Therapieunfall: Eine Salbe, die heiß macht

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Corbis

Nackenschmerzen: Wärmesalben und Bewegung helfen, die Schmerzen zu stillen

Einmal bei offenem Fenster geschlafen und schon bestraft. Der Hals will nicht mehr nach rechts, nicht mehr nach links, gar nicht mehr. Frederik Jötten braucht Wärmesalbe. Und lernt bei einem Toiletten-Unfall bald: Das Zeug verträgt sich nicht mit allen Körperteilen!

Ich hatte bei offenem Fenster geschlafen. Mein Kopf auf dem Kissen im Luftzug - Anfängerfehler. Als ich morgens aufstehen wollte, war mein Nacken steif. Der Orthopäde lächelte. "Wenn die Leute bei geschlossenem Fenster schlafen würden, könnte ich meine Praxis schließen."

Er verschrieb mir Krankengymnastik zur Mobilisation. Die Physiotherapeutin machte etwas, das ich vorher und nachher nicht mehr erlebte (zum Glück, denn es war absolut nutzlos): Sie tupfte meinen Nacken mit einem in heißem Wasser getränkten Handtuch ab. Nach der Prozedur fragte ich, was ich noch machen könne, um mich bald wieder bewegen zu können.

Die Therapeutin empfahl mir eine Wärmesalbe, ich ging in die Apotheke und sagte - man sollte mir zu Gute halten, dass ich gerade eine halbe Stunde auf einer Physiotherapeuten-Pritsche gedämmert hatte - ich sagte also zu dem vollbärtigen Apotheker: "Ich hätte gerne eine Salbe, die heiß macht." Er blickte mich entsetzt an.

Heiß im Schritt

Erst dann fiel mir auf, dass er mich für einen bemitleidenswerten Schwerenöter gehalten haben muss, der sich beim Gaffen nach Frauen schon den Hals verrenkt hatte und jetzt aufs Ganze gehen wollte. "Eine Salbe gegen Verspannungen", stotterte ich. Jetzt nickte der Apotheker und gab mir eine Salbe, die wie ich erfahren musste, extrem heiß macht.

Mein Nacken hatte schon drei Tage geglüht, als ich auf der Arbeit Salbe nachlegen wollte. Ich ging zur Toilette, zog mein T-Shirt aus und rieb mich ein. Als ich fertig war, hatte ich eine blöde Idee: Wo ich schon mal hier bin, dachte ich, kann ich ja auch noch Wasser lassen. Danach ging ich in Richtung Schreibtisch. Ich kam nicht weit. In meinem Schritt wurde es glühend heiß. Ich rannte zurück, riss Papierhandtücher aus dem Behälter, machte sie nass, jagte Seife aus dem Seifenspender. Stimmen im Flur. Ich schaffte es gerade noch in die Kabine.

Mit den von Wasser und Seife zerfaserten Papierhandtüchern versuchte ich, die Salbe dort wegzubekommen, wo sie nicht hingehörte. Draußen unterhielten sich zwei Kollegen, an Tücher-Nachschub war nicht zu denken. Ich entfernte die Salbenreste notdürftig. Heiß blieb es trotzdem. Doch ein Gutes hatte es: Am Schreibtisch merkte ich, dass mein Nacken gar nicht mehr wehtat.

Nackenschmerzen und steifer Hals
Was sind Nackenschmerzen?
Nackenschmerzen sind Schmerzen im Schulter- und Halsbereich, die bis in die Arme oder den Kopf ausstrahlen können. Betroffene können den Kopf häufig gar nicht mehr oder nur noch unter Schmerzen bewegen. Ist das der Fall, spricht man auch von einem "steifen Hals".

Nackenschmerzen sind in der Bevölkerung weit verbreitet und zählen in den westlichen Ländern zu den häufigsten Gründen für Arbeitsausfälle. Etwa jeder dritte Erwachsene leidet mindestens einmal im Jahr unter den Schmerzen. Meistens verschwinden die Beschwerden nach wenigen Tagen oder Wochen wieder.

Experten teilen Nackenschmerzen in drei Phasen ein: Lassen die Schmerzen innerhalb von 30 Tagen nach, sprechen sie von akuten Nackenschmerzen. Halten sie zwischen 30 und 90 Tagen an, handelt es sich um subakute Schmerzen. Ab einer Dauer von mehr als 90 Tagen gelten die Schmerzen als chronisch.
Woher kommen die Schmerzen?
Bei den meisten Betroffenen stecken verspannte und verkrampfte Muskeln im Hals hinter den Nackenschmerzen. Diese entstehen häufig durch falsches Sitzen oder Liegen. Auch Zugluft kann Nackenschmerzen verursachen, da sie die Halsnerven oberflächlich reizt und die Muskeln ungleichmäßig aktiviert.

