EU-Transplantationskongress: "Die Deutschen müssen ihre Haltung ändern"

Von , Madrid

Spaniens Organspendesystem gilt europaweit als Vorbild. Rafael Matesanz ist dort Leiter der Organisation für Transplantationen ONT. Im Interview erklärt der Arzt, welche Fehler Deutschland macht - und warum der Ausweg so schwierig zu finden ist.

Torsi: "Wir sehen Organspende als wichtigen Teil am Ende des Lebens" Zur Großansicht
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Torsi: "Wir sehen Organspende als wichtigen Teil am Ende des Lebens"

Das spanische Gesundheitsministerium in Madrid ist ein klobiger Bau. Kalt und groß steht er an der Prachtstraße Paseo del Prado und verschluckt in diesen Tagen neben den Ministeriumsmitarbeitern auch Ärzte, Transplantationsmanager, Wissenschaftler und Journalisten aus ganz Europa. Im Bauch des Kolosses geht es um Fragen von Leben und Tod: Wie sicher sind Organspenden in Europa? Wer bekommt ein lebensrettendes Organ, wer muss sterben? Was können die Schlusslichter von den Spitzenreitern lernen?

Einer jener Experten, die sich zum europäischen Transplantationskongress in Madrid treffen, ist Rafael Matesanz. Der Arzt leitet die nationale Transplantationsorganisation (ONT) in Spanien und berät als Chef des Vorzeigesystems Transplantationsbeauftragte in ganz Europa, den USA und Lateinamerika. Auch für Deutschland hat er Verbesserungsvorschläge.

SPIEGEL ONLINE: Herr Matesanz, in Spanien gibt es mehr als doppelt so viele Spender wie in Deutschland. Was läuft schief in unseren Krankenhäusern?

Matesanz: Sie haben recht, in den Krankenhäusern gibt es Verbesserungsbedarf. Aber das Hauptproblem in Deutschland liegt woanders: Die Verantwortlichkeiten sind falsch verteilt. Das deutsche Gesetz trennt Spende und Verteilung voneinander. Für die Organspende ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zuständig, die Verteilung der Organe organisiert Eurotransplant, und das noch außerhalb des Landes. Die deutsche Regierung spielt fast gar keine Rolle. Das macht eine Kontrolle sehr schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Die Trennung ist wohl überlegt und soll Patienten vor Interessenkonflikten der Ärzte bewahren.

Matesanz: Eine Manipulation als Folge solcher Interessenkonflikte wäre in unserem System extrem schwierig. Das Transplantationssystem steht bei uns unter staatlicher Aufsicht, die in Deutschland schlichtweg fehlt.

ZUR PERSON

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Rafael Matesanz, Jahrgang 1949, leitet die Organización Nacional de Trasplantes (ONT) in Madrid, die 1989 gegründet wurde und dem Gesundheitsministerium unterstellt ist. Der Nephrologe ist ein Verfechter der staatlichen Kontrolle und berät Organspende-Koordinatoren weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Gegen die wehren sich die Ärzte in Deutschland. Sie argumentieren, nur wer medizinisches Fachwissen habe, könne beurteilen, welches Organ sich für welchen Patienten eigne.

Matesanz: Wir dagegen finden Organspende so wichtig, dass wir sie nicht allein Ärzten überlassen wollen. Natürlich müssen medizinische Experten ihren Rat abgeben, wenn es um die beste Verwendung oder Funktion der Organe geht. Aber mehr nicht. An erster Stelle ist Organspende eine gesellschaftliche Frage und eine Managementaufgabe.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland entscheiden Ärzte, nach welchen Kriterien die Organe verteilt werden. Und sie führen die Kontrollen durch.

Matesanz: Das ist wirklich ein Problem. Ich will die Ärzte nicht unter Generalverdacht stellen. 99 Prozent arbeiten sicher gut und gewissenhaft und halten sich an die Regeln. Aber wenn nur ein Prozent der Ärzte das nicht so genau nimmt, wird das ganze System zerstört, wie die Manipulationen in Ihrem Land gezeigt haben. Wer darunter leidet, sind allein die Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Künftig bekommen deutsche Versicherte einen Organspendeausweis zugeschickt, auf dem sie markieren sollen, ob sie spenden möchten oder nicht. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?

Matesanz: Im Gegenteil, das ist ein Fehler. Wenn man in Europa die Frage stellt, ob Menschen nach ihrem Tod Organe spenden wollen, antworten sie sehr unterschiedlich. In Schweden sagen 81 Prozent Ja, in Spanien erklären sich nur 56 Prozent bereit. Das würde bedeuten, dass wir 44 Prozent Ablehnungen haben. Tatsächlich aber lehnen nach unseren Gesprächen nur 15 Prozent der Angehörigen eine Spende ab.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee hinter der Frage ist aber doch, die Angehörigen in der schwierigen Situation zu entlasten.

