Ein rätselhafter Patient Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Eine 42-Jährige fühlt sich verfolgt. Die Ärzte sind davon überzeugt, dass sie Wahnvorstellungen hat und wollen sie behandeln. Doch der Vater ist vehement dagegen. Was ist los in der Familie?

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Es ist wieder so ein Tag, an dem die Frau, 42, eine enorme Wut im Bauch hat. Sie beschimpft Passanten und schmeißt Müll vor die Türen ihrer Nachbarn. Dass diese sie verfolgen, glaubt sie schon seit Jahren, sie beobachtet sie schließlich genau. Aber nur, weil sie kein Englisch spricht und nie zur Schule gegangen ist, lässt sie sich nicht einschüchtern, rattert es in ihrem Kopf.

Als die Polizei kommt, sieht die Frau all ihre Befürchtungen bestätigt: Schon lange ist sie davon überzeugt, dass verschiedene Beamte sie verfolgen, weil sie im südostasiatischen Staat Singapur zur indischen Minderheit gehört. Sie hat das auch mit zahlreichen Fotos dokumentiert.

Die Polizisten bringen die Frau in das Institute of Mental Health in Hougang. Die Ärzte dort sind schnell davon überzeugt, dass die Patientin Wahnvorstellungen hat, wie sie in der Fachzeitschrift "East Asian Archives of Psychiatry" berichten. Sie wollen sie psychiatrisch behandeln.

Alle Fenster verhängt

Der Vater der Frau ist damit allerdings nicht einverstanden. Er versteht nicht, warum die Ärzte seine Tochter für krank halten, schließlich hat er selbst immer wieder erlebt, wie sie von den Nachbarn beobachtet werden. Gemeinsam mit der Tochter hat er die Fenster der Wohnung mit dunklen Tüchern verhängt, damit den Nachbarn der Einblick verwehrt ist. Auch er will sich die Demütigungen nicht gefallen lassen.

Immer wieder besucht der 90-Jährige seine Tochter im Krankenhaus und verhandelt mit den Ärzten über ihre Entlassung. Mit ihr bespricht er die neuesten Entwicklungen in der Nachbarschaft. Dabei lässt er sich Anweisungen geben, wie er sich am besten wehren kann, etwa indem er Abfälle bei den Nachbarn platziert.

Der Vater lebt mit der Patientin und ihrer ältesten Schwester, die eine leichte geistige Behinderung hat, zusammen. Er kümmert sich noch immer um den Haushalt und das Wohl seiner Kinder, die ohne ihn offenbar nicht zurechtkommen.

Eine weitere Tochter - die mittlere - lebt seit 15 Jahren nicht mehr mit der Familie zusammen. Sie ging als einzige der drei zur Schule, hat geheiratet und ist berufstätig. Die Mutter der drei ist schon gestorben, als die Patientin drei Jahre alt war.

Schon die Mutter litt wohl unter Wahnvorstellungen

Als die Psychiater mit der mittleren Tochter sprechen, bekommen sie eine Ahnung davon, was in der Familie vorgeht. Offenbar litt schon die Mutter der Kinder unter Wahnvorstellungen, ihr Leben war von Misstrauen gegen die Nachbarn, die Verwandtschaft und schließlich auch ihre eigenen Kinder geprägt. Ihre Furcht war offenbar so groß, dass sie ihre Töchter nicht einmal mehr zu sich ließ, als sie starb. Der Vater hatte ihre Ängste und ihren Wahn stets abgelehnt.

Nach dem Tod seiner Frau musste sich der Mann allein um die drei Mädchen kümmern und das Geld verdienen. Zuhause halfen ihm die älteste und die jüngste Tochter, die keine Schule besuchten und auch kaum Kontakt zu anderen Menschen bekamen. So entstand eine wechselseitige Abhängigkeit, die immer größer wurde. Während die Mädchen auf den Vater als Versorger angewiesen waren, zog dieser den Sinn seines Lebens aus der Fürsorge für seine Töchter.

Nur die mittlere Schwester konnte dieser Isolation entkommen. Wie sie berichtet, entwickelte ihre jüngste Schwester erstmals ein auffälliges Misstrauen, nachdem sie ausgezogen war. Der Vater, der diese Gedanken, Ängste und Aggressionen und auch die Folgen davon schon gut von seiner verstorbenen Frau kannte, versuchte seine Tochter von ihrem Irrglauben abzubringen. Er redete auf sie ein, bestrafte sie, entzog ihr seine Zuneigung - ohne Erfolg.

Aus Vertrauen wird Hass

Anstelle des vertrauensvollen Zusammenlebens machten sich Misstrauen, Wut und schließlich Hass zwischen Vater und Tochter breit. Je weiter sich der Vater von ihr distanzierte, desto gewaltbereiter wurde die Tochter, bis sie ihn schließlich schlug. Zunächst mit den Händen, später mit Stöcken. Der Vater konnte sich dagegen nicht wehren, lag am Ende oft am Boden. Die älteste, intellektuell weniger entwickelte Schwester hatte sich dann oft in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Ganz langsam, über die Jahre hinweg, nahm der Vater die Überzeugungen der Tochter an: Er wählte damit unbewusst einen psychologischen Ausweg, der es ihm erlaubte, wieder auf der Seite seiner Tochter stehen zu können. Als die mittlere Tochter ihn irgendwann bat, Hilfe für die jüngste Schwester zu suchen, lehnte er vehement ab und befahl ihr, sich rauszuhalten.