Daneben zählen Stress und psychische Probleme zu den häufigen Ursachen: Die Betroffenen spannen unbewusst ihre Muskeln im Hals an, ziehen die Schultern hoch, strecken den Kopf nach vorne und beißen die Zähne zusammen. Über längere Zeit kann es so zu Verspannungen kommen.

Seltener liegt Nackenschmerzen ein Verschleiß der Wirbelsäule zugrunde. Sind zum Beispiel die Wirbelöffnungen verengt, aus denen die Nerven austreten, reagiert der Körper häufig mit Schmerzen. Ebenso können Bandscheibenvorfälle Nackenschmerzen auslösen.

In weniger als einem Prozent der Fälle steckt eine sehr ernste Krankheit wie ein Bluterguss am Rücken, eine Hirnhautentzündung oder ein Tumor hinter den Schmerzen. Auch ein Schleudertrauma - etwa nach einem Auffahrunfall - kann Nackenschmerzen auslösen.
Wer sollte einen Arzt aufsuchen?
Meistens sind die Ursachen der Schmerzen harmlos und kein Grund zur Sorge. In seltenen Fällen können sie allerdings auch Folge einer ernsthaften Erkrankung sein. Verschlimmern sich die Schmerzen stark oder leidet jemand plötzlich unter heftigen Kopf- und Nackenschmerzen, sollte er möglichst schnell einen Arzt aufsuchen. Dasselbe gilt, wenn die Schmerzen lange anhalten.

Langanhaltende Nackenschmerzen verbunden mit einem Schwächegefühl in den Armen sind Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall, die Arme können auch taub sein und kribbeln. Schmerzen, die in die Schulter oder den Arm ausstrahlen, verbunden mit tauben oder kribbelnden Fingern weisen auf eine Nervenreizung hin.

Auch wer gerade einen Unfall hatte, gestürzt ist, einen Schlag auf den Kopf erhalten hat, seit längerer Zeit kortisonhaltige Medikamente einnimmt, an einer Tumorerkrankung oder Osteoporose leidet, sollte den schmerzenden Nacken untersuchen lassen. Weitere Warnsignale für ernste Krankheiten sind Fieber, Gewichtsverlust und gleichzeitiger Druck oder Schmerz im Brustkorb.
Wie kann man sich selbst helfen?
Betroffene sollten sich möglichst viel bewegen. Am besten ist, den Alltag so gut wie möglich fortzusetzen, und nur schwere körperliche Arbeit und ruckartige Bewegungen zu vermeiden. Fließende Bewegungen und Spaziergänge lindern die Beschwerden. Bettruhe hingegen verlängert die Dauer der Schmerzen.

Wärme ist ein weiteres wirksames Mittel, um die Schmerzen zu stillen. Egal ob Kirschkernkissen, Rotlichttherapie oder einfach nur ein Schal, die Wärme kurbelt die Durchblutung an und lockert verspannte Muskeln. Achtung bei Wärmepflastern, sie können Hautirritationen hervorrufen.

Wer viel Stress hat, sollte sich ein wenig Entspannung gönnen und zum Beispiel mit einem guten Buch in der Badewanne relaxen. Auch hier nutzen Spaziergänge. Falls notwendig kann zudem ein Schmerzmittel akute Schmerzen nehmen.
Was kann der Arzt darüber hinaus tun?
Ärzte können in der Regel gefährliche von harmlosen Nackenschmerzen unterscheiden. Röntgenaufnahmen sind dafür nur selten notwendig, zum Beispiel nach einem Unfall oder bei chronischen Schmerzen, die sich nachts verstärken. Zwar können die Bilder Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule zeigen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass diese auch der Auslöser der Nackenschmerzen sind.

Lassen sich schwerwiegende Ursachen ausschließen, haben Spezialisten zwei Möglichkeiten, die Nackenschmerzen manuell (mit der Hand) zu behandeln. Bei der Mobilisation bewegt der Arzt die schmerzenden Körperteile mit leichtem Druck und dehnt verhärtete Muskeln. Bei der Manipulation bringt der Chiropraktiker die Gelenke mit kleinen, ruckartigen Bewegungen über die natürlichen Bewegungsgrenzen hinaus. Dabei kann es besonders an der Halswirbelsäule zu Komplikationen bis hin zum Schlaganfall kommen.

Beide Therapiemöglichkeiten sind wissenschaftlich bisher kaum untersucht. Studien weisen jedoch darauf hin, dass sie Nackenschmerzen zumindest kurzfristig lindern können. Daneben existieren auch Hinweise darauf, dass Akupunktur die Schmerzen zumindest kurzfristig abschwächen kann. Bei anhaltenden Schmerzen können Ärzte auch muskelentspannende Medikamente verschreiben.