Matesanz: Gut möglich, aber Sie verlieren damit viele Spender. Und Wartende ihr Leben. Die Menschen setzen sich einfach nicht gern mit der Frage nach dem eigenen Tod auseinander. Wir konzentrieren uns ganz auf den Moment, wenn ein Mensch gestorben ist. Unsere Koordinatoren sind wirklich gut geschult. Sie erklären den Familien genau, warum sie spenden sollten.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland bemühen sich die Transplantationsbeauftragten, das Gespräch ergebnisoffen zu führen. Setzen Sie die Familien nicht unter Druck?

Matesanz: Es gibt da offensichtlich einen großen Unterschied zwischen der Lebensphilosophie in Süd- und Nordeuropa. Mit Kollegen aus Dänemark und Schweden erörtere ich dieselben Fragen. Uns Südeuropäern stellt sich dieses Problem nicht. Wir sehen Organspende als einen wichtigen Teil am Ende des Lebens an. Der Tote hat ein Recht darauf, dass seine Organe gespendet werden. Wir wollen daran denken, dass andere Menschen gerettet werden könnten. Wenn die deutsche Gesellschaft nicht davon überzeugt ist, dass sie eine Verpflichtung gegenüber den Menschen hat, die Organe brauchen, ist der Spielraum für eine Verbesserung nur klein.

SPIEGEL ONLINE: Unsere Lage ist also hoffnungslos?

Matesanz: Die Diagnose ist einfach, die Lösung weniger. Was sich in Deutschland an äußeren Umständen ändern müsste, ist klar: Der Staat muss die Hand auf das System legen, und die Transplantationsbeauftragten müssen ihre Aufgaben erfüllen. Damit das passieren kann, müssen vor allem die Menschen aber ihre Haltung ändern.

SPIEGEL ONLINE: Die Transplantionsbeauftragten gibt es seit Anfang des Jahres - nach dem Vorbild des spanischen Modells. Warum ist ihre Rolle so wichtig?

Matesanz: Die Koordinatoren führen die Gespräche mit den Angehörigen, für die sie viel Einfühlungsvermögen und psychologisches Wissen brauchen. Aber sie brauchen auch Unterstützung. Wir haben in Spanien seit 1989 15.000 junge Intensivmediziner, Neurologen und Krankenschwestern geschult. Sie alle müssen wissen, worum es bei der Organspende geht, und wer ein potentieller Spender ist. Nur wenn alle mitdenken, kann das System funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Organe aus Spanien verbleiben meist im Land, das ist bei uns nicht so. Warum ziehen Sie die Grenzen so eng?

Matesanz: Unsere Philosophie ist: Eine Region muss den Bedarf an Organen selbst decken. Klar, wenn es einen Notfall gibt, dann fliegen wir ein Organ auch schon mal von den Balearen nach Sevilla. Aber insgesamt wurde die regionale Präferenz von den Mitgliedern der Transplantationsgesellschaft akzeptiert.

SPIEGEL ONLINE: Was ist daran so wichtig?

Matesanz: Die Region muss selbst dafür arbeiten, dass es Organspender gibt. Ansonsten gäbe es Regionen mit wenig Spendern - so wie in Deutschland.

