Warnbilder auf Zigarettenschachteln Show- oder Schockeffekt?

Seit Mai vergangenen Jahres sind Schockbilder auf Zigarettenschachteln in Deutschland Pflicht. Ist der Verkauf seitdem gesunken?

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Von Nicola Korte


Die Bilder mit schwarz verfärbten Lungen, verfaulten Zähnen und Leichen sollen auf Raucherkrankheiten hinweisen - und damit die Lust aufs Qualmen vergällen. Die EU gibt den Tabakunternehmen genaue Kombinationen von Texten und Bildern vor. Nach zwölf Monaten wechseln die Motive.

Aber ist bereits ein Trend erkennbar, dass die Gruselbilder wirken? Die Antwort ist nicht leicht, weil sich die Einführung der Schockbilder mit parallelen Entwicklungen überlagert. Daher lässt sich nicht einmal ausschließen, dass die Warnungen auf den Packungen den Verkauf bislang überhaupt nicht beeinflusst haben.

Denn seit Jahren sinkt die Zahl der Raucher - ganz ohne Schockfotos. Und auch der Konsum je Raucher geht zurück, wie Zahlen des Gesundheitsministeriums belegen. Waren 1995 noch 13 bis 16 Zigaretten pro Tag und Raucher die Regel, sind es mittlerweile nur noch 9 bis 10.

Produktion sinkt

Parallel dazu beobachtet die Branche neue Trends: "Zum einen werden immer mehr E-Zigaretten gekauft", sagt Michael von Foerster, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Rauchtabakindustrie. Und zum anderen gebe es unter den Jugendlichen eine Verschiebung weg vom klassischen Zigarettenrauchen hin zum Kiffen und Shisha-Rauchen. "Sowie bei Erwachsenen eine Entwicklung hin zu Zigarillos und Zigarren."

Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr jedenfalls deutlich weniger Zigaretten produziert als 2015: Für 75 Milliarden Zigaretten orderten die Hersteller Steuermarken - das waren 7,7 Prozent oder 6,3 Milliarden Stück weniger als im Vorjahr. Vor 25 Jahren, 1991, wurden noch fast doppelt so viele Zigaretten versteuert.

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Tabakkonsum: Schockbilder auf Zigarettenpackungen

Das Statistische Bundesamt erklärt den starken Rückgang von 2015 zu 2016 mit einer massenhaften Vorratsproduktion. Wegen der EU-Tabakrichtlinie, die unter anderem Schockbilder vorschreibt, hätten die Hersteller in den Monaten zuvor große Mengen produziert, die sie auch nach Inkrafttreten der Richtlinie weiter legal verkaufen konnten - ohne Schockbilder.

Hinzu kommt die Anhebung der Mindestpackungsgröße seit dem 1. Januar 2016 von 19 auf 20 Zigaretten. Auch wegen dieser Umstellung wurde im Jahr 2015 großzügig vorproduziert, wie Jan Mücke, Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbands, erklärt. "Die Steuerstatistik ist deshalb auch nicht geeignet, Aussagen zur Wirksamkeit der Schockbilder in Deutschland zu treffen."

Wenn man ein wenig mit den Zahlen aus der Statistik spielt, dann ist es durchaus denkbar, dass die Schockbilder keinerlei Auswirkungen auf den Konsum haben - zumindest bislang nicht. Denn sobald man die Vorratsproduktion von 2015 großzügig dem Jahr 2016 zuordnet, ergibt sich für 2016 nicht zwingend ein Knick nach unten in den Absatzzahlen. Es könnte sich vielmehr einfach nur der allgemeine Abwärtstrend der vergangenen Jahre fortsetzen.

Mehr Anrufe bei Hotline

Dass die neuen Packungen auf jeden Fall wahrgenommen werden, dafür sprechen Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Denn bei ihr rufen seit dem Inkrafttreten der Tabakproduktverordnung im vergangenen Mai deutlich mehr Menschen an. Neben den Schockfotos ist auf den Zigarettenpackungen nämlich auch die kostenfreie BZgA-Telefonnummer zur Raucherentwöhnung angegeben.

Die Zahl der Anrufe habe sich fast versechsfacht, von 1000 pro Monat auf 5700 Anrufe pro Monat, berichtet Michaela Goecke, Leiterin des BZgA-Fachreferats für Suchtprävention. Sie charakterisiert die Kombination von Schockbildern und kostenfreier Beratungshotline daher als "zielführend".

Die Beauftragte der Bundesregierung für Drogenfragen, Marlene Mortler, sieht das ähnlich: "Wenn Werbung wirkt, und dafür gibt es genügend wissenschaftliche Belege, dann gilt dies auch für Schockbilder."

Ausstieg ist für Raucher besonders schwer

Ein Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit kam im vergangenen Jahr allerdings zu dem Ergebnis, dass 81 Prozent der Befragten in Schockbildern keine wirksame Maßnahme erblickten, um Raucher zum Aufhören zu bewegen.

