Wachkoma Wie Forscher Gedanken sichtbar machen wollen

Ist ein Mensch im Wachkoma - oder kann er sich nur nicht regen, während sein Gehirn aber funktioniert? Ärzte wissen noch immer zu wenig darüber, wie es Kranken nach schweren Hirnschädigungen geht. Eine EEG-Untersuchungen könnte Hinweise darauf liefern, ob ein Mensch wieder aufwacht.

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EEG-Untersuchung: Man weiß nicht viel über die Wahrnehmung während des Komas
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EEG-Untersuchung: Man weiß nicht viel über die Wahrnehmung während des Komas


Es ist nur ein Gedanke, ein Fingerzeig der Neuronen. Ein Wunsch, der ungehört wieder verschwinden würde. Patienten im Wachkoma können sich nicht mitteilen, sie sind eingesperrt in ihrem Körper, ihr Großhirn ist zu großen Teilen ausgefallen. Nach Schätzungen der Deutschen Wachkomagesellschaft verharren in Deutschland etwa 14.000 Menschen in diesem Zustand.

Ein Team von britischen und belgischen Ärzten hat einen solchen Gedanken, einen Wunsch, eine flüchtige Regung von Kranken, die als Wachkoma-Patienten eingestuft worden waren, auf Papier gebannt. Die Abgrenzung zum Koma oder zum sogenannten Locked-in-Syndrom, bei dem Menschen bei Bewusstsein sind, sich aber nicht regen können, ist zwar medizinisch definiert. Aber in der Praxis ist die Unterscheidung nicht immer einfach. Die Angst, dass einem Patienten das Bewusstsein abgesprochen wird, obwohl er vielleicht noch etwas mitbekommt, treibt Angehörige und Mediziner um. Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler versuchen daher, mit Hirnstrommessungen, Bildgebung und psychologischen Test zu ergründen, was im Gehirn dieser schwerkranken Patienten vor sich geht.

Gedanken sichtbar gemacht

Das britisch-belgische Ärzteteam bat 16 Wachkoma-Patienten sich vorzustellen, dass sie ihre rechte Hand oder die Zehen bewegen würden. Bei drei der Patienten ließen sich mit Hilfe von Hirnstrommessungen (EEG) wiederholt bestimmte Ausschläge messen, die die Neurowissenschaftler als Antwort auf die Aufforderung bewerteten. Bei zwölf gesunden Kontrollprobanden hatte es vergleichbare EEG-Wellen gegeben. "Unsere Untersuchung zeigt, dass diese EEG-Methode ähnlich gut wie andere Methoden verstecktes Bewusstsein entdecken kann", schrieben die Ärzte im "Lancet". Zu den ähnlichen Methoden zählt etwa die funktionelle Kernspintomografie (fMRT). Doch diese Untersuchung ist aufwendig und teuer und kann für den Kranken massiven Stress bedeuten.

Eine andere Forschergruppe hatte kürzlich 21 Patienten im Wachkoma oder im sogenannten "minimally conscious state" aufgefordert, aus einer Serie von verschiedenen gesprochenen Wörtern die Wörter "ja" und "nein" herauszufiltern. Die Regungen im Gehirn zeichneten die Ärzte ebenfalls per EEG auf. Auch in dieser Untersuchung wurden die Ergebnisse mit den dokumentierten Hirnströmen von acht gesunden Probanden verglichen. Bei einem der als Wachkoma-Patienten eingestuften Kranken entdeckten die Mediziner, dass er seine Aufmerksamkeit wiederholt auf die Wörter "ja" und "nein" richten konnte. Die Forscher erhoffen sich von der Erkenntnis neue Entwicklungen für die Zukunft, die es manchen Menschen im Wachkoma möglich machen könnte, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Ob ein Mensch jemals wieder aus dem Wachkoma erwacht, können Ärzte nicht voraussagen. Sie sammeln schon lange Hinweise, die eine Prognose zulassen könnten. Inga Steppacher von der Abteilung für Psychologie an der Universität Bielefeld etwa hofft, im EEG Anzeichen gefunden zu haben, die eine Vorhersage möglich machen.

Das Gehirn will einen Sinn finden

Ärzte der Kliniken Schmieder in Allensbach am Bodensee hatten über Jahre Wachkoma-Patienten untersucht. Mit bestimmten Tests wollten sie messen, ob und wie das Gehirn der Patienten auf bestimmte Reize reagiert. Sie setzen den Kranken Kopfhörer auf und spielten darüber Sätze ab, die entweder Sinn ergaben oder nicht. Ein sinnfreier Satz konnte etwa lauten: "Paul trinkt seinen Kaffee mit Zucker und Socken." 15 von 87 Patienten reagierten dabei mit einer Welle im EEG, die Steppacher das mentale Fragezeichen nennt.

