Hintergrund Warum Forscher immer weiter nach dem Nutzen von Vitaminen suchen

Die Vorstellung hält sich hartnäckig, dass Vitamine vor Krebs, geistigem Verfall und Herz-Kreislauf-Krankheiten schützen. Hinweise darauf stammen hauptsächlich aus Tierversuchen. Zahlreiche Untersuchungen mit Menschen konnten keine Belege für die These finden. Drei Analysen im Detail.

Pillen: Manche Vitamine steigern sogar das Krebsrisiko
Corbis

Pillen: Manche Vitamine steigern sogar das Krebsrisiko


Aus Zellkultur- und Tierstudien wissen Forscher, dass Entzündungen, Sauerstoffmangel und andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs von Vitaminen und Mineralstoffen günstig beeinflusst werden. In großen Studien sollte dieser im Labor beobachtete Effekt beim Menschen nachgewiesen werden.

Bereits 2003 kam die U.S. Preventive Services Task Force allerdings zu dem Schluss, dass es für die Vitamine A, C und E sowie Multivitamine mit Folsäure nur unzureichende Nutzenbelege zum Schutz vor Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Krebs gebe. Katastrophal war das Ergebnis für Beta-Carotin: Bei Rauchern steigert der Stoff gar das Lungenkrebsrisiko.

Die Analysen in der aktuellen Ausgabe der "Annals of Internal Medicine" im einzelnen:

Studie 1: Brauchen Erwachsene ohne Ernährungsprobleme zusätzlich Vitamine?

Die Studienautoren suchten in medizinischen Datenbanken und nicht öffentlich zugänglicher Literatur nach Veröffentlichungen zwischen 2005 und 2013, die den Effekt von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten auf das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs bei sich selbst versorgenden Erwachsenen ohne Mangelernährung untersuchten. Sie konzentrierten sich auf Studien zu den Vitaminen A, B1, B2, B6, B12, C, D und E sowie Kalzium, Eisen, Zink, Magnesium, Niacin, Folsäure, Beta-Carotin und Selen, jeweils alleine oder in Kombinationen. Die in den Studien verwendeten Supplementkonzentrationen durften die vom U.S. Food and Nutrition Board vorgegebenen Grenzwerte nicht überschreiten.

Den Wissenschaftlern fielen zwei große Studien mit mehr als 27.000 Teilnehmern auf, in denen Männer für mehr als zehn Jahre Multivitaminpräparate genommen hatten und aus denen sich eine niedrigere Krebsrate bei Männern ergab. 24 weitere hochwertige Studien mit insgesamt knapp 325.000 Teilnehmern allerdings zeigten weder klare Hinweise für positive noch für negative Wirkungen der Vitamine. Beta-Carotin erhöhte demnach das Risiko für Lungenkrebs bei Rauchern. Keine Studie ergab irgendeinen Effekt der Vitamine auf das Risiko der Teilnehmer für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Die in die Metaanalyse eingeschlossenen Studien untersuchten vor allem Menschen über 50 Jahren und verschiedene Supplemente in unterschiedlichen Dosierungen. Die meisten Studien begleiteten die Teilnehmer weniger als zehn Jahre lang. Die Physicians' Health Study II, aus der im aktuellen Artikel Studie 2 ausgekoppelt wurde, ist ebenfalls Teil der Analyse; aus ihr stammen die Hinweise auf eine niedrigere Krebsrate.

Zu einigen Vitaminen und Mineralstoffen fanden die Wissenschaftler nur sehr wenige gute Studien, die sie in ihre Analyse einschließen konnten. Die Ergebnisse gelten nur für gesunde Menschen, die keinen Nährstoffmangel oder andere Risiken mitbringen. Wegen des Studiendesigns der Analyse könnten Schäden durch Supplemente unterschätzt worden sein. Zudem kann sich in den untersuchten Studien während des Studienzeitraums die Nährstoffmenge in der Kontrollgruppe verändert haben.

Die Studie wurde von der Agency for Healthcare Research and Quality des US-Gesundheitsministeriums finanziert.

Studie 2: Können Multivitaminpräparate davor schützen, geistig nachzulassen?

Im Rahmen der Physicians' Health Study II untersuchten die Studienautoren, wie sich die Einnahme von Multivitaminpräparaten über bis zu zwölf Jahre auf die Leistungsfähigkeit von Männern in telefonisch durchgeführten Interviews auswirkte. 5947 Männer über 65 Jahren nahmen täglich entweder Multivitaminpräparate oder ein Placebo. In bis zu vier Testinterviews wurden die grundsätzliche geistige Leistungsfähigkeit, das Sprachgedächtnis und Sprachfähigkeiten untersucht, die Hinweise auf eine Alzheimer-Erkrankung liefern können. Bei den Veränderungen im Verlauf der zwölf Jahre zeigten sich keine Unterschiede zwischen der Multivitamin- und der Placebo-Gruppe.

Die Ergebnisse könnten verzerrt sein, falls die verwendeten Dosierungen zu niedrig waren oder die untersuchten Studienteilnehmer von Haus aus schon ausreichend Vitamine und Mineralstoffe zu sich nahmen. Während der Studie hat sich die Zusammensetzung der veränderten Präparate geändert. Die Studienautoren weisen auf Hinweise aus anderen Studien hin, nach denen es denkbar wäre, dass eine noch wesentlich längere Versorgung mit Vitaminpräparaten oder der frühe Beginn einer Supplementierung Effekte zeigen könnte. Allerdings gibt es auch dafür keine eindeutigen Belege. Die Autoren verweisen zudem auf die Hinweise auf positive Wirkungen der Präparate auf das Krebsrisiko, die ebenfalls aus der Physicians' Health Study II stammen.