Das Interview führte Heike Le Ker

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insgesamt 129 Beiträge
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1. Nein Danke...
infonix123 28.06.2013
"Tatsächlich aber lehnen nach unseren Gesprächen nur 15 Prozent der Angehörigen eine Spende ab. " Genau das will ich nicht! Ich will das meine Entscheidung respektiert wird und nicht nach meinem Tod meine Verwandten unter Druck gesetzt werden. Ich traue keinem System, wenn es letztendlich um Geld geht, Ärzten zu allerletzt und vor allem, solange es die 2 bis 3-Klassen-Medizin in Deutschland gibt (Kasse, Privat, Barzahler), ist jedes Vertrauen in diese Systeme absurd. Nein Danke! Geld will immer dahin, wo schon welches ist ...
2. Titel
josh67 28.06.2013
Zitat von sysopDPASpaniens Organspendesystem gilt europaweit als Vorbild. Rafael Matesanz ist dort Leiter der Organisation für Transplantationen ONT. Im Interview erklärt der Arzt, welche Fehler Deutschland macht - und warum der Ausweg so schwierig zu finden ist. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/warum-das-deutsche-organspendesystem-nicht-funktioniert-a-908327.html
So lange private Firmen mit Organspenden Milliardengewinne machen, werde ich nicht spenden. Ich bin doch nicht lebensmüde. Wo viel Geld verdient werden kann gibt es KEINE Moral!
3. Künstliche Organe...
vhe 28.06.2013
Hoffentlich kommen die bald. Nicht,weil ich ein Interesse daran hab, dass meine Organe mit dem Rest von mir verfaulen, aber weil das die bisher einzige Lösung ist, mit den Interessenskonflikten umzugehen. Hab vor ein paar Wochen in eihem Forum hier gelesen, dass die Chance, in Spanien einen Herzinfarkt zu überleben deutlich niedriger ist als in Italien, wo die Spenderbereitschaft viel niedriger ist.
4. Meine Organe
hmm27 28.06.2013
bekommt niemand... Das hat die Gesellschaft nicht verdient...
5. Unverfroren
Blue0711. 28.06.2013
---Zitat--- Uns Südeuropäern stellt sich dieses Problem nicht. Wir sehen Organspende als einen wichtigen Teil am Ende des Lebens an. Der Tote hat ein Recht darauf, dass seine Organe gespendet werden. Wir wollen daran denken, dass andere Menschen gerettet werden könnten. Wenn die deutsche Gesellschaft nicht davon überzeugt ist, dass sie eine Verpflichtung gegenüber den Menschen haben, die Organe brauchen, ist der Spielraum für eine Verbesserung nur klein. ---Zitatende--- Solange so unverfroren argumentiert wird, braucht man sich über Ablehnung nicht zu wundern. Herr Matesanz macht sich hier zur moralideologischen Instanz - Das ist eine beispiellose Ignoranz. Eine Spende KANN keine Verpflichtung sein, nicht mal eine moralische und wo Herr Matesanz das Recht her nimmt, für alle Südeuropäer zu sprechen, wäre auch mal interessant. Zumal er zugibt, dass er selbst in Spanien nur 56% Zustimmung erhalten würde, wenn er denn mal fragen würde. Also wie von vornherein befürchtet: Der Wille der Menschen zählt nur, solange wirtschaftliche Interessen dem nicht entgegenstehen. Danke, nicht mit mir.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Organspende und Organtransplantation
Postmortale Organspende in Zahlen
Jeden Tag sterben laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) drei Menschen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan registriert sind. Nach Rückgang und Stagnation in den Jahren 2008 und 2009 ist die Zahl der Organspender 2010 gestiegen. 4205 Organe wurden gespendet. Dennoch warten jährlich 12.000 Menschen in Deutschland auf ein Organ.
Hirntod
Der mit dem Tod des Individuums identische endgültige Ausfall aller Funktionen von Groß- und Kleinhirn und Hirnstamm (Organtod des Gehirns), wobei die Kreislauffunktion unter Umständen noch durch künstliche Beatmung aufrecht erhalten werden kann. Besondere Bedeutung hat die Diagnose des Hirntods für die Organentnahme zum Zweck der Transplantation.
Warteliste
Die Wartelisten registrieren alle Patienten, die ein neues Organ benötigen und transplantiert werden können. Ist das Risiko der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und sind die Erfolgsaussichten schlecht, so wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Die Transplantationszentren geben die erforderlichen Patientendaten weiter an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden.
Zustimmungslösung
In Deutschland gilt eine Zustimmungslösung: Hier muss zu Lebzeiten, zum Beispiel per Organspendeausweis, das ausdrückliche Einverständnis zur Organentnahme nach einem Hirntod gegeben werden. Ist dies nicht der Fall, müssen die Angehörigen entscheiden - auf Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.
Widerspruchsregelung
In Ländern wie Österreich, Spanien und Belgien ist jeder Bürger potentieller Organspender - es sei denn, man hat der Organspende zu Lebzeiten schriftlich widersprochen oder die nahen Angehörigen sind dagegen. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) macht sich gemeinsam mit anderen Landeskollegen, unter anderem dem bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU), auch in Deutschland für eine "erweiterte Widerspruchslösung" stark. Danach sollen die nahen Angehörigen eines Toten befragt werden und ein Einspruchrecht bekommen.
Entscheidungregelung
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Amtskollege Volker Kauder machen sich für die Entscheidungslösung stark. Danach fordert der Staat jeden Bürger einmal im Leben, etwa bei der Führerscheinprüfung oder bei der Ausstellung des Passes, zu einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende auf.
Transplantationsgesetz
Gesetz vom 5.11.1997 in der Fassung vom 4.9.2007, das die Entnahme und Verpflanzung (Transplantation) von Organen regelt. Abschnitt 2, "Entnahme von Organen und Geweben bei toten Spendern", legt fest, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, durch zwei Ärzte festgestellt ist. Mindestvoraussetzung für eine Organentnahme ist die Diagnose des Hirntods. Hat der Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung über eine Organspende getroffen, können auch Angehörige einer Organentnahme zustimmen. Das Transplantationsgesetz enthält außerdem umfassende Bestimmungen zur Organvermittlung und ein Verbot des Organhandels.
Eurotransplant
Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung und als solche seit 1967 für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Slowenien verstorbenen Menschen zum Zweck der Transplantation entnommen werden. Die Organe werden nach festgelegten Kriterien vergeben. Entscheidend für die Vergabe sind die Kriterien Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit.
Ein Mensch kann acht Menschenleben retten
Nach dem Hirntod können einem Menschen bis zu acht Organe oder Organteile entnommen und transplantiert werden: zwei Lungenflügel, zwei Nieren, die Leber, das Herz, die Bauchspeicheldrüse und der Dünndarm.