Ein rätselhafter Patient Dumm gelaufen

Die Blutarmut eines Langstreckenläufers stellt Ärzte vor ein Rätsel. Ist eine vererbte Störung schuld? Oder blutet der Mann innerlich? Am Ende finden sie eine ungewöhnliche Ursache.

Getty Images

Von


Ein 41-jähriger Mann läuft fast jeden Tag viele Kilometer. Er trainiert für Ultramarathon-Läufe, bei denen er zwischen 50 und 100 Meilen (rund 80 bis 160 Kilometer) Strecke schafft. Aufgrund der körperlichen Strapazen lässt er sich routinemäßig von seinem Hausarzt untersuchen. Der entdeckt, dass der Mann zu wenige rote Blutkörperchen im Blut hat.

Die Blutarmut verursacht dem Patienten zwar keine Beschwerden und ist nur leicht ausgeprägt: Die Konzentration des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, das in den roten Blutkörperchen transportiert wird, liegt bei 13,5 Gramm pro Deziliter, der untere Grenzwert für Männer beträgt 14 Gramm pro Deziliter. Dennoch ist der Läufer beunruhigt.

Er sucht Rat bei Ärzten der US-Universität von Virginia in Charlottesville. Steckt möglicherweise eine schwerwiegende Krankheit dahinter? Muss er eine Therapie beginnen? Und: Schränkt die Anämie seine körperliche Leistungsfähigkeit ein? Sollte er gar sein Laufpensum reduzieren?

Anzeige

Bislang war der Mann immer gesund. Lediglich eine erblich bedingte Transport- und Stoffwechselstörung ist bei ihm bekannt, der sogenannte Morbus Meulengracht. Dabei ist ein Abbauprodukt des Hämoglobins in erhöhter Menge im Blut nachweisbar. Krank macht das den Mann nicht. Die Störung, von der immerhin acht Prozent der Bevölkerung betroffen sind, bedarf daher auch keiner Therapie.

Der Darm?

Weil Blutarmut höchst unterschiedliche Ursachen wie etwa Blutungen, Infektionen, Vitamin- oder Eisenmangel oder Blutkrebs haben können, müssen die Ärzte zunächst gefährliche Diagnosen ausschließen. Sie können weder einen Hinweis auf eine bösartige Erkrankung noch auf eine Infektion finden. Die milde Form der Anämie spricht zudem gegen eine schwere Blutung.

Von einigen Langstreckenläufern ist indes bekannt, schreiben die Ärzte um Katherine DeGeorge über ihren Patienten in "BMJ Case Reports", dass sie unter einer leichten Blutarmut leiden. Die Ursachen dafür sind zwar nicht abschließend geklärt, aber viele Experten halten kleine Blutungen im Magen-Darm-Trakt für verantwortlich. Die Theorie dahinter: Während der langen Läufe verteilt sich eine relevante Blutmenge vom Darm weg, um das Herz und die Muskeln zu versorgen. Das schädigt das Darmgewebe, sodass später kleine Blutungen auftreten.

Allerdings: Solche Blutungen führen meist zu einer sogenannten kleinzelligen Blutarmut. Denn der Körper versucht kompensatorisch, möglichst schnell viele Zellen nachzuproduzieren, sodass viele unreife und kleine rote Blutkörperchen zirkulieren. Bei dem Mann liegt aber eine großzellige Anämie vor - Blutungen als Ursache sind daher unwahrscheinlich.

Die Leber?

Auch an einem Defekt im Knochenmark, wo die roten Blutkörperchen gebildet werden, liegt es offenbar nicht, wie die Analyse von detaillierten Blutwerten zeigt. Es gibt ein anderes Problem.

Im Körper werden offensichtlich zu viele rote Blutkörperchen abgebaut. Dieser auch Hämolyse genannte Prozess ist bis zu einem gewissen Grad normal und notwendig - bei dem Patienten allerdings gehen deutlich zu viele rote Blutkörperchen kaputt. Einen Zusammenhang mit seiner angeborenen Stoffwechselstörung können die Ärzte nicht finden, da es dabei gerade nicht zum vermehrten Abbau von roten Blutkörperchen kommt.

Mit speziellen Tests untersuchen die Mediziner, wo im Körper die Zellen zerfallen: in den Blutgefäßen oder in den Organen? Die Werte geben eine klare Antwort. Die Zellen werden bei dem Mann nicht übermäßig in Organen wie Leber, Milz oder Knochenmark abgebaut. Der Zerstörungsprozess finden in den Gefäßen statt.

Die Fußsohle?