Die Studie wurde von den National Institutes of Health der USA, BASF, Pfizer und DSM Nutritional Products finanziert.

Studie 3: Bewahren Multivitaminpräparate vor einem erneuten Herzinfarkt?

In einer Studie an 1708 Männern und Frauen über 50 Jahren, die mindestens sechs Wochen vor Teilnahmebeginn einen Herzinfarkt erlitten hatten, untersuchten die Autoren, ob hochdosierte Multivitamin- und Mineralstoffpräparate das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Zwischenfälle senken. Ein Fünftel (18 Prozent) der Patienten waren Frauen. Die Teilnehmer wurden zwischen 26 und 60 Monate lang beobachtet und nahmen für 13 bis 60 Monate die Vitamine oder ein Placebo. Drei Viertel der Teilnehmer in jeder Gruppe nahmen die Präparate für mindestens ein Jahr, die Hälfte für mindestens drei Jahre. 46 Prozent pro Gruppe hörten auf, die Präparate einzunehmen, 17 Prozent schieden aus der Studie aus. Zudem hatte die Studie Schwierigkeiten, ausreichend Patienten zu gewinnen.

Die Therapieuntreue und die hohe Zahl der Abbrecher machen die Interpretation der Ergebnisse schwierig. Die Studienteilnehmer unterschieden sich zudem von jenen der beiden anderen Untersuchungen: Unter ihnen waren viele Diabetiker und Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten, die Medikamente einnehmen mussten. Schließlich waren die Autoren bei der Planung von einem zu großen Effekt durch die Vitamine ausgegangen.

Trotz aller Schwierigkeiten kommen die Studienautoren zu dem Schluss, dass es keinen statistisch zu verwertenden Unterschied zwischen den Gruppen gab.

Die Studie wurde von den National Institutes of Health der USA finanziert.

dba

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michelinmännchen 18.12.2013
1. Aber
wir - die grenzdebilen Konsumenten - wollen doch die Wirtschaft in Schwung halten!
MPeter 18.12.2013
2. Und was jetzt
aufgrund der Überschrift habe ich jetzt den Artikel gelesen und weis immer noch nicht, warum Forscher immer weiter nach dem Nutzen von Vitaminen suchen... (ist klar, der Kohle wegen, aber aus dem Artikel geht das nicht hervor) Setzen, Sechs....
günter1934 18.12.2013
3.
Zitat von MPeteraufgrund der Überschrift habe ich jetzt den Artikel gelesen und weis immer noch nicht, warum Forscher immer weiter nach dem Nutzen von Vitaminen suchen... (ist klar, der Kohle wegen, aber aus dem Artikel geht das nicht hervor) Setzen, Sechs....
Ne, ne! Bei solchen Artikeln über Untersuchungen geht es nicht um die Kohle der Vitaminpillendreher, sondern um die Kohle der Ärzteschaft! Die haben grundsätzlich was dagegen, wenn ihre Kunden sich Vitamintabletten vom Aldi einwerfen anstatt, wie es sich gehört, vierteljährlich in der Praxis zu erscheinen und sich beraten zu lassen. Ärzte sagen grundsätzlich, Vitamine sind bei "ausgeglichener" Ernährung überflüssig. Aber wer ernährt sich schon ausgeglichen?
michaelkoerbaecher 18.12.2013
4. Wissenschaftliche Studien
Also ich habe andere Erfahrungen gemacht und kenne wissenschaftliche Studien, einer Obst-, Gemüse und Beerenauslese, die positiv sind. Auch eine Kindergesundheitsstudie hat positive Ergebnisse gezeigt. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann mich gerne mal persönlich ansprechen, dann gebe ich Hinweise zu ganz anderen Studien mal weiter.
chen-men 19.12.2013
5. Zu viel Eisen ist DER Risikofaktor für Herzinfarkte (und vieles mehr)!
Zusammen mit den Vitaminen wird hier auch Eisen genannt: Wann endlich wird die SPON-Redaktion begreifen, daß Eisen für die meisten Menschen in wohlhabenden Gesellschaften ein giftiges Schwermetall ist? Das BfR(Bundesamt für Risikobewertung) hat 2004 nach recht gründlicher Literatur-Recherche davor gewarnt, Nahrungsmitteln Eisen zuzusetzen, weil damit u.a. das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, etwa Herzinfarkte ERHÖHT wird!! Dies nur als EIN Hinweis, die entsprechende Literatur ist sehr umfangreich - in Buchform wohl leider nur auf Englisch zugänglich (etwa ein Buch von Francesco S. Facchini von 2002, als Neuausgabe 2012 bei Amazon inzwischen leicht und für weniger als 10€ zu bekommen). Wer sein Risiko senken will, soll zum Blutspenden gehen, denn damit wird das überschüssige = gespeicherte Eisen aus dem Köper entzogen: Blutspender haben einen niedrigeren Blutdruck, bekommen praktisch keine Herzinfarkte, keinen Typ2-Diabetes usw. DAS aber ist der Alptraum der Krankheits-Industrie: daß die Menschen gesund bleiben - deshalb wird dieses Wissen verschwiegen, bei Wikipedia sorgt offenbar eine Manipulations-Truppe dafür, daß entsprechende Informationen schnell gelöscht werden. Vom SPIEGEL würde ich erwarten, daß er endlich diese Informationen zur effektiven Prävention bekannt macht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.