Entsprechend zurückhaltend fällt die Einschätzung von Experten für den Einfluss der Warnhinweise auf den Rückgang des Zigarettenkonsums aus: "Die Schockbilder sind es mit Sicherheit nicht allein - aber sie könnten einen Baustein bilden", sagt der Suchtexperte vom Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg, Rainer Thomasius, der gleichzeitig auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist.

Zunächst müsse man zwischen bereits aktiven Rauchern und noch nicht rauchenden Kindern und Jugendlichen unterscheiden: "Bei den schon aktiven Rauchern bringen die Warnhinweise vermutlich wenig bis überhaupt nichts. Von denen werden die ungünstigen Faktoren beim Rauchen oft geleugnet beziehungsweise sie wissen nicht, wie sie ihr Konsumverhalten überhaupt ändern können."

Wirksames Instrument zur Suchtprävention?

Dafür gäbe es auch eine klare medizinische Erklärung: "Der Ausstieg ist für Raucher besonders schwer, sogar schwerer als bei Alkohol- und Cannabisabhängigkeit, da die neurologischen Veränderungen evident sind", so Thomasius. "Sie sind etwa vergleichbar mit den gravierenden Veränderungen, die sich auch beim Konsum von Kokain und anderen Opiaten beim Menschen vollziehen."

Bei Jugendlichen und Kindern allerdings, die noch nicht zigarettenabhängig sind, sei die Situation eine andere: "Bei ihnen können die Warnbilder tatsächlich hilfreich für einen späteren Verzicht auf Zigaretten und damit ein wirksames Instrument zur Suchtprävention sein."

Allerdings ist laut Thomasius für das spätere Rauchverhalten von Kindern und Jugendlichen ein ganz anderer Faktor noch viel maßgeblicher: "Entscheidend ist der ursprüngliche Einfluss der Familie, des Freundeskreises und der Schule." Dabei gehe es vor allem darum, dass die Jugendlichen soziale Kompetenz, Empathie und eine soziale Freizeitgestaltung lernten.

"Außerdem ist es wichtig, dass das Potpourri der gesamten Maßnahmen zur Suchtprävention in Deutschland immer weiter verbessert wird, wie etwa die schulische Suchtprävention, die Preisgestaltung sowie die Schutzzonen für Nichtraucher", betont Thomasius.

Auch, dass das Image des Rauchers sich in der Bevölkerung verschlechtert habe, sei hierbei ein ganz wichtiger Faktor, und zu diesem schlechten Image trügen im Ergebnis sicherlich auch die abschreckenden Schockbilder bei.

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insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
HuFu 11.02.2017
1. Schockbilder...
Das Problem, ich als Nichtraucher werde damit auch konfrontiert an den Kassen wo normalerweise die Dosen und Schachtel verwahrt werden. Ich frage mich, warum werde ich mit solchen Dingen belästigt, die in mir Übelkeit auslösen? Die Raucher schreckt das in den seltesten Fällen ab - ähnlich wie bei der "Raubmordkopiererwerbung" auf DVD / BR. Warum muss ich als ehrlicher Käufer mich verwarnen lassen, dass ich als ehrlicher Käufer in den Knast komme, wenn ich das Medium nicht beziehe? Erklär' mir mal einer den Sinn hinter solchen Aktionen....
Putin-Troll 11.02.2017
2. Nanny-Staat
Über die Gefahren des Rauchens wird man schon in der Schule umfassend aufgeklärt. Wenn ein Erwachsener sich unbedingt auf Raten umbringen will, soll er das tun. Seine Entscheidung.
Mac Cuill 11.02.2017
3. Als Nichtraucher
finde ich diese schachteln schrecklich. Bei uns hier auf den Dörfern stehen die schachteln im Edeka, tegut usw. hinter der Kasse. Man kommt gar nicht drumherum nicht drauf zuschauen. Kann mir was schöneres beim einkaufen vorstellen. Die schachteln sollten in irgendeine Ecke verbannt werden oder generell in Automaten,wo man sie nicht sieht.
cerberus66 11.02.2017
4.
Persönlich kenne ich nur zwei Raucherinnen, die in den letzten 25 Jahren das Rauchen aufgaben. Der Grund war bei beiden eine Schwangerschaft. Ansonsten ist mir niemand bekannt, der das Rauchen auch nur reduziert hätte. Durch die Schockfotos trainieren Raucher meines Erachtens eher ignorantes Verhalten.
paulvernica 11.02.2017
5. mich als raucher
halten diese Bilder nicht vom Rauchen ab. Ich gucke kurz drauf, ärgere mich über die doofe EU die anscheinend keine wichtigeren Probleme hat und rauche weiter. Und warum kleben wir eigentlich keine Schockfotos von Strassenverkehrsopfern auf die Autos, oder zeichen Fotos von Übergewichtigen auf Zuckerdosen. Das Ganze ist wieder nur Bevormundung. Das Rauchen schädlich sein kann, weiss jeder, man muss deswegen nicht die Raucher und Nichtraucher mit ekligen Bildern belästigen.
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