Phänomen Wachstumsschmerzen Wir werden immer größer ...

... jeden Tag ein Stück. So heißt es in einem Kinderlied. Doch was tun, wenn der Nachwuchs beim Wachsen Schmerzen spürt?

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Von Josephin Mosch


Viele Eltern kennen das Phänomen der Wachstumsschmerzen. Ihr Kind klagt abends unvermittelt über heftige Beinschmerzen oder wird nachts davon wach. Doch genauso plötzlich wie sie beginnen, lassen die Schmerzen auch wieder nach. Am nächsten Tag ist der Spuk vorbei, das Kind ist schmerzfrei und so aktiv wie sonst.

Wenn Eltern ihre Kinder fragen, wo genau es wehtut, geben diese meist relativ klar entweder Ober- oder Unterschenkel an, nicht aber die Gelenke. Besonders häufig treten die Schmerzen nachts in Ruhe auf, wenn die Kinder tagsüber Sport gemacht oder herumgetobt haben. Entweder sind die Beschwerden auf beiden Seiten oder sie wechseln die Seite. Was steckt hinter dem Phänomen?

Etwa die Hälfte aller Kinder zwischen drei und zwölf Jahren ist von Wachstumsschmerzen betroffen. Dabei ist der Begriff "Wachstumsschmerzen", der bereits im 19. Jahrhundert geprägt wurde, eigentlich irreführend. Denn der Zeitraum, in dem die Schmerzen am häufigsten auftreten, korreliert nicht unbedingt mit besonders großen Wachstumsraten, erklärt Thomas Lutz, Kinderrheumatologe an der Uniklinik Heidelberg:

"Die Kinder wachsen ja ständig. Aber wenn sie in der Pubertät richtig viel zulegen, haben sie ganz selten diese Schmerzen. Es betrifft eher Kleinkinder und jüngere Schulkinder."

Was ist die Ursache?

Wachstum ist ein normaler Vorgang, der keine Schmerzen verursacht. Wenn der Arzt das Kind untersucht, kann er deshalb in der Regel nichts Auffälliges feststellen. Auch Labor - und radiologische Untersuchungen sind ohne krankhaften Befund.

Warum Kinder trotzdem diese Schmerzen haben, ist nach wie vor ungeklärt, Wissenschaftler diskutieren verschiedene Theorien. "Manche Kinder haben einfach ein erhöhtes Schmerzempfinden. Sie neigen auch stärker zu anderen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen," erläutert Lutz.

Manchmal besteht auch ein Zusammenhang mit dem Restless-Legs-Syndrom: "Das ist eine Erkrankung, bei der man beim langen Sitzen oder Liegen die Beine nicht ruhig halten kann und zappelig wird. Genau wie die Wachstumsschmerzen kann das auch abends im Bett beim Einschlafen Probleme bereiten," so der Kinderarzt.

Ob auch psychische Ursachen eine Rolle spielen, sieht der Mediziner eher skeptisch. "Als Ursache für die Wachstumsschmerzen und das Erwachen in der Nacht würde ich psychische Faktoren eher nicht ansehen. Kinder werden ja zum Beispiel auch wach, wenn sie Albträume haben. Aber wenn das Kind durch eine emotionale Belastung nicht so tief schläft, spürt es natürlich auch die Schmerzen eher."

Auch die nächtliche Ausschüttung von Wachstumshormonen wurde oft als Ursache diskutiert. Doch auch für diese Theorie gibt es bislang keine klaren Belege.

Kann eine ernste Krankheit dahinterstecken?

"Sobald es Abweichungen von den typischen Symptomen gibt, zum Beispiel, dass immer nur eine Seite oder immer nur eine Stelle betroffen ist, sind das Alarmzeichen. Dann sollte man weiter nach einer Ursache suchen. Genauso, wenn Fieber dabei ist oder es den Kindern insgesamt nicht gut geht," so Lutz. Dann sollten Eltern mit ihrem Kind zum Arzt gehen.

Weitere Warnsymptome sind Schwellungen von Gelenken, wenn sich das Kind morgens steif fühlt oder das betroffene Bein sehr warm wird. Auch einige entzündliche Gelenkkrankheiten können ähnliche Symptome hervorrufen.

In seltenen Fällen kommen auch Knochentumoren in Betracht. Gutartige können mit Schmerzmitteln behandelt werden. Nur einige müssen operiert werden, wenn sie etwa zu starken Schmerzen oder zu Knochenbrüchen führen. Noch deutlich seltener sind bösartige Erkrankungen im Kindesalter wie zum Beispiel die akute lymphatische Leukämie. Wenn Ärzte einen solchen Verdacht haben, können sie diese Erkrankungen mit Labor- und radiologischen Untersuchungen abklären.

Auch ein unerkannter Bruch kann ähnliche Beinschmerzen auslösen. In der Regel sind diese aber nur einseitig und machen tagsüber Probleme, wenn das Kind das Bein belastet. Das können Ärzte in der Regel per Röntgenbild nachweisen.

Was können Eltern und Ärzte tun?

Ursächlich kann man die Wachstumsschmerzen nicht behandeln. Doch Maßnahmen wie Massagen oder Schmerzmedikamente helfen in der Regel, die Beschwerden zu lindern. Manchem Kind tun auch Wärme- oder Kühlpads an der betroffenen Stelle gut. Gibt es keinen Hinweis auf eine andere Erkrankung, besteht aber kein Grund zur Sorge: Wachstumsschmerzen sind nicht bedrohlich und gehen vorüber. So lange helfen übrigens auch tröstende Worte der Eltern.

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