Wartezeit beim Arzt Die Nacktfalle

Nach dem Warten im Wartezimmer kommt neuerdings noch das Warten im Arztzimmer - mit möglichst wenig Kleidung. Das ist erniedrigend und kann krank machen. Behandelt Patienten wie Menschen, nicht wie Bauteile, fordert Frederik Jötten.

Arzttermin: Bitte schon mal freimachen
Corbis

Arzttermin: Bitte schon mal freimachen


Manche Ärzte und deren Helfer würden besser am Fließband arbeiten als in einer Praxis. In einer Fabrik ist es bestimmt sinnvoll, wenn man frühzeitig ein Bauteil aus der Verpackung nimmt, damit es im nächsten Arbeitsschritt bearbeitet werden kann. Ein Stück Metall oder Kunststoff kann darauf bestimmt gut ein paar Stunden warten. Beim Arzt ist die Lagerung der Patienten, bevor Hand an sie gelegt wird - jedenfalls sollte man das meinen - etwas sensibler, weil diese zumindest noch ein bisschen Leben in sich haben. Leider wird man beim Arzt oft nicht so behandelt.

Beim Gastroenterologen führt mich eine Arzthelferin in den Raum mit dem Ultraschallgerät. "Machen Sie bitte den Bauch frei und bei der Hose den ersten Knopf auf", sagt sie. Ich mache, was mir geheißen wird, und lege mich auf die Liege. Sie nickt zufrieden und sagt: "Der Doktor kommt gleich." Dann geht sie. Der Doktor kommt aber nicht, und das weiß sie auch ganz genau, weil ich höre, wie sie den Arzt nebenan zur Magenspiegelung dirigiert. Ich liege also da fünf, zehn, fünfzehn Minuten, bauch- und rückenfrei. In dem Raum ist es kühl, schließlich setzte ich mich wieder auf, ziehe meinen Pullover wieder runter, warte so noch zehn Minuten.

Schlechtes Zeitmanagement

Dann kommt der Arzt endlich. Während ich ihm erkläre, welche Beschwerden ich habe, ziehe ich den Pullover hoch, mache den ersten Hosenknopf auf und lege mich hin. Der tolle Vorbereitungsschritt der Arzthelferin hätte maximal 0,1 Sekunden Zeitersparnis für den Arzt bedeutet, dafür hätte ich eine halbe Stunde halbnackt in der Kälte gelegen, hätte mir womöglich eine Muskelverspannung oder einen Schnupfen geholt.

Ebenso neulich bei der Hautärztin, Hautkrebsprophylaxe. Die Arzthelferin: "Ziehen Sie sich bitte aus bis auf die Unterhose, die Ärztin kommt gleich." Diesmal warte ich gleich ganz ohne Kleidung: 15 Minuten. Als ob man nicht schon angezogen lange genug im Wartezimmer gedämmert hätte. Das passiert ständig. Das schlechte Zeitmanagement der Praxen müssen die Patienten am Ende halbnackt aussitzen und -liegen.

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Ich mach das nicht mehr mit!

Ich frage mich, warum Ärzte überhaupt Termine vergeben - ich habe noch nie erlebt, dass einer eingehalten worden wäre. Dabei fällt es mir auch schwer, pünktlich zu sein. Trotzdem renne ich zur U-Bahn, hetze durch die Straße, jage das Treppenhaus hoch, um es gerade noch rechtzeitig zu meinen Arzttermin zu schaffen. Wenn ich dann im Wartezimmer sitze, frage ich mich jedes Mal, warum ich mich so bemüht habe. Um dem Arzt ein gutes Vorbild zu sein? Um das einzige Mal zu erleben, bei dem ich tatsächlich zu dem vereinbarten Zeitpunkt drankommen würde? Um nicht ausgerechnet dann nicht da zu sein, wenn der Arzt mich pünktlich ausrufen lässt und dem Praxisteam damit einen Grund zu geben, mich beim nächsten Mal noch länger warten zu lassen?

