaltsliste von Unternehmen um gefällige Studien zu verfassen und nichts anderes. Im Verkehrswesen ist das und deutschland Gang und gebe. Und ein von Menschenhand wissentlich herbeigeführter Tod ist Mord, sonst könnte sich ja jeder Mörder auf vorzeitigen Tod berufen.
noalk 01.02.2018
2. Seriosität
Wissenschaftliche Behauptungen müssen seriös sein. Transparenz ist ein Teil dieser Seriosität. Mangelnde Transprenz macht eine wissenschaftliche Aussage jedoch nicht wertlos, genau so wie Transparenz eine wissenschaftliche Aussage nicht wertvoll macht. Auch der Satz: "Störende Details wie das, dass die Aachener Forscher abschließend schreiben, dass bei Menschen mit Herzkreislauferkrankungen wohl eher schädliche Effekte zu erwarten wären, tauchen an der Stelle nicht auf." ist nicht wertlos, aber auch nicht seriös. Die Aachener Wissenschaftler hätten schreiben müssen: "Aussagen zu schädlichen Effekten bei Menschen mit Herzkreislauferkrankungen lässt unsere Studie nicht zu." Erwarten kann jeder, was er will. Wer eine Studie macht, sollte sich in seinen Schlussfolgerungen aber immer exakt auf das beschränken, was die Studie hergibt. Leider wird in den Medien zum Zweck einer vereinfachenden Darstellung dann vieles nicht richtig wiedergegeben, was auch nicht gerade zur Seriosität des Themas und der Medien beiträgt.
dietmar_steinkamp 01.02.2018
3. Ein richtiges Argument ist auch dann richtig ...
... wenn es demjenigen nützt, der es vorbringt. Und es ist offensichtlich richtig. Und da Herz- und Kreislauferkrankungen ganz besonders gern Raucher oder Ex-Raucher treffen, scheinen eben diese mutwillig Selbstgeschädigten nach diesem Artikel auch diejenigen zu sein, die durch NOX noch weiter Lebenszeit verlieren. Ich würde doch mal einfordern wollen, dass Hersteller, Staat und Dieselkäufer gemeinsam an einer Harnstofflösung beteiligt werden - und dann scheint mir das Thema für sportliche Nichtraucher vom Tisch, und der für Kraft auf langen Strecken alternativlose Diesel ist gerettet. Auch ohne Lobby.
fischfreund1 01.02.2018
4. Wissenschaft
Es urteilen zu viele Leute über Wissenschaft, die eigentlich nicht wissen, wie das funktioniert. Hypothesenbildung, Annahmen, reproduzierbare Datenerhebung/Messung, statistische Auswertung, zulässige/unzulässige Schlussfolgerungen usw. sind die Kriterien, nach denen eine Studie bewertet werden muss. Die Aussagekraft eines "wissenschaftlichen" Befundes hängt nicht davon ab, wer was bezahlt und wer welche Gesinnung hat. Das sind immer nur Hilfsargumente von Leuten, die unfähig sind, Wissenschaft von Scharlatanerie zu unterscheiden. Die vertrauen dann leider zu leichtfertig Leuten, die mit wissenschaftlichem Habitus daherkommen, Reagenzgläser schwingen oder phantasievolle Computersimulationen durchführen, aber außer einer "Expertenmeinung" nichts Substanzielle vorweisen können.
herm16 01.02.2018
5. ja, es ist
wie mit allen wissenschaftlichen Publikationen. Irgendwo steckt immer ein Interessenverband dahinter. Ich als Laie muss glauben, was mir aufgetischt wird. Leider ist es so, dass alle, egal welche Lobby dahintersteckt, mit Angst hausieren geht und wir deutschen springen darauf an.
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