Um nicht nur die Schmerzen, sondern auch ihre Ursachen zu bekämpfen, sollten Betroffene zudem Krankengymnastik machen. Physiotherapeuten kennen in der Regel einfache Übungen, mit denen Betroffene auch zuhause ihre Nackenmuskulatur stärken können. Daneben ist es häufig möglich, sich in den Praxen professionell massieren zu lassen.
Wie kann man den Schmerzen vorbeugen?
Der beste Schutz vor Nackenschmerzen ist eine kräftige und gut trainierte Muskulatur. In vielen Vereinen, Reha-Zentren und Fitness-Studios existieren spezielle Rückensportgruppen. Ebenfalls wichtig ist regelmäßiger Ausdauersport wie Yoga, Wandern, Rückenschwimmen oder Kraulen. Das entspannt und befreit von Stress.

Viele Schmerzen lassen sich auch durch eine richtige Haltung verhindern. Der Kopf sollte möglichst immer gerade gehalten werden. So ist es zum Beispiel schädlich, das Telefon zwischen Ohr und Schulter zu klemmen. Bei längeren Autofahrten oder langem Sitzen am Computer sollten regelmäßig Pausen auf dem Programm stehen, um den Rücken zu strecken und zu lockern.

Computerbildschirme sollten unterhalbe der Augenhöhe eingestellt sein, so dass die oberste Bildschirmzeile zwischen 5 und 35 Grad unterhalb der horizontalen Blickrichtung liegt. Dann ist die Nackenmuskulatur entspannt. Beim Schlaf ist dagegen eine gerade Haltung wichtig. Dafür braucht man nicht unbedingt ein teures Nackenkissen. Es reicht, wenn das Kissen so hoch ist, dass der Nacken in der natürlichen Verlängerung der Wirbelsäule liegt.
Weitere Informationen
Bewertungen der verschiedenen Therapien: www.gesundheitsinformation.de

Ein Faltblatt der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin: http://leitlinien.degam.de/uploads/media/LL-13_Patienteninfo.pdf

Auflistung der ergonomischen Anforderungen an Büroarbeitsmöbel und Arbeitsmittel: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

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insgesamt 19 Beiträge
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    Seite 1    
1. Alte Zote ....
Na Sigoreng 20.06.2012
Da hat der Autor wohl eine sehr alte Zote aus dem Finesstudio aufgewärmt .... Heutzutage ist das aber alles nicht mehr so dramatisch. Bis vor wenigen Jahren sah es noch anders aus. Da gab es noch richtige Mittelchen, wie "Finalgon Extra stark". Das hat sogar nach 2 - 3maligem Händewaschen seine Wirkung noch an besagten Körperstellen entfaltet. Das Produkt war zu gut und wurde leider gegen ein erheblich schwächer wirkendes ausgetauscht. Früher war alles besser - da brannte es wenigstens noch richtig im Schritt ;-) ^^
2. Naja
horstma 20.06.2012
Was lernt man aus dem Artikel? So eine Salbe ist ein Arzneimittel, und da sollte man halt vorher den Beipackzettel lesen. Dabei war dieser "Unfall" noch harmlos. Hätte sich der Autor das Zeug in die Augen gerieben, wäre es noch wesentlich unangenehmer geworden.
3. Leidensgenosse?
blowup 20.06.2012
Zitat von horstmaBis vor wenigen Jahren sah es noch anders aus. Da gab es noch richtige Mittelchen, wie "Finalgon Extra stark". Das hat sogar nach 2 - 3maligem Händewaschen seine Wirkung noch an besagten Körperstellen entfaltet. Das Produkt war zu gut und wurde leider gegen ein erheblich schwächer wirkendes ausgetauscht.
Auch ein Leidensgenosse? Auch ich trauere um Finalgon extra stark (wie offenbar viele andere im Internet). Mir vollkommen unverständlich, warum die durch ein schwächeres (fast unwirksames) Produkt ausgetauscht wurde. Aus Haftungsgründen, weil es immer mal Deppen gab, die statt zur Zahnpasta zur Finalgon gegriffen haben? Man munkelt, in Österreich gibt es noch das echte Finalgon. Ich habe so einiges an Salben ausprobiert. Nicht eine kam annnähernd an Finalgon extra stark heran. Ein Tragödie.
4.
frau_flora 20.06.2012
Zitat von horstmaWas lernt man aus dem Artikel? So eine Salbe ist ein Arzneimittel, und da sollte man halt vorher den Beipackzettel lesen.
Ebend. Dann hätte man auch erfahren, daß Wasser und Seife gar nüscht nützt sondern man die Salbenreste mit Öl oder Hautcreme entfernt. Total witzisch, der Artikel.
5.
user124816 20.06.2012
Zitat von frau_floraTotal witzisch, der Artikel.
ich denke der autor kommt dem auftrag nach den nachwachsenden generationen wiedermal das vorzukauen was wir alten säcke schon vor 20 jahren wussten. in 20 jahren wenden dann die heutigen jungspunge müde über das selbe thema lächeln wenns mal wieder jemand zum besten gibt.
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