Mehr Sprechstundenzeiten Regierung will Wartezeiten auf Arzttermin per Gesetz verkürzen

Ärzte müssen in Zukunft mehr Sprechstunden anbieten, damit Patienten nicht so lange auf einen Termin warten. Das sieht ein am Mittwoch verabschiedeter Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Spahn vor.

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Kassenpatienten sollen künftig schneller einen Arzttermin bekommen. Das Bundeskabinett verabschiedete dazu am Mittwoch einen Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn. Dieser sieht vor, dass Ärzte in Zukunft statt 20 mindestens 25 Wochenstunden als Sprechstundenzeiten anbieten müssen. Bestimmte Arztgruppen wie Augen- und Frauenärzte sowie Hals-Nasen-Ohren-Ärzte werden zudem verpflichtet, mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde ohne Termin anzubieten.

Diese Leistung sollen die Ärzte zusätzlich zu ihrem bisherigen Budget bezahlt bekommen. Außerdem vergütet werden soll es nach Spahns Plänen auch, wenn ein Hausarzt seinem Patienten einen Facharzttermin vermittelt. "Gesetzlich Versicherte warten zu oft zu lange auf Arzttermine", erklärte Minister Spahn. Das solle zusammen mit den Ärzten geändert werden.

Innerhalb von vier Wochen Termin beim Facharzt

Es solle sich für Ärzte lohnen, Patienten zeitnah einen Termin zu geben, fügte der Minister mit Blick auf den Ausbau der Vergütung hinzu. Mit dem Gesetzentwurf sollen auch die Aufgaben der Terminservicestellen, erreichbar unter der einheitlichen Notdienstnummer 116117, erweitert werden. Diese vermitteln Patienten mit einer Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt.

In unterversorgten ländlichen Gegenden muss die Kassenärztliche Vereinigungen künftig eigene Praxen eröffnen oder Versorgungsalternativen wie Arztbusse oder Onlinesprechstunden anbieten. Zudem müssen die regionalen Zuschläge für Landärzte künftig obligatorisch gezahlt werden, bislang war dies den Kassenärztlichen Vereinigungen freigestellt.

Die Krankenkassen müssen ihren Versicherten zudem spätestens ab 2021 eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen. Spahns Gesetzentwurf sieht auch einige Leistungsverbesserungen vor. So sollen Versicherte mit einem hohen Risiko einer HIV-Infektion Anspruch auf Präexpositionsprophylaxe (PrEP) erhalten. Die dafür erforderliche ärztliche Beratung sowie Untersuchungen und Arzneimittel werden von den Kassen künftig erstattet.

Nicht nur die Wartezeit auf einen Arzttermin ist problematisch, sondern mitunter auch die Zeit, die ein Arzt dann für seinen Patienten übrig hat. Eine weltweite Analyse hatte 2017 ergeben: Während ein Allgemeinmediziner in Bangladesch nur 48 Sekunden mit einem Patienten verbringt, hat ein Arzt in Schweden im Schnitt 22,5 Minuten übrig. Deutschland liegt laut der Studie im Mittelfeld. Hierzulande dauert ein Arztbesuch 7,6 Minuten, der Arztreport der Barmer GEK kam im Jahr 2010 auf rund acht Minuten.

hei/AFP/Reuters

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zeisig 26.09.2018
1. Der tut was.
Ich hab's schon immer gesagt: Der Spahn ist ein guter Mann. Der greift die Probleme tatsächlich an und tut nicht nur so. Das ist kein Aktionismus, so muß Politik sein.
bert1966 26.09.2018
2. Augenwischerei
Ein Arzt, der jetzt schon nur die Behandlung von 700 von 1400 Patienten im Quartal voll bezahlt bekommt wäre grob schwachsinnig, wenn er allein aufgrund 5 Stunden längerer Sprechstundenzeiten auch nur einen Patienten mehr versorgte. Wenn die Behandlung von Patienten ohne Termin allerdings zukünftig mit einem Aufschlag vergütet wird - dann wird es einfach gar keine Sprechstundentermine mehr geben und jeder wartet eben so lange auf die Behandlung, wie es gerade dauert (und sei es den ganzen Tag). Die erste Klage gegen eine Ungleichverteilung von Patienten an Arztpraxen durch Terminservicestellen wird greifen - und dieses kostenträchtige Verwaltungsmonster de facto auf Eis legen. Gleiches gilt für die geplante Zusatzvergütung für "neue" Patienten (die noch nie oder seit mehr als vier Jahren nicht mehr in der Praxis waren): sie werden einfach gegenüber (vielleicht behandlungsbedürftigeren) Bestandspatienten bevorzugt behandelt werden. Die "Lösungen" des Herrn Spahn gehen also sehr gezielt am Problem vorbei und sind blanke Augenwischerei.
ventoux72 26.09.2018
3. Zweischneidiges Schwert
Viele Ärzte sind bereits jetzt überlastet und arbeiten pro Woche länger als Otto Normalverbraucher - die Arbeit endet nämlich nicht mit Ende der Sprechstunde! Solche werden dann hoffentlich von der Änderung nicht betroffen sein. Bedenken Sie, wie Sie sich fühlen würden, wenn plötzlich ihr Chef da stünde und 5h mehr verlangte. Selbst bei bester Bezahlung der Überstunden kippt das Work/Life-Verhältnis irgendwann und der gesundheitliche Schaden ist vorprogrammiert.
santacatalina 26.09.2018
4. Solange...
es noch Zulassungsbeschränkungen für Fachärzte gibt, nützt das gar nichts.
nuftri 26.09.2018
5. Sprechzeiten erhöhen
Schön, wenn man Aktionisten als Fachminister hat. Frei von Fachkenntnis und beratungsresistent. Hat schon mal einer bedacht, was an Versorgungszeit für Altenheime und Hausbesuche immobiler oder akut kranker Patienten in den Flächenländern verlorengeht? Man muss schon ziemlich bescheuert sein, um zu glauben, die Sprechzeiten seien die Arbeitszeiten der Ärzte. Ich biete 26 Wochenstunden Sprechstunde an zwei Standorten an. Das bedeutet nach Analyse eines Sachverständigen insgesamt 61 Wochenstunden Arbeit, weil ja auch noch Verwaltung, Bereitschaftsdienst etc. dazu kommen. Die Zwangsfortbildung garnicht gerechnet. Und die Vergütung für die ärztliche Vermittlung von Facharztterminen gibt es in Mecklenburg-Vorpommern (wo bekanntlich alles 100 Jahre später passiert) schon seit etlichen Jahren. Also auch keine Ministeridee sondern abgeschrieben. Lasst den Mann Bundeskanzler unbedingt Bundeskanzler werden.
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