Neurologen sprechen von der N400-Welle. "Die N400 ist eine Gehirnwelle, die entsteht, wenn wir einen Satz hören, der semantisch keinen Sinn macht", erklärt Steppacher. "Das Gehirn betreibt einigen zusätzlichen Aufwand und versucht, doch noch Sinn in dem Satz zu finden." So eine Reaktion lässt sich auch im Gehirn von Gesunden erkennen.

Bei der Auswertung der Daten entdeckte Steppacher Erstaunliches: 14 der 15 Patienten, die mit einer N400-Welle auf die Nonsens-Sätze reagiert hatten, waren später aus dem Wachkoma wieder erwacht. "Im Moment sehen wir eine Erholung bei fast allen Patienten mit N400", sagt Steppacher verhalten optimistisch. Allerdings: "Es erholen sich heute auch Patienten wieder, die keine Gehirnwelle N400 gezeigt haben."

Andreas Ferbert, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie meint: "Die Ergebnisse sind sehr interessant, aber es wäre sinnvoll, sie in einer unabhängigen Studie zu bestätigen." Wie viele Patienten, die im Wachkoma sind, wieder gesund werden, hängt seiner Erfahrung nach entscheidend davon ab, wie lange dieses besteht. Wenn ein solches Syndrom drei Monate bestehe, dann sei die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer, dass wieder eine normale Kommunikation möglich werde, als wenn das Syndrom nur zwei Wochen bestehe.

Koma, Wachkoma, Locked-In-Syndrom
Koma
Ein Koma kann unter anderem durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Schlaganfall, durch Sauerstoffmangel nach einem Herzstillstand, Hirnentzündungen oder Hirntumore verursacht werden. Die Patienten müssen künstlich ernährt und beatmet werden.

Wer im Koma liegt, kann auch durch starke äußere Reize nicht wieder das Bewusstsein erlangen. Es werden vier Grade der Komatiefe unterschieden. Im ersten Grad findet noch eine gezielte Reaktion auf Schmerz statt, Bewegungen der Pupillen sind nachweisbar, eine Stimulation des Gleichgewichtsorgans kann Augenbewegungen auslösen. Im vierten Grad ist keinerlei Reaktion mehr zu beobachten.
Wachkoma
Das Wachkoma, auch Apallisches Syndrom oder andauernder vegetativer Zustand (persistent vegetative state, PVS) genannt, ist oft die Folge einer gewissen Erholung von komatösen Patienten: Die Hirnfunktionen stabilisieren sich, so dass künstliche Beatmung und Ernährung nicht mehr notwendig sind. Allerdings ist das Großhirn weiterhin ganz oder zu großen Teilen ausgefallen. Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark halten Atmung, Kreislauf, Verdauung intakt. Die Patienten sind tagsüber oft wach, ihre Augen sind geöffnet. Dennoch nehmen sie ihre Umwelt nicht bewusst wahr.
Locked-In-Syndrom
Beim Locked-In-Syndrom, auch als Eingeschlossensein bezeichnet, sind Menschen nahezu vollständig gelähmt, aber bei vollem Bewusstsein und intaktem Hörsinn. Oft können sie nur noch die Augen vertikal bewegen, was zumindest eine rudimentäre Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Ansonsten ist die Verwendung einer Hirn-Computer-Schnittstelle möglich, welche die Hirnströme direkt in Steuerbefehle für einen Computer übersetzt. Verursacht wird das Locked-In-Syndrom oft von einem Hirntrauma oder einem Schlaganfall. Ein anderer Weg in das Eingeschlossensein ist die Amyotrophe Lateralsklerose, bei der die Betroffenen nach und nach ihre motorischen Fähigkeiten verlieren, bis sie vollkommen gelähmt sind und künstlich am Leben gehalten werden müssen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Cey 21.11.2013
1. optional
Man müsste sich einmal neuartige Methoden zur Untersuchung des Gehirns ausdenken. Die derzeitigen kommen mir so vor, als würde man versuchen wollen, mit einer Wärmebildkamera die Funktion eines Computers zu erahnen. Klar kann man da auch Korrelationen aufstellen, doch wirklich nur das allersimpelste.
h.vonbun 21.11.2013
2. Omnia
Gedankenlesen wäre doch noch der letzte Kick für NSA und Konsorten. Da muss man doch was machen können!!
uuunglaublich 21.11.2013
3. unwürdig
Geldgeier, man kann hier und da noch forschen! Bei einer Hirnatrophie nach CV Insult oder Infarkt ist nichts mehr vom Bewußtsein zu retten! Kann sein, daß es noch einige Reflexe gibt, die Vergangenheit betreffend, aber lernfähig und ein "Sein" zu schaffen ist unmöglich! Quälen im Dienst der Wissenschaft
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