Nachdem die Ärzte die möglichen Ursachen immer weiter eingegrenzt und vor allem gefährliche Krankheiten ausgeschlossen haben, stellen sie nun eine erstaunliche Vermutung auf: Die Hämolyse, also die Zerstörung der roten Blutkörperchen, findet in den Fußsohlen des Mannes statt. Und zwar immer dann, wenn er läuft.

Mit jedem Schritt schlägt viel Gewicht nicht nur auf die Knochen und Gelenke, sondern auch auf die kleinsten Gefäße, die sogenannten Kapillaren. Sie halten dem Druck nicht stand, die darin schwimmenden roten Blutkörperchen gehen kaputt.

Was nach einer steilen These klingt, wird schon seit Jahrzehnten immer wieder in Fachmagazinen berichtet. Bekannt ist etwa die sogenannte Marsch-Hämoglobinurie.

Aufgefallen ist sie bei Soldaten, die lange Strecken zu Fuß zurücklegen. Diese scheiden mitunter den roten Blutfarbstoff Hämoglobin über den Urin aus, vermutlich weil viele rote Blutkörperchen in den Kapillaren ihrer Fußsohlen durch die langen Märsche zerquetscht wurden.

Der Patient ist erleichtert, dass seine leichte Blutarmut keine gefährliche Ursache hat. Und das sei die wichtigste Konsequenz nach all den teuren Analysen gewesen, schreiben die Ärzte in ihrem Fallbericht. Weil die Anämie nur so leicht ausgeprägt ist, braucht der Mann auch keine Therapie, läuft weiterhin enorme Strecken und wechselt wie auch schon zuvor regelmäßig seine Schuhe.

Sein Laufpensum hat er nicht eingeschränkt.

Anmerkung der Redaktion: Im Text war an einer Stelle kurzzeitig von Rückenmark die Rede. Tatsächlich geht es um Knochenmark.

Mehr zum Thema
Newsletter
Ein rätselhafter Patient


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alexandra_s 14.01.2018
1.
Liebes SPON-Team, die roten Blutkörperchen werden im Knochenmark gebildet, nicht im Rückenmark.
shaw82 14.01.2018
2. Kleine Zellen, große Zellen?
Es gibt in dem Artikel ein kleines Missverständnis. Anders als im Text behauptet, sind unreife (junge) rote Blutzellen größer als die durchschnittliche rote Blutzelle und erhöhen damit das durchschnittliche Zellvolumen des Blutes. Bei akut relevantem Blutverlust oder bei Hämolyse (wie im beschriebenen Fall) tritt dies auf. Bei einem relevanten Blutverlust über den Darm würde ebenfalls das Volumen steigen. D.h. eigentlich könnte mit dem Parameter Zellgröße die Hypothese der Darmblutung gar nicht ausgeschlossen werden. Aber die Hypothese eines Blutverlust über den Darm würde wohl von einem chronischen Geschehen ausgehen. Dies führt dann primär zu einem Eisenmangel, und dieser führt zur Produktion zu kleiner Blutzellen.
CancunMM 14.01.2018
3.
Und wieder nichts rätselhaftes. Runners Anämie ... hat man schon vor über 20 Jahren gelernt. Theorien dazu gab es einige. u.a. Zerstörung der Erythrozyten in den Fußsohlen. Und gerade bei einer akuten Blutung sind die Erys bei fallendem Hämatokrit normal gross. Er müsste eigentlich auch erhöhte Retikulozytenzahlen haben.
benibela 14.01.2018
4.
> liegt bei 13,5 Gramm pro Deziliter, der untere Grenzwert für Männer beträgt 14 Gramm pro Deziliter. Soviel Aufwand für 13.5 g/dl machen die in der USA? Letztens habe ich (28 M) ein Routineblutbild gemessen bekommen. Ergebnis Hämoglobin 13.5 g/dl. Niemand hat was davon gesagt, dass das nicht normal sei...
practicus 15.01.2018
5. zum Gähnen...
Bei jeder Anämie werden Untersuchungen durchgeführt, die sehr rasch auf eine Hämolyse schließen lassen: Retikulozytenbestimmung, Eisen- und Tansferrin, direktes Biirubin... und eine gründliche Anamnese Da kann man die Folgen der Ökonomisierung der amerikanischen Medizin und der dort üblichen "forensisch motivierten Diagnostik" beobachten: Als erstes werden alle denkbaren Untersuchungen zum Ausschluss der unwahrscheinlichsten malignen Diagnosen veranstaltet und dann dem mittlerweile vermögenslosen Patienten mitgeteilt, dass es sich um die von Anfang an naheliegendste banale Erkrankung handelt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.