Wie auch immer, jetzt ist Schluss. Während jahrelangen Wartens beim Arzt ist in mir eine Idee gereift: Bei meinem nächsten Arztbesuch werde ich am Anmeldetresen sagen: "Ich mache mich hier schon mal frei, wie ich Sie kenne, bin ich sowieso sofort dran." Ich werde mir dort Hemd und Hose vom Leib reißen, sofort nach einer Alu-Decke gegen Unterkühlung schreien - und dann wollen wir doch mal sehen, wie schnell ich drankomme.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
yodolana 15.01.2014
1. optional
Endlich mal ein Artikel der mir aus der Seele spricht. "Setzen sie sich noch einen Moment ins Wartezimmer", wie ich diesen Satz hasse. Die Helferin weiß zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit, dass der Moment noch mindestens 30-40 Minuten dauert. Klar hat man Verständnis wenn Notfälle dazwischen kommen oder kleine Kinder Kinder die nicht warten können, aber warum ist es nicht möglich seine Praxis so zu organisieren, dass der Patient wenigstens innerhalb von 15 Minuten dran kommt? Zischenfälle müssen doch im Zeitmanagement berücksichtigt sein. Dann kommt man endlich ins Sprechzimmer und wartet dort nochmal 15 Minuten, mindestens. Weil der Arzt noch kurz Rezepte unterschreibt oder einen Vertreter abwimmelt. Vielleicht trinkt er auch mal die verdiente Tasse Kaffee. Was mir auch auffällt dass oft 3 Patienten zur gleichen Zeit einbestellt werden. Auf meine Nachfrage warum, sagte mir die Helferin "Es könnte ja jemand absagen". Aber wenn sie alle drei kommen hat der Patient dann das Nach"sitzen"sehen.
cor 15.01.2014
2. Zeitmanagement
Das liegt daran, dass die Termine absichtlich viel zu nah aneinander gelegt werden. Warum? Weil jeder Patient Geld bringt und man quasi ohne Pause durcharbeiten will - Wie am Fliessband eben. Zu einem ausgemachten Termin gehören grundsätzlich mindestens zwei Parteien. Ich komme grundsätzlich beim Arzt zu spät (ausser ich bin der erste Morgens) und ich musste trotzdem immer warten. Wieso soll ich pünktlich kommen, wenn von denen nie einer pünktlich Zeit hat?
MrGold 15.01.2014
3. Götter in Weiß
Absolut wahrer Bericht. Viele Ärzte fühlen sich ihren Patienten immer noch gottgleich überlegen und dadurch viel wichtiger. Was interessiert das Wohlbefinden des Patienten, wenn der Arzt doch angeblich soo unter Zeitdruck steht? Patienten werden absichtlich so einbestellt, dass der Arzt nichtmal, wenn 80% der Patienten ihren Termin nicht wahrnehmen würden, warten müsste. Dafür wird wohlwollend in Kauf genommen, dass die Patienten zum Teil stundenlang warten. Wie sonst soll der Patient diese absolut arrogante Art verstehen, als "Ich Arzt, du nix!"? Aber ich mach das auch nicht mehr mit. Weder bemühe ich mich bei derartigen Ärzten sonderlich pünktlich zu sein, noch mich solchen Auszieh-Orgien zu unterwerfen. Ich komme, melde mich an, frage, wie lange es dauern wird, gehe raus, mache einen schönen Spaziergang, der locker 50% länger dauert als die angegebene "halbe Stunde", komme dann zurück und werde freudig erwartet. Im Behandlungsraum darf ich dann sowieso nochmal warten, am besten ein gutes Buch mitnehmen.
wulfk 15.01.2014
4. Keine Probleme
Ich habe bei den von mir besuchten Ärzten keine Probleme. Der Hausarzt vergibt keine Termine, man ist dort, wenn man nicht grade Montags morgens um 9 kommt, aber immer binnen 30 min dran, bein Zahnarzt heute morgen mußte ich gefühlte 15 Sekunden warten.
dr_bue 15.01.2014
5. Patient ist keine Maschine...
Beim Arzt ist die Lagerung der Patienten, bevor Hand an sie gelegt wird - jedenfalls sollte man das meinen - etwas sensibler, weil diese zumindest noch ein bisschen Leben in sich haben. Also, jeder patient ist individuell, eine diagnose und therapie kann nicht in der selben art und weise sein. Manchmal braucht der Arzt mehr zeit als geplant... Ein system wo man timing perfekt machen könnte würde in der medizin nicht funktionieren. So...leider müssen sie noch warten... :-)
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