Fünf Jahre war das jetzt her. Für die behandelnden Psychiater steht die Diagnose nun fest: Sie sprechen von einer "folie à deux", einer gemeinsamen psychotischen Störung von Tochter und Vater. Ein solches Syndrom ist selten und eher bekannt zwischen Partnern oder Mutter und Tochter, wobei meist die Mutter die ursprünglich Kranke ist und die Tochter in den Wahn hineinzieht. Häufig spielt - wie in diesem Fall - soziale Isolation eine wichtige Rolle bei der Entstehung.

In vielen Fällen hilft es, die beiden Erkrankten voneinander zu trennen. Davon profitiert vor allem die vormals gesunde Person, die den Wahn ganz oder in Teilen übernommen hat: Sie kann sich so wieder von den wahnhaften Vorstellungen lösen.

Die Ärzte unterbinden daher zunächst die Besuche des Vaters bei der jüngsten Tochter. Mithilfe der mittleren Schwester schaffen sie es, die Patientin mit antipsychotischen Medikamenten zu versorgen. Innerhalb von fünf Monaten im Krankenhaus bessert sich ihr Zustand langsam. Wie es dem Vater in der Zeit geht, schreiben die Psychiater in dem Fallbericht nicht.

Bevor sie die Frau wieder nach Hause entlassen, organisieren sie Hilfe für Vater und Tochter: Sozialarbeiter und psychiatrisch ausgebildete Krankenschwestern betreuen sie an ihrem Wohnort weiter.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
murksdoc 21.10.2017
1. Unverständlich
In einem Staat, in dem das Fallenlassen eines Papierchens in der Öffentlichkeit mit Gefängnis bestraft werden kann, gilt es offensichtlich als "fremdgefährdend", Nachbarn zu beschimpfen oder ihnen Müll vor die Haustüre zu stellen. Deshalb konnte die Frau auch gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten und behandelt werden. Was ich nicht verstehe, ist, warum der Vater nicht behandelt wurde. Offensichtlich gingen die Psychiater davon aus, dass es sich um eine "Folie imposée" handelte, bei der eine starke Kranke (die Tochter) einem schwachen Gesunden (dem Vater) ihren Wahn aufoktroyiert. Dem steht aber entgegen, dass dieser Vater sich jahrzehntelang gegen die gleichermassen erkrankte Mutter, die in ihrem Wahn nicht ein eiziges Wort mit ihren Töchtern gewechselt hatte, gewehrt hat, die Töchter aufgezogen und später die jungere, erkrankte Tochter, erfolgreich gegen die mittlere, gesunde Tochter und ihre Vorschläge, diese zu therapieren, verteidigt hat. So schwach kann der nicht gewesen sein. Ich glaube eher, der war auch krank und wenn die therapierte Tochter nach Hause kommt, spielen sie ihre "Folie à deux" anders herum. Ausser man spricht nochmal bei ihm vor und nimmt ihn auch mit zur Behandlung. Sobald er seine Tochter nämlich wieder hineinzieht, ist er auch "fremdgefährdend".
7eggert 21.10.2017
2.
Zitat von murksdocIn einem Staat, in dem das Fallenlassen eines Papierchens in der Öffentlichkeit mit Gefängnis bestraft werden kann, gilt es offensichtlich als "fremdgefährdend", Nachbarn zu beschimpfen oder ihnen Müll vor die Haustüre zu stellen. Deshalb konnte die Frau auch gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten und behandelt werden. Was ich nicht verstehe, ist, warum der Vater nicht behandelt wurde. Offensichtlich gingen die Psychiater davon aus, dass es sich um eine "Folie imposée" handelte, bei der eine starke Kranke (die Tochter) einem schwachen Gesunden (dem Vater) ihren Wahn aufoktroyiert. Dem steht aber entgegen, dass dieser Vater sich jahrzehntelang gegen die gleichermassen erkrankte Mutter, die in ihrem Wahn nicht ein eiziges Wort mit ihren Töchtern gewechselt hatte, gewehrt hat, die Töchter aufgezogen und später die jungere, erkrankte Tochter, erfolgreich gegen die mittlere, gesunde Tochter und ihre Vorschläge, diese zu therapieren, verteidigt hat. So schwach kann der nicht gewesen sein. Ich glaube eher, der war auch krank und wenn die therapierte Tochter nach Hause kommt, spielen sie ihre "Folie à deux" anders herum. Ausser man spricht nochmal bei ihm vor und nimmt ihn auch mit zur Behandlung. Sobald er seine Tochter nämlich wieder hineinzieht, ist er auch "fremdgefährdend".
Mein erster Eindruck war, daß nach Ärztemeinung eine schwache, aber eigentlich Gesunde, durch den Vater krank gemacht wurde. Ich habe aber auch bei Jemandem miterlebt, der sich verfolgt fühlt, daß das auf klar nachvollziehbaren Einzelereignissen beruht und diese teilweise aus dritter Quelle genau so bestätigt wurden. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, daß es nicht meine Naivität ist, da keinen Zusammenhang sehen zu können, wohlwissend, daß es höchst unwahrscheinlich wäre ... aber leider nicht unmöglich.
DrWaumiau 21.10.2017
3. Was für ein schönes Beispiel...
...für die berühmte Filterblase. Da kann man mal sehen, wo das am Ende hinführt.
l/d 22.10.2017
4. folie a deux
Darunter würde ich das unabhängig von einer genetischen Prädisposition einordnen.
thelix 22.10.2017
5.
Zitat von l/dDarunter würde ich das unabhängig von einer genetischen Prädisposition einordnen.
Glückwunsch, exakt das haben die Ärzte auch festgestellt. Steht übrigens auch im Artikel. ^^ Man kann es echt nicht oft genug schreiben: ERST den Artikel lesen, DANN kommentieren.
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