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20. Juni 2012, 11:41 Uhr

Therapieunfall

Eine Salbe, die heiß macht

Einmal bei offenem Fenster geschlafen und schon bestraft. Der Hals will nicht mehr nach rechts, nicht mehr nach links, gar nicht mehr. Frederik Jötten braucht Wärmesalbe. Und lernt bei einem Toiletten-Unfall bald: Das Zeug verträgt sich nicht mit allen Körperteilen!

Ich hatte bei offenem Fenster geschlafen. Mein Kopf auf dem Kissen im Luftzug - Anfängerfehler. Als ich morgens aufstehen wollte, war mein Nacken steif. Der Orthopäde lächelte. "Wenn die Leute bei geschlossenem Fenster schlafen würden, könnte ich meine Praxis schließen."

Er verschrieb mir Krankengymnastik zur Mobilisation. Die Physiotherapeutin machte etwas, das ich vorher und nachher nicht mehr erlebte (zum Glück, denn es war absolut nutzlos): Sie tupfte meinen Nacken mit einem in heißem Wasser getränkten Handtuch ab. Nach der Prozedur fragte ich, was ich noch machen könne, um mich bald wieder bewegen zu können.

Die Therapeutin empfahl mir eine Wärmesalbe, ich ging in die Apotheke und sagte - man sollte mir zu Gute halten, dass ich gerade eine halbe Stunde auf einer Physiotherapeuten-Pritsche gedämmert hatte - ich sagte also zu dem vollbärtigen Apotheker: "Ich hätte gerne eine Salbe, die heiß macht." Er blickte mich entsetzt an.

Heiß im Schritt

Erst dann fiel mir auf, dass er mich für einen bemitleidenswerten Schwerenöter gehalten haben muss, der sich beim Gaffen nach Frauen schon den Hals verrenkt hatte und jetzt aufs Ganze gehen wollte. "Eine Salbe gegen Verspannungen", stotterte ich. Jetzt nickte der Apotheker und gab mir eine Salbe, die wie ich erfahren musste, extrem heiß macht.

Mein Nacken hatte schon drei Tage geglüht, als ich auf der Arbeit Salbe nachlegen wollte. Ich ging zur Toilette, zog mein T-Shirt aus und rieb mich ein. Als ich fertig war, hatte ich eine blöde Idee: Wo ich schon mal hier bin, dachte ich, kann ich ja auch noch Wasser lassen. Danach ging ich in Richtung Schreibtisch. Ich kam nicht weit. In meinem Schritt wurde es glühend heiß. Ich rannte zurück, riss Papierhandtücher aus dem Behälter, machte sie nass, jagte Seife aus dem Seifenspender. Stimmen im Flur. Ich schaffte es gerade noch in die Kabine.

Mit den von Wasser und Seife zerfaserten Papierhandtüchern versuchte ich, die Salbe dort wegzubekommen, wo sie nicht hingehörte. Draußen unterhielten sich zwei Kollegen, an Tücher-Nachschub war nicht zu denken. Ich entfernte die Salbenreste notdürftig. Heiß blieb es trotzdem. Doch ein Gutes hatte es: Am Schreibtisch merkte ich, dass mein Nacken gar nicht mehr wehtat.

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